Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 5 (1925)
- Issue
- 8 (20.2.1925)
- Date
- 1925-02-20
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Werbt neue Mitglieder und Abonnenten! Almosen rettet vom Tode. Von M. Frank. Wenn mich' irgendetwas niederdrückt, meine Phantasie mir alles schwarz malt, daß ich die liebe Sonne, die auch die düstersten Wolken durchbricht, gar nicht sehe, so taucht jedesmal das Bild meiner Großtante vor mir auf. Ich schäme mich dann vor der Toten, daß ich, dem gleichen Stamme entsprossen, genau wie meine Schwestern der heutigen Zeit mich von den Nerven so unterkriegen lasse, indes die Verstorbene in jeder Lebenslage ein Gottvertrauen an den Tag legte, das an Heldenmut grenzte. Wenn uns in der Jetztzeit die Nadelstiche des täglichen Lebens zermürben, so lebten doch unsere Ahnen in viel schwierigeren Verhältnissen, zusammengepfercht in enge, ungesunde Wohnungen im Ghetto. Und doch verloren sie den Mut nicht. Ich sehe meine Großtante vor mir, als ein jäher Tod uns den guten Vater entriß, und wir, versteinert vor Schmerz, das Schreckliche nicht begreifen konnten, wie sie, die damals Achtzigjährige, uns tröstete, sie, die an dem so plötzlich aus dem Leben Gerissenen den sorgenden Sohn ihres Alters verlor. Ich höre noch ihre Worte: „Wie Gott will!" Es war der Wahlspruch ihres an Arbeit und Sorgen reichen Lebens geworden. Als Tochter einer kinderreichen Familie wuchs sie auf, die Liebe zog in das junge Herz, der Bräutigam war den Eltern willkommen, als der raffiniert ausgedachte Plan eines Judenfeindes wie ein kalter Reif auf die Frühlingsblüten ihres Jugendglückes fiel und die Knospen der Hoffnung jäh zerstörte. Es war das Matrikelgesetz, das sie von dem Manne ihrer Wahl trennte, jenes grausame Gebot eines Despoten, das die jüdischen Ehen auf eine bestimmte Zahl beschränkte, und den jungen Juden erst dann das Heiraten gestattete, wenn nach Hinterlegung einer größeren Summe der betreffende Kandidat an die Stelle eines Gestorbenen trat. Daß bei dem Warten auf einen freien Platz die jungen Leute alt und grau wurden, zumal auch oft das nötige Geld zum Konsens fehlte, ist selbstverständlich. Damals verließen Scharen von Jünglingen und. Mädchen das ungastliche Heimatland, sie Juhren über das Meer, um im Lande der Freiheit ihre Menschenrechte und eine Existenz zu finden. Unter den Auswanderern befanden sich auch zwei-ältere Brüder und der Bräutigam meiner Großtante. Sie sagte auch dazu: „Wie Gott will!" Der Braütigam sandte ihr, nachdem er sich in Amerika ein Geschäft gegründet, das Geld zür UefcterfäHft. 'Aber sie konnte die Ihren, vor allem die schwer leidende Mutter, deren Stelle sie bei den kleineren Geschwistern vertreten mußte, nicht verlassen. So gab sie dem Verlobten sein Wort zurück und hörte nichts mehr von ihm. Nach dem Tode der Eltern und der Heirat der andern Geschwister war es ein Lebenharter Dienstbarkeit für das alternde Mädchen, doch ihr Gottvertrauen siegte über ihr schweres Los. Als das Alter sie hinderte, weiter zu dienen, zog sie sich in die Heimat zurück. Für mich war das trauliche Altjungfernstübchen ein friedlicher Häfen, ich fühlte mich dort vor den Häßlichkeiten der Welt geborgen, wenn ich mich zu der guten alten Tante, die sich ein so junges Herz bewahrt hatte, flüchten konnte. Und erst der Sabbath! Da war der weißgescheuerte Boden mit Läufern bedeckt, die alten Möbel mit weißen Decken und Schonern belegt, alles bereit, den Sabbath festlich zu empfangen. Sie selbst saß auf dem Sofa in festlicher Kleidung das silberweiße Haupt auf die Tefillah geneigt. Ich wartete dann, bis sie ihr Gebet vollendet hatte, setzte mich zu ihr, und ließ mir die alten Ghettogeschichten erzählen. Eine davon will ich hier wiedergeben, so märchenhaft sie klingt, sie ist, wie mir die selige Großtante sagte, in der Familie eines meiner Urahnen vorgekommen. Ich halte sic für interessant genug, um sie niederzuschreiben. Es sind vielleicht etwa 200 Jahre her, als an einem Freitag Nachmittag eine der jüdischen Frauen aus der Judengasse trat, um den Weg hinab zu spähen. Es war diejenige meiner Urgroßmütter, in deren Haus sich die Geschichte, die ich erzählen will, zutrug. Sie war in warme Tücher gehüllt, es war bitterkalt und der Schnee lag meterhoch. Sie befand sich in schwerer Sorge, denn ihr Mann war noch nicht zurück. Wenn die Juden, denen nur Geldgeschäfte oder Handel als Verdienstmöglichkeit blieb, die ganze Woche mit dem Zwerchsack auf dein Rücken ihre Ware von Ort zu Ort, von Haus zu Haus trugen, den gelben Hut auf dem Kopf oder den gelben Streifen am Kleid, der sie als minderwertige Menschen he zeichnete, so lebten die Frauen in steter Angst. Schützte sie auch der hc treffende Adlige oder Fürst, in dessen Gebiet der Wohnsitz der Juden sich befand, innerhalb der Mauern des Ghettos gegen ein Schutzgeld, so waren sie außerhalb derselben doch immer bedroht. Wurde ein solch Unglücklicher von Räubern angefallen, ausgeraubt und halbtotgeschlagen, so war es ja nur ein Sohn Israels, es verlohnte nicht der Mühe, deshalb mit dem Gesindel anzubinden, solange die Raubgesellen dem Herrn sonst keine Ungelegenheiten machten. Am Freitag pflegten die Männer immer heimzukeh'ren, um den Sabbath im Kreise ihrer Lieben zu verbringen. So stand die Frau wartend in banger Sorge. Da zupfte sie etwas am Rock. Sich umwendend gewahrte sie eines ihrer Kinder. „Mutter," sagte der Junge, „es sitzt ein fürchterlicher Mann hinter dem Ofen, wir trauen uns nicht ins Zimmer." Da verließ die Frau seufzend den Platz, und ging heim. Auch sie erschrak, als sie den Fremden sah, so verwildert sah er aus. Sie sagte jedoch kein Wort. Nach alter frommer Sitte weist ja kein Jude einen hungrigen Armen von seiner Türe. Und gar am Freitag Abend. Ueber Sabbath pflegten oft flüchtende Glaubensgenossen oder berufsmäßige Bettler im Ghetto zu weilen, von den mildtätigen jüdischen Familien zur Sabbath - mahlzeit eingeladen. Vielleicht war der ihr selbst unheimliche Gast ein unglücklicher versprengter Flüchtling. Wenn nur ihr Gatte daheim wäre. Da öffnete sich die Tür und der so sehnlichst Erwartete trat ein. Er hatte sich durch den Schneestunm verspätet. Mit einem Freudenruf eilte ihm die Gattin entgegen. Sie teilte ihm mit, welch seltsamer Gast im Zimmer sei, und daß ihr vor ihm graue. Aber der fromme Mann sagte: „Sei er, wer er will, er sucht Schutz und Nahrung bei uns. Mag er den Sabbath mit uns feiern. Ein behagliches Zimmer und gutes Mahl tut gut, wenn man bei solchem Wetter wandern muß. Uebrigens sagen unsere Weisen: „Almosen rettet vom Tode." Laß uns Gott danken, daß wir uns gesund Wiedersehen durften." Er ging zu dem finsteren Fremden und lud ihn zum Essen ein. Bei dem weißgedeckten Tisch, der guten Mahlzeit, den fröhlichen Gesichtern der Kinder vergaß der Vater alle Not und Widerwärtigkeit der Woche. Man sang Schir hamaalaus, ohne daß der Fremde mitsang. Aufgefordert zum Tischgebet, lehnte er ab, und, ohne ein Wort zu sprechen, war er aus der Tür gegangen und im Dunkel der Nacht verschwunden. Es waren fünf Jahre vergangen seitdem. Niemand dachte mehr an die Begebenheit. Es war Sommer geworden und der Vater auf dem Heimweg begriffen. Er hatte gute Geschäfte gemacht und trug Geld bei sich. Da brachen aus dem Dikkicht drei wild aussehende Männer hervor, bedrohten ihn und riefen: „Geld oder Leben." Zitternd gab der Jude seinen Verdienst hin, dabei für sein Leben bangend, denn er trug nur einen Knotenstock und konnte sich nicht zur Wehr setzen. Plötzlich trft ein anderer Räuber aus dem Gehölz und rief mit lauter Stimme seinen Genossen zu: „Halt, der Mann gehört mir, rührt ihn nicht an." Zu dem Beraubten sagte er: „Folge mir!", nachdem er den Beutel den Spießgesellen abgenommen hatte. Er führte den Juden bis an das Ende des Waldes, dann wandte er sich zu ihm und sagte: „Sieh mich an; erkennst du mich?" Der Gefragte verneinte. „Ich bin der Fremde, den du vor fünf Jahren in deiner Wohnung gefunden und zu Gast geladen hattest. Ich bin der Hauptmann dieser Bande. Damals war ich verfolgt, und da mich im Ghetto niemand suchte, trat ich in’s erste Haus. Du hast mich angenommen, ohne zu fragen, wer ich sei, hast mich gespeist. Dafür rette ich jetzt dein Leben, und hier ist dein Geld. Gehe aber nie mehr den Weg durch diesen Wald. Ich bin nicht immer in der Nähe, und meine Genossen könnten dich töten." Mit diesen Worten eilte der Begleiter ins Dickicht, indes der so wunderbar Errettete seinem Heim zustrebte. Seine Wohltat hatte Zinsen getragen, Almosen ihn vom Tode gerettet: ja „zedokoh tazil mimoves". Mendls Schab. Skizze von Hermann BlumentKal. Es gibt Menschen, deren Leben abseits vom breiten Wege der Menge verläuft. Eine fixe Idee oder ein Schmerz hat sie dahingedrängt, und nun schleppen sie ihre Tage einsam in der großen Stille hin . .. Die Welt und der Lärm ihrer Umgebung dringt nicht bis zu ihnen; ein eigener Ideenkreis hält sie gefangen. Oft sind sie in ihrer Eigenart nur einen Schritt vom Genieland entfernt, aber sic legen diesen nie zurück — und so erfahren wir von ihrem Innenleben nur wenig. In der Kleinstadt gelangen solche Leute zu trauriger Berühmtheit. Jeder Zug, der ihrem ureigenen Wesen innewohnt, ist stadtbekannt. Der Volksmund hat für diese Einsamen einen eigenen Namen. Die Gebildeten nennen sie: Originale. Der Tag geht zur Neige. Nebel steigen auf und hüllen die Gassen frühzeitig in Dämmerung. Ich sitze in meiner Stube — tiefsinnend. Gedämpft dringt der Lärm der Großstadt zu mir . . . Verklärt und lockend steigen die Tage der Kindheit vor mir auf. Ich sehe das Städtchen im hellsten Sonnenschein. Ich sehe die kleinen Häuser und den glitzernden Fluß. Längst vergessene Gesichter erscheinen vor mir . . . Und da taucht in meiner Erinnerung ein sonderbarer Mann auf. Langsam sehe ich ihn durch die engen Gäßchen schlendern. Seine Finger gleiten durch den kohlschwarzen Bart und seine Lippen murmeln unverständliche Worte. Ich will euch von Mendl, dem Philosophen, erzählen; wie er lebte und was ihn von den andern Bewohnern des Städtchens absonderte. Wenn die Sonne hell und warm auf Palcchowi herniederstrahlte, konnte man ihn in seinem grünen Kaftan, der einmal schwarz gewesen sein soll, über den Markt schreiten sehen. An kalten Tagen hielt er sich in seiner Kammer auf. Diese befand sich auf dem Dachhoden der Synagoge. Ein Tisch und Schubkarren voll beschriebener Blätter bildeten die Einrichtung. Das Schreibeil war Mendls liebste Beschäftigung. Er saß täglich stundenlang über seinen Papieren* schrieb und schrieb. Um den Inhalt seiner Schriften kümmerte sicü niemand. Er lebte einsam, sprach oft tagelang kein Wort,, sondern irrte umher und sann. Nur der Hunger brachte ihn den Menschen näher. Wenn Mendl nichts zu essen hatte, konnte inan von ihm jede Arbeit haben. Er half beim Bau, fällte Holz, trug Wasser und Mehlsäcke. Jeder Lohn war ihm gerade recht genug. Da versorgte er sich für einige Zeit mit Kerzen, Papier und Nahrungsmitteln und lebte wieder — wie zuvor. Den Schubkarren mit seinen Manuskripten führte er gewöhnlich mit sich. Von den Gassenjungen hatte er viel auszustehen. Sie umkreisten ihn und suchten ihm den Karren zu entwinden. Mendl wehrte sich nach Kräften, doch wurde er niemals zornig und ertrug alles mit Geduld. Ich entsinne mich' des Abends, wo ich' Mendt in seiner Klause beobachten konnte. Eines Tages war ihm ein vergilbtes Buch aus der Tasche gefallen. Ein Junge hob cs auf und zeigte es mir. Für ein paar Kreuzer war er geneigt, mir das Buch zu überlassen und ich beschloß, cs dem Eigentümer zurückzubringen. Eines Abends stieg ich in seine Dachkammer, hinauf. Ein spärlicher Lichtschein zeigte mir den Weg. Mendl saß beim Kerzenschein und schrieb. Ab und zu blickte er zur Decke oder las das Geschriebene überlaut. Endlich bemerkte er mich'. i „Was willst du," rief er, und bedeckte die beschriebenen Blätter mit den Händen. Ich reichte ihm das Buch und erzählte, wie ich in den Besitz desselben gelangt war. Hastig griff er danach. „Was wollen sie von mir," rief er weinerlich. „Was habe ich ihnen getan . . ." Dann setzte er sich und arbeitete weiter« ohne mich zu beachten; nur einmal blickte er m mir auf und lächelte. An einem heißen Sommertage hatte Mendl einen Sack Mehl ins nahe Dorf zu bringen. Er lud ihn auf seinen Karren, neben den Manuskripten, und machte sich auf den Weg. Die Hitze war unerträglich' und Mendl mußte bald Rast halten. Er legte sich ins Gras und blickte so lange in das Meer von Blau über sieh, bis er ini Schlummer verfiel. Als er erwachte, stand der Karren nicht mehr neben ihm. Verzweifelt rannte er die Straße auf und ab. Dann lief er laut schreiend durch die Stadt und fragte alle Vorübergehenden aus. Man lachte und gab ihm keine Antwort. Seine kostbaren Papiere waren und blieben verschwunden. Seit diesem Tage war es mit der Ruhe des Alten vorbei. Verstört irrte er umher und suchte seinen Schatz. Er aß tagelang nichts, weinte und grämte sich. An einem kalten Herbstniorgcn fand man ihn tot auf der Straße liegen. . .. Kalendarium für die Zeit »am 21.2. bis 28.2.192S Februar 1925 Schebat 5685 Sonnabend I 21.! 27. > > Dochenabschnitt: Mischpotim Neumondweihe Schabbas parschas schekalim (2. Ä. M. Kapitel 21—24) Hastarah: II, Könige 12,1—17 Sonntag 22. 28. Montag 23. 29. Jom Kippur Koton , Dienstag! 24. 30. 1. Tag Nosch chodesch Adar 5685 Mittwoch 25. 1. 2. Tag Nosch chodesch Donnerstag 26. 2. Freitag 27. 3. Sonnabend 28. 4. Wochen-Abschnit: Terumoh (2. L. M. Kapitel 25,1—27,19) HafiaraH: I. Könige 5,26-32; 6,1-13