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Jüdisch-liberale Zeitung · 1924-06-20 · 19 (20.6.1924) · page 7

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
4 (1924)
Issue
19 (20.6.1924)
Date
1924-06-20
Page
– (sequence 7)
Language
German
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4. Zahrgc^l Nummer 19 IlidjschÄeraleZeiüW S. Beilage SV.Iunl I9L4 Aus den Gemeinden. ID Aachen. Am 11. M. wurde Herr LouiS Mayer »u Grabe getragen. Mit dem Entschlafenen verliert die hiesige Gemeinde ein rühriges und hochangesehenes Mitglied, dos stets mit Eifer alle das Judentum betreffenden Angelegenbeiten vertrat. Seit 1600 war er Mitglied des Vorstandes der hiesigen Gemeinde und erst vor kurzem legte er infolge seiner Krankheit dieses ehrenvolle Amt nieder. Auch die Bereinigung für das liberale Judentum verliert tu dem Dahingeschiedenen ein treubewährtes Mitglied. War es doch gerade der Entschlafene, der vor mehr als 15 Jahren den Grund und Boden für unsere Bereinigung in der Aachener Gemeinde ebnete. Daß sich aus diesen Anfängen die Ortsgruppe der Bereinigung zu einem großen, ansehnlichen SreiS von Anfängern entwickelte, ist nicht zum wenigsten fein Verdienst. Die Bereinigung für das liberale Judeutum und die Aachener Gemeinde werden ihm ein stetige» Andenken bewahren. Berlin. Am Sonntag, den 16. Juui, wurde das Gastspiel de» Palästina-Theater» in der Comoedia Baletti durch dir Aufführung der biblischen Legende .Belsazar" nach H. Röchet (Hebräisch von David Frischmann, Musik von I. Achron) eröffnet. Im Zuscheuerraum bemerkte man die hervorragendsten jüdische» Vertreter von Literatur, Kunst. Wiffenfchast und Politik. Ebenso hatten sich zahlreiche Vertreter der Berliner Theaterwelt eingefunden. Der greise hebräische Gelehrte Dr. S. Bernfeld hielt eine Begrüßungsansprache inHebräisch und sagte. bas palästinensische hebräische Theater hat in dem großen Kunstzentrum Berlin seine letzte Ausbildung erhalten, um dann als eine hebräisch; Nationalbühne ihre Aufgabe erfüllen zu können. Er sagte, es sei unmöglich, daß eine lebendige Sprache wie die hebräische nicht auch ein lebendiges Theater haben sollte. Hierauf hielt der Direktor des Palästina-Theaters M. Gnesin eine Ansprache und sagte, er wolle sein Theater so weit bringen, daß es unter den europäischen Theatern seinen Rang behaupten soll. Die Darstellung der Legende „Belsazar" durch die Mitglieder »'»es Palästina-Theaters machte einen tiefen Eindruck auf die Zuhörer. Die Vertreter der Hauptrollen Michael Gor (Belsazar), Mirjam Bernstein-Kahan (Rahel), Kutai Ari (Hofnarr), Simeon Finkel (Daniel) fanden reichen Beifall. Zum Schluß mußte sich Herr Gnesin an der Spitze seiner Truppe auf der Bühne zeigen. Breslau. Am 15. Juni feierte der Direktor der israelitischen Versorgungsanstalt. Herr Boß. mit seiner Gattin das 25jährige Dienstjubiläum. Beide haben sich um die Entwicklung der Anstalt und die Versorgung der Insassen wesentliche Verdienste erworben. Philadelphia. Indizienbeweise dafür, daß der Dichter der „Göttlichen Komödie" jüdischer Abkunft war, versuchte Dr. Arthur K. Kuhn auf der Zusammenkunft der jüdischen historischen Gesellschaft, die im Dropsic College zu Philadelphia abgehalten wurde, zu erbringen. Dr. Kuhn erklärte, daß gewisse Anspielungen in Dantes Werken und in denen des Manuels, eines jüdischen Zeitgenossen und Freundes Dantes, diese Annahme bestätigen. Unter diesen Beweisen führte Dr. Kuhn u. a. auch die alttestamentarlschen Motive in des Dichters Werken an: ferner, daß Dante nie geringschätzig über die Juden schrieb, wie es zu dieser Zeit üblich war. Schweidnitz. Herr Erich Kohn, der stets für die hiesige Ortsgruppe als Vorstandsmitglied rührig gearbeitet hat, begeht am Sonntag, den 22. Juni, seinen 50. Geburtstag. Die Bereinigung für das liberale Judentum bringt dem Jubilar aus diesem Anlaß ihre herzlichsten Glückwünsche dar. Wie«. Rabbiner Dr. Simon Friedmann, der im Jahre 1846 als Nachfahr von Akiba Eger 1849 in Kempten geboren wurde, ist hier im Kreise seiner Angehörigen verstorben. Dr. Friedmann, der 43 Jahre in Lublinitz in Obecschlesien amtierte, hatte sich durch sein; trefflichen Charaktereigenschaften die Sympathie aller, die ihn kannten, erworben. Nach der Abtretung von Lublinitz an Polen siedelte Dr. Friedmann hierher zu seiner einzigen Tochter über. Wien. Anläßlich des Attentates auf den Bundeskanzler Dr. Seipel hat die Union deutsch-österreichischer Juden an diesen eine Zuschrift gerichtet, in der es u. a. heißt: „Tief erschüttert durch den verbrecherischen Anschlag eines Unseligen auf das kostbare Leben Eurer Exzellenz, sprechen wir unseren tiefsten Abscheu über dieses Verbrechen aus, durch welches Lestereich seines hevorragenden und aufopferungsvollen Führers beraubt werden sollte. Nach den heute vorliegenden Meldungen scheint die frohe Zuversicht berechtigt, daß das kostbare Leben und mit ihm die unermüdliche Tatkraft. die hingebungsvolle Arbeit Eurer Exzellenz für die Wiederaufrichtung des Staates uns erhalten bleiben werde. Wir bitten den Allmächtigen, daß er das kostbare Leben Eurer Exzellenz auch weiterhin in seinen Schutz nehme, daß Ihre Gesundung eine rasche und vollständige sei und daß Eurer Exzellenz auf solche Weise ermöglicht sei, das so verheißungsvoll begonnene Werk der Wiederaufrichtung des Staates und all seiner schaffenden Kräfte erfolgreich zu Ende zu führen." Werbt neue Mitglieder! Auto-Reparatur An- und Verkauf von Personen- und Lastkraftwagen. Schnellste, sorgfältigste Bedienung. Billigste Berechnung Ammon & Co., Gräfestr. 55, »pMtss ©er Jüdische Sprechsaal. leben und lehre. i. Au die deutsche« liberale« Jude«! Flammenden Aufruf läßt Heinrich Stern an die deutschen Rabbiner ergehen: Er fordert sie auf, ihre Kollegen zu einem Synhedrion zusammenzurufeu. damit durch grundlegende Abänderung des im Schulchan aruch kodifizierten religiösen Rechts Leben und Lehre wieder zur Einheit werde! „Ich rufe die deutschen Rabbiner auf. sich ihres FührertumS bewußt zu werden." Nicht vom historischen Standpunkte aus fei der Aufruf beleuchtet. Es sei nur daran erinnert, daß das heute lebende Geschlecht innerhalb der jüdischen Gesamtheit einen ganz geringen Bruchteil auSmacht. der unbeschadet seines Rechts auf individuelle Gestaltung feines jüdischen Lehens der Vergangenheit und der Zukunft verantwortlich ist. Das Judentum weist in der Geschichte einen scharf ausgeprägten Charakter auf. und solange der Liberalismus jüdisch sein und bleiben will, kann er grundlegende Aenderungen nur dann vornehmen, wenn sie nicht den Ideen jüdischer Lehre und der großen Richtung jüdischer Geschichte widersprechen! Nicht vom ethischen Standpunkte aus sei der Aufruf beleuchtet! Es sei nur darauf hingewiesen, baß alle Religion erziehen will, und daß im Mittelpunkte aller Religion der sittliche Opfergedanke steht. Aufgabe der Lehre kann es lediglich sein, dem Leben Richtung zu geben und es zu veredeln. Die Religion verlangt, daß der Jude seinem Leben Opfer auferlege, um die Lehre erfüllen zu können. Wohl ändert sich die Form der Lehre mit dem Wandel der Zeiten, stets aber bleibt die Lehre dem Leben übergeordnet, und ein Korppromiß zwischen ihnen ist im Judentum wie in jeder Religion undenkbar, weil es die Religion von der reinen Höhe in die Welt vergänglicher Politik hinavstoßen würde. Ausführlicher und tiefer wird später in Ruhe von diesen Fragen zu sprechen sein. Heute sei, um die Möglichkeit einer Verständigung zu erreichen, der Aufruf an die Rabbiner mit einigen Fragen und einem Aufruf an die deutschen liberalen Juden beantwortet! Erkennt Ihr Eure liberalen Rabbiner wirklich als Eure Führer an? Sind eS nicht die von Euch erwählten Leiter der großen liberalen Gemeinden. Sie sich am heftigsten gegen jede Führerstellung der Rabbiner wehren? Wer schürt auch heute noch den Kampf dagegen, daß der Rabbiner auch nur dem Vorstande einer Gemeinde angehöre? Warum kamen in der Berliner Repräsentantenversammlung, die ja Heinrich Stern leitet, die angeblichen Führer — die aus der wichtigsten Instanz in der Gemeinde ausgeschlossen sind — nicht zu Worte, als es sich jüngst beispielsweise um die religiöse Frage der Feuerbestattung handelte? Wo „führt" denn der liberale Rabbiner? Die Synagoge ist spärlich besucht, am Vereinsleben beteiligen sich die liberalen Juden nur in sehr schwachem Maße, jüdische Zeitungen und jüdische Bücher sind im liberalen Hause nur selten zu finden. Wo hat der liberale Rabbiner also die Möglichkeit, seine Führertalente zu entwickeln? Hab n Eure .1 iFe^ter^fer auf Eure Unterstützung zu rechnen, wenn sie sich im Geiste des Sternschen Aufrufs betätigen? Vestigia terrent! Haben nicht die „Richtlinien" einer liberalen Lebensführung Grundlage und Gestaltung zu geben versucht? Und was geschah? Innerlich hat die Pos euer Versammlung jede Verbindlichkeit der Richtlinien, des Werkes der „Führer", bestritten und äußerlich haben liberale Gemeinden zu verschiedenen Malen die Berufung von liberalen Rabbinern abgelehnt, weil sie — die Richtlinien unterschrieben hatten! Für wen wollen wir eigentlich etwas ändern, wenn fast jeder liberale Jude seinen Liberalismus darin erblickt, daß er tut, was ihm paßt? Urteilt Ihr aus dem Geiste und Willen heraus, wie Eure liberalen R abbiner? Sie denken „judäozentrisch". Für sie ist lediglich das jüdische Interesse maßgebend, und ihre Kritik des Ueberlieferten geht lediglich von dem Gedanken aus, ob es die Zukunft des Judentums und den Bestand der Judenheit zu sichern imstande ist. Forderungen der Politik. Ideen des TageS gelten dem Rabbiner nichts. Stehen sie im Streite mit den Interessen des Judentums, so muß er sich für diese, für das Ewige gegenüber dem Zeitlichen entscheiden. Denkt auch jeder von Euch, der seinen Einfluß auf die Gestaltung der religiösen Bräuche auSüben will, genau so? Oder spielt nicht vielleicht doch Rücksicht auf die Bequemlichkeit nicht minder eine Rolle wie der Vergleich mit anderen Religionen und der Einfluß von irgendwelchen philosophischen oder naturwissenschaftlichen Meinungen der Kulturwelt? Spielt nicht in der Geschichte des^LiberalismuS das „Ausgleichen" des Judentums mit den gerade herrschenden Tagesanschauungen eine gewaltige Rolle? Auch ich rufe auf! Verlangt nur dann Aenderungen und Neueinrichtungen, wenn Ihr gewillt seid, sie in unverbrüchlicher Treue selber zu halten! Stellt keine Forderungen auf. die dem Seelenheile anderer Leute dienen wollen! Ein alter, weiser Mann antwortete mir. als ich vor zwei Jahrzehnten von der Abschaffung des zweiten Feiertages sprach: „Sorgen Sie dafür, daß alle liberalen Juden den ersten Feiertag halten, dann will ich es schon durchsetzen, daß sie den zweiten nicht feiern." Aus des Scherzes Wort klingt unendlicher Ernst! Seid Euch Eurer Verantwortung und der Pflicht. Opfer zu bringen, eingedenk! Stellt Euch hinter Eure Rabbiner, die Ihr Eure Führer nennt! Arbeitet mit ihnen! Füllet das Gotteshaus! Kommt in den jüdischen Verein, tragt das religiöse Leben in Euer Haus. betet mit Euren Kindern aus dem liberalen Gebetbuch Morgens, mittags und abends! Beweist Euer Verständnis für jüdisches Wesen, indem Ihr Euch zur Belehrung drängt! Der Aufruf ist kurz, aber inhaltsreich! Auf der letzten liberalen Rabbinerversammlung in Breslau sprach ein Vorkämpfer deS liberalen Gedankens, ein Rabbiner, der fein ganzes Leben der Idee gewidmet hat. daS zum Nachdenken anregende Wort aus. daß eS keine liberalen Juden, sondern nur liberale Rabbiner gäbe! Im Unmut oder in grimmer Selbstverspottung hat er natürlich stark übertrieben. Aber steckt nicht ein Körnchen bitterer Wahrheit in dem Worte? Und besonders rufe ich dem kleinen Kretse um Heinrich Stern, der für seine Person gewiß ein wirklicher Liberaler ist. ein religiöser Mann, ein aufrechter, opferbereiter Jude, die Losung zu. die allein den Weg zur fruchtbaren Arbeit weist: Sorgt dafür. daß die liberal sich nennenden Juden un» wirklich folgen, dann wollen wir führen! Gemeinderabbtner Dr. Felix Goldman«. Leipzig. Gin Wort der Zustimmung zu dem Aufruf „Au die dentfche» Rabbiner" des Herrn Rechtsanwalt H. Ster«. Damit dieser Ausruf nicht ganz verhallt in den Reihen derer, an die er gerichtet, möchte ein jüngerer Kollege hierzu das Wort ergreifen und so vielleicht doch die Diskussion Über diesen wichtigen Punkt eröffnen. Was Stern mit seinem Aufruf will, wollte die Bereinigung liberaler Rabbiner mit ihren Richtlinien. Auch dieser Aufruf wird wie alle früheren Beschlüsse versanden und zu keinem Resultat führen. Und doch wäre vom Standpunkt der Thora und des Talmuds genügend Grundlage gegeben, in manchen Vorschriften nnd Gebräuchen Erleichterung zu verschaffen. Die schwerwiegendsten Fragen in den Gesetzen der Eheschließung, 'Schwagerehe. müßten einmal von Koryphäen der talmudischen Wissenschaft erneut geprüft werben und auch hier T e k u n o s getroffen werden, die für jedem Rabbiner verpflichtende Kraft haben müssen. Wir müssen einmal weiterschreiten dürfen und dürfen nicht feige Bogelstraußpolttik treiben, ohne dabei an die Seelennöte und an die lächerlich wirkenden Erschwerungen zu denken, die wir uns selbst auferlegen und die keineswegs im Sinne des Gesetzgebergelegen waren. Selbst die Strengsten unter der Orthodoxie haben sich von manchen Bestimmungen der Vorschriften des Schulchan aruck freigemacht, die im Privatleben, im Haufe, in Handel und Wandel zu beachten wären, während kleinliche. an der Oberfläche liegende Bestimmungen aufstrengste gehalten werden. Wie denkt man über einen Rabbiner, der sich unterstehen würde, am Feiertag W fahren, um einigen Gemeinden seines Bezirkes einen Feiertagsgottesdienst geben zu können? Was könnte ein Bezirksrabbiner seinen Bezirksgemeinden sein, wenn er am ersten und zweiten Taa der Jomimtowim abwechselnd in seinen Gemeinden das Wort Gottes verkünden könnte? Ja wir Rabbiner liberaler Richtung selbst haben nicht den Mut, hier aufrichtig und frei unsere Anschauungen durch die Tat zu bekennen, weil diejenigen Gemeinbemitglieber, die selbst unserer Anschauung sind, es nicht haben wollen, baß der Rabbiner auch seiner Anschauung entsprechend lebt und handelt. Es ist mir jedesmal ein schwerer Seelenkampf, einem Brautpaar, das in wahrhafter Liebe und gegenseitiger Wertschätzung das Andenken des verstorbenen Bruders bzw. Gatten ehren und das Erbe desselben weiter pflegen, ja. dem Kinde ein wirkliches Elternpaar sein will, die religiöse Trauung zu versagen, und anderen Brautpaaren, wo man fast sagen kann, -atz die Ehe eine unglückliche sein wird, den religiösen Segen zu erteilen. Solche Episoden rm Amtsleben machen das Amt besonders schwer und bringen Gewiffensqualen mit sich. Warum haben wir nicht den Mut. über diese, nach meiner Meinung unreligiösenBestimmungen hinauszuwachsen und unserer inneren Stimme zu gehorchen? „ , Deshalb. Kollegen aller Richtungen, tut Euch zusammen, höret auf die Stimme der Laien, die solche Taten von unS verlangen, und auf die Stimmen der Kollegen, die Wabrbeit wollen im Leben und Handeln, in Lehre und Leben. Smen wir wirklich die Führer unserer Gemeinde und gebew'Mr ihnen die Achtung und Wertschätzung der jüdischen und Meister in Israel wieder. Straßburger-Ultn. Ueber die Besdineidung. i. Während daS liberale Judentum als Folge der Krieg»- zeit beginnt sich zu verinnerlichen, seine Bekenner, die nach Religion dürsten, enger um sich versammelt und bestrebt ist, das Religiöse in den Vordergrund zu stellen, ist zur Unzeit die Frage der Beschneidung zur Diskussion gestellt worden, die in jeder Beziehung nur geeignet ist, Verwirrung in den Reihen der Gläubigen hervorzucufen und eine Institution in Mißkredit zu bringen, die als eine Grundsäule deS Judentums anzusprechen ist, und die seit Jahrtausenden daS Stigma der Judenheit war. Wie soll nach den Ausführungen deS Herrn Dr. Alfred Karo, Charlottenburg, ein jüdischer Batrr noch den Mut haben, sein Kind der Beschneidung zuzuführen. wenn er aus den Zeilen des Dr. Karo nur erfahren kann, daß die Operation lebensgefährlich ist. So sei es mir, der seit vielen Jahren als Mohel in Magdeburg und Umgebung tätig ist, gestattet, zunächst einmal auf Dr. Karos Beweismaterial einzugehen. Es hat gar keinen Zweck, nachzuforschen, ob die Beschneidung nur eine hygienische oder eine religiöse Grundlage oder alles beides hat. — Tatsache ist, daß sie als heiligster Brauch bei den Juden zu allen Zeiten angesprochen wurde, und baß sie sich trotz aller veränderten Zeitläufe, ob in der neuen oder alten Welt, selbst bet liberalster Einstellung gehalten hat und auch heute noch von Eltern, die nur sehr lose mit dem Judentum zusammenhängen, jederzeit, mit ganz geringen Ausnahmen, vorgenommen wird. Im großen und ganzen wird sie heute noch so ausgrführt. wie in vergangener Zeit, nur daß zunächst die Mezizah (Absaugung des Blutes) als gesundheitsschädigend bei uns voll, ständig verschwunden ist und, um den Eltern die menschenmöglichste Sicherheit für das Leben ihres Kindes zu geben, dte modernsten Errungenschaften der Operationstechnik angewendet werden. Es ist natürlich notwendig, daß in Zukunft nicht mehr Laien, und mögen sie auch noch so geschickt sein, die Operation vornehmen; sie ist das ausschließlichste Gebiet modern ausgebildeter Aerzte, die in dieser Spezial-Operation vollkommen firm sein müssen und in der Lage sind, alle evtl, entstehenden Komplikationen mit Leichtigkeit zu lösen. Der Arzt nimmt diese Operation, die vielleicht den Bruchteil einer Minute dauern darf, wie jede Operation im Operationsmantel vor, seine Instrumente, seine Hände sind sachgemäß desinfiziert, und die Familienmitglieder haben sich, wie daS meist von selbst geschieht, in respektvoller Entfernung zu halten. Wie gesagt, dauert die Operation, die in Circumcision des Präpuz nach Anlegung des Barsels als erster Akt besteht und in Spaltung der inneren Lamelle mit einer Schere evtl, unter Führung einer Sonde als zweiter Akt, nur einen Moment bei eine geübten Hand, der Blutverlust ist meist minimal. Sofort wird hierauf die Wunde mit steriler Gaze belegt und mit der Windel, auf der da» Kind während der Operation gelegen hat, wir deS ganze Operationsfeld eingehüllt. Nachdem nun die rituelle« Vorschriften, gu» Namensnennung und Segen über de» Wein erledigt sind, was auch nur kurze Zeit in Anspruch nimmt, lasse ich sofort das Kind in ein Nebenzimmer bringen, wo ich kunstgerecht die gesetzten Wunden, speziell die der inneren Lamelle, mit feinsten Catgut vernähe, um jede Nachblutung

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