Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 14 (1934)
- Issue
- 68 (24.8.1934)
- Date
- 1934-08-24
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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+i>'Ki«rv!t.^;t;:,);::r»,N;ürrt«tvTrjiw.'-wr^-vjS'^;■ $- i - I 14. Jahrgang Nummer 68 3fiöifdi'Hbet(ile SeHtrng Beilage 24. August 1934 Lächelnde Weisheit Die Auskunft. . Ein Rabbiner wurde um eine Auskunft über einen Beamten seiner Gemeinde gebeten. Er antwortete: „Da ich grundsätzlich keine schlechten Auskünfte erteile, bedaure ich, mich über diesen Mann eines Urteils enthalten zu müssen.“ >• . Tr au reden. lir einer Synagoge, während der Traurede, meinte einer der Traugäste zu seinem. Nachbarn: „Ich glaube, ich habe diese Rede des Rabbiners schon einmal gehört.“ Worauf der andere zur Antwort gab: „Das wäre nicht so schlimm, aber ich .habe sie sogar schon einmal bezahlt!“ Boshaft.! Rabbiner Joseph A u b, ein von Abraham Geiger sehr geschätzter Mitarbeiter an dessen „Wissenschaftlicher Zeitschrift für jüdische .Theologie“, und Rabbiner Nascher amtierten zu gleicher Zeit in Berlin. Nascher war ein Meister der Kanzelberedsamkeit, während Aub'als Prediger ihm bedeutend nachstand. So sehr übertraf Nascher als Prediger den gelehrten Aub, daß man in der Berliner Gemeinde mit boshaftem Scherz sagte: „Wenn Aub sein ganzes Leben in Konditoreien verbrächte, würde er doch kein Nascher werden.“ Trost. Ein Rabbinerin einer kleinen Gemeinde gab aut die Frage seines Gönners, wie sein Gehalt sei, die Antwort: „Sehr knapp, man müßte verhungern, wenn das liebe Fasten nicht wäre.“ - ' Ein Orchester probt. Offenbach in Stücken 80 erwerbslose Musiker in Berlin — Referendare als Bläser Kapellmeister Goldschmidt erzählt Cognac vieux Einer meiner besten Freunde während der Studienzeit war Felix Lewandowski. Er war einer der liebenswürdigsten Menschen, gleich begabt als Musiker wie als Mediziner. Er -wurde in ganz jungen Jahren Ordinarius in Basel und starb früh durch ein tragisches Geschick. Während seiner Straßburger Zeit kam er fast jeden Sonntag zu uns zu Tisch. Eines Tages — an einem frostiklaren Wintertag — war Lewandowski früher gekommen als gewöhnlich. Mein Vater war allein zu Haus, kam gleich aus seinem ungeheizten Arbeitszimmer — wo nicht geheizt werden durfte — herunter und freute sich auf die Wärme uiid die angenehme Unterbrechung. Die Unterhaltung war angeregt, war'doch. Lewandowski grade in Marburg gewesen und brachte Grüße von Hermann Cohen, seinem „Onkel"; er erzählte ausführlich von ihm und seinen Arbeiten, und gab den neuesten Klapphornvers zum besten. Zwei Knaben hatten einen Weg, <Sie gingen beide ins Colteg; Keiner verstand ein Wort davon; Denn das Colleg las Hermann Cohrn! Meinem Vater machte der Vers Spaß, hatte er doch eine Besprechung der kurz zuvor erschienenen Cohenschen Logik mit den Worten geschlossen: „Eine Übersetzung aus dem „Kantischen“ ins Deutsche wäre lohnend.“ Doch mit der Zeit bekamen beide Durst; mein Vater wollte Lewandowski ein Glas Frühstückswein vorsetzen, konnte aber den Schlüssel zum Büffet nicht, finden. Lewandowski schlug vor, in den Weinkeller hinunterzusteigen, ein Plan, dem mein Vater begeistert zustimmte. Sie begaben sich in feierlichem Zuge, jeder mit einem Licht bewaffnet, unter Absinguirg der „Alten Burschenherrlichkeit“ in den Keller. O quae mutatio rerum. Lewandowski kannte den Weinkeller genau, hatten wir doch erst ein paar Wochen zuvor ein -Faß „Oberingelheimer“ abgezogen. Aber mein Vater suchte nach einer ganz besonderen Flasche. Da fiel ihm ein, daß mein Onkel einige Flaschen ‘alten Cognacs vor mehreren Jahren gestiftet hatte. Die suchte er nun. Schließlich fanden sich im hinteren Regal ganz unten ein paar Flaschen, denen man das Alter auf den ersten Blick ansah. Eine wurde vorsichtig herausgeholt. Marie durfte'sie-sorgfältig vom Staube befreien. Sie brachte die- Flasche und zwei Gläser ins Eßzimmer. Sie konnte sich nicht enthalten,’ warnend meinem Vater zuzurufen: „Herr Professor, was wird die Frau Professor sagen, wenn sie nach Haus kummt?“ Denn das war ihr in den vierzehn Jahren, seit sie bei uns war, noch nicht vorgekommen, daß Cognac auf nüchternem Magen getrunken wurde. Der Cognac schmeckte, ausgezeichnet. Mittlerweile kommt meine-Mutter aus der Stadt zurück; Marie meldet: „Der Herr Lewandowski isch do, er isch hüt überüs zittig gekomme, die Herre sitze im Eßzimmer tut süffe Schnoaps.“ Meine Mutter legt schnell ab, öffnet die Tür; nach kurzer Begrüßung fragt sie ahnungsvoll: „Wo habt Ihr denn den Cognac gefunden?“ Die Stelle wird genau beschrieben. Meine Mutter erbleicht und ruft entsetzt aus: „Aber Max, Ihr trinkt ja meinen guten Franzbranntwein, den ich mir zum Einmachen zurückgelegt habe!“ „Franzbranntwein! Dafür hat er doch hervorragend geschmeckt“, antwortet Lewandowski und gießt sich nachdenklich noch einmal das Glas halbvoll. Mein Vater meinte, grübelnd: „Franzbranntwein wird doch französischer Branntwein sein, — französischer Branntwein ist aber zumeist Cognac, — folglich werden wir doch Cognac getrunken haben . . .“ - Dr. T. Simon. Für die Feiertage deckt man den Kaffeebedarf bei A. E.öwenstein, Berlin W 50, Schaperstraße 11 Auch Kleinverkauf franko Haus Unter dem .Patronat der Künstlerhilfe der Berliner Jüdischen Gemeinde ist vor einiger Zeit ein Orchester erwerbsloser Musiker gegründet worden. Die erste Probe seines „jugendlichen“ Könnens hat es kürzlich bei einem Gemeindeabend in der Synagoge in der Fasanenstraße abgelegt. Bei einem Hausfrauennachmittag, der am 4. September im Brüdervereinshäus stattfindet, wird es sich, unter Leitung seines Dirigenten Berthold Goldschmidt, zum zweitenmal Gehör verschaffen, um dann im Laufe des Winters in Berlin und im Reich weitere Konzerte zu veranstalten, deren Erträgnisse dem Kollektiv zugute kommen sollen. * Orchesterprobe. Ein nüchterner Saal, dessen einziger Schmuck verblaßte Kabarettplakate bilden. Ein verwirrendes Durcheinander von Tischen, umgestürzten Stühlen, Geigenkästen, Klarinetten-Futteralen, Notenständern. Ein verstaubtes (und vermutlich verstimmtes) Klavier steht ausrangiert in der Ecke. Im zwanglosen, Halbkreis um den Dirigenten gruppiert, sitzen, und schwitzen die Musiker, nach Kräften bemüht, ein Orchesterstück zustande zu bringen, das einmal im Programmheft als Ouvertüre zur Schönen Helena von Offenbach verzeichnet sein wird. Eine Orchesterprobe ist wie ein Korrekturbogen. Es wimmelt noch von Fehlern. Und der Korrektor ist der Kapellmeister. Ein paar Takte dröhnen mit vollem Einsatz auf. „Haalt!“ Der Dirigent klopft energisch ab. Eine Phrase will flötend zu Ende laufen, hält aber plötzlich erschreckt ein. „Bitte noch mal von vorn. Die Sechzehntel ganz kurz, prägnant.“ Der Orchesterleiter deutet den Rhythmus markierend an. Wieder die ersten Takte. Die Bässe drängen, sich plump vor. Der Dirigent scheucht sie mit einer beschwichtigenden Gebärde nieder, retuschiert die aufdringlichen Bläser, holt aus den Geigen die Innigkeit eines Walzers heraus. Mit Unterbrechungen eilt das Orchesterstück dem Finale zii. Beim zweitenmal ist es kaum wiederzuerkennen. Oder yidmeh’r: jetzt ist es überhaupt erst zu erkennen. * ' Zwei- bis dreimal in der Woche wird probiert. Unermüdlich, in Ensemble- und Einzelproben. Bis zum Stadium der Podiumreife. Die Musiker sind natürlich nicht mit festen Verträgen engagiert, sie erhalten aber, wie Herr Pollack von der Künstlerhilfe verrät, kleine Vergütungen für Instrumentenreparatureü und Fahrgerd. Von den etwa 80 erwerbslosen, jüdischen Musikern in Berlin gehören ungefähr 60, wenigstens zeitweise, diesem Orchester an. Es sind Solisten darunter, wie die Geigerin Charlotte Rosen, die die Funktion einer Konzertmeisterin versieht, ehemalige langjährige Mitglieder des Metropoltheaters und der Städtischen Oper, Kaffeehausmusiker und — Umgeschichtete. Sie gehören zur begehrten Kategorie der Bläser. . * Einer von ihnen, Herr Heimann, erzählt: „Ich bin Referendar gewesen und habe, nachdem ich meine juristische Laufbahn aufgeben mußte, eine Zeitlang in der Anwaltsabteilung, der Jüdischen Gemeinde gearbeitet. Ich habe mich immer für Musik interessiert, habe Klavierunterricht Ausscheidung vor den Augen des Weltmeisters? Wer wird Baers Gegner? Am nächsten Sonntag wird auf der Dirt Track in H a m bürg ein sensationeller Boxkampf, der größte, den Deutschland je sah, ausgetragen werden. Exweltmeister Max Schmeling und Walter Neusei werden sich im Jttng gegenüberstehen, um festzustellen, wer von ihnen der bessere ist. Doch nicht nur die Rivalität zweier hervorragender Sportler einer Nation ist es, die diesem Kampf ihren Stempel aufdrückt. Der Sieger wird die Chance erhalten, im nächsten Jahr mit Weltmeister Max Baer um den Titel zu boxen. Bei einer einzigartigen Mammutveranstaltung soll sich erweisen, wer tatsächlich Deutschlands bester Schwergewichtler ist, wem wirklich das Recht gebührt, mit dem Champion um dessen Gürtel zu boxen. Schmeling oder Neusei? Die Frage stellen, heißt zugeben, daß ihre Beantwortung mehr, oder weniger von. Gefühlsmomenten abhängig ist, denn wir haben die beiden Fighter zu lange nicht mehr im Ring gesehen, um uns ein Urteil machen zu können. Schmeling, der kalte Rechner, den nichts aus der Ruhe bringen kann, der Mann, mit der auch. heute noch schweren rechten Hand, Neusei, der wilde An-; griffsboxer, der „Tiger“, wie man ihn auf der anderen Seite des“ Ozeans nennt. Man kann die Vorzüge und Nachteile beider in langen Reflektionen abwägen. Wir wollen uns das schenken und resümierend feststellen, daß der Kampf vollkommen ausgeglichen ist, ausgeglichen, da wir von beiden Boxern nur wissen, daß sie Klasse repräsentieren und in den letzten Kämpfen — auch Schmeling gegen Paolino — aufsteigende Form erkennen ließen. Wenn Neusei die Deckung nicht vernachlässigt, trauen wir ihm zu, den Exweltmeister zu schlagen. ' Durch die internationale Sportpresse, die natürlich an den Fight stärkstens interessiert ist — es werden u. a. Spezialberichterstatter aus den US.A. kommen — geht immer wieder die Meldung,Weltmeister Baer werde zu der Ausscheidung, die seinen neuen Gegner ermitteln soll, selbst anwesend sein. Wenn wir auch derartigen Meldungen zunächst noch skeptisch gegenüberstehen, so' ist doch eines sicher: die Frage nach seinem nächsten Gegner wird den Revuetänzer, Filmstar und Meisterboxer aus Kalifornien brennend beschäftigen. Am Sonntag abend werden wir diesen Gegncy kennen. J. K. Unsportliches von einem Sportfest Als vergangenen Sonntag auf dem Sportplatz der jüdischen Gemeinde am Bahnhof Oruncwald das erste vom Reichsausschuß der jüdischen Jugendverbände veranstaltete Sportfest seinen Anfang nahm, wies der Platz einen Besuch auf, wie wir ihn noch nicht erlebt haben. Unvergeßlich wird allen Teilnehmern der Einmarsch - der beteiligten Verbände sein.. Gruppe auf Gruppe, Bund auf Bund, in unübersehbaren Scharenmarschierte die jüdische Jugend auf, vom Beifall der begeisterten Zuschauer umtost. Als die Fahnenträger schon längst auf dem Platz Aufstellung genommen hatten, da zogen die Scharen der jüdischen Sportler immer noch durch die Eingangspforte. In kurzen, präzis formulierten Worten wies Dr. Br odnitz auf die Bedeutung dieses Sportfestes'hin. Gbcralfhabe man heute erkannt, daß gesunder Körper und gesunder Oeist zusammengehören, überall sei man von der Notwendigkeit überzeugt, dem Körper sein Recht zukommen zu lassen. Heute aber käme es nicht auf die sportliche Leistung schlechthin an. Wichtig sei vielmehr die Erziehung zum Mannschaftsgeist. Gleich wie die Leistung eines jeden sei, ob •er siege oder'im geschlagenen Felde ende, er sei als Träger eines Ocm ei ns c ha f ts ge da nifens anzusehen, und'unter diesem Gesichtspunkt sei seine Leistung zu würdigen. Es solle ein Symbol restloser Verbundenheit einer gehabt und ah der Universität auch musikwissenschaftliche Vorlesungen gehört. Im Dezember-erkrankte ich-an einer Angina-, Während meines Krankenlagers kam mir — ich weiß nicht wie — die Idee, Posauneblasen zu lernen. Vielleicht ist sie dadurch entstanden, daß ich ein begeisterter Wagnerverehrer bin. Ich ging zu einem K-amiiicnmusiker, der mich für dieses Instrument für geeignet hielt, und mir Unterricht erteilte.“ Auch der Waldhornbläser des Orchesters ist von den Paragraphen zu den Noten gekommen:—Auch er'war Referendar, „ich wollte eigentlich von jelier Musiker werden,“ bekennt Herr Singer. „Ich habe bereits als Achtjähriger- Celio gespielt. Ich habe früher auch schon Chöre dirigiert. Als die Frage der Umschichtung an mich herantrat, unterhielt ich mich mit Chordirigent Weinbaum, der. mir den Rat gab, mich als Bläser ausbilden zu lassen. Und ich. glaitbe, ich"" brauche es nicht zu bereuen.“ * . ln Berthold Goldschmidt lut das Orchester einen Dirigenten gefunden, der nicht nur Liebe und Aufopferungsfähigkeit für diesen Posten mitbringt, sondern auch die Erfahrung und Routine. Der jugendliche .Musiker, dessen Oper „Der . gewaltige Hahnrei“ vor zwei Jahren unter Rosenstock im Mannheimer Nationalthcater zur Uraufführung kam, der Kapellmeister in Darmstadt war, war nämlich zuletzt Dirigent am Berliner Rundfunk, wo er das- Deutsche Orclugtcr der Notgemeinschaft Berlin leitete,- gewissermaßen das nichtjüdische Pendant zu dem Orchester erwerbsloser jüdischer Musiker. „Als die Künstlerhilfe an mich hcrantrat,“ berichtet er, „habe, ich diese Aufgabe gern übernommen. Zwei Tage lang - habe ich mir von den Musikern, die beim Orchester des Kulturbundes nicht ankommen konnten, zur. Probe Vorspielen lassen. Mit den geeigneten Leuten wurde das Orchester gegründet.« Wir wolfcn selbstverständlich dem Kulturbund keine- Konkurrenz' machen. Aus diesem (3runde haben wir in unser Programm zunächst auch nur populäre Musik-aufgenommen, - die dem reinen Unterhaltungsbedürfnis dienen soll. Die' Hauptsorge gilt natürlich den Bläsern. Und hier greift die Künstlerhilfe tatkräftig ein. Sie bietet für sie nicht nur wertvolle Schuhmgsmögtichkeit, sie hat einigen auch Instrumente angeschafft, wenn Aussicht für eine Existenzgrundlage geschaffen, war. Einige von unseren Bläsern haben es, iri'kuner ZefF-sehon «» weit gebracht, daß sie gelegentlich Im Kultur?. bundorchester aushelfen und zur Verstärkung gebraucht wer-' den. Manche sind bereits in anderen Städten Deutschlands . und im Ausland untergekommen. Nicht unerwähnt möchte Ich lassen,“ betont Berthold Goldschmidt, „daß uns einige Verlage in dankenswerter Weise das Notenmaterial kostenlos zur' Verfügung gestellt haben.“ ’ .. ■ _ * Mit den Orchestermitgiiedem wird noch schnell die Zeit für die nächsten Proben besprochen. Die Musiker packen Ihre Instrumente zusammen. An einer improvisierten Kasse werden _ die kleinen Spesen ausgezahlt. Noten und Nöte halten diese' musikalische Gemeinschaft zu hoffentlich recht bald gewinnbringender Arbeit zusammen. ' E. Ta. 4