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Jüdisch-liberale Zeitung · 1934-05-08 · 37 (8.5.1934) · page 2

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
14 (1934)
Issue
37 (8.5.1934)
Date
1934-05-08
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Notwendigkeit für Zeiten der Not ist die Einigkeit und der Frieden. Darum traue, man den Schlagworten nicht, die die Herolde der Parteien im Munde führen. Wieviel Eigensinn, wieviel Rechthaberei, wieviel Eitelkeit, wieviel vielleicht unbewußtes, persönliches Geltungsbedürfnis der Parteipäpste sind die treibenden Kräfte der Parteisucht! Denn das natürliche, gesunde Empfinden der übergroßen Mehrheit will die Einigkeit, freut sich der Verständigung. Nur die ewig Gestrigen sind die Hinderer der Eintracht, sind die Brandherde, an denen sich die Fackel der Zwietracht stets aufs neue entzündet. . Wenn sie nur einsähen, daß sie selber es sind, die sich auseinanderreden und die wirklichen oder vcrmeintliclien Gegensätze übersteigern.und zu Mauern türmen, Gegensätze, die bei einem bischen guten Willen recht gut ebenso häuslich nebeneinander und miteinander wohnen können unter einem Dach, wie Geschwister in einem Vaterhause. Müssen denn—alle— Verschiedenheiten zu Scheidungen werden? Muß nicht der Knorr den Knubben hübsch vertragen? Ein Gipfelcheh sich nicht vermessen, daß es allein der Erden nicht entsprossen? Wenn all die Rufer im Streit nur wüßten, wie dereinst die Nachwelt, die richtende Weltgeschichte, lächelnd oder zornig, über all die Parteisucht, die sich so groß und wichtig nimmt, und doch so ,klein- Iichjmd kurzsichtig ist,' hinwegschreiten wird.' Und wie gleichgiltig, sie gar dem sind, dem es nicht darum geht, ob ihr euch mit diesem oder jenem Namen nennt, der keinen Unterschied macht zwischen Linken und Rechten, zwischen denen, die nach Osten oder nach Westen als dem- Land der 'Rettung schauen, sondern dem alle euere Richtungen, dem euer ganzes Dasein, wie es sich auch äußert, ein Stein des Anstosses ist. Und im Angesicht der Schicksalsnot des deutschen Judentums sollen wir nichts Besseres zu tun haben, als der Uneinigkeit das Wort zu reden. Sollten nicht die Vernunft und den Willen aufbringen, uns über alle Verschiedenheiten hinweg die Bruderhand zu reichen und die Streitaxt- und die streitende Feder zu begraben? Seltsame Menschen! Wenn sie von der Vergangenheit reden, oder wenn ihnen erzählt wird, wie sich die Parteien-in Jerusalem zerfleischten, während der Feind die Mauern berannte, da können sie sich . nicht genug tun der Entrüstung über die Unvernunft -und fanatische. Verblendung. Wenn sie umgekehrt .hören, daß das Schlußwort des babylonischen Talmuds lautet: „selbst wenn Israel (Ephraim!) Götzendienst .treibt, aber sie leben in Einigkeit und Frieden miteinander, dann hat Gott Wohlgefallen an ihnen“, da können rsie sich nicht genug tun an Bewunderung und Rühmen. Aber wenn es an sie selbst herankommt, solches zu tun, der eigenen Parteisuclrt-zu entsagen, dem eigenen Hader ein Ende zu machen und sich die Hand zum Frieden zu reichen, da ist’s auf einmal was anderes, da sind tausend Hemmungen, deren sie nicht Herr zu werden imstande sind .und die sie als Charaktergröße ausposaunen. Dann scheut man sich auch nicht, die über der Parteien Leidenschaft und Enge Stehenden, die zur Einigkeit mahnen, mit den bösesten Namen zu verdächtigen und verächtlich zu machen als die Begeisterungslosen und Schwächlichen, die „wegen geistiger Impotenz schon längst unter Kuratel gestellt“ hätten werden müssen. Wo wäre einer je verlegen gewesen -um boshafte Worte, wenn es sich darum handelte, die eigene Sache zu beschönigen und die andre herabzusetzen? _. Da arbeiten die Menschen seit unvordenklichen Zeiten daran, die Erde zu einem friedlichen Wohnhaus der Menschheit auszubauen. Und warum ist bei diesem tausendjährigen Bemühen so wenig herausgekommen? Warum ist Krieg und Unterdrückung, Feindschaft und Haß unter den großen und kleinsten Gemeinschaften; von den Völkern und Religionen angefangen bis zu den Familien, die unter einem Dach in Eintracht wohnen müßten, nicht aus der -Welt geschafft? Weil die Könige und leitenden Staatsmänner, die über Krieg und Frieden zu entscheiden hatten, bis zu den Häuptern der kleinsten Parteisplitter in ihrem Herzen sprachen: „ich und keiner neben mir“! Warum hat Israel in allen Katastrophen seiner Geschichte ein so jammervolles Bild der Zerrissenheit gezeigt?:Weii sie^die-Partei über das Ganze gestellt haben, weil sie nur das Trennende und nicht das Einigende sahen, weil , sie nichts gelernt und ^nichts vergessen haben. - Soll die eine Schi cks^.1 sgem e i n s ch a f t, zu der uns der Wille Gottes und die Zeit zusanimengeschmiedet hat, uns nicht,, trotz aller gottgewollten Verschiedenheiten, in freiwilliger Unterordnung unter eine einheitliche Führung, die die auseinanderstrebenden Meinungen "und Menschen „in einem harmonisierenden. System“ zusammenschließt, in Verträglichkeit und Duldsamkeit.miteinander auskommen lassen?. Nicht um Einheit handelt.es sich, sondern um' Einigkeit. Der Verfasser des in Rede stehenden Aufsatzes kämpft gegen Windmühlen, wenn er schreibt: „Es gibt eben immer noch, und gerade unter Juden, allzuviele, Menschen, die es lieben, den . harten Kampf-der Meinungen durch eine vorschnelle Harmonie mehr zu verhüllen als zu beenden, den Widerspruch der Ideen in einem harmonisierenden System vor der Zeit aufzuheben.“ Die Ideen werden ewig miteinander, im Widerspruch -stehen. Nicht darum handelt es sich, Thesis und Antithesis-in einer Synthesis zu verschmelzen, sondern trotz der Verschiedenheit und ideologischen Unvereinbarkeit der Ideen, die Menschen, die Juden Deutschlands, zusammenzuführen statt auseinanderzureißen. Darum gehören nicht „politisch denkende, poTitisch fühlende und politisch entscheidende Männer in die Führung der jüdischen Gemeinden“, sondern religiöse Menschen, ethisch denkende, ethisch füllende und ethisch entscheidende. Politik entzweit, Ethik verbindet. Politik mißtraut, Ethik vertraut. Politik ist egoistisch, Ethik altruistisch. Politik sieht nur das Nächste, Ethik schaut in die Weite und Ferne. Politik will das Mögliche, Ethik will das unmöglich Scheinende möglich machen. Politik sagt: die Menschen sind nun einmal so, Ethik sagt: die Menschen sollen besser, vernünftiger;, weiser werden, zum mindesten so weise, daß sie den Satz des großenrömischen Historikers verstehen und sich zu Herzen nehmen: concordia parvae res crescunt, discordia maximae dilabuntur: durch. Einigkeit wachsen die kleinsten Dinge, durch Zwietracht zerfallen die größten. „Im engen Kreis.. Von Hanns Brodnitz Wir haben uns seit Jahresfrist gewöhnt, einer Rückentwicklung zu jüdischem Wesen und jüdischer Kultur das Wort zu reden. Bleibt das eine Marschroute für die Vielen, die nicht mehr oder nicht überwiegend oder noch nicht religiös empfinden und doch von dem Willen zur Einordnung in die jüdische Organisation ergriffen sind? Gab es vordem zu viel unbetontes Judentum, so gibt es jetzt oft ein überbetontes Judentum, ein plötzliches Sich-in-dic-jüdische-Brust-Werfen. Man spricht im heutigen Deutschland von dem rasch populär gewordenen Begriff der Märzgefallenen, der gedankenlosen Mitläufer, die eine große Bewegung zum Vorwände der Pöstchenjägerei mißbrauchen möchten. N Auch bei den Juden gibt es so etwas ähnliches. Hinter dem Postulat von der Rückkehr zum religiösen Leben verbergen sich mitunter Leere und Ratlosigkeit innerlich haltloser Menschen. Ein, seelischer und finanzieller Notstand, ein entscheidender Umschöpfungsprozeß wird nicht nur von der als notwendig erkannten verstärkten Beziehung zur Religion bewältigt werden können. Eine Situation wie die jetzige entfernt die Menschen von jeder Art oberflächlicher Betrachtung und zwingt sie zu innerer Sammlung und Einkehr, aber es ist noch lange nicht gesagt, daß der in religiöser Beziehung früher indifferente Jude sich mit den weltanschaulichen Problemen oberflächlicher auseinandersetzt als der disziplinierte Besucher regelmäßigen Gottesdienstes. Eine Tendenz zur Horizontverengung bleibt immer gefährlich. „Im engen Kreis verengert sich der Sinn!“ Man glaube doch nicht ernsthaft, daß mit dem bisher Geleisteten der Boden geschaffen ist für eine lebensfähige Gemeinschaft von sich weltanschaulich widersprechenden Menschen. Man soll nicht immer den Versuch machen, nur die jüdische Gesinnung zu stärken, an die religiöse Verbundenheit zu appellieren, wenn es sich darum handelt, die ganze seelische Struktur des einzelnen Menschen über die religiöse Komponente hinaus soweit zu festigen, daß er die Kraft gewinnt, sich mit den Problemen seiner Existenz auseinanderzusetzen. Hierzu ist die Erneuerung des religiösen Denkens und Fühlens Voraussetzung," aber maßgeblich bleibt die ethische Erweckung schlechthin. In diesem Ringen um Haltung, in diesem letzten Behauptungskampfe des Ichs sind erst die Anfänge einer Entwicklungslinie zu einer Weltanschauung erkennbar, die nicht nur Ausdruck einer religiösen Gesinnung ist, sondern eine umfassende Lebensphilosophie für den einzelnen. Wir haben noch nicht begriffen, daß dieser notwendige Weg zur Selbsterkenntnis und Verinnerlichung die Aufgabe mancherlei Ballastes des äußeren und inneren Lebens verlangt. . Eine völlige Umorientierung .des Bildungsumfanges wird notwendig. Was gestern noch-zur soliden Bildung des Durchschnittsjuden gehörte, hat heute nur noch einen verblichenen Glanz. Umorientierung bedeutet nicht Abschließung und Umgürtung mit seelischem Stacheldraht, sondern -mehr noch als vorher bleibt die Erziehung zum psychologischen Erfassen der Umwelt eine wesentliche Aufgabe. Aus der Selbstkritik entsteht der neue Begriff eines. Judentums, das sich von Oberflächlichkeit frei weiß. Aber der durch die Schule der Selbstdisziplinierung gegangene Jude schneidet diese innere Entwicklung jäh ab, wenn er die Stählung seiner seelischen Reserven nicht verbindet mit dem Wunsche, den nichtjüdischen Mitmenschen' klarer und besser zu verstehen als vordem. Die fanatischen Vorkämpfer der jüdischen Isolierung innerhalb des Judentums bekräftigen nur die gegnerische Theorie einer unkorrigierbaren Fremdartigkeit; Die heutige Lage der deutschen Juden darf nicht zu einer intellektuellen Inzucht führen. Um zu versuchen, die Achtung der Umwelt Schritt für" Schritt zu erringen, bedarf es der Sammlung und, während dieses Intensivierungsprozesses, der Kunst des Schweigens, bis dieser Prozeß so weit sichtbar gediehen ist, daß er die Achtung des objektiven Beurteilers erringt. Weniger debattieren und mehr nachdenken! Untrennbar von diesem innerjüdischen Läuterungsprozeß ist die ernsthafte Auseinandersetzung' mit bisherigen Fehlerquellen. Die äußere Abschließung darf in kei-' nem Moment den Blick trüben für die Probleme der Umwelt. Wer dieser vielleicht unbequemen Aufgabe ausweicht, hat noch nicht begriffen, daß die Parolen der Vereine und Gruppen überwunden werden müssen, daß hier nur organisatorische Sammelbecken sind, daß aber die entscheidende Auseinandersetzung immer nur von Mensch, zu Mensch möglich ist. Rabbiner Dr. Swarsensky im Liberalen Verein „Der religiöse Liberalismus wird neu entstehen, wenn . . Die Bezirksgruppe Halensee-Grunewald des Liberalen Vereins für die Angelegenheiten der Jüdischen Gemeinde hatte zu einem Vortragsabend nach dem Logenhaus in der KleiststraBe eingeladen. Wie Rechtsanwalt Dr. Max Auerbach in seiner Begrüßungsansprache ausführte, soll die Reihe dieser Veranstaltungen, in denen die Idee der jüdisch-liberalen Bewegung propagiert werden soll, fortgesetzt werden. Es war ein glücklicher Gedanke, als ersten Redner Rabbiner Dr. Manfred Swarsensky über das Thema: „Religiöser Liberalismus, sein Wesejt und seine Zukunft“ sprechen zu lassen. Mit dem ganzen Aufgebot seines profunden jüdischhistorischen Wissens und seiner temperamentvollen Beredtsamkeit ging Dr. Swarsensky aus von der großen Wende der Weltanschauung, die sich überall unter dem Schlagwort „Los vom Liberalismus“ auf allen Gebieten, und nicht allein in Deutschland, auswirkte. Der Liberalismus, so meinte der Redner, sei an seiner eigenen Überspitzung zugrunde gegangen, und zwar auf politischem Gebiet ebenso wie aut wirtschaftlichem, auf kulturellem nicht minder wie aut geistigem. Wenn Zeiten des Liberalismus und des Rationalismus zu Ende gegangen seien, dann sehnen sich die Menschen nach Romantik, nach .Mystizismus, nach Irrationalismus — auf Jahrhunderte hin. „Wir Juden“, fuhr Dr. Swarsensky fort, „leben in einer solchen Wende, und es will beinahe so scheinen, als ob auch der jüdische Liberalismus an seinem Ende angekommen sei.“ Der Kampf gegen den Liberalismus werde heute vielfach mit der Spitze gegen die Juden geführt, da man - liberal mit jüdisch zum großen Teil identifiziere. Dr. Swarsensky untersuchte sodann die Entstehung des Liberalismus, der erst auf die Zeit der französischen Revolution zurückzuführen sei. 3500 Jahre lang war das Judentum, genau wie der Katholizismus orthodox, war es umschlossen von einer Einheitskultur. Das Leben der Juden regelte sich nach dem Gesetzbuch, dem bindenden Schulchan Arucli. Als dann die Mauern der Ghetti fielen, mußte sich notwendigerweise diese Einheitskultur auflösen, da sich das. Judentum hineinrettefe in eine neue Umwelt. Die neue form für das Judentum zu schaffen, war keine leichte Aufgabe. Mit der Zeit der Emanzipation begann auch die Zeit des Experiments. Es wurden Ideologien geschaffen, an denen wir zum Teil heute noch kranken. Sehr feinsinnig hob Swarsensky die Grundsätze der Mendelssohn, - Samuel Holdheim, Samson Raphael Hirsch und Abraham Geiger voneinander ab und zeigte, wie der Begriff der Entwicklung in das Judentum eingeführt wurde. Wie der Protestantismus gegenüber dem Katholizismus, so wurde auch der Liberalismus als neue Konfession bezeichnet. Es war damals durchaus notwendig, daß der Liberalismus entstand. Man mußte Jude sein und zugleich Mensch der Umwelt. Diese Mission hat der Liberalismus vollauf erfüllt. Nach diesem historisch-kritischen Ueberblick ging Dr. Swarsensky auf die Gefahren ein, die mit dem Liberalismus gegeben seien. Der Rationalismus, meinte er, sei deshalb eine Gefahrenquelle, weil so aus der Religion nur eine Weltanschauung werde. Ein zweites Gefahrenmoment, und zwar das. weit größere, sei der Individualismus. Der religiösliberale Mensch habe viel größere innere Kämpfe durchzumachen als etwa der orthodoxe, weil dessen religiöses Leben durch genaue Vorschriften umgrenzt sei. Liberalismus setzt voraus, daß ein Mensch auch weiß, woran er liberal sein kann. Auch an einem dritten Gefahrenmoment ging der Redner nicht vorüber: Im IS. und 19. Jahrhundert strebte man fort vom Religiösen. Wir Juden sind eine Konfession, so hat man gesagt, in einer Zeit, da man für religiöse Fragen kein Verständnis hatte. Seit drei bis vier Jahrhunderten stehen irdische, konkrete Fragen des Lebens im Vordergrund. Auch heute seien religiöse Fragen im Judentum nicht zu entscheiden, sondern soziale. Deshalb habe es auch Theodor Herzl leicht gehabt, indem er sagte, das Judentum sei eine politische Frage. Leider habe sich der Liberalismus notwendigerweise in die politische.Frontstellung begeben, während er früher im Kampf gegen die Orthodoxie gestanden habe. Der jüdische Liberalismus müsse in Zukunft die Politik anderen.überlassen und' betont religiöser Liberalismus sein, oder er werde untergehen. Ihm habe bisher eine wesentliche Grundlage gefehlt: die jüdische Gemeinschaft. Die Gemeinschaft der Menschen sei das objektive Band, das sie zusammenfüge und Zusammenhalte. Jüdische Gemeinschaft aber heiße religiöse Gemeinschaft. Religion sei im Judentum, nicht Privatsache, Stammhaftes und Religiösesbilden in ihm eine-unlösbare Einheit. ' „Wir leben heute“, so schloß Dr. Swarsenskv, „in einer Übergangszeit, und es wird in kommenden Jahrzehnten überall eine religiöse Renaissance eintreten. Wenn sich jüdische Menschen heute wieder in besonders großer Zahl zu den Gottesdiensten in den Synagogen einfinden, so ist

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