Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 14 (1934)
- Issue
- 68 (24.8.1934)
- Date
- 1934-08-24
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Berlin Freitag, 24. August 1934 Preis 20 Pfg. Nr. 68 — 14. Jahrgang Sur beutfd>es 3ubentum uitö religiöfen Ulufbau Herausgeber: Hanns Loewenstein Die „Jüdischliberale Zeitung** erscheint zweimal wöchentlich* Dienstags und Freitags Unsere Jugend spricht Bereitschaft der jüdisch-liberalen Jugend Von Rabbiner Dr. Heinrich Lemle-Frankfurt a. M. Es soll Grundsätzliches zur jüdisch-liberalen Jugend gesagt werden. Aus der Praxis des Mit-ihr- Gehens, aus der Betrachtung ihres bisherigen Weges. Ein so Grundsätzliches kann ohne Kritik nicht auskommen. Kritik bedeutet aber nicht Vorwurf, sondern notwendiges Begehen neuer Wege. Recht zur Kritik hat nur der, dessen guter Wille bereit ist, mitzuhelfen beim Bessermachen. Diesen guten Willen als Unterpfand an den Anfang! Jugendarbeit hat eine strenge Gebieterin: die Wirklichkeit. Von dort her wird uns, verschieden begründet, die Frage gestellt: ist jüdisch-liberal e-J u gen db ew egu ng nötig? Wir wollen uns zuerst diese Frage stellen und tun damit echt Jüdisches. Denn es ist das Schicksal der Minorität, nachzudenken (Baeck), das heißt: über sich, seine Existenz nachzudenken. 'Man denkt bei dem Zweifel an. der ExistenzberechtiguiJg TeUaiQS-überaler- Jugend.;wohl zunächst au . das Schlagwort vom Tode des Liberalismus. Trotzdem ist angesichts der verschwundenen. „Leibhaftigkeit“ des Liberalismus im allgemeinen eine jüdischliberale Bewegung, vor allem eine solche auf Zükunftssicht — das heißt doch Jugend! — durchaus möglich. Die Antwort des „Nun. gerade“ wäre eine unjugendliche. Weil es unjugendlich ist, nach dem Hagelschauer im Trotze die Trümmer zu sichten. Es wird vielmehr unser Aufgabe sein, das. Eigentliche und Wichtige in das neue Haus zu retten. Jugend hat ihre eigene, eindeutig gültige Antwort auf die Frage nach der Existenznotwendigkeit: ein lautes, frisches „Wir sind da und leben.“ An diesem lebendigen Bezeugen der eigenen^Sache hat es bisher — ob man das nur von Sü.ddeutschland sagen: muß? gefehlt! War es ein Zug ins Altkluge, war es ein dem Grauen oft nicht entgehendes Theoretisieren? Vielleicht war es auch eine guten Absichten entspringende Abneigung gegen die Mode, gegen das Schlagwort! Der Anschein aber — nicht der Schein! — muß aufweisen, daß man damit auch allzuoft sich der Wirklichkeit entzog. Im Chor jüdischer Jugend Deutschlands soll es auch eine liberale Stimme geben. Da man sie kaum vernimmt und es . auch so zu gehen scheint, tritt unabweislich die Frage vor uns hin: ist liberale Jugend nötig? Und gerade dieser Chor scheint uns ganz deutlich zu sagen, warum wir überflüssig sind. Er singt doch fast ausschließlich ein „politisch Lied“. Und da können, oder wollen wir nicht mittun. Jüdische Jugend im Zeichen, unter den Fahnen des Politischen. Ein weitgehendes .Gleichsetzen von jüdischer Arbeit und politischem Versuchen. Da scheint unsere letzte Stunde wirklich geschlagen zu haben. Es schein t so!' Gerade hier, am zutiefst uns zugeschleuderten „Verschwindet!“ bricht unser eigenstes Recht an. Im Tiefpunkt zeitlicher Kritik liegt der Schwerpunkt unserer überzeitlichen Berechtigung. Es gilt heute, das Gesicht des Judentums und sein Wesen zu retten. Es 'gilt, überhaupt noch das Bewußtsein zu retten,- daß Judentum auch Religion ist. Heute geht es nicht mehr um das Ausbalancieren zwischen den beiden Komponenten Volk: Religion, heute gilt es, Gewicht in die eine Schale zu legen, daß nicht ein Sturz erfolge durch Ueberkippen nach der heutzutage, allein ausschlaggebenden Seite. H i e r liegt unsere Aufgabe, unser Existenzrecht, unsere Notwendigkeit. Gerade im Kreise.der Jugend! Wenige sind es, die mit in ihr Aufgabengebiet bewußt religiöse Erziehung, aufnehmen. Und wenn schon, dann sind es orthodoxe Bünde. Liberales religiöses ■ Judentum . hat aber heute mehr als je der Jugend zu sagen, da sich .ihr scheinbar nur zwei Wege religiöser Richtung zeigen: Orthodoxie'— oder gar nichts. Daß der dritte Weg, eben unser Weg, so herzlich wenig in. Frage kommt, daran ist schuld, daß wir noch — siehe oben! — auf die Trümmer_schauen, statt aufs neue Haus. Die Bereitschaft auch junger Menschen für Hinführung zum Religiösen ist größer als in Jahrzehnten vorher. Die Möglichkeiten, ein wirklich neues Leben mit Religion zu durchdringen, sind in den Jahren des Umbruches reichlicher und vitaler als je. Hier liegt unsere Chance! Versäumen wir sie -— weil wir die Wirklichkeit versäumen —, dann haben wir durch Verfehlung und nicht durch Ausgeschaltetwerden ausgespielt. In' diesem Sinne sei auch ein Blick nach außen geworfen. In den Zeiten religiösen Gärens und Neuwerdens hat unsere Religion Gelegenheit, ihre ewige ’Gegenwartsstandhaftigkeit zu erweisen. In ihnen haben unsere religiösen Gedanken und unsere religiöse Welt ihre Kraft zu bewähren. Wehe uns, wenn nur in.den .Büchern.der. Allen, wehe ups .wenn nur in dem Denken wissender Graugewördener! Wehe uns, wenn nicht in der Brust junger Begeisterter! Ein großes Feinden des Kultus werden, weil wir Ethik allein noch gelten lassen konnten — um der Emanzipation willen — mußte die Bibel zu einem Lehrbuch der Ethik werden. Wirmüssen wieder begreifen, was Esra wollte und Jochanan ben Sakkai meinte. Wir. müssen wieder verstehen, was gerade dem Judentum in der Welt die Burg der Gesetzlichkeit war. Wir müssen erfahren, was den Vereinsamten die allen gemeinsame Autorität bedeutete, die ihren Alltag gestaltete. Es gilt, den Geist jüdischer Lebcnsgestaltung hereinzunehmen zu uns, in seiner Wirklichkeit und kräftigen Sichtbarkeit. _ So gibt uns Geschichte uie Kräfte d.er Gestaltung unseres eigenes Lebens: Gemeinschaft und Tradition. Gemeinschaft, deren schicksalhaftem Wiedererfahren wir uns nicht entziehen wollen. Gemeinschaft, deren nicht in Frage zu stellenden Tatsächlichkeit wir uns ruhig hingeben sollen. Und die wir spannen durch die Länder der Welt, die wir gründen auf Herzen aller Juden, die Juden sein wollen; deren Mittelpunkt dort liegt, wo immer gerade Judentum am wirklichsten und echtesten gelebt wird. Gemeinschaft nicht nur im Sein, Gemeinschaft im Tun.. Und dieses Tuns Onindsinnf Oestaltunu des Lebens. Wir haben genug nu* debattiert una philosophiert. Der Tag, die Stunde liegen vor uns und verlangen: gestalte uns! Wir können freilich mit Ein Schritt der Reichsvertretung der deutschen Juden Wieder Ritualmordbeschuldigung Der „Stürmer“ hat in seiner letzten Nummer, in Zusammenhang mit einem im Jahre 1926 in Breslau vorgekommenen Mordfall, von neuem die Ritualmordbeschuldigung erhoben. DieReichsvertretung der deutschen Juden ist deshalb bei dem Herrn Reichsminister des Inneren vorstellig geworden. Die Beschlagnahme des „Sturme^ in Breslau Der Schritt der Reichsvertretung der deutschen Juden steht im Zusammenhang mit einer Veröffentlichung in Nr. 32 der Wochenzeitschrift „Der Stürmer“, die sich ausführlich mit dem Breslauer Mordfall Fehse beschäftigt, der im Jatüre 1926 weiteste Kreise der Öffentlichkeit in Aufregung hielt. Damals1 waren zwei Kinder im Alter von 8 und 12 Jahren auf bestialische Weise ermordet worden;' ohne daß die Tat aufgeklärt werden konnte. Unter der Überschrift „D e r Ritualmord in Breslau“ veröffentlicht der Stürmer nunmehr einen mehrere Spalten langen Brief der Mutter und der Großmutter der Kinder, einer Frau Lina Urban aus Breslau, in dem der Mord in allen Einzelheiten geschildert wird, und der mit den Worten schließt: „Es handelt sich: um Ritualmorde.“ Mehreren Personen in Breslau wird in einer geheimnisvollen Andeutung die Mittäterschaft unterstellt. Wie 'das Deutsche Nachrichteinbüro aus Breslau mitteilt, gibt der stellvertretende Polizeipräsident bekannt, daß er sich veranlaßf' gesehen habe, diese Nummer des Nürnberger Wochenblattes zu beschlagnahmen, da der Bericht des Blattes indenwesentlichenPunkten völlig unzutreffend und außerdem geeignet sei, das Ansehen der Polizeibeamteir in erheblichem Maße herabzusetzen. Feld liegt vor uns! Aendem aber muß sich die Art der Bestellung, soll uns Ernte erwachsen, dje wirklich Kraft und Erfolg bringt. Dreifach sind die Wege, die wir gehen müssen zur Erreichung unseres Zieles: Erziehung zu religiösem Judentum. Geschichte, Gemeinschaft, Leben. Wege, die an sich nicht neu zu sein brauchen, die wir jedoch in ganz anderer Weise begehen; müssen. In kurzen Strichen nur kann dies aufs erste hier gezeichnet werden. -Wir haben Geschichte nur in Auswahl gelesen und genommen. Von den' Propheten sprangen - wir zu Maimonides, von da zu Mendelssohn. Wir flohen vor der Schau des Alltages des Geschehens in die Bewunderung "der Gelehrtenstuben einzelner Großer. Es gilt heute, die Masse aufzuspüren. Ihr Ringen zu verfolgen, ihr Herz schlagen zu hören. Es gilt, das sich Zurückziehen vor der Welt tu begreifen, nicht nur das Paktieren mit ihr. Es gilt, das Leben selbst zu sehen, nicht das Reflektieren . darüber. Es gilt, den Strom jüdischer Lebensart freizulegen in seiner Breite una Tiefe. Wir haben Geschehnisse gedeutet, sie gesehnmit den Augen des ausgehenden 18. Jahrhunderts; weil wir Kultus ablehnten, mußten die Propheten zu Feier und Weihestunde beginnend Ziel muß aber immer und immer sein, vorzudringen in die Beeinflußung unseres Lebens im Alltag. Denn da erst .haben wir Zugang zu der Absicht jüdischer Religion. Es gibt bei~uns nicht Heiliges und. Profanes, es gibt nicht Wichtiger HlniiBl»l In den Tagen bis zum 25. August legt der Briefträger die Abonnementsquittung für den Monat September in Höhe von Mk . 1,35 zuzüglich Post-Bestellgebühr vor. Nur pünktliche Einlösung sichert den Weiterbezug der „jüdisch-liberalen Zeitung“;