Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 4 (1924)
- Issue
- 19 (20.6.1924)
- Date
- 1924-06-20
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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auszuschli essen und jede 0nfcftloit, soweit es irgendwo glich ist, zu verhindern, und sehe mir das ttind noch einige Male am selben Tage zur Kontrolle an. Nach ca. drei Tagen sind sämtliche Wunden vernarbt, ja ich Habe sogar &e»t Eindruck, wenn man die innere Lamelle langsam und vorsichtig überstülpt, daß dann die Wunde noch schneller heilt, ohne daß die Eltern in Sorge sind um das Wohlergehen ihres Lieblings. So habe ich modern operiert, ohne dem Kinde Schaben zuzufügen, und die Eltern haben nicht das Bewußtsein „Die aus» primitivste Bräuche zurückgehende körperliche Zeichnung bei ihren Kindern vorgcnommen zu haben," sondern eine religiöse Pflicht erfüllt zu haben, die ihnen genau so Herzensbedürfnis ist, wie die Zehn Gebote, das Feiern unserer höchsten Festtage, die ihnen auch nicht nur „alte Gewohnheiten" sind. Und nun sei es mir gestattet, kritisch mich mit Herrn Dr. Alfred Karo auseinander zu setzen. Er erwähnt einen Fall i» seiner Familie, wo sein Kind, daS gesund und kräftig geboren war, am 8. Tage von einem Arzte beschnitten wurde. Am 10. Tage nach der Beschneidung bekam das Kind eine Wundrose. an der eS zwei Tage später verstarb. AlS Eingangspforte soll, obwohl an der Operationsstelle und deren Umgebung keinerlei Entzündung zu bemerken war, die ^erattonsrvunde mit Sicherheit nachgewiesen sein. Soweit Herr Dr. Karo. ES ist natürlich möglich, das von einem Schorf«, der noch auf der Wunde liegt — sogar nach 10 Tagen —, eine Infektion ausaeben kann, obgleich die Wunde dann noch immer hätte verbunden werden rönnen, bis eben jede FnfektionSmöglichkeit abgeschwächt ist. Und bas kann «an nicht nur, daS soll man auch tu«, «m jeder Eventualität vor-nbenge«. Indes spricht ia Karo von einer vollständig Stt vernarbten Wunde. Wer will aber des weiteren „mit tcherheit" gerade die OperationSwunde alS JnfekttouSkeim Nachweise« nach 10 Tagen, wo die Inkubationszeit für Wundrose drei Tage ist? Das ist sehr aennmt. Jedenfäll» ist es meiner Meiuug nach keineswegs sicher, denn er «wähnt in seinem Artikel auch nicht, wo die ersten Erscheinungen aufgetreten find, so daß das Bild schon ziemlich verwischt wird, auch wenn er sich auf die Zuziehung von Autoritäten beruft, die sich ja auch schon geirrt haben sollen. ES ist bekannt, baß hier und da Riffe an der Harnröhren- «ündung auftreten, ebensolche am After, auch kommen bei selbige» durch die Schärfe deS Urins oder Stuhlgangs bisweilen Entzündungen an der inneren Lendenhaut ober am Gesäß vor. — Wer will da behaupten, daß nicht vielleicht dort eine Eingangspforte für die Infektion zu suchen ist, wo ja bei einem kleinen Kinde trotz sorgfältigster Pflege an den genannten Stellen Entzündungen auftreten und durch einen unglücklichen Zufall Infektionen Hervorrufen können. Nein, Herr Dr. Karo, die Sache liegt doch nicht ganz so einfach, und ihre Behauptung, daß vor zehn Tagen eine Wundinfektion mit Wundrose am Tage der Beschneidung stattgefunden hat, ist sehr unwahrscheinlich für einen Arzt, der sich die Sache in Ruhe überlegt. Aber abgesehen davon — tch setze den Fall, daß nun wirklich einmal unter den Tausenden und Hunderttausenöen von Beschneidungen ein solcher Unglücksfall sich ereignet haben soll. Ist dann Herr Dr. Karo berechtigt, zu verallgemeinern, die Beschneidung, die die größte Anzahl unserer Glaubensgenoffen als eine heilige Pflicht betrachten, in Mißkredit zu bringen, vor allem aber durch solchen Artikel, durch den doch garntchts für den Wert der Beschneidung bewiesen ist, Zweifel und Angst in fromme Gemüter hineinzutragen? Weil wirklich einmal die Sache schlecht enden kann, deswegen die ganze Institution zu verdammen? Damit haben Sie, Herr Dr. Karo, dem Judentum keinen auten Dienst erwiesen: Feblschläg?, vereinzelt wie Sie ja selbst gestehen, und wie eS tausendfach das. Gegenteil zum Beispiel Dr. Leibholz beweist, sagen nichts gegen die Güte einer Sache. — Wie sollte bann noch eine Mutter ein Kind zur Welt bringen wollen, wenn sie in Angst und Schrecken vergeht in dem Gedanken, was sie alles bei der Entbindung erleben kann und welchen Zufälligkeiten sie ausgesetzt ist. Ich glaube im Vorstehenden nachgewiesen zu haben, daß e» eine übertriebene Furcht ist, wenn man an die Beschneidung nur mit Mißtrauen herangeht: ein geschickter Arzt als Operateur ist in der Lage, die Operation ohne irgendwelchen Schaden für das Kind vorzunehmen, wie ich auch fest versichern kann, daß angesehene Krankenhaus-Aerzte bei uns die Phimosen-Operation, die noch dazu unter viel ungünstigeren somatischen Verhältnissen vorgenommen wird, stets zum guten Ende geführt haben. Ich hatte eingangs meiner Betrachtung erwähnt, daß ich nicht gesonnen bin, eingehend über die hygienischen oder ethischen Gründe der alten Institution der Beschneidung zu sprechen, möchte aber zum Schluß doch noch bemerken, daß die Borteile ganz beträchtlich sind. Denn abgesehen davon, daß vielfach Stauung des Harns und Steinbilöung zwischen den Häuten, Entzündungen und Geschwürsbilöung in der ganzen Vorhaut beobachtet werden, vielfach daS Bettnässen der Kinder. Blasenreiz und Entstehung von Leistenbrüchen als Folge von angestrengtem Urinieren zustande kommt, sind auch die leicht eintretenden Einriffe der Vorhaut ansteckenden Krankheiten ausgesetzt, so daß dann die vorher schon erwähnte Phimosen-Operation in höherem Alter nur unter größten Schwierigkeiten oorgenommen werden muß. Wir brauchen nicht auf solche mißkreditierenden Stimmen wie die obengenannte zu hören, wir wollen nur auf das hören, was unsere großen Meister der Chirurgie, Billroth, Mikulicz u. a. uns gelehrt haben, die das segensreiche der Cireumeision in beredten Worten geschildert haben. Fm übrigen spricht die Tatsache, daß über 300 Millionen Menschen diese prophylaktische Operation pflegen, deutlich genug für deren Wichtigkeit. Dr. Julius Winter-Magdeburg. Wir haben diese Ausführungen Herrn Dr. Caro Dorgelegt, der hierzu folgendes bemerkt: Herr Dr. Winter macht es mir zwar sehr leicht, seine Ausführungen in tatsächlicher Hinsicht zu widerlegen, aber auf der anderen Seite durch seine persönlich-aggressive, fast aehässtge Art sehr schwer, den Ton ruhiger Sachlichkeit beizubehalten, dessen ich mich in meinem ersten Artikel befleißigt habe. Wenn Herr Dr. Winter sich warm für die Beschneiöung einfetzt, so ist das sein gutes Recht: ein anderer Standpunkt würbe bei einem Mohel unverständlich sei», denn sonst würden Gesinnung und Betätigung einander widersprechen: unbegreiflich ist es aber, daß ein Arzt einem Kollegen ohne jede Unterlage den Vorwurf nicht ganz einwandfreier Darstellung eines Krankheitsfalles macht, indem er bestreitet, daß die OperationSwunde die Eingangspforte der tödlichen Erkrankung gewesen ist. obwohl ich schreibe, daß dies mit Sicherheit nachgewiesen wurde. Herr Dr. Winter, wenn tch diese Tatsache mit absoluter Bestimmtheit feststelle, so halte ich es zum mindesten für sehr unvorsichtig von Ihnen, dies anzuzweifeln, nur weil der ursächliche Zusammenhang Ihnen unangenehm ist. Ich habe für meine Behauptung beffere Unterlagen als Sie und Herr Sanitätsrat Leibholz für die Ihrigen, daß Sie in der Lage sind, „alle evtl, entstehenden Komplikationen mit Leichtigkeit zu lösen" und „die Operation ohne jeden Schaden für das Kind vorzunehmen", bzw. daß „die Infektion sich bei unserer heutigen aseptischen Behandlung der Wunde mit Sicherheit vermeiden läßt." Sie beide haben zwar erfreulicherweise bisher keine Unglückssälle erlebt, können aber keine Gewähr dafür leisten, daß in Zukunft nicht auch in einem Ihrer Fälle die Beschneidung die nnseligen Folgen hat, wie ich sie erlebt habe und wie sie wahrscheinlich viel häufiger Vorkommen, als Ihnen und mir bekannt ist. Ich habe absichtlich den traurigen Fall nicht noch genauer geschildert, weil dies für die nichtärztlichen Leser m. E. unwesentlich ist und die Ausführungen unnötig verlängert hätte. Sie wünschen es aber, also: die ersten Erscheinungen der Wundrose traten dicht oberhalb des Gliedes auf, von einer „vollständig vernarbten Wunde" habe tch kein Wort geschrieben, sondern nur davon, daß — vor dem zehnten Tage nach der Beschneidung — keine Entzündungserscheinungen zu bemerken waren. Obwohl lehrbuchmäßig die Inkubationszeit für Erysipel 3 Tage beträgt, so ist damit nicht gesagt. daß diese nicht auch einmal länger sein kann, es gibt Fälle von sog. „ruhender Infektion" und von .Mrulenzsteigerung" zuerst wenig virulenter Keime: ich habe es auch offengelaffen, ob die Infektion bei der Beschneidung selbst ober später von der Wunde aus erfolgt ist, weil dies für die Beurteilung der Gefährlichkeit des Eingriffs gleichgültig ist: die Nachbehandlung habe ich übrigens selbstverständlich — aus wohl auch Ihnen begreiflichen Gründen — dem erfahrenen ärztlichen Mohel überlassen. Wenn nun 3 hervorragenbe Autoritäten — 2 Kinderärzte und 1 Chirurg, sämtlich Juden, die Namen stehen Ihnen iederzeit zur Verfügung — übereinstimmend erklärten, daß als Eingangspforte nur die Beschneibungswunde in Betracht kam, so dürfte das eigentlich — trotz Ihrer kühnen Einwänöe — genügen. Da aber f. Zt. mein Schwiegervater auch diesbezügliche Zweifel äußerte, weil auch er noch nie von solchen Unglücksfällen gehört hatte und ihm als Laien der ursächliche Zusammenhang dePalb schwer glaubhaft erschien, so ließ ich, seinem Wunsche nachkommend, von einem in ieder Hinsicht einwandfreien Fachmann tauch dessen Name steht Ihnen zur Verfügung) ein« Obduktion vornehmen. Diese ergab mit Sicherheit, daß die Infektion von der BeschneidnngSwunde ausgegangen war. Genügt Ihnen dieser Beweis, Herr Dr. Winter? Wenn in so offenkundigen Fällen, wie in dem von mir erlebten, der ursächliche Zusammenhang zwischen Beschneidung und unglücklichem Ausgana sogar von sachverständiger Seite bestritten wirb, dann kann man sich nicht wundern, daß die Gefahren der Beschneidung von all denen geleugnet werden, die diese Institution um keinen Preis — und fei es der von Menschenleben — in Mißkredit bringen wolle«, weil sie eben für sie ein .Lkührmichnichtan" bedeutet. Darauf ist es auch zurückzuführen, daß diese Unglücksfälle im allgemeinen nicht bekannt werden: sie kommen ja fast nur solchen Personen zur Kenntnis, denen Lei ihrer religiöse« Einstellung zu der Frage daran gelegen ist, den Zusammenhang zu vertuschen und den Grund für den unglücklichen Ausgana in etwas anderem zu suchen. Ich habe selbst letzt wieder von einem solchen Fall gehört, bei dem dies vermutlich zutriftt. Um so mehr bedauere ich, daß tch — wie schon in meinem ersten Artikel erwähnt — die mir im Laufe der Jahre bekanntgewordenen recht zahlreichen Todesfälle nach Beschneidung nicht im einzelnen ausgezeichnet habe. In den letzten Tagen haben mir wieder 4 zuverlässige Kollegen tauch deren Namen teile ich auf Wunsch mit) schwere Erkrankungs. und Todesfälle auS ihrer Praxis bzw. Familie mitgeteilt, es handelt sich um 1 Fall von tödlicher SepstS und 4 Fälle von schwerer Blutung. 3 darunter mit tödlichem Ausgana, ohne daß in einem der Fälle eine sog. Bluterkrankheit anzunehmen war. Ich mutz also sogar meinen Standpunkt bezügl. der Verblutungsgefahr revidieren. Daß die Beschneidung Vorteile in hygienischer Hinsicht bringen kann, soll nicht bestritten werden, nur ist es fraglich, ob diese so groß sind, daß sie die Möglichkeit einer auaenblicklichen Lebensgefährdung aufwiegen — ich lasse vorläufig alle religiösen Gesichtspunkte außer Betracht. Wäre dies nämlich der Fall, so wäre es m. E. unsere ärztliche Pflicht, auch die Ellern unserer ntchtjüdischen kleinen Patienten zu veranlassen zu suchen, die Beschneidung vornehmen zu lassen, und auch auf unsere christlichen Kollegen einzuwirken, dies auch bei ihren Pattenten zu tun. Wie aber schon in meinem ersten Artikel erwähnt, sind die Meinungen über den Wert der Beschneidung in hygienischer Hinsicht für unsere Breiten zum mindesten geteilte, und wenn Herr Dr. Winter als Kronzeugen für seinen Standpunkt Billroth und Mikulicz anführt, so mutz dem entgegengehalten werden, daß der bekannte Berliner Chirurg Hahn sich über die vielen Unglücksfälle beklagte, die er als Folgen der Beschneidung gesehen habe, und daß König in seinem Lehrbuch der speziellen Chirurgie über „die selbst bei gebildeten Juden vielfach geübte rituelle Beschneidung" folgendes schreibt: ,LLtr sahen in zwei Jahren drei Todesfälle nach der rituellen Beschneidung, 2 durch phlegmonöses Erysipel, einen durch Blutung. Eine große Anzahl ähnlicher Unalücksfälle wird sorgfältig verschwiegen. Wir halten es für die Pflicht jedes Arztes, gegen die rituelle Beschneidung in jedem Falle Einspruch zu erheben." Ich gebe zu, daß die Beschneidung damals im allgemeinen nach alter Vorschrift und nicht nach aseptischen Grundsätzen erfolgte, aber mein Fall und viele andere beweisen, daß die Ausführung durch einen modern auSgebildeten Arzt auch keine unbedingte Sicherheit gewährleistet. Wieviel größer ist aber die Gefahr, wenn der Eingriff durch einen nichtärztlichen Mohel vorgenommen wird, und in wie zahlreichen Fällen geschieht dies auch heute noch! Was nun die Ausführung der Operation betrifft, so entspricht allerdings die Methode deS Herrn Dr. Winter in ganz anderem Maße den Ansprüchen der Asepsis als die von mir geschilderte, die aber z. B. in Berlin vielfach oder hauptsächlich ausgeübt wird, denn nach meiner und anderer Erfahrung wird auch von ärztlichen Mohelim sehr oft ohne Operationsmantel operiert, die Familienmitglieder halten sich nicht in respektvoller Entfernung, im Gegenteil. eS gilt als besondere Ehre, das Kind zu „halten", die Absaugung deS Blutes ist durchaus noch nicht vollständig verschwunden, wenn sie auch meist nicht mehr mit dem Munde vorgenommen wird, die Wunde wird nicht immer vernäht. Es würde mich aufrichtig freuen, wenn die von Herrn Dr. Winter angewandte Methode die allgemein und allein übliche würde. Wenn dies der einzige Erfolg meines Artikels wäre, fo wäre er schon nicht umsonst geschrieben. Herr Dr. Winter bedauert, daß die Frage der Beschneidung zur Unzeit zur Diskussion gestellt worden ist: ich bin nicht schuld daran, tch habe — vielleicht zu lange — elf Jahre vor der Oeffentlichkeit geschwiegen, jetzt aber, provoziert durch die Aeußerungen deS Herr» SanitätSratL Letbholz, habe ich es für meine ärztliche Pflicht gehalten, die Legende von der absolutenUngefährlichkett d esEingriffs zu zerstören und offen auszusprechen, was ist. nämlich, daß trotz der verhältnismäßig seltenen Unglücksfälle die Gefahr nicht mit Sicherheit ausgeschlossen werben kann. Vielleicht würde eine Umfrage bei allen Aerzten — nicht nur bei den alS Mohel tätigen — und in den öffentlichen Krankenhäusern sowie eine ungeschminkte Beantwortung der Umfrage ergeben, daß die unerwünschten Ausgänge gar nicht so selten sind wie eS scheint, aber ich bezweifle, daß — auS den obenangedeuteten Gründen — eine solche Umfrage ein vollständig klares Bild ergeben würde: trotzdem würde ich sie tm Interesse der Klärung begrüßen. Ich muß jedenfalls bestreiten, daß ich durch meine Ausführungen dem Judentum keinen guten Dienst erwiesen •w um4 iuik v ii u'Huvii um |u/;i i. i;i. schneidnng ans religiöser Uebcrzengnng festhält, der muß auch bereit sein, dieser eventuell ein Opfer zu bringen, vielleicht wird ihm die Beschneidung gerade in Kenntnis ihrer Gefahren eine um so größere Mizwoh sein. Alle diejenigen, denen öt'e Vornahme der Beschneidung ein ebenso großes Herzensbedürfnis ist wie der gesunden und normalempftnoenden Frau das Mutterwerden und -sein, all diese werden und sollen sich von der Erfüllung der ihnen heiligen Pflicht ebensowenig zurückhalten lassen, wie die Mutterglück ersehnende Frau ans Scheu vor den Gefahren der Entbindung sich wirb abhalten lassen, ein Kind zur Welt zu bringen. mir aber zugeben. Herr Dr. Winter, baß eS auch zahlreiche Juden gibt, denen die zehn Gebote und daS Feiern der höchsten Feiertage mehr bedeuten, als das Festhalten an Bräuchen, die ihnen nicht mehr zeitgemäß erscheinen. Ich betrachte sie deshalb nicht als schlechtere Juden als die anderen, denen jene Bräuche Herzenssache sind. Hier stehen sich allerdings wahrscheinlich trotz Ihres Liberalismus zwei Weltanschauungen einander gegenüber. Sie dürfen mir aber glauben, ich kenne Männer, die an hervorragender Stelle tm deutschen Judentum stehen, und sicher mindestens ebenso gute Juden wie Sie sind, und trotzdem ihre Kinder nicht haben beschneiden lassen, weil sie vollkommen meinen Standpunkt in dieser Frage teilen. All diesen in meinem Sinne liberalen Juden wollte und mußte ich reinen Wein etnschenken. oder halten Sie e» für richtig, ihnen die Beschneidung anzuempfehlen, weil ste gänzlich ungefährlich ist und sie nur Nutzen bringen kann? Sie werden Ihrem Rate folgen, schon aus Gewohnheit. obwohl die Beschneidung ihnen innerlich nichts mehr bedeutet, aber ste ist ja immer gemacht worden und es ist nie etwas passiert. Wenn nun in solch einem Fall sich doch ein Unglück ereignet, dann wird Ihnen gesagt werden, warum hast du nicht auf öie Möglichkeit einer Gefahr aufmerksam gemacht, nicht du. sondern wir hätten entscheiden müssen, ob wir es wagen wollen: und wenn das Unglück gar einmal solche Juden trifft, die „nur sehr lose mit dem Judentum zusammenhängen", denen aber gesagt worden ist, die Beschneidung ist „das Stigma der Jubenheit" und „eine Grunösäule des Judentums", wie leicht werden ste mit dem Teil da» Ganze verdammen und für sich und ihre Kinder dem Judentum überhaupt de» Rücken kehren! Glauben Sie damit dem Judentum einen guten Dienst zu erweisen. Herr Dr. Winter? Und sollte eine Institution wirklich so unantastbar sein, öie in der Art threr Ausführung und der Person ihres Vollziehers stch tm Laufe der Zeit solche Wandlungen hat gefallen lassen müssen, wie Ste selbst — zu meiner Freude — ste schUdern? Sollte die Beschneidung etwas so HetligeS fein, obwohl ste — wie heute auch von ihren Anhängern zugegeben werden muß — früher, als ste noch in althergebrachter Form vollzogen wurde, so viel öfter unendliches Unglück lu. a. durch Uebertragung ansteckender, recht unheiltger Krankheiten) über öie Kinder und ihre Famtlen gebracht hat? Nein, wir liberalen Juden können unmöglich in der Beschneidung. die ursprünglich ein Blutopfer bei barbarischen, heidnischen Völkern gewesen ist, „heiligsten Brauch", daS Merkmal unserer Zusammengehörigkeit erblicken, das würde stch nicht vertragen mit unserer Auffassung des Judentums als der schlackenreinen Religion des einig-einzigen Gottes. Oder ist öie Religion auf der Stufe von mehr als 3000 Jahren stehe» geblieben, gibt es nur im Judentum ketne Entwicklung, sind nicht wir auch sonst vom Opferbienst zu einer höheren Form des Gottesdienstes emporgeschritten, sollte nur öteS eine Opfer, das Gott dem Abraham zum Zeichen des Bundes befohlen hat, als Pflicht bestehen geblieben sein, während alle anderen Opfer gefallen stnd, obwohl ste vielleicht ursprünglich z. T. als nicht weniger heilig galten? Wahrhaftig, es ist höchste Zeit, daß durch grundlegende Abänderung des Gesetzeskoder, den mein Namensahn vor 350 Jahren geschrieben hat, Leben und Lehre in Einklang gebracht werden, wie es Heinrich Stern in seinem wundervollen Aufruf an die deutschen Rabbiner fordert, de« er, das muß ihm bestätigt werden, wirklich „im Namen zahlloser jüdischer Menschen" am Tage des Sinai an ste richtete. Wir liberalen Juden können und müssen verlangen, daß nicht das starre Festhalten am Althergebrachten al» Frömmigkeit bezeichnet wird, sondern nur das tiefinnerliche Erfassen und Erleben der Ideale unserer Religion nnb die wahre Ausübung der sittlichen Gebote Gottes. Wir wollen uns zwar nicht loslösen von alle« atthergebrachten äußeren Formen, im Gegenteil, wir sollen und wollen sie beobachten, soweit ste wirklich der Ausdruck der Grundlagen der Religion sind und stch mit dem Gewissen moderner Menschen vereinbaren lassen, denn die Wurzeln des Judentums und seine Ausdrucksformen reichen zurück bis in die graue Vorzeit, die Religion als solche aber, ihr tiefinnerster Gehalt, der Gottesbegriff ist etwas Zeitloses und gipfelt in dem Glauben an öie Zukunft, in der meffianischen Idee, wie sie die Propheten uns gepredigt haben. Das ist die wahre Verinnerlichuna des Judentums. Dr. Alfred Caro. Die Orgel der Levefyoxvstraße. Charlottenburg, den 16. Juni 1024. An die Schrift leitung der Jüdisch-liberalen Zeitung. In Nc. 17 der Jüdisch-liberalen Zeitung vom 6. Juni wird meine im Namen der Arbeitsgemeinschaft abgegebene Erklärung, daß sie die Vorlage auf Entfernung der Orgel aus der Synagoge Levetzowstraße ablehnen würde, als ein Zeichen der unter dem Eindruck der Versammlung bei Gärtner eingetretenen Entmutigung bewertet. Auf diese Würdigung meiner Mitteilung konnte ich um so weniger gefaßt fein, weil meine Worte in der Versammlung selbst freudigen Widerhall gefunden hatten. Wenn der Bericht in der absprechenden Beurteilung der Gründe meiner Erklärung sich nur auf meine Person beziehen würde, hätte ich als grundsätzlicher Gegner jeder persönlichen Auseinandersetzung geschwiegen. Leider wird aber, wenn der Bericht unwidersprochen bleibt, die Beruhigung, die meine Mitteilung bezweckte, vereitelt. Aus diesem Grunde betone ich hiermit ausdrücklich: Bereits mehrere Tage vor der Versammlung hatte die Arbeitsgemeinschaft einstimmig beschlossen, gegen einen etwaige« Antrag auf Entternung der Orgel zu stimmen und mich mit einer entsprechenden Bekanntgabe betraut. Lediglich zur Mitteilung des Beschlusses war ich in die Versammlung gekommen und hatte sofort ums Wort gebeten. Gleichviel welchen Verlauf öie Versammlung genommen hätte, wollte tch meine Erklärung abgeben. Tatsächlich bin ich dann, ohne zur Orgelfrage selbst Stellung zu nehmen oder auf die ungleichmäßige Behandlung der konservativen Mitglieder tm Moabiter Bezirk einzugehen, dafür eingetreten, daß die Orgel wider den Willen der Synagogenbesucher nicht entfernt werden darf und daß man einander sich zu verstehen bemühen solle. Bei allen Gegensätzen in den religiösen Anschauungen dürfe das. was uns eint, nicht vergessen werden. Ich glaube keine Fehlbitte mit dem Ersuchen um Veröffentlichung dieser Zeilen zu tun. Mit vorzüglicher Hochachtung Dr. Neumann.