Mannheim
Compact Memory

Jüdisch-liberale Zeitung · 1934-05-08 · 37 (8.5.1934) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
14 (1934)
Issue
37 (8.5.1934)
Date
1934-05-08
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2613366-2613519-2613552--4910-2616650
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

/ Berlin, 8. Mai 1934 Einzelnummer 20 Pt. mut zu EUriln. rbeutf ubentunt uwb religiöfen Aufbau Nr. 37 ^,f^reJs:.Monatlich 1>35 RMzuzüglich Emzelnummer 0,20 RM. Abonnements werden bei allen Postämtern angenommen _ Anlt^ienÄIarif- JT “ NfcStaSSStoN infolge t hoherer' Gewalt besteht kein Anspruch auf Nachlieferung oder Rückerstattung der entsprechenden Bezugsgebühren. ' Die Italiener sollten das Mandat übernehmen Lord Rothermere fordert Aufgabe von Palästina seines Londoner Berichterstattersi in der es heißt* ' S 0 - Die, „Evemng News“ schreibt heute in einem aufsehcnerregniden Leitartikel, der wahrscheinlich von Lord Rot her. über n""t' England solle doch das Mandat Uhl * 3 aStlILa so schnell wie möglich auf Italien petanr«nrf rief-‘ EnElind0,h?£e Juden wie Arabern nur Gutes' S"d daf“r nur. Fußtritte erhalten. Jetzt solle der bri- ™?h 2SMniiSj?i*rDre3er eme Anleihe für Palästina in Höhe snerit1ihp^-PfUnd-garti;tieren- Die sogenannte Pro- D.V-S * n-au se.' .mehts wie eine Fälschung. Der Import Palästinas ubersteige weit'den Export. Wovon Palästma lebe, sei das Geld, das die Zionisten aus allen Ländern nach Palästina uberschreiben. England habe mit Palästina nichts wie Fehler gemacht. - Erst habe es das Land den Arabern versprochen, um sie für den Krieg gegen die Türken zu gewinnen, dann, später, wahrend des Krieges 1917, kam die Erklärung Balfours, die den Juden Palästina versprach, um die deutschen und österreichischen Juden zu „beeindrucken“! Palästina’koste England nichts wie Geld und Verlust an Prestige, und es gebe dafür dem britischen Handel nicht einmal Vorzugszölle. Es wäre Zeit, Palästina aus dem britischen Imperium auszustoßen. Die Italiener seien näher und könnten, das Mandat besser verwalten. 1 14. Jahrgang | '- Herausgeber: Hanns Loewenstein _ I P‘* ••Jü'Üsri'-überale Zeitung“ erscheint -Dienstaes Die „Jüdisch-liberale Zeitung“ erscheint zweimal wöchentlich: Dienstag und Freitag 1 oltag,S'„—. Redalrtfo" und Geschäftsstelle: Benin •unariottenburg 4% Mommsenstraße 40. _- FernrufM- 6 Bleibtrcu Sampiclnummer 1545. _' Bankverbindung: Kreditverein für Hände! und Gewerbe e. G. m. b. H., Berlin N 24. - Postscheckkonto: „Jüdisch-liberale Zeitung“, Berlin 227 64. Wehe dem Fahrzeug ohne Steuermann! Tagung des Verwaltungsrais * '. des Emigrantenhilfswerks in. London Um die Ausgewanderten London. Hier wurde die zweite Tagung des dem Ober-, kommissariat für Auswandererfürsorge angegliederten Ver-‘ waltimgsrats, der aus den Vertretern der an der Hilfsaktion interessierten Staaten zusammengesetzt ist, eröffnet. |Oberkommissar James G. MacDonald erstattete einen ausführlichen Bericht, in dem er einleitend .feslstelltv, daß Pressemeldungen, in denen davon die Rede war, daß das Oberkommissariat sich mit dem Plan beschäftige, eine große Siedlungsaktion für 5 Millionen Juden durchzufüh'ren, den . Tatsachen nicht entsprächen. Nach einem Bericht über die Ansiedlung von Ausgewanderten in Palästina gab der Oberkommissar eine Darstellung der Verteilung der Ausgewanderten auf die einzelnen Länder. An die Stelle überstürzter Auswanderung sei eine geordnete getreten. Doch seien die Zulassungsvorschriften in die au Deutschland angrenzenden Länder verschärft worden. Deshalb seien in diese Länder in den letzten Monaten wesentlich weniger Personen eingewandert als noch Ende 1933. Auch die Wanderung von Land zu Land sei wesentlich schwächer geworden. An die Regierungen sowohl der Länder, die den Ausgewanderten zurzeit Asyl bieten, als auch derjenigen, die für Einwanderung in Betracht kommen, richtete MacDonald die Bitte, daß den Ausgewanderten der Aufbau eines neuen Lebens ermöglicht werde. Die Not der Ausgewanderten gäbe Christen und Juden Gelegenheit, in einem gemeinsamen Werkder Hilfe und des Aufbäus züsammenzuarbeiten. Der Oberkommissar beschäftigte sich dann eingehend mit dem Staatenlosen-Problem und führte zur Frage der Erteilung von Arbeitserlaubnis an Ausgewanderte aus, es wäre angesichts der herrschenden Wirtschaftskrise nicht angebracht, von den Regierungen der einzelnen Länder allgemeine Arbeitserlaubnis für die Ausgewanderten zu fordern, ln vielen Einzelfällen habe er jedoch interveniert, um die Erteilung oder die Erneuening bereits erteilter Arbeitsbewilligung zu veranlassen. Mit einer Reihe von Regierungen, erklärte der Oberkommissar, habe er im Zusammenhang mit Organisationen, .die sich besonders mit Einwandefungsfragen befassen, Verhandlungen in der Richtung geführt, die Einwanderung zu erleichtern. Seine Vorschläge seien in manchen Ländern mit-Wohlwollen entgegengenommen worden, und in einzelnen sei die Einwanderung der aus Deutschland ausgewanderfen Personen erleichtert worden. Die Jüdisch-liberale Bewegung in Holland ■ Amsterdam. Die - Jüdisch-liberale Bewegung in .Holland hat in der .letzten Zeit einen erfreulichen .Anstieg genommen. Die Gottesdienste in Amsterdam an den_ Freitagabenden, an denen Kantor Neumann aus Berlin amtiert, sind gut besucht, Auch im Haag kommen die Mitglieder der jüdisch-liberalen Bewegung alle 14 Tage am Freitagabend zusammen, um sich von Herrn Spitz in die Wissenschaft des Judentums einführen zu lassen. In letzter Zeit behandelte .er u. a. die Themen: „Religiöse Renaissance im Judentum“ und „Historisches Judentum“. Herr L.'Levisson fiat seine Wohnung zur Verfügung gestellt, um dort für die. heranwachsende Jugencf einen Bibelkurs abzuhalten. Regen Zuspruch findet auch der Unterricht von Frau Rothbart. Wie bereits kurz gemeldet, wurde Dr. Meh- 1 e r aus Berlin als Rabbiner gewählt. Er wird voraussichtlich seine Amtstätigkeit. mit dem Schowuaus-Fest-beginnen. Dem . neugewählten Rabbiner steht eine schöne, aber nicht gerade leichte Aufgabe bevor: es ist jedoch mit'Bestimmtheit zu €r_ warten, daß die weitere günstige Entwicklung des „Verband van iiberaal-religieuse Jooden in Nederland“ durch seine Tätigkeit wesentlich beeinflußt werden wird. Brandherde Von Rabbiner Dr. Caesar Seligmann Der in unserer Nr. 34 unter der Überschrift ,per ,führende Mann‘ im deutschen Judentum“ veröffentlichte Artikel von Ben Jossef hat uns eine Reihe von Zasdhriften eingetragen. Wir freuen-uns, in der bedeutsamen Frage, Herrn Rabbiner Dr. Cae- - snr Seligmann-Frankfurt das Wort zu erteilen, auch wenn wir seinen bemerkenswerten Ausführungen nicht in allen Punkten zustimmen können. i I Nicht die Absicht, in einer dem religiösen Judentum dienenden Zeitung zu der Frage, der Gemeindereform, oder gar der Verlängerung der Legislaturperiode der jüdischen Gemeindevertretung in Berlin Stellung zu nehmen, auch nicht der leitende Aufsatz in Nr. 34 dieser Zeitung.allefn, ruft mich auf den Plan, sondern die’zwingende Notwendigkeit, einer gefährlichen Ideologie entgegenzutreten, die-nichtnur dem erwähnten Aufsatz das tragende Fundament gibt, sondern in mancherlei ähnlichen Gedankengängen zum Ausdruck kommt. „Ben Jossef“ ein Sohn Josephs aus dem Stamme Ephraim, war das nicht auch Jerobeam, der die zehn Stämme vom Hause Davids losriß und so die Einheit des Reiches Israel zerstörte? Ach ja, es gibt Dinge, die sind uralt, und doch immer wieder sp neu, als stünden wir mitten drin im Geschehen. Ist das ■ nicht das Erbübel Israels, trostlos zum Weinen, daß sich in jeder Notzeit die Juden untereinander befehden, als wären sie die schlimmsten Feinde und nicht alle „Söhne eines Mannes“? Klaffen wirklich unübersteigbare Abgründe zwischen den Jungen und den Alten, zwischen den verschiedenen Bünden und Die Verankerung der bürgerlichen Gleichberechtigung Die neue österreichische Verfassung Wien. Artikel 27 des authentischen Textes der neuen Verfassung des österreichischen Bundesstaates, die am Dienstag den 1. Mai, nach der Genehmigung durch den Nationalrat, als Gesetz publiziert worden ist, lautet: 1. „Alle, r c I i g i o n s m ü n d i g e n E i n w o li n e r Österreichs genießen volle Glaubens- und Gewissensfreiheit sowie die Freiheit der häuslichen und öffentlichen Religionsübung, sofern diese nicht mit der öffentlichen Ordnung oder den guten Sitten unvereinbar ist. 2. Durch' das religiöse Bekenntnis darf den staatsbürgerlichen Pflichten kein Abbruch geschehen. Der Genuß der bürgerlichen und staatsbürgerlichen Rechte, sowie die Zulassung zu öffentlichen Stellungen, Ämtern und Würden ist von dem Religionsbekenntnis rUBabhäljeig. Für den Schuldienst können Ausnahmen vpn diesen^ Grundsätze durch Gesetz aufgestellt werden.“ Welcher Art Ausnahmen für den Schuldienst hier 'ins Auge gefaßt wurden, ist aus dem Text des Verfassungsgesetzes nicht zu ersehen. Deutlich ist jedoch, dal! mittels Gesetz, das' jederzeit beschlossen werden kann, Ausnahmen von der Verfassungshestimmung, wonach „der Ocmiß der bürgerlichen und staatsbürgerlichen' Rechte sowie die Zulassung zu öffentlichen Stellungen, Ämtern und Würden“ von dem Religionsbekenntnis unabhängig ist, für den Schuldienst zulässig .erscheinen. Bedenken erregt auch Artikel 16 der neuen Verfassung: „Alle Bundesbürger sind vor dem Gesetze, gleich. Sie dürfen in den Gesetzen nur soweit ungleich behandelt werden, als es sachliche Gründe rechtfertigen. Insbesondere sind. Vorrechte der Geburt, des Standes oder der Klasse ausge-, schlossen.“ . - ln dieser Bestimmung vermißt man den Ausschluß von Vorrechten der Religionszugehörigkeit. Zwar sind Vorrechte der Rasse oder R e 1 igionszu gehörigkeit durch den Friedens vertrag von St. -Germain, der mit anderen internationalen Verträgen einen 'Bestandteil der Verfassung bildet, ausgesthlossen. 'Aber der geänderte Text gegenüber der alten Verfassung und besonders 'die "Bestimmung, daß sachliche Gründe eventuell eine andere Behandlung .zulassen können, schafft Unklarheiten, die geklärt werden müßten. Organisationen, Richtungen und Parteien? Zwischen deutschen Juden und jüdischen Deutschen, zwischen Talmudjuden und Taimijuden? Ist es wirklich: so, wie Ben Jossef meint, daß keine Einigkeit unter den deutschen Juden möglich, ja nicht einmal wünschenswert sei? . , , Gewiß, die Affekte sind die dynamischen Kräfte, die das Lebensschiff vorwärts "treiben. Aber wehe, dem Fahrzeug, das keinen Führer hat! Wehe, wenn es des Steuermanns enträt, der den Blick auf den Kompaß gerichtet, das Steuerrad .mit ruhiger Hand durch tosende Wellen und von allen vier Himmelsrichtungen wehende Stürme lenkt! Ist wirklich-dieser Steuermann der Typus für „geistige Impotenz“, die „schon längst unter Kuratel hätte gestellt werden müssen“? Zeigt er „die schwankende Haltung, des typischen Spießbürger- und Bierphilistertums“? Wer waren in dem von „Ben Jossef“ angeführten Bibel-, Zitat die Philister, der Führer Mosche oder die Kinder Israel,1 die nicht auf Mosche hörten „wegen Kürze des Atems und uni der Fronarbeit.willen“? Nebenbei, schließlich haben die Kinder Israel doch aut Moache gehört und standen geschlossen hinter Ihm Ir Gewiß gab es und gibt es auseinanderstrebende Elemente, und „die gemeinsame Not)-hat alle diese ~ Elemente weder hüben noch drüben' zusammenschweißen können.“ Aber'mit diesem Argument, das den -beklagenswerten jeweiligen Zustand, weil er nun einmal so ist, verewigen will, wären wir heutc noch Troglodyten, die scheu in des Gebirges Klüften sich vor einander verbargen, um nicht voneinander aufgefressen zu werden. Nicht was „ist“, sondern was „sein soll“ hat die Menschheit aus: dem Urzustand zur Zivilisation und Kultur emporgetragen. Gewiß ist heute die Menschheit und die Judenlicit von der Vollkommenheit noch unendlich weit entfernt. Die egozentrischen'Interessen der Einzelnen wie der Gruppen stehen sich von Natur feindlich - entgegen. Darum sagen unsre Alten: „Bete für das Wohl der staatlichen Ordnung, denn ohne die Furcht vor ihr würde einer den andern lebendig verschlingen.“ Die staatliche und, für das Judentum, die gem e i n d 1 i c h e O r d n u n g und die Unterordnung aller Einzelnen unter sie, bei allen auseinanderstrebenden Richtungen und Ideen, ist die conditio sine qua non alles Gemeinschaftslebens. Sie ist keine „künstliche. Verbundenheit“, wie der Verfasser des Aufsatzes sie zu nennen beliebt, sondern die segensreiche Hifn- "mclstochter, die das Gleiche frei und leicht und freudig bindet, die der Städte Bau gegründet, die herein von den Gefilden rief den ungeselligen Wilden und das teuerste der Bande wob, den Trieb zum Vaterlande! Und innerhalb des Judentums den Trieb zur einheitlichen Gemeinde — und Gerne inscha-ftsb i 1 d u n g. . Wohin aber soll es führen, wenn jede Richtung, jede Gruppe die andere als Feinde ansicht, mit der keine Gemeinschaft zu halten möglich sei? Und wenn die zur Einigkeit Mahnenden mit billigen Schlagworten totgeschlagen werden? Wem hätte es je an einer Rechtfcrtigungsformel oder an Kronzeugen gefehlt, wenn es sich darum handelte, Finsternis als. - Licht, Böses als Gutes anzupreisen? So haben sich auch die Scharfmacher innerhalb des Judentums seit langem gern auf das Wort des Propheten Secharia berufen: dfe Wahrheit und den Fr i edc n so 1 l't i h rJ i eb en, in das sie. hineingelesen haben: zuerst die Wahrheit und dann erst den. Frieden, und-woraus sie dann folgern: die Wahrheit auf Kosten des Friedens! - Aber wo dieses trügerische Reden von der Wahrheit, die dem Frieden voräusgehen müsse, am lautesten erschallt, dahat es sich in Wahrheit nie um die Wahrheit gehandelt. Denn die oberste Wahrheit aller Religion und Vernunft ist die Liebe, und die oberste

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.