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Jüdisch-liberale Zeitung · 1925-02-20 · 8 (20.2.1925) · page 11

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
5 (1925)
Issue
8 (20.2.1925)
Date
1925-02-20
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Stellungen des in ihnen Erzählten zu veranschaulichen, und schränkte dadurch oft die Phantasie des Lesers ein, weil min ihm eine ganz bestimmte Vorstellung vor dem betreffenden Ereignis gab. Sehr häufig wurde dabei gar nicht auf die archäologische oder landschaftliche Richtigkeit der Darstellung Wert gelegt. Den ersten Versuch gerade diesen Fehler nicht zu begehen machte in jüdischen Kreisen Philippsohn in seinem Bibelwerk. Von christlicher Seite erschien vor ungefähr 20 Jahren ein Bilderatlas zur Bibel von Benzinger und Frohmeier, der bei allen Vorzügen, die man ihm zugestehen muß, heute nicht mehr zu gebrauchen ist, nicht nur weil er die Ergebnisse der palästinensischen Ausgrabungen so gut wie gar nicht berücksichtigt, sondern weil er aucn m seiner Ausführung nicht mehr auf der Höhe steht. Für uns Juden hat er außerdem den Fehler, daß er von seinem Standpunkt aus mit Recht, das Neue Testament berücksichtigt. Alle diese Fehler vermeidet das oben angezeigte Buch von Solowcitschik. Es bringt in neun Abteilungen alles, was sich zur Illustrierung der biblischen Bücher hat heranschaffen lassen in wahrhaft vorbildlicher Weise. Der Verlag hat, wie es scheint, keine Kosten gescheut, um die künstlerische Reproduktion aller Gegenstände in vollendeter Weise zu bieten. Einzelne farbige Tafeln können als ein besonderer Schmuck des Buches bezeichnet werden. Der Verfasser hat sich bemüht, durch Ausschaltung aller Darstellungen aus dem modernen Leben in Palästina keine historischen Fehler zu begehen. Vielleicht ist er darin etwas zu weit gegangen; denn das Leben der heutigen Beduinen ist doch wahrscheinlich dem der alten Israeliten recht ähnlich. Wünschenswert erscheint mir persönlich die Beigabe mehrerer Karten von Palästina und vom vorderen Orient. Bei den Bildern sind überall die Verse der Bibel angeführt, die in irgend einer Beziehung dazu stehen. Ein erläuternder Anhang gibt in ausführlicher Darstellung der durch die Bilder behandelten Stoffe, wobei auch immer Wert auf die Verbindung mit dem biblischen Text gelegt worden ist. Ein ausführliches Sachregister erleichtert den Gebjauch außerordentlich. In einem wesentlichen Punkte bedauere ich die Stellung des Verfassers. Sein ganzes. Werk ist rein hebräisch, dadurch ist das Werk für unsere deutschen Schulen fast völlig unbrauchbar. Ich habe darüber schon mit dem Verfasser gesprochen und ihn dringend gebeten, das wirklich gute Buch in deutscher Sprache erscheinen zu lassenx oder wenn dadurch die Verbreitung gefördert werden kann, zugleich in mehreren europäischen Sprachen, wenn dies geschieht, wird er ein Werk geschaffen haben, das nicht nur in jeder jüdischen Religionsstunde, sondern auch in jedem jüdischen Hause seinen Platz finden und seine gute Wirkung ausüben wird. Robert H i r s c h f e I d, Berlin. Jahrbuch für jüdische Volkskunde, herausgegeben von Dr. Max Grunwald. Berlin 1923. Verlag von Benjamin Harz. Eine inhaltsvolle und lehrreiche Gabe hat zum 25 jährigen Jubiläum der „Verein für jüd. Volkskunde, Sitz in Hamburg“, der bis jetzt unregelmäßig erscheinende Mitteilungen herausgegeben hat, herausgegeben und damit gezeigt, daß dieser Verein jetzt wieder seine Arbeit voll aufgenommen hat. In einem „Jahrbuch“ oder in einer „Festschrift“ ist oft viel wissenschaftliches Material zusammengetragen, das allzugern in die Vergessenheit gerät, weil es eben keine besondere,* in die Augen fallende Buchform erhalten hat. Es wäre daher wohl am Platze, einmal in Form einer Bibliographie alle die Arbeiten zusammenzustellen, die in Jahrbüchern, Zeitschriften und Festesgaben enthalten sind und leider dort nicht mehr die Beachtung finden, die solcher Arbeiten — es handelt sich meist um Kleinarbeit — würdig wäre: Es wäre eine Lebensarbeit, alle diese die jüdische Wissenschaft betreffenden in deutscher Sprache erschienenen, nach einzelnen Disziplinen geordnet, zusammenzustellen, wie es z. B. M. Schwab unternommen hat in seinem: Repertoire des articles relatifs ä l’histoire et a la litterature juives, parus dans les Periodiques de 1665 ä 1900. Paris 1914—23. Auch in dem zu besprechenden Jahrbuch für jüdische Volkskunde sind soviele gute Arbeiten zusammengestellt, daß man zuerst nicht weiß, welcher man eigentlich sich zuwenden soll. Den Vorrang vor allen Arbeiten verdient jedenfalls die Abhandlung „Die Auferstehung in der jüdischen Tradition“ von Löwieger, die zeigt, wie der Glaube an die Auferstehung im Denken der Menschen sich gebildet und wie die jüdische Tradition in den Sagen und der Haggadah damit fertig zu werden bestrebt war. Aber auch über die talmudische Literatur hinaus behandelt Löwieger dieses Problem bei den Religionsphilosophen des Mittelalters und in der Liturgie. Ferner sei besonders hingewiesen auf die Beiträge zur Religionsgeschichte und Volkskunde von A. Marmorstein, auf die Minhagimsammelmappe von Bamberger und die beiden Vorträge von M. Grunwald „Berufe der Juden“ und „Jüdische Mystik“. Gerade der letztere Aufsatz dürfte in den Kreisen der denkenden und religiös erlebenden Juden willkommen sein, weil er eine knappe Geschichte der Mystik gibt und sie in Vergleich stellt zur christlichen Mystik. Das Werk muß jedem empfohlen werden, der für jüdische Kultur und Sitten Interesse hat. Rabb. Dr. Straßburger*, Ulm. Frank Thieß; Der Leibhaftige, Roman, J. Engelhorns Nachfolger, Stuttgart, 1925. Es ist ganz erstaunlich, mit welcher Schnelligkeit der Weg dieses noch ganz jungen baltischen Dichters in den letzten Jahren zur Höhe führte! Wenn es mit ihm weiter in demselben Tempo vorwärts geht wie bisher, wird er bald zu den besten und lesenswertesten Romanciers Deutschlands gehören. Er hat eine ganz eigene Note! Sein Stil und seine Art, Welt und Menschen zu schildern, sind ganz persönlich; mit niemandem der Vielzuvielen, die in unserem heutigen journalistischen Zeitalter schreiben, ist er zu vergleichen! Sein Name wurde zuerst bekannt, als er kurz nach dem Kriege „unter'm Strich“ des Berliner Tageblatts, dessen Feuilleton-Redakteur er war, regelmäßig auftauchte. In seiner lakonischen Selbstbiographie erzählt er, daß er sich nur noch mit Schaudern jener Zeit zurückerinnert! Das kann ich ihm nachfühlen!. Dann wurde Thieß durch sein schönes, überaus erfolgreiches Buch „Der Tanz al^Kunstwerk“ und seine Vorträge über das gleiche Thema beinahe berühmt. In rascher Folge erschienen nun in den letzten paar Jahren seine großen Romane „Die Verdammten“, der „Tod von Falern“ und ..Angelika ten Swaart“. Und jetzt schon wieder legt der Engelhorn’sche Verlag schön gebunden und gedruckt seinen großen, fast 600 Seiten starken, neuen Roman, „Der Leibhaftige“ vor, der — wie der Dichter schrieb — „alle Teufeleien der Zeit wie im Hohlspiegel sammeln sollte“. Um es gleich vorwegzunehmen, eins von jenen seltenen, ganz großen Büchern, die als Klärung und Deutung einer Zeitepoche in die Jahrhunderte strahlen, ist „Der Leibhaftige“ nicht geworden! Er wimmelt von psychologischen Unglaubwürdigkeiten — nicht etwa Unmöglichkeiten! —, von übertriebenen, ih das Gebiet des Kinos gehörigen Situr.tionen; an einigen wenigen Stellen entgleitet das ganze in uie flachen Gebiete des reinen, an Kolportage erinnernden e ntemaltungsromans. Menschen und Dinge sind gar zu ~ ugrau *n £rau gemahlt; es kommen fast nur Gauner, setueber und Ehrenmänner in Gänsefüßchen vor. Die Oeko- 4g§ Handlungsaufbaus läßt unbefriedigt; verschiedene Schicksale in dem Buche haben gar keinen rechten Abschluß! — Der Inhalt bleibt zeitgebunden und erhebt sich nur manchmal zur Höhe des Ewig-Gültigen und Typischen. Die geradezu gewaltige Phjntasmagorie am Schlüsse von der Industrialisierung des Gefühles und der Hilfeleistung bei Gestrauchelten, die ein genialer Deutsch-Amerikaner ins Leben gerufen hat* nötigt jedem Soziologen nur ein Lächeln ab. Und trotzdem ist es ein wirklich bedeutendes Buch, bis zum Bersten von flimmernd-pulsierendem Leben erfüllt, fesselnd und interessant — im höchsten Sinne des Wortes — auf jeder Seite! — Seine Kolportage ist tatsächlich nur scheinbar und weitet sich zu Symbolen unserer kranken und erbärmlichen Zeit! Die äußere Handlung ist rasch skizziert. Ein aus einem deutschen Oberlehrerhause stammender armer, begabter, junger Mensch von etwas angeboren-brüchigem Charakter macht in seiner rasenden Jagd nach Glück und Erfolg verschiedene Stadien durch; „Komödie“, — „Wind in den Segeln“ —> „Der Sprung über die Moral“ und „Die Korkweste“. Er erlebt das Tiefste, was ein junger Mensch erleben kann, die Liebe, in allen möglichen Formen, die zum Teil glänzend geschildert sind. -— Er wird erst Schauspieler, dann Redaktionskuli, hierauf Schieber, und zuletzt geht er, von der Polizei gesucht, mit dem großen Europa-Ekel behaftet, als Angestellter einer phantastischen Organisation nach Amerika. Der Leser bleibt ratlos zurück und hätte herzlich gern von dem weiteren Erdenwallen des Helden, das seinem Geschick letzten Sinn und schließliche Deutung geben soll, erfahren! — — Es ist schon ein hohes Lob für einen Roman, wenn man konstatiert, daß man am Schlüsse gern noch weiterlesen möchte! — Aber mit diesen kurzen Andeutungen ist nichts über den außerordentlichen Reichtum, den fiebernden Rhythmus und die Tiefe des Buches gesagt. Eine beinahe unübersehbare Menge von Menschen tritt auf; jede Gestalt lebt und bleibt in der Erinnerung haften. Nur ganz nebenbei wird die Erzählung zur ausgezeichneten Schilderung — vielleicht eine der besten bisher erschienenen — des „schiebenden und verschobenen“ Nachkriegs-Deutschland mit all’ seiner Schmutzigkeit und Unmoralität. Darin liegt aber nicht die Größe des Romans. Das Unnachahmliche und das, was es über hundert andere Arbeiten lieraushebt, der Beweis, daß ein Dichter am Werk war: Frank Thieß hat einen rätselhaften Sinn für das Gespensterhafte und Modern-E. Th. A. Hoffmann’sche des Daseins, für das Irrational-Spukhafte, das hinter dem Leben steht. Das kann kein Schriftsteller, sondern eben nur ein wirklicher Dichter! Er fühlt und sieht überall und zu jeder Zeit — beinahe wider Willen — die sinnfällige Mystik, die allem Geschehen beigemengt ist. Nichts von der gewollten Groteske Meyrinks oder des hochbegabten A. M. Frey. — Die schicksalmäßig unerklärlich sich auswirkenden Beziehungen zwischen Mensch und Mensch, die Verderbtheit unserer aus den Fugen gegangenen Zeit, das Grauen der Hinterhausmisere — (mit seinen ä la Haarmann-Quartieren in Hannover) — all' das ist mit suggestiver Gewalt und heißem Atem gestaltet. Mit großem schriftstellerischen Geschick ist der beinahe unübersehbare Teppich der Handlungen und Schicksale gewebt. Interessant ist es auch, wie dieser Deutsch-Balte, der mit dem Judentum nichts zu tun hat, jüdische Typen unserer Zeit sieht und beschreibt. Da ist die ekelhafte, wurmstichige, aber geistig höchst regsame Grande Cocotte, die Frau Lomscher, die wohl aus dem fernen Osten stammt, und die ich mir jetzt so ungefähr in der Gegend des Kurfürsten* dam ms wohnend denke; da ist der unterwürfige jüdische Buchhalter mit der versteckten Klugheit, der ausge&ühftet Satansohn heißt und sich alles gefallen läßt, nur weil ihm die Sorge für seine Familie am Herzen liegt. Im gegebenen Zeitpunkt kramt er seine uralten Volksweisheiten aus, wie „wenn der Rabbi gestorben ist, soll man zum Oberrabb* den Arzt schicken . — Allein da Frank Thieß — wie erwähnt — nun einmal ein wirklicher Dichter und nicht nur ein Schriftsteller ist, gelingt ihm auch eine so glänzenu gesehene jüdische Figur, wie der enttäuschte Idealist Samuel Ries, der Musiker, der sich als Jude fühlt, der aber das Deutschtum mit jeder Faser seines Herzens liebt, und am Antisemitismus wie an einer schmerzenden Krankheit leidet. Viele feine und tiefsinnige Bemerkungen über Deutschtum, Judentum und törichten Antisemitismus läßt der Dichter diesen bedauernswerten „Invaliden vom Schlachtfeld des Lebens“ sprechen. Als die junge, schöne Hanna Wilde ihn fragt, ob das Leben wirklich so grausam sei, gibt er die bezeichnende Antwort: „Nicht grausam, sondern dämonisch. Nicht der Nur-Gütige gewinnt und nicht der Nur-Herzlose, sondern der Zentaur, welcher unten ein Tier und oben ein Gott ist.“ Ja, die Dämonie unseres so antiidyllischen Zeitalters hat Frank Tieß im „Leibhaftigen“ tief eindrücklich gestaltet. Dieses Kunstwerk ist noch keine Erfüllung, aber weit mehr als ein bloßes Versprechen! Der Dichter ist noch jung; ich glaube, er wird bald etwas Bedeutenderes sein, als nur ein kleines Kapitälchen in der Literaturgeschichte: eine große, in die Breite gehende Wirkung! — Dr. Ludwig Davidsohn -Berlin. Heinz Welten: Belsazar, Das Ende Babylons. Roman. Verlag v. Rieh. Boug, Berlin. Dieses Buch beschließt eine „Der Kampf um Babylon“ betitelte Romantrilogie, deren Höhepunkt das zweite (hier seinerzeit besprochene) Werk „Nebukadnezar“ bildet, das von Babylon in seiner Größe und auf dem Gipfel seiner Macht Kunde gibt. Das vorliegende Buch will ein Bild vom Untergang Babylons und vom Verfall einer hohen und gediegenen Kultur geben. Ein Vergleich beider Bücher miteinander läßt den Eindruck aufkommen, als habe der Verfasser beim Abschluß des Gesamtwerkes die kulturgeschichtliche Betrachtungsweise zugunsten einer nur interessanten und sensationellen Romanaarstellung allzusehr vernachlässigt. Wenn im zweiten Buche Geschichte in Romanform gegossen ist, um die Einfühlung in Zeit und Kultur zu erleichtern, so sind hier vielfach Menschen und Vorgänge, Sensationen und gewollte Zufälle so sehr in den Vordergrund gestellt, daß man oft meinen könnte, es mit einem nichts .als spannungsreichen, modernen und vielgelesenen Unterhaltungsroman ohne weitere Ansprüche zu tun zu haben. Auf Grund des zweiten Buches müßte man jedoch mehr erwarten. Belsazar ist der letzte König von Babylon und hat als solcher, sowie durch die an seine Person sich knüpfende Menetekel — Legende eine gewisse geschichtliche Bedeutung erlangt. Was an ihiä zu bewundern ist und dichterischer Phantasie zur Gestaltung einer Romanfigur zweifellos großen Spielraum läßt, ist vor allen Dingen die Konsequenz, mit der er sich und den Staat dem Verfall entgegenführt. — Ein babylonisches Mädchen vermag es, in ihm, dem mit allen Freunden üppiger Prasserei und eines reichgefüllten Frauenhauses übersättigten Größenwahnsinnigen und ekstatischen Schwelger und Lüstling, edelste, nie gekannte Regungen wachzurufen, ihre reine Liebe stärkt seine Gesinnung, um ihretwillen ist er bereit, ein neues, dem Dienst an Land .und Volk geweihtes Leben zu beginnen, Babylon von der drohenden Persergefahr und von der Priesterherrschaft zu be^ freien untFsich seines großen Ahnen würdig zu zeigen. Aber weder große Ahnen noch grobe Liebe können in ihm Kleinmut, Willensschwäche und ürößenwahnsinn besiege:;. Die Erbitterung eines von Staat und Priestern ausgeraubten und betrogenen Volkes, das die persischen Eroberer jubeltd als Befreier begrüßt, ist aufs. Höchste gestiegen, und Belsazars mehr von Ekstase als von überlegenem Mut zeugender Ruf: Solange ich stehe, steht Babylon, findet keinen Widerhall. Er fällt durch die Hand seiner Hauptleute und sichert sich damit, nach einem wenig heldenhaftem Leben, einen seiner grenzenlosen Eitelkeit entsprechenden Abgang. Das Mädchen folgt ihm in den Tod, hemmungslos una unbedingt, so wie es ihm zuletzt zu hohem Glück gefolgt war. Die eine Nacht krönt und endet das Leben Beider. An den Wassern Babylons klagen die verbannten Judäer, der Befreiung und Rückkehr ins heilige Land sehnsüchtig harrend. Tiefgebeugt sind sie und hoffnungslos. Doch immer wieder findet sich einer, der ihnen Trost bringt und sie int Glauben stärkt. Aber größer als gegen ihre Peiniger, die bald lockenden, bald grausam drohenden Babelspriester, ist ihr Haß gegen die Verräter am alten Glauben. Gesteinigt wird der reiche, abtrünnige Hadad, der ihnen aus unbewußter Gewissensnot gut geblieben ist. Belsazar nimmt Anteil an den Juden, denn die Tochter jenes Abtrünnigen, die liebste Freundin seiner Narea bittet ihn um die Freiheit für ihr Volk. Die Priester aber, um seine Pläne geschickt zu durchkreuzen, inszenieren eine judäische Verschwörung gegen ihn, die durch ein grausames, den Göttern geweihtes Menschenopfer gerächt wird. Belsazar, in grenzenlosem Wahn, höhnt die Tcmpelgciätc und den Gott der Judäer. Da aber verfinstert sich die Szene, jene bekannten „Buchstaben von Feuer“ erscheinen, und „Belsazar ward in selbiger Nacht von seinen Knechten umgebracht“. Man vernimmt im Verlauf der Handlung, wie ein Le vite zufällig hinter einer Laube das Gespräch zweier Handelsherren belauscht und hierdurch einen grollen Betrug aufdeckt, dem beinahe ein Mädchen, eben jene Narea, zum Opfer gefallen wäre; man liest, wie die griechische Geliebte Belsazars, voller Eifersucht, der Narea vergiftete Kuchen in die Opferschale legt, an denen aber — ist cs Zufall oder Fügung der großen Istar, der Göttin aller Liebenden - - nur der geliebte Hund Belsazars zugrunde gellt — warum sollte man also über die naive Benutzung des Menetekelwunders lächeln? Gründliche Kenntnis babylonischer Kultur, ein nicht immer zweifelfreies Wissen um jüdische Dinge, sollen dein Verfasser nicht abgesprochen werden. Eine gute, fließende Darstellungsgabe ist ihm ebenfalls eigen. So liegt hier ein interessantes und fesselnd geschriebenes Buch vor, das übrigens sehr wohl Stoff zu einem Film voller Reize und Spannungen bieten könnte, dessen Bilder allerdings besser sein müßten als die Illustrationen des Buches. j. Weinsaft, Chemnitz. Der Kämpfer, Weg und Wille, Zentralorgan der Deutsch- Jüdischen Jugendgemeinschaft, Januar 1925. Als ich dies Heft, das im Gegensatz zu früheren Heften der D. J. J. G. stärker und reichhaltiger ausgefallen ist, gelesen hatte, war mein erster Gedanke: „Es fängt auch hier an“. Die D. J.J. G. hatte in den ersten Jahren ihres Bestehens hauptsächlich in die Breite gewirkt und in der Betonung des Deutschtums Sinn und Bedeutung gefunden. Aber das gesteckte Ziel, eine harmonische Verbindung des Deutschen und des Jüdischen herbeizuführen, verlangt vornehmlich eine Beschäftigung mit dem Jüdischen. Denn man kann wohl behaupten, daß der junge Jude unserer Tage viel weniger Zusammenhang mit dem Judentum und seiner Geschichte als mit dem Deutschtum hat. Für uns ist die jüdische „Not“ größer al,s die deutsche. 'D'ärarh begrüße ich die Aufsätze von Max Mayer und von Wolfgang Matzdorff, die intensive Beschäftigung mit jüdischer Religion und jüdischer Geschichte fordern, mögen auch ihre Ausführungen über das Phänomen der Religion und speziell des Judentums nur das berühren, was anderen Gemeinschaften — ich denke an das jüngst von mir besprochene Kameradenheft, an die Veröffentlichungen der Ilis — schon allgemeine erste Erkenntnis geworden ist. Darum ist auch die ehrliche Frische, die aus Kurt Steinhardts Kritik unseres Gottesdienstes spricht, erfreulich. Und darum endlich ist es auch schön und sinnig, daß man zwischendurch Jehuda Halevi mit seinem Gedicht „An den Sabbath“ — in der Uebertragung von Rosenzweig — und Zuckermann mit seinem Ruf „An Judas Jugend“ einen gewichtigen Platz einräumte. Freilich scheint die Mehrzahl der Aufsätze — es finden sich auch solche über politische Dinge -- einen etwas lehrhaften Ton anzuschlagen. Das mag denn von einigen als nicht „jugendlich genug“ bedauert werden. Aber auch hinter dem nur belehrenden Aufsatz kann sich jugendliche Wärme und Begeisterung verbergen. Das spürt man aus »Ludwig Tietz’s Gedenkworten an Eugen Fuchs, aus dem kurzen Lebensabriß des großen Kämpfers Ludwig Frank. Erfreulicher aber scheinen mir einige kurze Bemerkungen Jüngerer (u. a. die beiden Gedichte von Hilde Ephraim), weil sie zeigen, daß nicht nur die Führer, sondern auch schon einige Geführte d i e Gesinnung beseelt, die dem jungen deutschen Juden der Gegenwart ziemt. Und wegen dieser spürbaren Entwicklung zu Judentum und Jugendbewegung kann man der D. J.J.G. und ihrem Heft ein „Glückauf“ zurufen. Ernst Heinrich Scligsohn*Berlin. Der Ewige Jude. Dichtung von Paul Mühsam, Ernst Oldenburg, Verlag Leipzig und Wien. Seit je und je mühen sich Dichter, die weltgeschichtliche Gestalt des ewigen Juden in den Rahmen einer Dichtung zu fassen, Zweigs „Jeremias“, vor allem Beer Holtmanns: „Jakobs Traum“ sind Ansätze hierzu, um im Drama diese größte Tragödie und Tragikomödie der Weltgeschichte zu gestalten. Paul Mühsam sucht im Wege eines dialogisierten Epos auch seinen Beitrag hierzu zu leisten. Und wenn auch die Aufgabe seine Kräfte weit übersteigt, magnis tarnen occidit ausis, er hat sich an ein Großes gewagt, und sein Versagen spricht noch nicht gegen ihn und seine Dichtung. Denn Dichtung darf man, trotz mancher bedenklicher Entgleisungen ins Banale und sehr Triviale diese lyrisch beschwingte, in edler Sprache und mit liebendem Wissen gestaltete Szenenfolge nennen. Die Probleme: Christus und unchristüches Christentum, Ghetto und Scheiterhaufen, Emanzipation und Assimilation, Zionismus und Messianismus gewinnen lebendige Gestalt in den klangreichen von tiefster Einfühlung getragenen Versen. Wenn auch nicht immer das Letzte und Tiefste der von uns erlebten Probleme gesagt werden kann, so kommt doch vieles der Wahrheit und unserer Wahrheit erstaunlich nahe. Manchmal ist allerdings die Abstraktion und Gedanklichkeit im Gegensatz zu der lyrischen Form allzukraß und führt zu Disharmonien. Manchmal reißt die Freude am Vers, Klang und Wort den Dichter über den Inhalt hinaus und läßt ihn allzu lyrisch Verse reimen, welche die Gedankenfolge nicht fortleiten, sondern sie verwirren. Vieles ist zu sentimental und vieles allzu gedanklich. Aber nicht nur die Tendenz reinster Humanität und liebevollster Einfühlung, auch die Form ist im ganzen genommen rühmend hervorzuheben, die stellenweise ganz eins mit dem Inhalt eine wirkliche Könnerschaft verrät. Dr. Erwin Selig mann* Frankfurt a. M*.

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