Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 4 (1924)
- Issue
- 35 (11.10.1924)
- Date
- 1924-10-11
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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btt Vergessenheit entzogen würde. Der Bürgermeister von Wgloshnt teilte dem Einsender mit. daß in den Archiven Stuttgart- oder Donaneschingens die nötigen Dokumente bezüglich der Judeninsel vorhanden sein werden. Görlitz. Die Synagogengemeinde hat Dr. Katten aus vreSlau zu ihrem Rabbiner gewühlt. Ntzru-erg. Au- Anlaß Le- Svwagogen-JubiläumS wird und noch geschrieben: SV« 8. September waren es 86 Jahre. Latz ha- Gottes. I» der Nürnberger KultuS-gemeiude eingvwetht wurde, t Jahre 1860 würbe der Grundstein gelegt, aber infolge i Kriegekonnte öle Bollenbuna erst nach fünf Jahren, t* Jahre 1874, erfolgen. Für die kleine, damals etwa 1860 Da«»» zählende Gemeinde war die Schaffung de- Gottes. «Metz mit einem Kostenaufwand von 850 000 Gulden ein «WpierigeS und gewaltiges Werk. Aber nicht nur das Ge. ttzude und dessen innere AuSschvrücknng entstanden in ««cherbarer. heute noch viel bewunderter Schönheit, Ambern auch der Gottesdienst war etwas ganz Besotrderes. Der Gemeinde Nürnbetg gebührt der Ruhm für alle Zeiten. Jpm vor 50 Jahren einen neuzeitigen Gottesdienst einge. ftchrt -u haben. Der Gottesdienst im neuen Hanfe war Weihevoll und erbebend durch Ruhe und Ordnung. Lurch vhorgesang und Orgelklang nach den Regeln -er Kunst ter vielfacher Benutzung -er traditionellen, von Lewanrfky vertonten Weifen und durch Einschaltung deutscher »et«. Der erste Rabbiner der Nürnberger Gemeinde, Mroitz Lenin, der in späterer Zeit Prediger der Re- »»»Wttueinöe in Berlin war. verfaßte ein neues Gebet- Mch „Der Gottesdienst des Herzens" und «ab auch sonst Mich feine nicht alltägliche Persönlichkeit dem Gottesdienst tzatz Moderne Gepräge. Ein hervorragender Sänger. Ober, kantor Joseph Singer, welcher später in Wien der Nach- Vlger Sulzers wurde, stand dem Rabbiner als Vorbeter VÜrdju zur Seite. Wie vor 50 Jahren ist der Gottesdienst «ch.heute musterhaft und vortrefflich für ein südisch-liberamtz Hottetzhauis. Während der Chorgesana früher Haupt- Gchttch durch angestellte und bezahlte Kräfte ausgeführt mmbt, haben sich seit einigen Jahren eine große Anzahl tzva Damen und Herren aus der Gemeinde in anerkennenStttttet und ausovfernder Weise mit gutem Gelingen frci- «Allla für den Gottesdienst zur Verfügung gestellt. Auch ein Ktnderchor wirkt an schulfreien Tagen und Sei 5cm Abendgottesdienst mit. Zur Zeit der Snnagogenetn- «echung bis zum Jahre 1009. im ganzen 40 Jahre, leitete &her Rechtsanwalt und späterer Geheimer Hcfrat Gustav SAvphsthal die Geschicke der Gemeinde, der durch die Emaffung und Mitwirkung an den großen Organisationen deutschen Judentums sich im ganzen Reiche eines festen NamenS erfreute, ebenso wie sein NEvIaer. der ettne Justizrat Dr. Sicamund Held, unter dessen geschickter und tatkräftiger Leitung die Mitglieder der Gemeindeverwaltung aller Richtungen friedlich und harmo- Hchsch zufia-mmenarbeiten. Daß die Liebe zum Gotteshause, hvtz Jnteresie für alle jüdisch-geistigen und sozialen Fragen Gitz zum heutigen Tage in der Nürnberger Gemeinde so «tzge geblieben, daß Schul- und Beerdigungswesen auf Musterhafter Höhe stehen, ist hauptsächlich, das Verdienst »eö seit 17 Jahren hier wirkenden geistlichen Führers der Gemeinde, de- Rabbiners Dr. Max Freudenthal, welcher eine führende Persönlichkeit in der Bereinigung für das köbevale Judentum seit deren Gründung ist. I« Anbetracht der Schwere der Zeit wurde von der Feier ömetz Jubiläums Abstand genommen. Tg für aber galt Giß ausgezeichnete Predigt am 1. Ncu'ahrstage diesem für hiß Gemeinde so bedeutsamen Ereignis, wobei Rabbiner Dr. Freudenthal dem Wunsche Ausdruck gab. daß das Gotte-tzanS „eine Stätte reiner Lehre, treuen Gedenkens Dch effriven Wohltuns" für alle Zeiten sein und bleiben "Wöge. WM Aus der Bewegung. WWWWWlUHMMIOMMMItMHMMHtMMnMMtMHMMMMWMH Vttfttt. (Jüdisch-liberaler Jugendverein E. B.) Am 3. d. M. hielt Iran Rosenthal-Bndwig einen Vortrag über öatz Dhoma: „Wie bringen wir der Jugend unsere Feste vckhs?" Mt Bedauern stellte die Vortragende die JnterßfsßtvslKkeit fest» mit der unsere Jugend den Feiertagen gegenübersteht. Der Jli müsse versuchen, diesem Zustand zu steuern. Die jüngeren Mitglieder sollten vor den Feisrtagen fede-mal über die Geschichte, de» Sin» ufw, debe. treffenden Festes belehrt werben. Frau Rvsenthal-Vvdwtg hoffte auch dadurch das Interesse der jüngeren Mitglieder zu beleben, baß man diese an der AuSaestattuua des JugendgotteSdiensteS teilhade» läßt. Den alteren Mitgliedern solle man den Gedankengung üeS Gottesdienstes, den Inhalt der Gebote, da- Ritual «sw. bejoweiligen Feiertages durch Kurse vermitteln. A» de» überaus int«restanten und anregenden Vortrag schloß sich eine lltngere Dittustto«. Breslau. (Jüdisch-liberaler Jugendverein „Abraham Geiger".) Am S. Oktober fand unter Leitung unseres Mit- I gliedes Herrn Hermann Dachs im Bereinszimmer L«S Konzerthanses eine Zusammenkunft unserer Gruppe I statt. Grete Gaßmann hatte das Referat über öaS erste Kapitel des Bandes II die Lehren des Judentums die sittlichen Pflichten des Einzelnen: Wahrhaftigkeit übermmunan. In sehr sachlichen Ausführungen, die eine tiefe Sachkenntnis LeS ganzen Stoffes bewiesen, führte uns unser Mitglied in das umfangreiche Gebiet der Wahrhaftigkeit ein und erntete für ihr erschöpfendes Referat lebhaften Beifall. Die Aussprache setzte recht lebhaft ein. Ensbesondere ergänzten Herr Rechtsanwalt Spitz, Lotte osenthal. Fritz Stall, Hermann Sachs und Alfred Berger die einleitenden Gesichtspunkte der Referentin. Der jüdische Sprechsaal. Jugend und Neutralität. i Ich möchte noch einmal auf das Thema eingehe», das »ns Jung« all« bewogen sollte, besten Behandlung jedoch — welch LodauerlicheS Zeichen! — anscheinend wenig Interesse in liberalen Kreisen bei jungen Menschen erregte. Ist doch die Frag« .Jugend und ...gleichzeitig auch die Frage nach der Jugend. Auf die Entgegnung des Herv» vUttnöhal brauche ich nacht mehr näher einzugehen. Denn ezeigt sich hier doch wohl ein prinzipieller Unterschieb der Anschauungen, der in wenigen Absätzen nicht übe ob rückt, geschweige denn überzeugt werden kann. Sscheint wir auch nicht dadas Wesentliche einer Diskussion, -aß man wortwörtlich sich den Text zu eigen macht. Sondern um sich andern verständlich zu machen, mutz eS erlaubt fein, sinnfällig den Sinn dezur Diskussion Gestellten, wie man ihn erfaßt, als Extrakt darzubieten und zu behandeln. Die Ausführungen des Herrn Abel in Nr. 3l bvr J.-l. Ztg. rollen die ganze Frage dag'egen noch einmal mit wünschenswerter Klarheit auf. zeigen allerdings nicht ganz bis ins Letzte das Wesen und Wollen der Arbeit neutraler Jugendvereine. Tenn Herr Abel weist in die neutralen Vereine nur die jüngere Jugend» während tatsächlich die erwachsene, über 18 Jahre etwa, erreicht werben soll. Es ist nämlich nicht nur die „Fortbildung" und die „Achtung gegenteiliger religiöser Ansichten", di« wir erzielen wollen, sondern es ist ettvas mehr. Es ist das Zusammenschwrißen zu einer Einheit, trotz aller Unterschied«. TaS bewußte, gefühlte, nicht nur verstandene Ginssein aber kann von noch nicht reisen Menschen nicht im vollen Umfange erfaßt werden. Deshalb beginnt die Arbeit der neutrale» Jugendvereine, soweit ich sehe, erst bei 17-, 18jährigen. Einzelne .Bewegungen", Vertreter scharf um rissen er prinzipieller Ansichten, bedingen stets einen verhältnismäßig kleinen Kreis. Besonders bet unS Inden, die wir unseren persönlichen Standpunkt gern zum Nabel der Welt machen, ist die Gefahr der Zersplitterung in unzählige „Bünde" groß. Noch größer aber ist die Gefahr bei jungen Menschen, die ia im allgemeinen schnell fertig sind mit dem Wort — und mit der Tat. Aus diesen Erwägungen heraus kämpft mau um die Einheitsgemeinde, tagt man auf Weltkongressen zur Behandlung politischer, kultureller, religiöser. pHi(antropischer Fragen, sammelt man sich in Logen. Tie -rutsche Jugend im allgemeinen, zerstreut in zahllosen Gruppen und Grüpp» chen, schließt sich zusammen zum Jugendring. Nun, wir sind der jüdisch« Jngendring! Ter neutrale Juaendverein der „reiferen" Jugend ist die „Einhvitsgemeinde" der Jungen, ist die „Agudo", die „Vereinigung, ist die „Achdus". die „Einheit" der jungen, aller jungen Menschen! Alles, was ans jüdischem Boden entsproß, ist unser aller Eigentum. Ob es rein religiösen Charakter hat» ob es rein nationale Ursachen sind, es ist alles jüdisch, und wir sind verpflichtet, es so zu erkennen, zu pflegen und zu erarbeite«. Menu diese Zeilen im Druck erscheinen, stehen wir mitten im jüdischen Festmonat. An seinem Anfang stehen Me großen religiösen Festtage: dann kommen die nationalen, landschaftlichen und landwirtschaftlichen Charakters. Unalle. Rosch ha schonoh, Zehn Bußtag«, Jom Kippur. Sukkos und Simch.as Thor oh —- es ist ein Monat der Fette» in dem wir stehen. Lehrt er uns nicht auch, daß am Ende die Menschen eins fein werden im Glauben an Zion-' Gott, einauch die Juden in der Art ihres Glaubens wie früher? Wenn wir alle überzeugt sind, daß das Zusammenwirken religiöser, geschichtlich-nationaler kultureller Momente erst da- Ganze auSmacht, dann werden wir unS über die Be» rechttgung dieser oder jener jüdischen Parteigruppe nicht mehr streiten . .. Damit ihr erkennt, daß ein jeder -aS Judentum andercmffasien kann mti> darf, baß eS nicht mathematisch auf eine Basis gebracht werden kann, daß es aber doch immer da- Judentum für alle Juden bleibt, öaftir arbeitet der neutrale Jugendverein. Und die Menschen, di« aus ihm, von seinem Wesen erfaßt, heraustreten, das sind zwar, heute noch, wenige, aber es sind Bolljuden in des Worteweitester Bedeutung. Helft, daß der „jüdische Jngendring" wirklich ei» Rinfür alle fei. Ernst Holzer, Frankfurt a. M. II. Ich will nicht noch einmal in die Diskusskou eingreifen, sondern für die etwa noch nachfolgende Diskussion nur nochmalklarstellen, daß die AuSeinandersetz-una zwischen Herr» Holzer und mir sich nur um die Frage dreht, ob die jüdisch« Jugend zu jüdischen Menschen in neutralen Jugend« vereinen oder in solchen der einzelnen Richtungen erzogen werden soll. Es bandelt sich nicht etwa darum, ob die Vereine verschiedener Richtmrg und ihre Mitglieder sich an neut' lex Stelle zu gemeinsamer Aussprache oder zu gemeinsamer Tätigkeit etwa auf sozialem Gebiete zusammenfinden sollen. Der Hinweis des Herrn Holzer auf den Jugendrtng könnte vielleicht zu Mißverständnissen führen. Dr. L i l i e n t h a l. Berlin. Andreas Latzko der durch meinen Roman „Menschen im Kriege1* und ändere Werke internationale Bedeutung erlangt hat, hät uns seine jüngste novellistische Arbeit BILANZ die demnächst in sämtlichen Kultursprachea erscheinen wird, zum Erstdruck übergeben. Hier stellt der österreichische Dichter die Gestalt des än der Schwelle der Emanzipation stehenden Nathan Blum Und Szenen von einer Wucht des jüdischen Gefühls und des Ausdrucks vor uns hin, die in der Weltliteratur Ihres» gleichen suchen. Dia Arbeit ist der anderen von uns veröffentlichten jüdischen Novelle Latzkos „Ein Duell*4 ebenbürtig. Wir beginnen mit dem Abdruck in unserer Nummer vorn 24. Oktober. 0Q©QQ©©©QQQQQ0QSQ60S Leopold Komperi Mn Dichter der Versöhnung) Att Ghettt eingepfercht, verfolgt, gequält, verhöhnt, «chlicht Volk Israel doch stets zu neuem Leben, Mahrtaufende es unter Gottes Fluche stöhnt, — Md dennoch liebt es seinen Gott mit heißem Beben. Ilttft rührenglaubt dies Volk, -aß Gott sich ihm versöhnt Lerelrch und es aus Eröennöten wirerheben. Ob auch der Zetten Wetter donnernd es umdröhnt — Dies Volk bleibt sich getreu im Glauben und im Streben ... Ein Dichter, selbst dem Volke Israel entsprossen, Hat die Geheimnisse der Gasse hell erschlossen In Meifterschilderung, die voller Leben sprüht. Sein Dichterherz ersehnt ein göttlich Heil hienieben, Sieht aller Menschheit goldnen Zukunftserdenfrieden, Wenn Rassenhaß einst schweigt — nur Menschenr liebe glüht . . . Max Rosenfeld, Dresden Hermann Cohen und B. Spionza. Von Dr. M. Spanier (Magdeburgs. Wenn wir auch einer Vertiefung in Hermanns Cohens Jüdische Schriften das Wort reden, so wollen wir damit keineswegs eine Kanonisierunq aller seiner Urteile befürworten^ War ihm doch das Schwören auf die Worte des Meisters fremd, ibm dem Fortbildner und WeiterSntwickler der Kaettischen Philosophie, ihm war die Erforschung -er Wahrheit -aerste und letzte Ziel alles Strebens. Auch ei« Hermann Coden war nicht unfehlbar. So hat dieser ttefe Denker bei der Charakteristik der gewaltigen Persönlichkeit Spinozas Licht und Schatten sicherlich nicht aerecht verteilt, sein Urteil über diesen berühmten Philosophen, -er auf dis Entwicklung der neueren Philosophie einen hervorragenden Einfluß ausaeübt hat, ist zu hart, wie das auch bereits von anderer Seite betont worben ist. Hermann Lohen war als jüdischer Philosoph und Philosoph des Judentums von glühender Begeisterung für sein Judentum erfüllt — Nicht e i n s e i t' a orientiert, sondern auS seinen logische« Deduktionen heraus —- nicht bloß gefühlsmäßig erfaßt — war ihm das Judentum d! e Religion, die Religion der Zukunft. Hermann Cohen war ^inozä durchaus nicht wesensverwandt. Im Gegenteil. (Stfw», widerte die Marmorkälte eines Spinoza bis zur tittstett Abneigung an. Zugegeben ist. daß bei öiefem Philos>'phen von einer Begeisterung für seine angestammte Retigivn nichts zu verspüren ist. die Bedeutunq der Propheten, der Psalmön, ist ihm nicht zum Bewußtsein gekommen, ia. kurz, er ist dem Judentum n'cht aereckt geworden. Wir perweisen hier besonders auf Cohens Jüdische Schriften Band HI von Seite 290 bis 373 (,-Spinoza über Staat und Religion» Judentum und lLhristenium". Hier die wundervolle Steller „Und wem die Psalmen das Herz nicht erweicht haben, der versteht das jüdische Gebet nicht. Und ohne den Kompaß des jüdischen Gebetes kann man die aanze Geschichte der Inden nicht verstehen.") Cohen nennt Spinoza be« großen Feind, der aus uns hervovgeganaen der für die neuere Geschichte des Judentumdas schwerste Hemmnis und daher ein großes Mißgeschick bildet. „Spinoza bleibt -aber -er eigentliche Ankläger des Judentums vor der christlichen Welt." In Parenthese. Der erwähnte Band enthält auch Cohens Kritik von Lazarus Etbik des Judentums: sie erfährt eine seür scharfe Abfuhr; dafür kennt ihn LäzaruS in einem Atemzuge auch einen antisemitischen Herrn und gebraucht dabei das Wort par nobile fratrum, So wird die strenge Objektivität oft nicht gewährt. Baruch (lateinisch übersetzt Benedikt) Svinoza ist am 24. November 1632 in Amsterdam geboren. Seine Familie gehörte zu den unglücklichen Glaubensgenossen, die ihres tzllaubens weaen Svanien verlassen mußten. Sein Vater und fein Lehrer Morteira gehörten mit zu den Gründern und Stiftern der jetzt noch blühenden portugiesischen Gemeitt-L. (Bei unserem jüngsten Aufenthalt in Amsterdam zeigte uns ein kundiger Führer die in dem altehrwürbigen Gotteshaus angebrachte Gedenktafel mit den Namen dieser Männer.) Früh mit Bibel. Talmud und den Schriften jüdischer Denker vertraut, wandte er sich auch anderen wissenschaftlichen Gebieten zu. Allmählich gewann die Skepsis in ibm das Ueoergewicht (man denkt an Elifche ben Abuiah!), so daß schließlich der Offenbarungsglaube in ihm erschüttert wurde. Mit wachsender Besorgnis hatte man das in feiner Umgebung beobachtet, alle möglichen Mittel, ihn eines anderen zu belehren, blieben erfolglos. Am 27. Juli 1656 würde Svinoza durch den großen Bann (Cherem) aus der jüdischen Gemeinschaft ausgestoßen exkommuniziert. Hier ist einiges aus her Bannsormel: ..Nach dem Urteil der Engel Und dem Urteil der Heiligen belegen wir mit Bann, schließen wir aus.^verfluchen und verdammen wir Baruch d'Espinosa mit Zufttmmuna des kirchlichen Tribunals und mit Zuftimwuna fetter ganzen beffiaen Gemeinschaft, vor den heiligen Schviften. nach den 613 heiligen Geboten, in ihnen geschrieben stehen, mit dem Fluch, mit dem Jesua Jericho fluchte — —- Verflucht sei er bei Tag und Nacht, verflucht sei er im Schlaf, verflucht sei er im Erwachen, verflucht sei er beim Ausgehen. verflucht sei er beim Eintreten. Möge der Herr ihm niemals verzeihen. möge der Herr seinen Zorn im Eifer entbrennen lassen gegen den Menschen, und er wird seinen Namen vertilgen unter dem Himmel-Bedenket, daß uiemanv jenen mündlich oder schriftlich, niemand ihm irgendeine Gunst erweisen, niemand unter einem Dache mit ihm weilen darf usw. Tbotz alledem ist Spinoza nicht zum Christentum übergetretett, wie das noch immer >elbsi in gebildeten 'üdischen KtSisen angenommen wird. Unerfindlich ist es. daß autb Max Scheler in seiner schönen Einleitung zu Spinozas Ethik von der Taufe dieses Philosophen sprechen konnte« Znrückgezogett und seinen Stitdien sich widmend, verbrachte er seine letzten LebenSiahre im Haag, wo er 1677 an der Schwindsucht, starb. Seine Bedürfnislosigkeit war grenzenlos. Den Lebi'nsunter'lwlt verschaffte er sich durch Schleifen optischer Gläser. Heinrich Heine äußert einmal über ihn: Die fnäteren Philosovsien haben durch die Brillen gesehen. welche Spinoza geschliffen hat. Um seine Freiheit und Unabhängigkeit zu wahren, lehnt« er 1673 den Nus an die philosophische Lehrstelle der Universität .yeidelbera von dem Kurfürsten Karl Ludwig von der Pfalz an ihn gerichtet i üb. Spinozas Name ist nicht unter dem Himmel vertilgt, er wird nicht in Äeonen untergehen. er bleibt ein leuchtender Stern in der GeMchte der Philosophie für alle Zeit. Wenn wir hier von seinem theologisch-politischen Traktat absehen, so ist seine „Ethik" nnvergängitchen Ruhmes^ Lessing, Herber. Goethe begeisterten sich an dem „gottrüükenen Spinoza", wie ihn Novalis nennt- Seine „Ethik" vözweckt nichts anderes als die Hebuna des Gemütes über otn gemeinen Stand der Lebenspraris. nichts anderes als oiü „Länternngstechnik des Geistes und Herzens zur E r k e tt kl tnis Gottes". ' Für Svinoza beruht Irrtum ttItd BöseK Nicht in einem freien Akt des Geistes selbst, sondern in einer Beschränkung des Geistes durch den Leib —> ähnlich wie Plato den Leib als „Kerker der Seele" vezeichüet. Lehren es nicht unsere Alten, daß nur der ein Held, der sich selbst bezwingt der sich von seinen Leidenschaften befreit. Zum Schluß die herrliche Strophe au- Goethes Gedicht: „Die Geheimnisse": „Wenn einen Menschen die Natur erhoben, Ist es kein Wunder, wenn ihm v'el aelingtr Man muß in ihm die Macht des Schöpfers loben. Der schwachen Ton zu solcher Ehre bringt: Doch wenn ein Mann von allen tzebensproben Die sauerste besteht, sich selbst bezwingt, Dünn kann man ihn mit Freuden andren zeigen Und sagen: Das ist er. das ist sein eigen!"