Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 5 (1925)
- Issue
- 8 (20.2.1925)
- Date
- 1925-02-20
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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t sprechen darf, weil der Gemeinde auch nichtliberale Mitglieder angehören. Zunächst wird immer der nur als ein echter Führer anerkannt werden, der seine eigene Meinung offen ausspricht und nicht mit ihr hinterm Berge hält. Sodann haben die Liberalen ein Recht darauf, dah der Rabbiner liberaler Richtung auch diese öffentlich vertritt. Tut er es nicht, um den Nichtliberalen entgegenzukommen, so veranlagt er gar leicht zu dem Glauben, daß die Nichtliberalen die echten und die Liberalen „auch noch gerade" Juden seien, eine Behauptung, die den Liberalen gar oft von den Gegnern entgegengehalten wird. Endlich aber schädigt der Rabbiner dadurch die Bewegung die er vermöge seiner historischen Kenntnis durch alle Jahrhunderte, in allen Ländern verfolgen kann, auf das empfindlichste. Wird uns doch oft von den Gegnern entgegengchalten, wir seien eine Herde ohne Hirten und diejenigen, die wissenschaftlich unsere Ansicht verträten, betätigten sie nicht im täglichen Leben. Aus Ehrfurcht vor dem Stande, aus Achtung vor seinen Vertretern schweigt inan gemeinhin. Am Schlüsse eines langen Lebens aber, von dem ich einen erklecklichen Teil den jüdischen Dingen habe widmen dürfen, sei es mir gestaltet, meine Meinung offen auszusprechen. Will ich doch nur das, was mir das richtige unnotwendige zu sein scheint, für die Zukunft fördern, und dem Nachwuchs die Wege öffnen, diesem Nachwuchs, der leider so spärlich ist, weil ihm nach meiner festen Aeberzeugung unter den Lebenden zu wenig Vorbilder leuchten. Amieus Philo, scd niagis anrica verilas. Bernhard Breslauer. Erfodynasiien. Was geht wieder einmal in der jüdischen Gemeinde zu Berlin vor? Molto: Es erben sich Gesetz und Rechte wie eine ew'ge Krankheit fort. Das Zitat Goethes bedarf einer Ergänzung. Nicht nur Gesetz und Recht, sondern auch gewisse Gepflogenheiten scheinen in der Verwaltung der jüdischen Gemeinde zu Berlin fortleben zu wollen. Zu diesen Gepflogenheiten gehörte früher, dah gewisse, nicht gerade die schlecht dotiertesten Stellen mit Bewerbern beseht wurden, die — einem on dit zufolge — entweder über gute Schuhsohlen oder gewisse Beziehungen verfügten. Nun hätte man glauben mögen, daß die Revolution und die nachrevolutionüre Zeit auch hierin Wandel geschaffen hätte, aber nein, wie folgender Fall zeigt: Der Leiter des 2. Waisenhauses der jüdischen Gemeinde zu Berlin in Pankow hat sein Pensionsgesuch eingereicht, um am 1. April d. 3. in den wohlverdienten Ruhestand zu treten. Es läge nun in der Natur der Sache, bei der Bedeutung, die die Stellung des Leiters eines Waisenhauses hat, dieselbe öffentlich auszuschrriben; bisher hat man vergeblich nach einer derartigen Annonce in den verschiedensten Blättern gesucht, vielmehr geht das Gerücht, daß der neue Inhaber bereits gefunden sein/soll, und zwar in der Person eines nahen Verwandten des derzeitigen Inhabers — paparn habemus, ohne die umständliche Prozedur, dir die Papstwahl mit sich bringt. Mir ist die Persönlichkeit des neuen Herrn, den ich nicht kenne, gleichgültig. Ich wende mich dagegen, daß von der Besetzung einer solch wichtigen Stelle die Oeffentlichkeif nichts erfährt, sondern ein unverzeihlicher Nepotismus sich breit macht. Hier kommt die Erziehung von Hunderten von Kindern in Frage, von Kindern, die zu den Aermsien der Armen gehören. Neben der Persönlichkeit des Direktors spielt die der Frau Direktor eine mindestens so wichtige Rolle. Soll man nicht nach Persönlichkeiten suchen und dann sichten anstatt gewissermaßen unter der Hand die Besetzung der Stelle vorzunehmen? Sollen Gepflogenheiten Platz grasen, die weder nach Gesetz noch Recht ausseyen? Möge der Vorstand der jüdischen Gemeinde zu Berlin bei der Wahl so zu Werke gehen, dah auch der breiten Oeffentlichkeit Genüge geschehe! Ajl.h'.tL&ftiZchjssMrft j Dersammlungskalender. Breslau. (Jüdisch-liberaler Iugenüverein „Abraham Geiger",) Dienstag, den 24. Februar, abends 8% Ahr, im Dereinszimmer des Konzerthauses Diskussionsabend. Thema: Die Lehren des Judentums. Liegnltz. (Liberaler Verein der Synagogengemein d e zu L i e g n i h — I l i.) Am Sonnabend, den 21. Februar findet abends um 8 34 Ahr in den Räumen des Hotels „Rautenkranz" der diesjährige Iliball unter dem Kennzeichen: „Drunter und drüber" statt. Der Vorstand bittet um recht rege Beteiligung und ladet sämtliche Rachbarilis herzlich dazu ein. Wiener Brief. Ein Zukunftsbild? Anter diesem Titel habe ich vor einigen Wochen über ein neues Wiener Witzblatt, „Einer von unsere Leut'", berichtet, das von der Erbin und langjährigen Herausgeberin des antisemitischen Witzblatts „Kikeriki" in — liberalem Sinne gegründet wurde. Ich habe damals diese sensationelle Gesinnungsänderung auf die in einem Wiener Theater in der vorigen Saison erfolgte Neueinstudierung der alten Posse „Einer von unsere Leut'" zurückgetührt, deren Autor der Vater besagter Dame, O. F. Berg (nicht A. F. Berg, wie der Druckfehlerteufel unterschob), der „Wiener Schiller" der achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts war, und habe es der politischen Proselytin hoch angerechnet, daß sie sich nicht bloß die unverhofften Tantiemen, sondern auch die liberale Tendenz des Stückes zu Gemüte geführt habe. Nun teilt uns Frau Berg mit, daß ihr Vater schon mehr als dreißig Jahre tot ist, sie daher für seine Werke keine Tantiemen mehr bezieht. Ich nehme und bringe diese Richtigstellung gern zur .Kenntnis. Es ist in unserer materialistischen Zeit eine sehr erfreuliche Erscheinung, wenn eine Bekehrung, sei sie politischer oder konfessioneller Art, unabhängig von geschäftlichen Konjunkturen erfolgt. Deshalb tritt Frau Annie Berg sich selbst zu nahe, wenn sie mir die tolerante Gesinnung ihrer Zeitschriften dadurch beweisen will, daß sie auch jüdische — Heiratsannoncen aufnimmt. Sie hat mir nämlich auf meinen Artikel in der jüdisch-liberalen Zeitung" hin sämtliche bisher erschienenen Nummern der von ihr redigierten Zeitschriften „Einer von unsere Leut'" und „Der Nächste und ich" sowie einen von ihr verfaßten Roman „Zwei Welten", übersandt und darin alle Stellen, die mir ihre Gesinnung dokumentieren sollen, rot angestrichen. Anker diesen so bezeichneten Stellen befindet sich merkwürdigerweise auch das Inserat eines heiratslustigen Juden und die Antwort, die er in der nächsten Nummer von einer jsraelitin" erhält. Diese Antwort lautet: „Für .Israeliten 55" existiert eine Frau, die nicht putzsüchtig, sondern sauber, hausbacken und fesch ist und das Herz am rechten Fleck hat." Ich zitiere absichtlich wörtlich, weil in dem redaktionellen Teil der Zeitschrift die Jüdinnen weniger wohlwollend charakterisiert werden. So enthält Nr. 2 vom 24. August 1924 einen von Annie Berg selbst verfaßten „Wochenbericht" mit dem Passus: „Ich Kana die Jüdinnen nicht besonders schmecken, well sie zum Großteil zudringlich und neugierig sind. Aber es ist doch ganz und gar unchriftlich und unmenschlich, aus l^olsmus andern Menschen, die zufolge ihrer Rasse uns oft an Verstand weit überlegen sind, so zu behandeln, als ob sie zu den minderwertigen Insekten gehörten . . ."" Auch diese Stelle gehört zu den rot angezeichneten. und ich wüßte in der Tat keine, die für die Einstellung unserer Kacholiken, auch solcher, die für religiöse Toleranz eintreten, zum Judentum charakteristischer sein könnte. Mag den guten Leulen ihr klarer Verstand noch sehr den Weg zum Liberalismus weisen, über ihre gefühlsmäßigen Vorurteile, Aie sie mit der Muttermilch eingesogen haben und an deren Festigung die Kirche mit Raffinement und Zähigkeit arbeitet, kommen sie nicht hinweg. Ich will übrigens gar nicht in Abrede stellen, daß die Jüdinnen größtenteils wirklich neugierig sind. Verbürgten Gerüchten zufolge soll nämlich die Neugierde eine allgemeine weibliche Eigenschaft sein. Hoffentlich zeiht mich Frau Berg wegen dieser Feststellung nicht der kritiklosen Annahme ungerechtfertigter Vorurteile. . . Noch schlechter als die weiblichen kommen in den beiden Zeitschriften die männlichen Juden davon. Dah auch in dem Roman „Zwei Welten" die Figur des Beuschelcs keine sehr sympathische und moralisch hochstehende ist, schreibe ich dem Verbrechermillen zu, in dem die Handlung spielt. Ein gesunder Liberalismus soll ja gar nicht auf der haltlosen Voraussetzung basieren, daß es keine unsympathischen Juden gibt. Aber Frau Berg kennt gar keine sympathisc .n und ihr Liberalismus beruht lediglich darauf, daß sie über d'e für sie feststehenden ethischen und ästhetischen Gebrechen der Juden erbarmungsvoll den Schleier „christlicher" Nächstenliebe breitet. Das Gebot der Nächstenliebe, das bekanntlich im 10. Kapitel des 3. Buches Moses sieht, wo es von jedem mühelos nachgeschlagen werden kann, wird nämlich von Frau Berg beharrlich für das Neue Testament usurpiert. And schon dieser Umstand beweist, wie wenig die Dame vom Judentum, seinen sittlichen und kulturellen Werken eigentlich weiß. Aber sie weiß auch nichts von den jüdischen Menschen, die in derselben Stadt, ja vielleicht im selben Hause mit ihr atmen und streben, leiden und lieben. In ihrer Zeitschrift „Der Nächste und ich" referiert ein — natürlich fingierter — jüdischer Berichterstatter ausgerechnet über Theater- und Kunstfragen im gräßlichsten jargon". In Wien spielt seit einigen Jahren stets irgendein jüdisches Jargon-Theater, gegenwärtig gastieren sogar mehrere zugleich hier. Sie weckten stets das größte Interesse aller Kunstverständigen ohne Unterschied der 'Konfession und Partei. Frau Berg hätte sich also längst dahin informieren können, daß der Jargon eine eigene Sprache ist, analog der englischen aus heterogenen sprachlichen Elementen entstanden, und mit einer eigenen Literatur, die schon durch ihre Existenz ein Beweis von Sprachkultur ist. In den Augen der langjährigen Herausgeberin des antisemitischen Witzblattes „Kikeriki" ist aber der Jargon bloß ein Symbol sprachlicher Angepflegtheit, die im Verein mit anderen Angepflcgtheiten, der ästhetischen des Körpers und der moralischen des Geistes, das konstitutive Merkmal des Juden bildet. Für Frau Berg ist anscheinend der jüdische Schriftsteller noch immer auf den von Gustav Freytag geschaffenen Typus des Schmock beschränkt. And doch lebt sie in der Stadt des Juden Karl Kraus, der unentwegt das Banner des reinsten Kunstgedankens und der strengsten Ethik schwingt und in jeder Zeile, die er schreibt, den hingebungsvollen Priester deutschen Sprachgeistes verrät. And neben diesem polaren Gegensatz des Schmockes gibt es noch eine ganze Menge jüdischer GeisteOeroen, die auf das künstlerische Leben Wiens unverkennbar im besten Sinne befruchtend gewirkt haben. Wieviel Frau Berg selbst z. B. Artur Schnitzler verdankt, zeigt die prägnante äußere, ganz auf Mono- und Dialog gestellte Form ihres Romans „Zwei Welten", wobei es gleichgültig ist, ob die Verfasserin diese Form unmittelbar dem „Leutnant Gustl" oder einer seiner vielen Nachahmungen aus arischen Federn entnommen hat. Für das, allerdings wesentlich jüngere Streben der jüdischen Jugend, auch Körperkultur zu pflegen und die im Ghetto Angerissene Verweichlichung und Vernachlässigung der Makkabäer- Tugenden zu überwinden, legen die jüdischen Sportvereine Zeugnis ab. And zumindest von der H a k o a h dürfte doch auch Frau Berg schon gehört haben. Einen Schimmer größerer Berechtigung haben die Vorwürfe, die Frau Berg den Juden in politischer Beziehung macht. Sie bmnhMarkt es,, daß Mische Journalisten und Parteiführer die ^käthimsche, Arche bekämpferF' — wie sie! aüs Anwissenheit und Unkenntnis der bekämpften Institution. In Wirklichkeit haben aber die Juden aller Zeiten die katholische Kirche nur zu gut kennen gelernt — nicht aus dem kleinen und großen Katechismus, aber an ihren Früchten haben sie sie erkannt! Diese Früchte sind die furchtbarsten seelischen und physischen Drangsalierungen der Juden immer und überall, wo die katholische Kirche zu Macht und Einfluß im Staate kam, zuletzt im heutigen Ungarn des „erwachenden Christentums", wo u. a. ein Bombenattentat auf ein jüdisches Wlchltätigkeitsfest als ein — Sieg des christlichen Gedankens über den jüdischen gefeiert wurde, ohne daß die sonst gar eifervoll über ihren Nimbus wachende Kirche dieser Anschauung, die eine ärgere Verunglimpfung darstellt, als jemals ein noch so fanatischer Freidenker gegen eine Religion zu schleudern wagte, entgegengetreten wäre. Wir könnten mit sollen Beispielen aus unserer Geschichte noch massenhaft aufwarten, wollen aber nur noch auf ein einziges näher eingchen, weil es von Frau Berg selbst aufs Tapet gebracht wurde. Sie begründet nämlich den Liberalismus ihres Vaters zu der Zeit, als er die Posse „Einer von unsere Leut'" schrieb, wie folgt: „Damals war eine Zeit, wo die Israeliten noch nicht so auf unsere Religion schimpften . . ."" Also waren die damaligen, erst halb assimilierten, halb noch orthodoxen Juden toleranter als die heutigen, die sich durch völlige Einlebung in die deutsche Kultur zu jener Schätzung des Christentums durchgerungen haben, die in Hoffmannstals jedermann" einen edlen dichterischen Ausdruck gefunden hat? Oder war an der gerügten Wandlung doch auch die Gegenseite ein wenig schuld? Befragen wir die Geschichte! In den achtziger Jahren herrschte in Oesterreich der Liberalismus und schien in der Weltanschauung des künftigen Herrschers Rudolf eine sichere Verankerung für die Zukunft gefunden zu haben. Die Juden, froh, in Ruhe gelassen zu werden, dachten' natürlich nicht im entferntesten daran, die anderen in ihren religiösen Gefühlen zu kränken. Plötzlich kam ein furchtbarer Wechsel. Die Katastrophe von Mayerliiig, deren Arsachen noch immer von mystischem Dunkel umhüllt sind, beseitigte den liberalen Kronprinzen und bahnte dem klerikal gesinnten Franz Ferdinand den Weg zum Throne. Die katholische Kirche, die sich nie mit der Gleichberechtigung begnügt, wo sie eine Möglichkeit zu herrschen wittert, setzte sofort zum Generalsturm aut den Gedanken der religiösen Toleranz an. Die Avantgarde dieses Sturms war die ad hoc geschaffene christlich-soziale Partei, die den Kampf im Zeichen des rüdesten Antisemitismus begann. In deren erster Reihe standen katholische Priester. Diese waren es auch, die dem gläubigen, aber aus dem liberalen Lager kommenden Dr. Lueger die Zugkraft der antisemitischen Schlagworte ad oeu1o8 demonstrierten. Sie folgten dabei dem Beispiel ihrer mittelalterlichen Ämtsvorgänger, die dereinst die Stimmungmache für die Kreuzzüge mit blutigen Iuüenprogromen erfvlgreich be- § amten. Ist es bei solchen Erfahrungen ein Wunder, daß jüdische ournalisten und Parteiführer, die den Gedanken der religiösen Toleranz verfechten, dessen furchtbarstem Gegner, der katholischen Kirche, den Boden des politischen Einflusses abzugraben suchen? And wer sich einmal eine katholische Predigt, besonders zu Wahlzeiten, angehört hat, der weiß, wie sehr die katholische Kirche, oder bester gesagt, deren übereifrige Diener, die Trennung ihres politischen vom religiösen Einfluß erschweren . . . Es wäre gewiß erfteulicher, wenn hier statt jüdischer Journalisten die gläubigen Katholiken selbst Wandel schaffen wollten. Zu diesem Zwecke brauchten sie sich nur des ihnen heiligen Gebots zu erinnern, dah sie über dem Solitter im Auge des Nächsten nicht den Balken im eigenen übersehen sollen. Wenn sie sich hierzu aufraffen, daun werden viele Mißverständnisse schwinden, denen sogar eine so verständige, die Versöhnung aller Menschen ehrlich anstrebende Frau wie Annie Berg erllrgt, und dann, aber nur dann, wird diese Dame die Fähigkeit besitzen, das schöne Zukunftsbild, das ihr vorfchwebt, verwirklichen zu helfen. Dr. Hugo Spiegler. §! BÜCHERSCHAU. ♦ '■» * Cliajim Bioch, Kabbalistische Sagen. Im Verlage der Asia major, Leipzig 1925. Wir im Rationalismus Großgewordenen standen lange allem, was mit Kabbala zusammenhängt, nicht ohne starke Voreingenommenheit gegenüber. Teils die durch den Krieg geschatfcne persönliche Berührung mit jenen Kreisen des Judentums, deren reügösc Einstellung auf dem Boden der jüdischen Mystik ruht, teils die in der jüngsten Literatur gebotene Möglichkeit, sich in diese uns fremde Gedankenwelt zu versenken, haben doch viel dazu beigetragen, daß wir keineswegs mehr alles in Bausch und Bogen ablehnen, was uns aus dieser Sphäre begegnet. Das empfinden wir besonders lebhaft beim Lesen dieser kabbalistischen Sagen, die sich um Isaak Lurja halcvi, auch ARJ genannt, gebildet haben. Es ist gewiß nicht möglich, den Gläubigen dieses „Meisters“ in ihrer Ueberzeugung zu folgen, daß dem ARJ aus der Kabbala die Kraft geworden sei, die Gedanken der Menschen, die um ihn waren, zu lesen, zeitlich und örtlich fernliegende Vorgänge zu kennen und selbst um die Seelen Gestorbener, die von himmlischen Strafen heirngesucht wurden, zu wissen. Ebensowenig können wir uns mit der Lehre der Seelenwanderung und der Austreibung böser Geister befreunden. Aber wenn wir die Erzählungen dieses ihres äußeren mystischen Beiwerks entkleiden und nur den ethischgedankiichen Kern auf uns wirken lassen, dann tritt uns in ihnen ein ungemein starkes sittliches Wollen entgegen. Der Dybuk, der böse Geist, der aus einem Besessenen verjagt wird, ist die Seele eines sündhaften Menschen; und der Mensch, in den er gefahren, hatte ihm selber durch eine begangene Sünde die Möglichkeit dazu gegeben: die doppelte Warnung an die Lebenden, sich sündenfrei zu halten, um nicht zum Opfer eines Dybuk und nicht einst selber ein Dybuk zu werden. Einem Schüler liest der ARJ von der Stirn, daß er seinem Vater nicht mit der erforderlichen Liebe begegne. Ein andermal verdammt er die Angeberei, oder er erweist einem Manne besondere Ehre, der mit armen Bestohlenen Mitleid empfunden und ihnen alles gegeben hatte, was er besaß. — Aus allen diesen „Sagen“ leuchtet eine edle Reinheit und ein heiliges Streben, die Jünger zu solcher Reinheit zu führen. Es will einem kaum verständlich erscheinen, daß man die Kraft dieser Persönlichkeit gerade in der mystischen Form sehen konnte, in der er seine Lehren kundgab. Isaak Lurja ist bekanntlich Urheber einer Geistesrichtung im Judentum geworden, die ungewöhnliche Verwirrung, abergläubische Verfinsterung hervorgerufen hat. Ist es der zeitliche oder der gedankliche Abstand, in dem wir zu ihm stehen, daß wir in diesen uns vorgelegten Proben seines Wirkens wenig davon, viel mehr von der sittlichen Höhe verspüren, zu der er erbeben wollte? Diese Erzählungen, die ein Zeitgenosse tiiedergeschrieben hat, und gerade jener, der von sich behauptete, daß der Lehrer seine mystischen Kräfte auf ihn übertragen habe, — diese Erzählungen zeigen wahrlich Lurja durchaus nicht als einen Menschen, der aut Förderung abergläubischer Vorstellungen bewußt oder selbst unbewußt hätte hinzielen wollen. — Zu solchen Erwägungen regt das Buch des aut dem Gebiete der kabbalistischen und chassidischeu Literatur bewährten Uebersetzcrs an, und niemand wird diese schlicht und doch edel abgefaßten Stücke ohne Genuß und ohne Nutzen lesen. Dem rührigen Verlage Asia major darf, besondere Anerkennung dafür ausgesprochen werden, daß die Ausgabe mit viel Geschmack im Druck und in der Ausstattung besorgt worden ist. Gemeinderabbiner C o h n - Leipzig. Friedrich Wolf, Das Heldenepos des Alten Bundes, auf gespürt und in deutschen Worten von Friedrich Wolf. Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart, Berlin und Leipzig, 1925. Der Dichter des armen Konrad, anscheinend kein Theologe, hat nach gründlichem Sichversenken in das Studium der Bibel, ihrer modernen Uebersetzungen und Kommentare aus dem mannigfaltig reichen Gebiet der althebräischen Literatur gerade jene Teile gesondert, die, von einem höheren religiösen Gesichtspunkt nur eben noch als nationale Erinnerungen zugelassen, gleichsam verschüttet liegen unter den späteren Anfügungen und Umarbeitungen priesterlicher und prophetischer Tendenz. Das Mythische und Heroische hat den Poeten gelockt. Er will mit dichterischem Ohr die verstreuten Klänge zu einer alten einheitlichen Melodie zusammenhören, er will das Heldenepos des alten Wandervolkes in deutschen Worten neu darreichen, „die Edda des Alten Testamentes“. Der fortlaufende Faden sei mit des Autors eigenen Worten aufgewiesen. „Der Ursprung aus den unterirdischen Zonen des Mythos, der Engelsehe mit den Töchtern der Menschen, und weiter läuft die Sage in den Ricsengeschlechtern, den Enaksöhnen, den abenteuerlichen Taten der engelerzeugten Recken, den Richterstreitzügeii in das gelobte Land, in dem Einigungs- und nationalen Siegesgesang der Debora, der Bindung der Stämme durch Gideon und hier das erste Aufblinken der Königskrone! Abimelechs kurze Bluttyrannis, Samuels nicht minder gewalttätiger Versuch (viel zu wenig beachtet), der erst durch die Revolte des Volkes und durch den zweimaligen Befehl Jahwes gebrochen werden muß, gegen den grollenden Richterpropheten. Dann aber ist der. König da! Ein König vor Gott und den Menschen!“ Mit den Kämpfen zwischen Saul und David, — mit dem „Bogenlied“ schließt das Ganze. In den 33 Seiten der Einleitung gibt der Autor eine warm gefühlte Charakteristik seines Stoffes oft mit der ein wenig überschäumenden naiven, doch nicht unsympathischen Entdeckerfreude des Autodidakten auf diesem Gebiete. Die einzelnen epischen Stücke sind in einer dichterisch kraftvollen Uebertragung, die sich treu zum Original hält, gegeben. Sprachliche Eigenheiten mögen nicht nach jedermanns Geschmack sein, da sie zuweilen etwas gesucht originell erscheinen: „Mit allem Lebendigen, das noch west uiid aus der Arche kam.“ „Er zerschmiß die Stadt“. „Unsere Gesellen zerschmiß er“ (Lieblingswort, das oft wiederkehrt). „Die Töchter waren weidlich“ (Lieblings« wort). „Schauere deinen Rausch von dir“. „Er tue, was ihn wonne t“. „Kommt nur herauf zu uns, wir wollen euch was flüstern“. „David e n t b og ihm zweimal“. „So lang des Jsai Wurf lebt“. Aber im ganzen ist doch die Sprache von einer erfreulichen Frische und Echtheit. Wer einmal vom Religiösen der Bibel absehen möchte und sich nur ästhetisch an den mythischen und heroischen Einzelzügen der Urgeschichte Altisraels erfreuen will, greife zu diesem schönen Buche. Unsere Bibel hat sicherlich andere Tendenzen; aber ein Edelstein leuchtet in vielen Farben. Dr. Spanier, Berlin. Sechujaus hamikro, Bilderatlas zur Bibel. Von Dr. Soloweitschik, Berlin. Verlag Dewir mikro, Berlin. Schon seit langer Zeit war man an verschiedenen Stellen bemüht, sowohl die Lektüre der heiligen Schriften, wie auch den Unterricht in ihnen zu beleben, zu vertiefen und interessant zu machen durch Abbildungen, die man der Bibel beigab. Dabei beschränkte inan sich darauf, die i Geschichten durch mehr oder weniger künstlerische Dar-