Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 14 (1934)
- Issue
- 37 (8.5.1934)
- Date
- 1934-05-08
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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14. Jahrgang Nummer 37 38öifdMibeta(e 3eHnng Beilage 8. Mai 1934 Mendelssohn und Pießer Im Kassenschrank bis angwill Was der Autographensammler Eugen Wölbe erzährt Der Zug des Herzens, besonders von Backfischen j'eglichen Alters, drängte in den letzten Jahren immer heftiger nach dem Namenszug; von Willi Fritsch und Hans Albers, von Viktor de Kowa und Otto Wallburg sowie von anderen Grollen und Dicken des Films. Die Atitogrammsucht war eine unausrottbare Epidemie geworden, ein Sport. Aber die Leidenschaft, sich eine Handschriftensammluiig anzulegen, ist keineswegs erst mit dem Film entstanden; wenn sie freilich auch früher anderen Objekten und Subjekten galt. Bettina von Arnim schrieb einmal in einem Briefchen an Varnhagen von Ense, den Mann der geistreichen Kabel geh. Levin: „Sind'Sie auch ein solcher Narr, ^der Handschriften sammeft, die er doch nicht mit in die Ewigkeit nehmen kann? Das hätte ich nie von Ihnen geglaubt!“ Ein solcher „Narr“ ist auch einer der unentwegtesten Berliner Autographensammler, Professor Dr. Eugen Wölbe. Und wenn er auch seine Handschriftenschätze, die er in über 40 Jahren seines Lebens angehäuft hat, nicht mit ins Jenseits hinüberretten kann, so hat er doch bestimmt, daß sie als Erbstück hinterbleiben, ln den dicken Lederbänden, die in sorgsamer Ordnung die Handschriften von Fürsten, Feldherren und Staatsmännern} von Dichtern und Gelehrten, von Künstlern* und anderen prominenten Persönlichkeiten bergen, steht .eingangs vermerkt: „Unteilbares, unverkäufliches, unverpfändbares Familien-Erbstück.“ Gegen Feuer und Einbruch Mit der Persönlichkeit eines ' leidenschaftlichen Antographensammlers scheint ein — Arnheim untrennbar verbunden .zu sein. Der Feuer, Sturz und Einbruch trotzende eiserne Dokumentenschrank bildet, nicht nur räumlich, einen erheblichen Bestandteil des anheimelnden und arnheimelnden Arbeitszimmers des Studienrats und gelehrten Schriftstellers Eugen Wölbe. . Mit dem Stolz und der bedächtigen Behutsamkeit des verliebten Sammlers öffnet er die - dickwandige Tür seines Heiligtums und hebt mit Zärtlichkeit die kostbaren Schriftstücke ans Tageslicht, Während er langsam Seite für Seite . umblättert, hier eine biographische Bemerkung einschaltet,! da eine interessante Briefstelle zitiert, erzählt er: Das Poesiealbum der Mutier Meine Liebe zu den Niederschriften berühmter Persönlichkeiten wurde durch die im Poesiebuch meiner Mutter verzeichneten Dichterzitate geweckt. Schon als Zwölfjähriger legte ich mir ein Porträtalbum an, in dem ich auf blauem Papier die aus Zeitschriften und Katalogen ausgeschnittenen Dichterbilder aufklebte, aber das genügte mir bald nicht mehr. Meine erste verschleierte Autographenbitte richtete ich an den damals sehr beliebten Dichter und Öberhofprediger Karl Gerock in Stuttgart, der in meinem ■Schuliesebuch mit einer ganzen Reihe seiner Gedichte vertreten war. Ich schickte ihm ein paar lyrische Ergüsse meiner .Pennälerseele mit der Bitte um Beurteilung ein und war nicht wenig stolz, als ich, der Fünfzehnjährige, umgehend folgende Antwort erhielt: Der verkannte Pennäler Geehrter Herr! Ihr Lied zeigt einen schlichten frommen Sinn und liest sich fließend, wenn auch Worte und Gedanken nicht über das Gewöhnliche hinausgehen. Der Reim „dienen“, und „sinnen“ ist unrein, sonst ist in der Form kein Fehler zu rügen. Freundlich grüßend Karl Gerock. Vom Liebhaber zum Sammler Waren es zunächst direkte Bitten, mit denen icü mich persönlich und schriftlich an die umworbenen Persönlichkeiten wandte, so hielt ich das später mit meiner Würde als Doktor, Professor und Jugendbildner nicht mehr vereinbar, und ich begann, meine Sammlung durch mehr oder weniger systematische Ankäufe bei Antiquaren - zu vervollständigen. So befriedigte ich mit dem „jugendlich-frischen Trieb“, den Goethe als den Ans|>orn zum .Autographensammeln kennzeichnet, meine Sammelfreudigkeit. Auf dem Weg vom Liebhaber zum ernsthaften Sammler konnte ich natürlich an den öffentlichen Versteigerungen nicht vorübergehen. So habe ich Jahrzehnte lang Blatt für Blatt gehäuft. . Professor Wölbe holt nun eines der Alben herbei, das die jüdischen Persönlichkeiten umfaßt. Es hat etwa die Dicke des Berliner Adreßbuchs. Vergilbte Briefe, durchzogen von krausen und klaren Schriftzügen und Schnörkeln. Zierliche Stammbuchblätter. Schnell hingeschriebene Postkarten. Quittungen mit gewichtigen Unterschriften. Persönliche Bekenntnisse und unpersönliche Zeilen. Flüchtig hingekritzelte Bemerkungen, geistreiche Aphorismen, alle irgendwie überhaucht vom Zauber vergangener Zeiten. ■ Da ist ein Titelblatt von Heinrich Heines Band „Neue Gedichte“, das des Dichters Widmung an den „wahren und verständnisvollen Freund" Herlossou trägt. Wie ein Wort zum Muttertag liest sich Leopold Komperts Zitat aus einer seiner Erzählungen: „Der liebe Gott sagte einmal in sich: .Ich kann nicht üherall dabei sein“, und da schuf er als seine Stellvertreterin die Mutter.“ Hermann Cohen, der Bräutigam Süll Oppenheimer, Disraeli, der jüdische Nobelpreisträger und holländische Staatsminister Asscr, der italienische Kriegsminister General Ottolcughi sind ebenso vertreten wie Baron Moritz von Hirsch, Amschcl Rothschild -und der Berliner Arzt Markus llerz. Eine Visitenkarte trägt den Nuincnsz'ug Ernesto Nathans, des Bürgermeisters von Rom. Sir Moses Montefiores zittrige Altershandschrift steht als Ahsendcr auf phot. Irma Cohn. Handschriften aus der Wolbeschen Sammlung einem mit Trauerrand und silbernem Familienwappen versehenen Brief an Dr. de Sacher-Masoch, Redaktion der Zeitschrift „Auf der Höhe“. Leopold Zimz quittiert in pedantisch korrekten Buchstaben dankend über fünf Taler als Beitrag des Herrn Bankier Salomon Meyer für die Seininaristenklasse des Berliner Schullehrer-Seminars. Aus seinem ersten Marburger Dozentensemester richtet Hermann .Cohen Worte des"; Dankes an einen Verwandten für die Wünsche zur Verlobung. Der jüdische Historiker Heinrich Oraelz übermittelt einem Freund einen Beitrag für einen armen .Buchverfasser. Gabriel Rießers Dank Kaum ein jüdischer Name von irgendwelcher Bedeutung, der nicht in der Sammlung mit mehr oder weniger bedeutehden Auslassungen vertreten wäre. Mit einem Weislieitsspruch stellt sich Ludwig Bämberger, der Politiker der Bismarckzeit, ein, den Theodor Mommsen in seiner Gedächt- . uisrede als „Deutschesten aller Deutschen“ bezeichnet hat. Gabriel Rießer, Vorkämpfer der Emanzipation und Vizepräsident des Paulskirchen-Parlaments, bedankt sich bei seinem Freund, dem Frankfurter Rabbiner Dr. Stein für dessen Predigt zur Jahrhundertfeier Schillers. Ein Karton zeigt die Photographie des berühmten Schaltspielers Adolf von Sonnenthal als „Nathan der Weise“ mit dem Lessing-Zitat: „Sind Christ und Jude eher Chist und Jude als Mensch?“ ln einem Brief vom Dezember 1909 quittiert Max Liebermann dankend den Empfang von Wolbes Buch über den Major- Burg und fügt hinzu: „Hoffentlich wirkt dif Erzählung von seinem Leben auf die israelitische Jugend.“ - Zu den bedeutendsten Rabbinen aller Richtungen, von Maybaum bis Samson Raphael Hirsch, gesellt sich die große Zahl jüdischer Ärzte, Gelehrten und Forscher. In polnischer Sprache schreibt der Erfinder des Esperanto, Dr. L. Zamenhof, der Psychoanalytiker Siegmund Freud erzählt in winziger Schrift: Mein Lehrer Brucks pflegte zu sagen: „Die Natur hat keine Eile, und was sie macht, kostet sie nichts“. Olfenbach kann nicht kommen - Besonders Kroll ist die Zahl der Handschriften von jüdischen Komponisten und Dichtern. Als charakteristischste Probe, neben Schreiben von Meyerheer, Karl OoUlmark, Anton Kuhinstein, ein Billett in nervöser Krakelschrift Jacipies Offenbachs, in dem er bedauert, einer Einladung in eine Berliner Tiergartenvilla nicht Folge leisten /u können. Unter den Dichtern fällt der schwungvolle Nameus/ug ' Arthur Scliuit/Iers. auf und die Kiuderschrift Peter Altenbergs, der eigentlich Engländer hieß. Hugo von Hofmauns- . thal verständigt sich, mit Brahm über eine Beset/ungsfr.ige, Oskar Blumeuthal äußert sich witzig in. einem > seiner berühmten stachligen Vierzeiler, Biaiiks hebräische Worte zieren das Album. In der' Reihe der Dichter, von Schabim Asch bis I rauz. Werfel und Israel Zaugwill, fehlt kaum ein wesentlicher Name. * Der- Sammler^'UuppL den dicken iuhallschwcTcn Baud zu: „Es sind nicht immer bedeutungsvolle Briefe, die darin vereint sind, aber wie dem auch sei, -mich beglückt wlas Bewußtsein, sie zu besitzen und jedes Mal — das habe ich schon in meinen „Spaziergängen im Reich der Autographen*’ geschrieben, die eiiu Anreiz, zum Autographensammeln sein wollen -- jedesmal, wenn meine Hand zu den wohlverwahrten Lederhändeu gteift, spannen diese vergilbten Erinnerungszeichen eine magische Brücke zwischen verrauschten Zeilen mul dein Heute.“ Engat l\imu'nbtunn. Der Meister von Arthur Silbergleit Ein König in Israel wollte einen Tempel bauen lassen. Er sandte daher Rundschreiben,an alle Meister seines Lundes und bat sie um Zeichnungen und Pliine. ’ . . Ein kuustbeflisseucr Mann aus dem Volke vernahm die Kunde und schickte dem König statt eines Entwurfs einen Davidpsalnf ein, indem er hinzufügte, sein Tempel werde mit der Schönheit dieses Hoheliedes wetteifern. Da berief der König den ihm bisher Unbekannten zu sich, und da er in seinen Händen große Kraft uml Geschicklichkeit gewahrte, und da er von. seinen Lippen hohe,.wohl- . gewählte, kunstverständige Worte* vernahm, vertrante er das Werk dem Fremden an. Und der schuf wirklich ein Gotteshaus, dessen edler Linienschwung wohl, den Liedern der Davidharfe entströmt zu sein schien, und dessen Säulen Gesängen aus Stein glichen. Der Umwanblüngspunkf Es gibt Kurven, die bis zu einer gewissen Stelle regelmäßig verlaufen, daun plötzlich einen Knick bekommen und in ganz anderer Ri.'htung weilerverlaufen. Ahnlichen Wandlungen, isf häufig auch die Tätigkeit ' fjWiffg'afbtlterider Menscneif mltunteruntenvorfen. Vor ungefähr 25 Jahren, ich war damals Mitarbeiter ' von Georg Klemperer im Moabiter Krankenhaus, und hatte zufällig den Platz von Paul Ehrlich, dem berühmten Entdecker des Salvarsan, inne,. war ich ein häufiger. Oast im Hause des berühmten Mathematikers Hermann Amandus Schwarz. Der Gelehrte erzählte viel von den alten Zeiten, von den vielen Studentenstreichen, die -uns heute, da Berlin eine Großstadt ist, ganz unfaßbar erscheinen würden. Eines Tages nahm mich Hermann Amandus Schwarz feierlich beiseite, uiu über das zu plaudern, was ihm wirklich am Herzen lag — *— Mit Mathematik hatte das alles, waser geheüiuiisvoll erzählte, blutwenig zu .tun. Er sprach vonphotographisehen Dingen, er war auf diesem Gebiete absoluter Laie, aber ich habe ihn nie so befriedigt, nie so erfüllt sprechen hören, als von diesen gegenüber seinen sonstigen Leistungen vollkommen belanglosen Sachen. Damals konnte ich das nicht begreifen, wie ein Mann von solchem Format sich mit diesen Quisquilia abgeben konnte; es erschien mir als ein sonderbares Phänomen, dem ich nur gleich, zu setzen vermochte die Leidenschaft, mit der der berühmte jüdische. Mathematiker Georg Cantordas Studium der Bacon-Shakespeare-Frage aufgriff, und der er ein gut Teil seines Lebens geopfert hat. Vor einigen Tagen tretie ich meinen alten Freund, den früheren Rechtsanwalt C. Das Gesetz traf ihn, uqd er mußte seine große Praxis im Slich lassen. Er war in der letztun Zeit ungenießbar gewesen, kribbe- . lig, immer in Hast und gehetzt. Jetzt war er vergnügt, entspannt, hatte Zeit, und sagte: „Komm, laß uns in Ruhe einen Kaffee nehmen . . .“ Kein Wort fiel von juristischenDingen. ' Was er'vorhabc? „Du weißt doch, ich hatte immer eine ganz gute Stimme, die lasse ich jetzt bei R. ausbilden.“ „Und Deine juristischen Kenntnisse?“ „Ach was, ich.habe mir in der letzten Zeit gar nichts mehr aus den Prozessen gemacht, der Verkehr mit dem Publikum war mir zuwider. Freier Beruf, der Anwaltsberuf! Ich versichere Dir, ich hatte überhaupt keine freie Minute. Ich war kein Mensch mehr. Jetzt fühle ich mich zufrieden, habe endlich ein Ziel vor Augen, und' paß auf, ich werde es in kurzem zu etwas bringen.“ „Und das Pekuniäre?“ fragte ich. „Das wird.auch kommen,- man darf nur den Mut nicht sinken lassen.“ Als wir uns trennten, steckte ich mir nachdenklich eine Zigarette an. Es muß Menschen geben, die in ihrer Lebenskurve einen Umwandlungspunkt haben, irgendwie vorherhestimnit in ihrer Entwicklung. Schneidet ihnen das Schicksal dort den alten Lebensweg ab, so überwinden sie. glatt die Fährnis der Umstellung, denn sie ist schon latent m ihrem Werdegang eingeschlosscn. TrifU aber ein äullcrcs Geschick sie mitten in ihrer Balm, und.sie werden hcrausgeschleudert, so'wächst sich solch eiu Ereignis leicht zur Katastrophe aus. „Der Mensch ist ungleich, ungleich sind'die-Stunden.“ . Dr. T. Slmori. BERLIN tmpfeMeitsweite ffiezugsifueMen 1 <Dtobe<6aIon Scutfc^c grau g &anni $eife« § | a&arlottenbuta 6aoigniw>Iafc 7 | Feine Herren-Schneiderei Wlarablnna letzt! W 30, Schwäbische Str 2? B 7 Puu. kos ZitttwMi Mm. iMh Mr gstta na. Handbügelci Charloftenburg . Scbarreastrafte 21 la Maftarbelt. Änderungen Cbem. Reinigen - B, Grzjrbow*bi*Ea>den,Sctinclderaistr. I Willy Donk Werkstätten fOt feinste Maßarbeit C I Steinplatz 5969. Cbarftt* Kwtatwii I