Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 4 (1924)
- Issue
- 19 (20.6.1924)
- Date
- 1924-06-20
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Neben zur BerHerrKchmrg ihres kulturell überlegenen PartvistandMNktes waren, öaß sie sich lediglich an ihre Parteigenossen wendeten.^ also Parteiversammlungsreden hielten. Es kommt aber darauf an. Gegner m überzeugen, ihnen da- Irrige, daS Unsittliche, daS Gefährliche ihres Standpunktes vor Augen zu führen. Nicht aber darauf sie scharf anzugreifen, sie zu provozieren. Die Arbeiterparteien haben eS freilich auch «seit leichter, den Antisemitismus ab zu lehn en. als die Vertreter von Mittelstands- oder Beamteuintereffen. Sie empfinden de« Wettbewerb jüdischer Arbeiter nicht. Macht doch Äe ganze jüdische Bevölkerung Deutschlands noch nicht 046 Prozent au-. UebrigenS haben sich im Wahlkampf in Thüringen selbst die Sozialdemokraten und Kommunisten dazu hin reihen lallen, den demokratischen Pros. Dr. Rosenthal stündta als «den Juden Rosen thal" auzugrotfen. Regelmäßig kehrt bei den Antisemiten die Behauptung wieder, der Sozialismus und Kommunismus sei ein« Mische Erfindung. Der Jude Karl Marx sei eben der Vater -eS Marxismus. Demgegenüber ist der Nachweis leicht, daß sozialistische Jöeengänge uralt seien. Der neapolitanische Münch Campanella hat sie Jahrhunderte vor der Reformation in seinem ^Lorwenf-aat" in ein Softem gebracht. Bor und nach dieser sind sie in de» Vanernkri-e-en aufgetaucht. Besonders umfangreich haben französische Sozialisten sie vor und nach der großen Revolution propagiert. Karl Marx hat Liese Ideen in die Normen Hegelscher Philosophie gegossen und sie dadurch für die breiten Manen, die sein grundlegendes Werk: „Das Kapital" jedenfalls nicht verstehen, sicher nicht gerade zugänglicher gemacht. Auzugeben ist dagegen, daß in Rußland. Polen. Deutschland der Anteil der Juden an den revolutionären bzw. am weitesten links stehenden Parteien ein besonders großer ist. Aber da-ist -och wieder nur ein« Folge der Entrechtung und gesellschaftlichen Zurücksetzung der Juden in diesen Lärchern. In England, wo man eine solche nicht kennt, konnte ein bisraelj Führer der Tories und -eS englischen Neo-Jmperialismus werden. In Deutschland wurde die deutschnationale Abgeordnete Irl. Merke von der eigenen Partes zum Rücktritt genötigt, nur well ihr« Vkrtter Jüdin gewesen war. Gebt den Juden volle ~ auch gesellschaftliche — Gleichberechtigung und Ihr werbet sie «auch in den Reihen der Rocht«» finden, rufe ich den Antisemiten gegenüber solchem Einwanb stets zu. Hat doch den alten preußischen KoWer-> vativen der ehemalige Jude Stahl, früher Schlesinger, die wissenschaftliche Begründung ihres Programmgegeben. Gegen Jrrtümer und Lügen hilft nur die lndeuschgfts- Lase Widerlegung. „Di« Wahrheit wird Euch freimachen sagt die Schrift. Gegen eine unsittliche Boweauna hilft nur gesteigerte Sittlichkeit und Appell an die sittlichen Regungen im Menschen. In dem furchtbaren Elend, das der unglückliche Krieg und der Betrug von Versailles über dadeutsche Volk heraufbeschworen haben, findet der Antisemitismus seinen fruchtbarsten Nährboden. Hoffen wir, daß wir Las Schwerste diese- Elends hinter uns haben! Daß die Welt rnit der wachsenden Erkenntnis des vom deutschen Volk begangenen Verbrechens und mit der Einsicht, daß ihr eigenstes Intereffe seine Erhaltung alS Kulturvolk erfordert. dieser Nährboden allmählich verschwindet. Dann wird der aufklärende und di« Sittlichkeit erstrebende Kampf gegen den Antisemitismus bessere Erfolge zeitigen. Auch für unS gilt das Wort degroßen Dichter- und Menschen Emile La vsrite est en marche et r|en ne l’arrfttera. Die Philosophie der Bibel. Am 22. Juni jährt fick zum erste« Mal der Todestag mrsereS Meisters Benziou Kellermauu. Immer und immer wieder habe« wir im Laufe dieses Jahres de« «otze« Verlust, de« daS liberale Judentum durch fei» Scheide« erlitten hat. schmerzlich «erspüre« mAsien. Sine Führernatur, wie sie im deutkche» Judentum ganz selten ist, hat er leider wahrend seines Lehens nicht die ihm gebührende Anerkennung gesunde«. Um seine Bedeutung unsere» Lesern nochmals ins Gedächtnis z« rufen, veröffentlichen wir ans dem literarischen Nachlaß des unermitdlich Schassende» das folgende Fragment, das gegen Ende deS Jahres 1917 «ieoergejchriebett und das nnS nun von feiner Gattin, Fra« Thekla Kellermauu, auf unseren Wunsch in liebenswürdiger Weise zur Verfügung gestellt wurde. * * Der Begnsf der Philosophie im Sinne ihrer klassischen Vertreter charakterisiert sich als die Ableitung aller kulturellen Schöpfungen aus einem letzten und obersten Prinzip des Denkens. Soll also die Bibel eine Urkunde philosophischer Betrachtung sein, so muß sie zwei Forderungen erfüllen: Sie muß erstens den gesamten Inhalt der Kultur restlos Larstellen, sie muß z w e i t e n - ein gedankliches Moment aufzeigen, dessen Aufgabe in der dauernden Erzeugung -er Kultur ihr Wesen bekundet. Für beide Voraussetzungen scheint eS jedoch in der Bibel an der erforderlichen Unterlage zu fehlen: Weder kann Sei ihr von einer erschöpfenden Darbietung -er Kultur gesprochen werden, noch läßt sich tu ihr ein bestimmtes Denkmvtiv ermitteln. das man als den erzeugenden Ursprung der Kultur betrachten könnte. Gewiß ist es richtig, daß die biblischen Autoren Las gesamte Sein in den Kreis ihrer religiösen Reflexionen einbeziehen: aber diese- Sein ist nicht Las Sein der Kultur, soweit man darunter Dokumente selbstzeugender Geisteskraft versteht, sondern jenes Sein, wie es dem naiv, denkenden Betrachter als eine selbstherrliche und ak^eschloffene Welt entgegentritt, ohne daß rs dem menschlichen Geist gegeben wäre, diesem Sein das Siegel -er Vernunft im Sinne eines erzeugenden Ursprungs aufzuprägen. Denn die Tatsache, derzufolge der Kosmos als das Werk Gottes erscheint, beweist mit unangreifbarer Sicherheit die Unabhängigkeit des Seins von der Funktion der menschlichen Vernunft. Damit ist auch bereits die -weite Forderung, die sich in dem Erweise der gesamten Kultur als eines Erzeugnisses des Denkens deklarieren soll, im negativen Sinne entschieden. Wie kann dann von einer Philosophie der Bibel die Rede sein? Für die Beantwortung dieser Frage wird es darauf ankommen. den Nachweis »u erbringen, baß in den biblischen Schriften Begriffe zutage treten, die bis zu einem besttmmten Grade den methodischen Zusammenhang zwischen Gott und Vernunft und ebenso den zwischen Schöpfungswerk und Kultur ermöglichen. Enthält die Bibel derartige Begriffe, die als logische Vorbereitungsinstcnzen für -en Aufbau jener Korrelatton zwischen Vernunft und Kultur, zwischen Einhett und Vielheit, zwischen Denken und Sein nicht nur in der Totalität -es Kosmos, sondern auch in jedem kosmischen Einzelgebilde figurieren, so darf eS als unbestritten gelten, -atz die Mbel als eine.Urkunde philosophischer Spekulation mit Fug und Recht betrachtet «erden kann. Bevor wir jedoch an die Normierung solcher Begriffe in -er Bibel heranschreiten, wollen wir nicht versäumen, Hltrauf anfmeAam zu machen, m die Mbel selbst an verschiedenen Stellen dre exegetische Berechtigung unserer Jnterpretattonsmethoöe stützt: Wiederholt setzt sie die in jedem Menschen wurzelnde sittliche Vernunft der göttlichen Offenbarung gleich. Generell läßt sich diese Behauptung dadurch erweisen, daß alle Propheten in ihren Strafreden an das Gewissen des Volkes appellieren, als wollten sie das allgemeine Augenmerk auf etwas Bekanntes und Selbstverständliches in ihren Forderungen richten. Geradezu mustergülttg in dieser Beziehung ist da- Verfahren Nathans, als er David üb-r sein Verhalten gegenüber Uria zur unerbittlichen Selbstverurteilung zwingt. Psychologisch gesehen, ergibt sich hier eine auffallende Aehnltchkeit mit dem Platonischen Begriff der Wieder erinnern ug. Auch dieser Begriff besagt nichts anderes als eine Berufung auf den überindividuellen Grundbestand des sittlichen Bewußtseins, der als das Daimonion, b. h. als der Gottesgeist in dem Herzen eines jeden Einzelmenschen schlummert, um vor und nach jeder Handlung ermahnend und strafend eine Förderung dekulturellen Gesamtgeistes zu erwirken. In klassischer Vollendung findet sich dieser Gedanke der Identität von Gottesgeist und sittlicher Vernunft bei I e r e m i a und E z e ch i e l, die beide in dem I n n e r n des Menschen den unversiegbaren Born aller Bernunftweißheit. d. h. aller Sittlichkeit erblicken.*) Indessen kommt es für unsere Darstellung weit weniger auf die biographische Beglaubigung als auf die wertlogische Geltung der Zentralvogriffe an. Da aber zeigt sich sofort, daß der dominierende Begriff der Bibel, die Gottesidee. eine solche überragende Bedeutung in ihrer logischen und ethischen Bestimmtheit gegenüber allen anderen Gedanken ■*) Bgl. hierzu Sellin: Der alttestamentliche Prophetismus S. 71 und 73. gewinnt, wie dies nur in einem begrifflichen Systeme möglich ist. bei welchem aueinem Urprin-w alle übrigen Relationen gleichsam automatisch herporwachsen. Bei dieser Annahme ist es auch völlig einerlei, ob diese Begriffe einer intuitiven Bision oder einem rational verfahrenden Spekulieren ihre Entstehung verdanken. Denn hier heißt nicht die Frage: Ans welche Psychologischen oder wissenschaftlichen Voraussetzungen stützt sich die biblische Begriffswelt, sondern welche ethischen und logischen Funktionen formuliert sie zur Verwirklichung ihres eigenen Selbst? Stellt es sich dann heraus, daß sich die so bezeichneten Funktionen mit jenen decken, die in reiner Philosophie deduktiv entworfen und begründet werden, so kann es keinem Zweifel unterliegen, daß bei einer solchen Identität der biblischen Ideen mit den philosophischen die biblischen selbst als philosophisch berechtigte Postulats anzusvrechen sind. Läßt sich nun in bezug ans den G o t t e s b e g r i s f eine solche Jtzssntität zwischen Bibel und erfenntmskritischem Denken ermitteln, kraft dessen mir das Recht erhielten, vou einer Philosophie der Bibel zu sprechen? Welche Roll« spielt -ex Gottesbegriff in der Philosophie? Welche Funktionen erfüllt er in der biblischen Religion? Die Notwendigkeit des Gottesbegriffs in der Philosophie ergibt sich aus folgender Erwägung: In zwei diametral entgegengesetzten Richtungen verlänft der Prozeß der kosmischen Entwicklung: in einer kausalen und in einer ethischteleologischen. Die kausale Dimension sagt uns. wie die Dinge sind, die ethischteleölogische, wie die Dinge sein »olle n. Die kausale Denkweise reflektiert auf das S e i n. die ethische aus das Nichtsein. Wie soll zwischen solchen Gegensätzen vermittelt werden? Die Antwort kann nur darin gefunden werden, daß einerseits das Nichtsein der Ethik zu einem Nochnichtsein relativiert wird, während andererseits das Sein -er Natur als ein Nichtmehr - sein gegenüber dem Sollen der Ethik den Charakter einer absoluten Gegeninstanz preisgibt. Demgemäß bedeutet -er Begriff des Sollendie ewige Zukunft, der Begriff des Seins die ewige Vergangenheit. Da nun die Zukunft im Sinne Cohens die Mutter der Vergangenheit bildet — angesichts des Nochnicht taucht das Nicht mehr auf — so wird dir Natzrc der Ethik nachgeordnet. und in dieser Vorzugsstellung der Ethik gegenüber der Natur, in diesem konstanten Rangverhältnis zwischen Natur und Ethik erhält der Gotteshegrisf seine funktionale Bedeutung. Der Gottesbegriff der Philosophie hat mithin die Aufgabe übernommen, in jedem Momente weltgeschichtlicher Entwicklung die Sorrue rrität der Ethik gegenüber der Natur siWec zu st e l le n. Niemals darf ein r e st l o s e r Ausgleich zwischen Sollen und Sein als zu Recht bestehend anerkannt werden, nur die Annäherung a» die ethische Vollendung, nicht die Vollendung selbst, kann als möglich gelten. Wird jedoch diese Grenzlinie zwischen Sollen und Sein auch nur ein einziges Mal verwischt und damit die Natur an kulturellem Geltungswert der Ethik gleichgestellt, so ist der Erpigkeitscharakter des Sollens verletzt und aller sittliche Fortschritt illusionär geworden. Daher hat Cohen in lapidarer Stilform das Wort geprägt: Die Transzendenz Gottes ist die tief sie Sicherung der Immanenz der menschlichen Sittlichkeit. Die Voraussetzung dieser These ist freilich der Nachweis, daß Gott als der Inbegriff aller sittlichen Vollkommenheit gewettet wird. Soll also der biblische Gottesbegriff die gleichen Funktionen erfüllen wie der philosophische, so hat die Bibel auf folgende Fragen zu antworten : E r st e n s : Ist der biblische Gottesbegriff transzendent? Zweitens: Ist der biblische Gottesbegriff ethisch? Drittens: Ist die biblische Ethik mit der philosophischen identisch? WaS nun den Transzendenzcharakter des biblischen Gottesbegriffs anbelangt, so erhellt dieser aus einer solchen Fülle von Sätzen, daß es des Rahmen dieser Untersuchung sprengen müßte, wollten wir all die in Betracht kommenden Stellen der Reihe nach anführen. Andererseits darf nicht bestritten werden, daß an vielen Stellen auch einer immanenten GotteSauffaffung entsprochen wird. Will man also in dieser Frage zu einer klaren Einsicht Vordringen, so muß besonders die Grundenschauung befragt werben, die den biblischen Kerngehalt durchzieht. Diese Grundtendenz kann in zwei Momenten erblickt werden: In der S ch ö v f u n a unt in der Offenbarung. Das gedankliche Motiv in der Schöpfung besteht zweisel? los darin, daß mit der Erzeugung der Welt durch Gott üeffe» absolute Souveränität gegenüber dem gesamten Kosmos begründet und stchergestellt wird. Wenn Gott die Welt erschaffen hat. so steht er jenseits der Welt — ^«tva TfK oLKjto«; würbe Plato sagen — um jedwede Identität zwischen sich und seinen Gebilden alimine abzulehnen. Weil aber in dem Begriff der Schövfung nur die absolute Unabhängigkeit Gottes von der Welt behauptet wird, wäre es auch völlig verfehlt, zwischen Gott und Welt daS Verhältnis von Ursache und Wirkung walten zu lassen. Würbe men sich hierzu verstehen, so müßte man zweifellos jener Sohenschen Aeußerung Rechnung tragen, daß dem Monotheismus der PanthdtSmus im Blute stecke. Denn in der Tat wäre dann Gott als der Urheber des gesamten Kosmos auch in jedem einzelnen Schöpfungsgebilde verkörpert, zumal dann auch die Materie mit all ihre« Erscheinungsformen in Gott ihre wirkende Ursache zu erkennen hätte. Ferner müßten dann auch dt« Formen der Sinnlichkeit. Raum und Zeit, als außerhalb der göttlichen Jurisdiktion stehenbezeichnet werden, da ja diese Formen erst jene logische Ebene bilden, auf die Gott und Welt projiziert «erden müffen, um als Objekte eines KausalverSält-- ntsies zu figurieren. Denn wo diese Voraussetzung fehlt, wo Raum und Zeit nicht jene gemeinschaftliche Ebene darstellen. kann wenigstenim Ginne Kanttfcher Erkenntniskritik die Kategorie der Kausalität prinzipiell nicht zur Entfaltung gelangen. Damit soll keineswegs gesagt sein, -atz die Bibel den Transzendensvegriff in feiner logischen Reinheit erfaßt hat. Gerade -te Tatsache, baß die Mbel Gott in anthropomora-mythologischer Art handelnd auftreten läßt, spricht gegen eine solche Interpretation. Aber trotz dieser Analogie zwischen menschlichem und göttlichem Wirken bebt sich der Unterschied in beiden Funktionen deutlich von einander ab; denn der bloße göttlich« Befehl entscheidet für Lte Entstehung kosmischer Gebilde: ,Ja. er befahl und >rs stand &a." Hier liegt ein Plus an Machtfülle. Las in seiner Unterscheidung vom menschlichen Schaffen als unvergleichlich und deshalb als transzendent bezeichnet werden mutz. So ist auch hier die Einzigkeit der Funktion das negative Kriterium für die göttliche Transzendenz, während das positive Wie dieser funktionalen Entfaltung für die philosophische Reflexion ohne alle Bedeutung bleibt. Besonders klar ergibt sich das Recht einer solchen philosophischen Betrachtung aus dem Vergleiche zwischen der biblischen Schöpfungsgeschichte und dem ihr alS Vorlage dienenden babylonischen Parallelbericht. Alle mythologischen Gedanken, die hier mit der Schöpfung als unablüSbare Merkmale verbunden sind, kommen bei dem biblischen Erzähler in Wegfall und machen so einer Nüchternheit Raum, die fast wie eine gewaltsame Umstellung aller Poesie am den trockenen Ton eines registrierenden Chronisten anmutet. Das W a s des Schöpfungswerks entspringt dem göttlichen Millen, das Wie der Erzeugung bleibt bas diskrete Geheimnis des Schöpfers. Somit wird die Kausalität alS solche gsnau so der Teleologie unterstellt wie alle Handlungen des Menschen einer zweckmäßig bestimmten Direktive ohne mit einer solchen Unterordnung des. Warum unter das Wozu jenes selbst in seiner absolut freien Entfaltung zu beeinflussen. ' . Wie also der Wille nur das transzendente, rncht daS immanente Ansich der menschlichen Handlung bildet, so ist auch in dem biblischen Schöpfungsberichte bei aller Abhängigkeit der kosmischen Gebilde von Gott die Entwicklung dieser Gebilde selbst einem Gesetze unterstellt, über dessen Wesen völliges Stillschweigen herrscht. Hier jedoch drängt sich eine andere Frage auf: Was für ein kultureller Effekt würde mit einer solch eruierten Souveränität Gottes gegenüber der Natur erzielt sein^wenn Gott selbst jeder funktionalen Bestimmung bar ist? Müßte nicht bei einem solchen Agnostizismus die völlig« Selbst- Herrlichkeit der Natur gleichwohl angenommen werden, selbst wenn sie ein Gebilde des göttlichen Schöpfers bedeutet? Oder gibt es doch noch ein Attribut, das Gott zugesprochen werden könnte, ohne sein Wesen ins Mystisch-Metaphysische zu verwandeln? Diese Frage bejaht die Bibel, sofern sie in dem Schöpfungswillen das ethische Moment zu einem integrierenden Elemente der göttlichen Schöpferkraft erhebt: Denn Krone und Zweck der Schöpfuna ist für Gott der Mensch, der im Ehenbilde Gottes erschaffen ist. Gilt aber für die Bibel die Gleichung Gott-Ethik, so ist mit der Souveränität Gottes gegenüber der Natur auch die absolute Souveränität der Ethik gegenüber der Logik klgrgestellt. und die Transzendenz Gottes ist gleichbedeutend mit der Transzendenz des G u t e n. Die Transzendenz des biblischen Gottes tritt aber noch deutlicher in jenen Theophanien zutage, die man als Offenbar«na zu bezeichnen pflegt. Es handelt sich also um jene Stellen der Schrift, in welchen Gott selbst den Inhalt seines Wesens knndgibt. Als solche Belege mögen die Erzählungen vom „brennenden Dornbüsche" und die von der „Gesetzgebung am Berge Sinai" in erster Reihe namhaft gemacht werden. Was die erste Erzählung anbelangt, so hat man von jeher (mit Dillmann) in dem Satze: Ich bin. der ich bin einen Ausdruck für „den in seinem Wesen unnennbaren und unerklärbaren" Gott gesehen, der einer näheren Besttmmung als der des Seins überhaupt deshalb ermangele, weil alle weiteren Bestimmungen nur von jenen Dingen abstrahiert sind, die als Gottes ureigenste Gebilde erscheinen. Demnach müßte jedes das Seinsattribut determinierende und übersteigende Moment die Absolutheit des göttlichen Seins ausschalten, weil diese im ausgesprochenen Gegensätze zum Sein jener Gebilde auftvitt, die nur in ihre» unendlichen Beziehungen zueinander ihr relatives Sern begründen und erhalten. Unter Berücksichtigung dieser Interpretation könnte schon jetzt das Losungswort der israelitischen Religion: Höre Israel, der Ewige, unser Gott, der Ewige ist einzig seine logische und ethische Rechtfertigung erhalten, sofern diese Eigenart des göttlichen EinzigseinS aus der absoluten Geltung des göttlichen Seins überhaupt als etwas Selbstverständliches hervorgeht. Daß man dann freilich den Begriff E ch o d nicht arithmetisch, wie Paul de Lagarde meint, sondern metaphysisch zu deuten hätte, bedarf keines weiteren Beweises. Gegen diese Auffassung hat man von seiten der modernen Bibelforschung auf die mangelnde philosophische Reife der damaligen Zeit hingewiesen, die sicher solchen Reflexionen nicht gewachsen war. Gleichwohl können sich die meisten Forscher der Erkenntnis nicht verschließen, daß sich in den fraglichen Worten eine hochentwickelte Geistesknltur zu erkennen gibt. Eduard Meyer (Die Israeliten und ihre Nachbarstämme) schreibt <6j: „Der Sinn -er Antwort ist. daß Gott, indem er scheinbar seinen Flamen nennt, tatsächlich der Frage ausweicht und zugleich seine volkstümliche Benennung Jahve des Eigennamencharakters entkleidet und in eine Aussage nmwandelt. die lediglich die Tatsache seiner Existenz enthält. Zugrunde liegt natürlich der uralte Glaube an die Zauberkraft des geheimnisvollen Namens der Gottheit: aber hier ist er bereits dahin gewandt, daß die Gottheit zwar eine scharf individuelle Persönlichkeit ist, daß aber ihr Wesen nicht, wie daS eines Menschen, in einem Eigennamen erfaßt werden kann, sondern daß das einzige, was von ihr auSgesagt werden kann, die Tatsache ihrer Existenz ist: ich bin. In dieser Auffassung zeigt sich der gewaltige Fortschritt des religiösen Denkens, der. gegenüber den naiveren und eben darum viel natürlicheren und poetisch weit höher stehenden Erzählungen des Jghoisten, dem Werk des Elohisten die Signatur gibt." Greßmann neigt freilich in seinem Buche: Mose und seine Zeit (851 der entgegengesetzten Ansicht zu. daß nämlich -Gott mit jener Bezeichnung seinen Namen tatsächlich genannt habe lvergl. Anm. 3): aber auch so sinket er in derAntwort einen Gedanken, der stark ans Metaphysisch-Transzendentale anklingt. „Die Antwort der Gottheit ist äußerst geistreich formuliert: scheinbar weicht Jahve seine« Namen aus. tatsächlich aber nennt ec ihn. Auch inhaltlich ist die Antwort sehr tief gedacht: Iahv; heißt „der, da ist", ,chaS (göttliche) Wcien" ober „der (göttliche) Name" schlechthin, — ein Name, der über alle Namen ist. so jauchzt das Herz deS Israeliten." (Schluß folgt.)