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Jüdisch-liberale Zeitung · 1934-08-24 · 68 (24.8.1934) · page 2

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
14 (1934)
Issue
68 (24.8.1934)
Date
1934-08-24
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Stunde der Feier und Woche der Unfeierlichkeit, es gibt nur ein ununterbrochen fließendes und zu erlebendes, religiös zu gestaltendes, Leben. Wir treten die Aufgabe an, hier und heute. Ebenso sehr aber wie wir sie nicht als Einzelne meistern können, kann sie nur in Angriff genommen werden, wenn wir es nicht nur als Heutige tun. Wir spüren, daß die Autorität des Individuums weichen muß einer weiteren, totalen Autorität. Daß der „eigene Schulchan aruch“ eines jeden Einzelnen ersetzt werden muß durch eine allen gemeinsame Haltung, Form und Norm. Und diese Haltung muß ihren festen Boden haben im Bereich der Tradition. Nicht steigen wir als Vorgestrige in sie hinab. Was der Liberalismus der Vergangenheit an Erkenntnissen und Kenntnissen für uns errungen hat, bleibt Rüstzeug unseres neuen Gehens. Wir müssen uns nur zu einer fruchtbaren Vereinigung durcharbeiten. So haben wir für unsere eigentliche Arbeit mit der Jugend eine Fülle der Verpflichtungen, die eine Fülle der Möglichkeiten bedeutet. Je konkreter unsere Forderungen lauten, je näher wir. dem wirklich gelebten Leben uns bewegen, desto näher der Erfüllung unserer Aufgabe. Man braucht nicht hinter dem Monde zu leben und kann sich doch, aller Einmischung in die politischen Händel enthalten. Und diese Enthaltung sind wir unserer guten Sache schuldig. Holen wir zu uns herein das sprühende Leben, zeigen wir unser altes Ziel der Verbindung von Leben und Religion und wir werden die Garanten des Lebens — die Jugend — richtigem, jüdischem Leben zuführen! Revision des Liberalismus Vorbemerkung: Die nachfolgenden Ausführungen sind die Kemgedanken eines Referates, das in der Jugendsitzung der liberalen Weltkonferenz von dem Verfasser gehalten wurde. Sie haben dem Referenten Zustimmung und Anregungen, aber auch Protest und Vorwürfe eingetragen. Gegen das Referat wurde von nichtdeutscher Seite eingewandt, daß es zu einseitig, zu staik auf die deutsche Problematik abgestellt sei, von deutscher Seite wurde bemerkt, daß es' allzu torsohaft sich auf Forderungen beschränkt habe, statt konstruktive Lösungen -zu bieten. Beide Feststellungen treffen in gewissem Umfang zu. Fraglich scheint uns, ob es nicht voreilig ist, sie als Mängel zu empfinden. — . Schließlich, eine- Weltkonferenz ist vielleicht eine ideelle, ■ aber keinesfalls eine chemische Verbindung. Sie setzt zwar Einheitlichkeit der Sache, aber nicht-Emeriei der Personen voraus. Sie zeigt ein gemeinsames Ziel, aber verschiedene Ausgangspunkte. Sie verpflichtet zur gleichen Idee, nicht zum gleichen Ausdruck. Sie ist nicht der Versuch, alle ihre Teilnehmer in eine Form (sprich:, Einförmigkeit) zu "pressen. Sie soll ein Bekenntnis sein und kein Kompromiß. Es konnte somit nicht die Aufgabe eines deutschen Referenten sein, über die Problematik des religiösen^Liberalismus Amerikas, Englands, ■Hollands oder Frankreichs zu sprechen. Er konnte nur über seine Jugend, die Jugend Deutschlands sprechen, über die 55 000 Organisierten, die dem Reichsausschuß der jüdischen Jugendverbände angeschlossen sind,, von den fast 10 000, die seinem eigenen Bund angehören und für alle die, .die guten Willens sind, in dem religiösen Liberalismus nicht eine Organisation, nicht einmal eine Weltkonferenz, sondern ihre jüdische Zukunft zu sehen. Weiter: Das anspruchsvolle Thema des Youth Meeting läutete: „What youth wants to contribufe to Progressive Judais.m“ Angesichts dieser Fragestellung mit Forderungen, zu antworten, scheint nun freilich weder folgsam noch folgerichtig. Aber auch hier glaubte der Referent sich von einer Schuld frei zu wissen. Schön und mehr noch: richtig war es, die Jugend zur Antwort mitaufzurufen. Mit Recht wurde die Frage nach dem Beitrag der Jugend gestellt, mit Recht wurde sie nicht außerhalb und ment nach, sondern in der Mitte der Tagung, gleichsam als ihr Herzstück, aufgeworfen. Warum mit Recht? Gewiß nicht, weil -ich glaube, daß lugend überall mitreden muß, nicht einmal weil ich glaube, daß Jugend überall mitreden kann, sondern weil es — wenn überhaupt — nur eine Gewißheit für den Fortbestand einer Bewegung gibt, und das ist der Einsatz der Jugend, weil es, kurz gesägt, müßig ist, für eine Sache zu stehen, wenn niemand da ist, der eines Tages die Nachfolge übernimmt. Darum und nur darum ist die Jugend konferenz eine moralische Notwendigkeit im Dienste des religiösen - Liberalismus und nicht etwa ein Kompliment der älteren Generation für die jüngere. Von dieser Warte her gesehen, scheint es freilich - um die Antwort der deutschen Jugend schlecht bestellt. „. . . would like to contribute — das setzt zweierlei voraus: einmal die objektive Möglichkeit und dann die innere Bereitschaft. Ohne eine positive Beantwortung dieser Praemisse bleibt eine Antwort auf die Frage der Konferenz ein Mißverständnis oder eine Unaufrichtigkeit, demgegenüber eine Forderung hundertmal positiver und konstruktiver, weil gewissenhafter sein kann als eine -- krampfige Antwort. Somit wird eingangs der F rage ein Situationsbericht unvermeidlich. Wie steht es um die Möglichkeit, wie um die Bereitschaft der Jugend zur Teilnahme am "Werk des religiösen Liberalismus? *■ Die jüdische Jugend Deutschlands hat ein geschichtlicher Wirbelsturm scheinbar aus der Tradition gefegt. Es wäre falsch, zu behaupten, daß eine Änderung der geschichtlichen. Situation eine Änderung des Bewußtseins und der geistigen Haltung bei der lebenden Generation etwa im Gefolge habe. Für die oberflächliche und saumselige Nachhut der geistig Unbekümmerten mag das zutreffen. Der größere Teil der jüdischen Jugend Deutschlands hat diese Welt bereits mit neuen Augen gesehen, bevor sie selbst ihr Gesicht wechselte. Hier hat der Sturm weniger zerstört als freigelegt, was an anderer Problematik — fruchtbar oder unfruchtbar — längst im Verborgenen keimte. Es ist heute weder mehr Heldenstück noch revolutionäre Geste, sondern einfach Gebot sachliebender Ehrlichkeit, festzustellen, daß die Probleme der vorigen Generationen vielfach nicht mehr gefragt sind, daß im Zuge dieser Entwicklung diehistorischeAntithese Liberalismus—Orthodoxie, die jüdische Frage der vorigen Generation, die Frage des 19 Jahrhunderts, die die „Wissenschaft des Judentums“ auf den Plan rief, die das Lebenswerk eines Zunz, Geiger, Holdheim war, die letztlich die „Richtlinien zu einem Programm für das liberale Judentum“ von 1912 inspirierte, nicht mehr die Frage der jungen G e n e r a t i o n ist. Der Grund hierfür ist kein anderer als der, der auch Von Heinz Kellermann im nichtjüdischen Lager etwa dem Kulturkampf zwischen Reaktion und Reform Einhalt gebot: Der Szenenwechsel auf der Bühne des täglichen Geschehens hat die differenzierten Kategorien bisherigen Denkens in den Hintergrund gedrängt und den Prospekt auf die Freifläche der.Po,litik eröffnet. Immer in unsicheren Zeiten aber ist die dringlichste Erkenntnis politischer Sicht die Frage nach der Erhaltung der Substanz vor der der Gestaltung.- Getreu und gehorsam seiner Diaspora-Tradition hat das deutsche Judentum auch hier der Umwelt Gefolgschaft geleistet und die politische Frage der Existenzsicherung zum wesentlichsten Tagespensum seiner Organe, Organisationen, Parteien und Presse erhoben. Das deutsche Judentum politisiert. Es empfindet den bisherigen Meinungsstreit als unaktuell und rückt, wenn es ihm wirklich ernst um jüdischen Wert und jüdisches Sein ist, nicht mehr Theologie und Religion, sondern Politik in den Mittelpunkt seiner Diskussion. Zionismus und Deutschjudentum, Erez-Jisroel und Galuth sind die Antithesen der Stunde. Vieles hieran ist gut und echt, aber es entbehrt nicht der tragikomischen Note, zu beobachten, mit wieviel Pathos und ebensoviel Ignoranz bewährte Theologien und Philosopheme zu politischen Heldenliedern umgedichtet werden. Ein Großteil der jüdischen Jugend kann auf diesen Mummensdhanz gut und ehrlich verzichten. Für den Zionisten ist das Problem des religiösen Liberalismus zunächst immer sekundärer Natur gewesen. Wer sich sein Judentum mit dem Pflug erobert, den kümmert es nidht, ob er über sein erstes dem Boden abgewoimenenes Brot die Beröche sagt oder nicht. Anders die Jugend, deren geistige Existenz nicht weniger bedroht ist als ihre leibliche. Jene Jugend, die zum Leben im deutschen Raum sich verpflichtet hat oder verpflichtet ist. Jene Jugend, die bislang religiös-indifferent, wenn nicht, gar jüdisch-indifferent war. Sie insgesamt würde das Thema der Konferenz nicht akzeptieren. Warum? Nicht, weil sie unjüdisch ist — wie fcörmte sie es' heute noch sein? —, nicht einmal weil sie imreligiös ist, nicht einmal weil sie fortschrittsfeindlich ist, sondern einfach weil sie das, was sie ist, und das, was sie will, aus ganz anderen Wissens- und Erlebnisquellen gewinnt als die Generation vor ihr. Was sich hier anno 1933 vollzogen hat, könnte man so etwa als die Emanzipation der Geschichte bezeichnen. Die Geschichte, bisher sparsam bemessener Gegenstand des Schulunterrichts, hat sich von den Prachtexemplaren der guten Hausbibliothek emanzipiert und ist plötzlich greifbare, unerhört fühlbare Wirklichkeit geworden. Nicht die Religion, nicht der religiöse Liberalismus, sondern eben die Geschichte hat die jüdische Jugend zur Besinnung auf ihr Judesein aufgerufen. Diese Inpflichtnühme hat sie damit an ihrer empfindlichsten Stelle getroffen. Dort nämlich, wo man aus Unkenntnis, aus Scham, aus Angst verlegen schwieg und dringlichen Fragen behende auswich, dort wo man leugnete und Verrat übte, dort, wöman aber auch endlos grübelte, diskutierte, sinnlos trotzte, dort erhob sich eine Realität, an der nicht mehr zu deuteln und zu rütteln war, die eine Flucht nicht mehr gestattete: Jüdische Geschidhte. Die Überraschung war eine vollständige. Sie war so eindrucksvoll, daß neben ihr alles .verblaßte, was bisher Raum, Zeit und Denken beansprucht hatte. Wie schemenhaft wurde nunmehr die ganze Fülle religiöser Problematik, wo die nackte Existenz auf dem Spiele stand. Und schon erhob sich der jüdische?, nein der historische?, nein, aber der politische Mensch und erklärte: Alles war ein Irrtum. Wir haben auf die falsche Karte gesetzt. Unser geschichtlicher Weg hatte die verkehrte Richtung, die Gegenwart um uns weist uns aus Blut und Boden ■ die wahre. Und es erhob sich der „konservative Mensch, der aus Geschichte existiert“, und der allein heute nur etwas sagen zu können behauptet, und erklärte: „Die rechte Haltung zum jüdischen Geschehen wird aber nur finden können, der als jüdischer oder nichtjüdischer Deutscher so konservativer Artung ist, daß er vom deutschen Geschichtsschicksal her die Dinge sehen und begreifen kann.“ Und er begründete: „Diese Assimilation, wie sie sie verstanden, haben die Liberalen in der Form betrieben, daß sie — Gradunterschiede jugegeben — auf Grund der Forderung nach Gleichheit alles dessen, was Menschenantlitz trägt, alle herrschaftlichen Gliederungen und objektiven Ordnungsformen kritisch-intellekfualisiert zersetzt haben, um durch die Propagierung abstrakthumaner Gedankengänge die Art- und Wesensgleichheit aller Menschen und damit auch die Gleichberechtigung der Juden zu erweisen . . . Die jüdische , Religion ist von den liberalen Reformern bis zur Auflösung reformiert worden . . . Wir lehnen die ■ Religiös-Liberalen deshalb als politisch verhängnisvoll ab, weil sie als jüdische Pietisten nicht in objektiv-geschichtlichen Ordnungen denken können, sondern immer nur in Innerlichkeit. Wir glauben und bekennen als Juden, daß die Thora die ver-- borgenen Ordnungen der Schöpfung im Gesetz offenbart und den Menschen lehrt, durch Befolgung des Gesetzes Gottes Willen zu tun, d. h. die Schöpfung heiligen . : . Das Gesetz Gottes ist der Damm gegen den ZerstörungswÜIen des Menschen ... das Gesetz der ‘ Offenbarung ist' jederzeit Rechtssatzung für diet ganze Welt . . . wir glauben und bekennen als Juden, daß in der Messiaszeit im Weltgericht Erlösung kommen wird. Israels. Leiden zwingen nämlich das Ende herbei. Der Messias ist noch nicht gekommen. Aber nichts spricht dagegen und die Hoffnung spricht dafür, daß es schon morgen kommen kann . . . Denn Juden haben keinen Besitz an der Welt, sondern nur an der Geschichte, die von Gott her in der Welt geschieht .-. Ü be r d ie We 11 ze i t ist verfügt .. . Nein, das einzige, was wir tun können, tun sollen und tun müssen, ist Besinnung üben auf die Sinnbedeutung unserer Abstammung und der an sie gebundenen Religion und damit den Sinn unseres Judenschicksals und unserer heutigen Existenz erkennen . . .“ Ecce homo! Der konservative Existenzphilosoph im Tallis oder etwa in der Tiara? Doch nein, denn: „Gesetzliche Normen sehen wir noch nicht, nachdem die alten Normen mit ihrem Totalitätsanspruch für den größten Teil der deutschen Juden, keine verbindliche Geltung mehr haben.“ . Wenn der religiöse Liberalismus nach Betätigung sucht, hier ist die Gelegenheit, noch einmal auf die Schanzen zu gehen. Die Argumente sind nicht originell;' wir haben viel dergleichen in der zionistischen Polemik zu hören und lesen' bekommen, aber die Zusammenstellung ist neuartig, um nicht zu sagen fremdartig.' Die Heftigkeit dieser Angriffe ist zudvn so ungewöhnlich, daß ein Liberalismus, der 'noch etwas auf sich hält, auch selbst einmal an. die -Verteidigung seiner Belange denken dürfte. Es ist hier nicht der Ort, das Versäumte nachzuholen. Erwidert sei nur in diesem Zusammenhang, daß diese Art Existenzphilosophie, die sich bemüht, politische Sehnsüchte durch religiösen Aufputz zeitgerecht zu renoyieren, weder Menschen noch Seelen retten wird. Dieser Schmuggel mit der Politik wird weder der politischen noch der religiösen Fragestellung gerecht, weil sie in unnatürlicher Umkehrung aller geistigen „Positionen“ nach einem bekannten Wort „den Glauben aus der Politik, statt die Politik aus dem Glauben“ konstruiert. Zudem bleibt dieser neue Prophet auch weiter vom Pech verfolgt. „Konservative Artung“ liegt dem jüdischen jungen Menschen und — wie ich meine — auch dem nichtjüdischen jungen Menschen heute, nicht, fm politischen nicht und im religiösen nicht. Freilich behagen — allem Anschein nach — auch alle anderen „Richtungen“, die durch die Parteischablone gegangen sind, der jüdischen Jugend nicht. . Vom Religiösen her gesehen, befinden wir uns, wie von berufener Seite gesagt wurde, in einem Zustand der „P rä-. religiosität“, und lediglich darauf kommt es an, wer nunmehr der beginnenden Kristallisierung zur Formung verhütt. Und hier sei gesagt: Das religiöse Patronat für die jüdische Jugend wird nur die Bewegung übernehmen, die mit ihrem wie immer auch gearteten Programm das rechte Gefühl für die lebensmäßige Haltung und das Verständnis für die geschichtliche Situation der jüdischen Jugend zu verbinden versteht. (Ein Schlußartikel folgt.) Unpolitische religiös-jüdische Partei in Polen Warschau. Unter Beteiligung zahlreicher Rabbiner aus Galizien und Kongreßpolen fand hier die Gründung einer neuen unpolitischen religiös-jüdischen Partei statt, die den Namen „Maksike Hadass“ führen wird. Für die neue Partei, die demnächst mit großen Volksversammlungen vor die Öffentlichkeit treten, will, setzen sich insbesondere zahlreiche Rabbiner in Galizien eiii, die der Weltorganisation Agudas Jisroel nicht angeschlossen sind. Mutfäau? müx BEKANNT DURCH QUALITA7S-WAREN 41

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