Jüdische allgemeine Zeitung
- Journal
- Jüdische allgemeine Zeitung
- Volume
- 15 (1935)
- Issue
- 52 (25.12.1935)
- Date
- 1935-12-25
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/4109741-2613367-2613418--590-2615450- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Schickfale am Kochherd Im Kochkurs für Berufstätige — Fräulein Doktor verfiebt etwas — Brafdien, Schnittbohnen und Gemüfeauflauf — Gummihandfchuhe werden belächelt — Pfeffer im Kuchenteig Von RÜTH TICHAUER In den hell erleuchteten Küchen der Jüdischen Haushaltungs- Bcliulc werden noch die letzten Töpfo und Teller des Tages abgetrocknet, die Schülerinnen verabschieden sich knixend, und schon rückt eine Schar weißbeschürzter, weißbehaubter Gestalten an, die sich erst einmal im Schulraum versammeln, um mit gezücktem Bleistift die hoho Weisheit der Kochkunst schriftlich zu fixieren, die später in die Tat umgesetzt werden soll. Kochkursus für Berufstätige I Erst hatte man etwas anderes beabsichtigt, dachte an die große Unkenntnis gewisser Hausfrauen, die mit dem 1. Januar gezwungen sein würden, selbst Hand an zu legen, und wollte ihnen die Angelegenheit Haushalt samt Kochen etwas erleichtern. Statt dessen kommen zweimal wöchentlich Mädchen und Frauen von zwanzig Mb —zig, lerneifrig und kochbegicrig, schwarz, grau und — weißhaarig. Schicksale am Kochherd! Um' 7 Uhr ist das Büro zu Ende, um 7.30 Uhr trifft man sich bereits beim Kochtopf. Und es ist, als ob der Geist der Schulstubc sich auf diese oft schon etwas müden Gestalten'lege, die munter wie Backfische, eifrig mit von Hitze geröteten Backen in der Küche Gemüse putzen, Wasser aufsetzen, Teig rühren. Von der einfachsten Suppe bis zum ach, so teuren Fleischgericht, vom ■ Auflauf bis zur feinsten Creme; Ist Not am Kochtopf, an der Tcigschüsscl, sind die freundlichen Helferinnen da, die bereits ein Tagewerk mit 80 Schülerinnen, 60 Damen des Altersheims hinter sich haben. Fräulein Doktor, jahrelang Obcrlchrcrin am Gymnasium, kann wahrscheinlich glänzend lateinische Grammatik servieren, aber das Eigelb vom Weißci trennen? Bautzl wieder daneben 1 Die tüchtige Geschäftsfrau, die ein Tagewerk mit viel Treppauf und Treppab hinter sich hat, gewöhnt, nach altem Stil zu kochen, kann sich noch immer nicht ganz beruhigen, daß statt der alten bewährten schlcsischcn Mehlschwitze das Gemüse und die Suppen angedünstet werden. Die gemeinsame Tätigkeit, das Lernen, macht aus beschwerten Menschen Kinder, die sogar noch richtig lachen können, wenn z., B. in einen wundervoll gerührten Teig Pfeffer geschüttet wird und die unglückliche Schöpferin prustend vor ihrem Machwerk steht. Dort quirlt die zukünftige Hausfrau. So bunt wie in der Schüssel sieht es auch im Kopf aus. Heute geht es ja kaum noch, vier Wochen zumindest mit der beruflichen Tätigkeit aufzuhören, und ran an den Herd zu Muttern. Bis zum letzten Tage muß im Betrieb gearbeitet werden, und zwischen Geschüft und Kochen liegen Sorgen um Aufbau des neuen Haushalts. Zweien ist vor einigen Tagten gekündigt worden. Zum richtigen Umschichten nicht mehr jung genugi vorläufig wird kochen gelernt, dann kann man vielleicht damit etwas anfangen. Ein Eaar jungen Mädels schwirrt Brasilien, Amerika zwischen Sehnittohnen und Gcmüscaufläufcn im Kopf herum. Vorläufig Schrubbern sie tüchtig nach getaner Arbeit den Herd, fegen, waschen auf, alles muß einmal ganz selbsttätig gemacht sein. Frau Direktor X. putzt vorsichtig mit Gummihannschuhen das Gemüse. Leise lächelnd sehen ihr die anderen zu. Am nächsten Tag schaut sich die Stenotypistin an der Maschine ihre merkwürdig geröteten und gehärteten Finger an, und sie möchte die Hand am liebsten statt auf die Tasten in den Schoß legen. Aber nach einigen Malen ist auch dies überwunden, als wenn es nichts Schlimmeres gäbe I Und wenn die Salate, Suppen, Gemüse, Fleischgerichte, Crcms den Gaumen der Schülerinnen und Lehrerinnen ergötzt haben, wenn alles wieder für dio am ^nächsten Morgen um 7 Uhr anrückende junge Garde sauber instand gesetzt ist, beginnt wieder der Alltag, der die flinke, kleine Frau in der netten weißen Kochkappc zur müden, alleinstehenden Schneiderin macht, die sich vor einigen Tagen von ihrem Mann trennen mußte, und die mit den wieder aufgefrischten Kochkcrintnisscn auf eigenen Füßen stehen will und muß. Die Geschäftsfrau hastet nach Haus zu ihrem Buben, den sie den ganzen Tag nicht gesehen, und der auf das „Gute Mitgebrachte" wartet. Die Menagen schlenkern am Arm der jungen Mädels, die den ganzen Abend über vergessen haben, daß es einen kalten Wintermorgen gibt, der sie früh aus dem Bett holt, zur Arbeit. Aber alle sind sie dem Haus und seinen Bewohnern dankbor, die ihnen in so kurzer Zeit praktische Kenntnisse gaben, die sie heute nötiger brauchen denn je. Daß alles nur mit Wasser gekocht wird, weiß jede, aber ob heißes, kaltes oder kochendes Wasser, was sonst noch alles und wie es zum Kochen benutzt wird, —das haben sie gelernt. Judifligcschichte nicht in \ den biblischen Kanon aufgenommen wurde, erklärt Bich do Rössi aus ihrem unjüdischcn Geiste^ In, der Tat hat sie, wenn man von unserem Josef b. Salomo absieht, im Judenrum kaum Anklang gefunden, während andere Kreise Bcit dem 11. Jahrhundort unzählige Bearbeitungen dieses Stoffe» in verschiedenen Sprachen aufweisen; Auch das Motiv der bedrohten Familichchre in der Geschichte des makkabäischen Freiheitskampfes neben dem rein religiösen ist im allgemeinen jüdischen Bewußtsein so gut wie geschwunden. Um so mehr erscheint es angezeigt, an Chanukkn daran zu erinnern, zu erinnern an die Schwester der Makkabäcr. DieSchweßer derMakkahäer / Von Dr. MAX GRUNWALD Im babylonischen Talmud (Schabbat 23 a) sagt Josua ben Levi: „Die Frauen sine? verpflichtet, das Chanulckalicht zu zünden, da auch sie an dem Wunder " Anteil haben, doch dürfen sie Arbeiten verrichten". Nur ist es frommer Brauch, daß, solange die Lichter brennen, dio Frauen jede Arbeit unterlassen. Als Begründung wird in verschiedenen älteren Quellen darauf hingewiesen, daß die Rettung damals durch Judith gekommen sei. Die __Judithgcschichte wird schon in . alter Zeit mit der Makkabficrerhebung in Verbindung gebracht. So z. B. in dem Licdo zum ersten Sabbat .CJinnukka von Josef ben Salomo aus Carcassonnc. Auch Grotius in der ^Vorrede zu seinem Judith- Kommentar will diese Geschichte in die Zeit des Antiochus Epiphanes verlegen. Noch andere Historiker pflichten dieser Chronologie bei, zumal im Buche Daniel „Nebukadnezar" für Antiochus gebraucht werde. Nun wird in der alten „Mcgillaui Taanith", Abschnitt 6, die Tat der Judith, einer Tochter des Mattathias ben Jochanan, zugeschrieben. In dem erwähnten Lied wird neben Judith clno Tochter des Jochanan und Schwester des Juda erwähnt, die diesen zur .entscheidenden Tat angespornt habe. Ob sie mit Judith identisch ist, läßt" sich dem Wortlaut nicht mit Bestimmtheit entnehmen." Zu beachten ist jedenfalls, daß auch in einer jemenitischen „Mcgilln der Hosmonäer" eine Schwester der Makkabäcr. ihre Brüder zum rettenden Entschluß begeisterte. Unter Hinweis auf die Schmach, die den, jüdischen Bräuten vom Syrer angetan wurde, höhnt sie kurz vor ihrer Verheiratung ihre Brüder, daß sio feige duldeten, was einst Simeon und Lcvi, die Söhne Jakobs, mit blutiger Tat', als Rächer der Ehre ihrer Schwester Dina, zu sühnen gesucht haben. So werden die Makkabäcr, von ihrer Schwester aufgestachelt, Kämpfer für die Ehre der jüdischen Frauen; . Daß ab ihr Vater hier Mattathias, dort Jochanan genannt wird, erinnert daran, daß auch in der altem . „Megillath Antiochus" die uns aus dem 1. Buche der Makkabäcr - geläufigen Personalien umgestellt werden. Nicht Mattathias, sondern (1,19) Jochanan gibt dort durch mutiges Eingreifen, und zwar die Tötung Nikanors, das Signal zum Aufstand. Wie immer ist es eine Schwester der Hasmonäcr, der. ein wichtiger Anteil an der Entstehung der Kämpfe gegen die Syrer nachgerühmt wird. Und in diesem/Zusammenhange vordient jener Jozcr zum ersten Clianukka-Sabnat besondere Beachtung, zumal er in mancher Einzelheit von deifjiudercn Überlieferungen abweicht. Im großen und ganzen hält <ar Bich aber an die Darstellung sowohl in der Agada, in den Bücltern der Makkabäcr, als auch im Buche Judith. Mit vielen biblischen und nachbiblisch.cn Zitaten. Antiochus, 90 wird liier berichtet, beauftragt seinen Fcldherrn Pliilippos, die Juden zum Götzendienst zu zwingen. Der verbietet bei Todesstrafe dio Aufnahme in den Buna Abrahams. Zwei Mütter verletzen dieses Verbot. Sie werden an den Brüsten aufgehängt, sie und ihre Kinder von einem Turm herabgestürzt. (Darstellung in cod. Hamb. 37 bei Kohut, Geschichte der deutschen Juden, S. 163.) Es, folgen die bekannte Versuchung des neunzigjährigen Elcasar, die Martyrien der sieben Brüdor (ohne die Mutter), Atteni tote auf das Familienleben und die Sittenreinheit der Juden. Wört- ' lieh fährt der Dichter fort: > „Als das Maß de» Frevels voll war, erbarmto sich dor Allmächtige., Der Chaschonai (Mattathias) vermählte die Tochter Johohins. (Im Jozcr zum zweiten Sabbat Chanukka von Mcnachcm b. Makhir, z. Zt. des ersten Kreuzzuges, ist dor Brüuf ttaam. Eleosar, die Braut Channa, eine Schwester Judas.) Man führte sie zur Hochzeit mit festlichem Mahl. Da legte die Braut Schmuck und ihr Festkleid ab. Den Becher füllte sie den Gästen. Die verbargen ihr Antlitz, um ihre Schönheit nicht zu selten. Da, wandte Bich der Bruder zornig gegen sie: „Vor diesen vornehmen GäBten, diesen Kreis aus werten Herren unterstehst Du Dicli, wie eine Dirne hinzutreten?" Ulm antwortete die Liebliche und Schöne: ,,Wio? mich zu tadeln, habt Ihr den traurigen Mut? Aber dem scheußlichen Wüstling mich wie eine Dirne auszuliefern, dos macht Euch keine Bedenken?" Da ermannte sich Juda. Sein Herz erfüllte Kraft und Mut. In schwerem Groll faßte er seinen Plan. Er sammelte Myrten und Gewürze, wie um eino Hochzeit herzurichten, den Bösewicht irre zu führen, indem er seiner (griechischen) ' Sitte sich ' zu' unterwerfen schien. Als der von weitem sie. singen" und tanzen sah, sprach; er: „Diese hohen Herrschaften heiraten also doch unserem Gesetz gemäß." [ Sein Gefolge und, seine Dieiicr ließ er hinausgclicft und Mathitjahu und Glaubenstreue Legende vom Heldentod einer Jüdin in Abessinicn Die Chonukka-Zcit, die uns immer wieder aufs neue an die ruhmreichen Taten der Makkabäcr erinnert, hält auch die Erinnerung an andere heldenhafte jüdische Menschen fest, die den Tod einem Abfall vom jüdißchen Glauben vorgezogen haben, wie jene Mutter mit ihren sieben Kindern, die ihr Liebstes und sich selbst freudig opferte, als sie dem alten einzigen Gottc abtrünnig gemacht werden sollten. Es dürfte nicht allgemein bekannt sein, daß aus dem Glaubenskampf, der sich im Mittelalter in Abessinicn zwischen den abessinischen Juden, den Falaschas, und den christlichen Abcssiniern entwickelt hat, ähnliche Geschichten überliefert sind, wie wir sie an Chanukka erzählen. In der von Conti Rossini 1907 in Paris herausgegebenen Chronik des abessinischen Königs Sartsa Dcngel (1563—1595) wird von einem Feldzuge berichtet, der im Jahre 1580 gegen die Falaschas unternommen wurde: Bei der Amba Knlcf fand der erste Zusammenstoß statt. Die Verteidigung leitete Kalcf, der Bruder des Rada'i, des Häuptlings der Falaschas. Obwohl sich die Falaschas in einer sehr günstigen Position befanden, wurden sie, die Feuerwaffen noch nicht kannten, durch die erstmalige Anwendung seitens der Gegner in Schrecken und Verwirrung gesetzt und überwunden. „Eine erstaunliche Tatsache ereignete sich", berichtet der abessinische König, ,,nn diesem Tage mit einer Frnu, die in Gefangenschaft abgeführt wurde. Sic war mit dem Mann, der sie fortbringen sollte, an der Hand zusammengebunden. A1b sie nahe am steilen Hang der Amba vorbeigeführt wurde, stürzte sie sieh mit dem Rufe: ,Adonai, hilf mir!' in den Abgrund und riß ihren Führer mit sich in den Tod." Es nimmt nicht Wunder, daß der den Falaschas infolge der heftigen Glaubcnskämpfc nicht sehr wohlgesinnte abexsinischc Fürst Bewunderung für diese Tat empfand und ritterlich genug war, weiter festzustellen: „Die Energie dieser Frau, wcleho sich selbst nicht schonte und den Tod der Bekehrung zum Christentum vorzog, ist außerordentlich überraschend, aber sie war mit ihrer Tat nicht alleinstehend, viele handelten wie sie."- Werner Simon. seine Brüder (Verwandtschaft) eintreten. Juda, der Makkabäcr, war mit Kraft gegürtet, mit unwiderstehlichem Stahl durchbohrte er den Wüstling. Von Akko bis Nimrim verfolgte er den Feind; er zerschmetterte ihn zunichte. Das wurde dem Eliforni (Holofcrncs) gemeldet. Der brach mit seinem Heere zur Vernichtung (der Juden) auf, lagerte ein Mil weit von Zijon, das Herz sturmbewegt wie ein Hochwald. Das Volk gelobte Rückkehr zu seinem Schöpfer; alle trauerten fastend und weinend. Köstlicher als Gold war, was sie versprachen. Da prophezeite dem Könige sein Hauptmann Acliior, einer seiner Edlen, Räte, Herzöge und Priester: „Sie halten ihr Gesotz und werden Dich (deshalb), wie einen Topf, zertrümmern." Als der Bösewicht dies hörte, entbrannte über Achior seih Zorn. Er befahl ihn zü hängen (binden) und so, dicht vor den Toren der Stadt, der Schande preiszugeben. Er dachte: „Wenn ich morgen die Stadt verbrenne, soll zuerst meinem Schwert verfallen dieser Anwalt meiner Feinde." „In der Nacht beschützte mich Judith. Gesegnet war ihr Geheimnis und ihre Klugheit vortrefflich, ihrem Volke ein Schild, dem Griechen ein Brand. Als sie Stadt und Bürger wieder fromm sah', brach Bio frohgemut auf, ihre Magd nahm sie mit sich. Auf den Ewigen warf sie ihre Sorge. Sic stellte sich an die Vorposten des feindlichen Lagers, seinem Frohlocken ein Ende zu bereiten, seine Streitmacht lahmzulegen und ihm nach Verdienst zu vergelten. Ihre blendende Schönheit meldete man dem Könige: „Ein Mädchen ohnegleichen im Lande!" Er wurde sie zu sehen begierig und ließ Bic vor sich führen. „Was führt Dich her?", so begann er. Sic sprach: „Aus einer Familie von Propheten stamme ich, die von Dir, mein Herr und König, prophezeien: Ganz plötzlich schon morgen werden Deine Mauerbrecher die Stadt wie Ton zerschmettern. Ich eilte her, es Dir zu verkünden, auf daß Du nicht säumest. Wenn Du sie in Deinem Zorn aertrittst, wie man Trauben keltert, gedenke und erinnere Dich Deiner Magd! Die Jünglinge, meiner Familie mögen Dir in Deinem Hause dienen 1" Er flüsterte: ■ „Alles, was Du wünschest, will ich gewähren, wenn Du meinen Willen tust. Nicht vernichten, sondern erhöhen will ich das Haus Deines Vaters." Sic wandte ein: „Ich muß erst ein Tauchbad nehmen." Und er befahl, daß man sie unbeldndert baden lasse. Nun wieherte er wie ein üppig tänzelnder Hengst. Seine Mannen ließ er schlemmen und saufen. Um den PreiB seines Halses betrank selbst er sich. Da überfiel ihh schwerer Schlaf. Man rief das Mädchen zu ihm. Welche Gefahr für siel Er aber, legte den Kopf aufs'Kissen und war augenscheinlich eingeschlafen. Sein Gefolge brach auf, rasch vorließen sie ihren König und suchten ihre Zelte auf. Voll Gottesfurcht und Geistesgegenwart hieb sie sein Haupt wie (der Schnitter) eine Ähre ab, sie nahm ihn und brachte ihn, und damit Rettung ihrem Volke. Die sahen es, wollten ihr aber nicht glauben. Sic eilten zu dem Manne (Achior), den er (Holofcrncs) in seinem Zorne hatto hängen (binden) lassen. Der schwor, daß es das Haupt des Holofcrncs sei. In jener Nacht erhob sich Jubel, Kummer und Klagen schwanden sogleich. Der Verfolger mit seinem Rachedurst war ja Bcliicr vernichtet. Sio tanzten und jauchzten die ganze Nacht hindurch. Jubelnd dankten sio dem erhabenen Wundertäter, der sie behütet und gnädig vor Unheil bewahrt hatte. Am nächsten Morgen beteten sie weithin schallend ihr Sch'ma Israel. ' Als die Räuberhorden diesen Tumult der Massen hörten, eilten sie, den König zu wecken und in Sicherheit zu bringen. Sio fanden ihn tot in seinem Prunkzolt. Da war ihr Ubermut gebeugt "und ihre Zuversicht dahin. Kleinlaut gürteten sie in Bangen ihr Schwert um. Ihre Gegner verfolgten sie und schlugen sie vernichtend. Haufenweise rieben sie sie auf. Dank- und Jubellieder stimmten die Helden an. Die Weisen bestimmten ein Gcdcnkfcst .für das Wunder, acht Togo Hallcl zu Bingen mit Jubel Lichter zu zünden ständig Jahr für Jahr. Da heut Sabbat und Chanukka zusammentreffen, weiht Dir Israel Sabbatglück und Clionukkafreudc, es zeugt für Dich stets, daß Dein dio Herrschaft. Deine Freunde und Vertrauten, in ihrer Not Deiner eingedenk, Dich, Unvergleichlicher, preisen sie als den einig Einzigen. Führe sie aus'Gefangenschaft in die Freiheit und alle werden Dir dafür danken, Heiliger!" .Diese Uberlieferungen von Judith und einer anderen mutigen Jüdin wurden, wie schon Asarja de Rossi vermutet, von cinetm späteren Redaktor mit Öianukka in Verbindung gebracht. War dies der Verfasser unseres Jozer, so ist diese Redaktion vor Raschi, also spätestens vor dem 12. Jahrhundert anzusetzen. Daß die „Die Juden in der Welt" Jüdisches Schicksal seit drei Jahrtausenden: Suchen, Finden, Verlieren, neues Suchen einer Heimat. Seitdem die Juden nach Vernichtung des Reiches Israel durch die Assyrcr 722 v. die erste Massenauswanderung angetreten haben, hat sich dieses Schicksal in den vcrseliicdenstcn Ländern unter den verschiedensten Formen, aus den mannigfachsten Gründen von Zeit zu Zeit wiederholt. Diesen jüdischen Weg, der aus grauer Vergangenheit in unsere Tage führt, hat Dr. Mark W i s c h n i t z e r in seinem Buche „Die Juden in der Welt", das nach Abraham Hcschels lebendiger Maimonides-Biographic alB zweiter Band der Sammlung „Judentum in Geschichte und Gegenwart" im Erich Rciss Verlag erschienen ist, kenntnisreich und sachlich-eindrucksvoll beschrieben. Er hat sich aber nicht darauf beschränkt, eine knapp gefaßte historische Rückschau zu geben, einen Uberblick über die politische, * wirtschaftliche und kulturelle Entwicklung von mehr als hundert Ländern. Er versucht auch, Auswege aus der jüdischen Not der Gegenwart aufzuzeigen und den Juden Deutschlands, die auf dem Erdball Umschau halten nach einem Fleckchen, wo sie eine neue Existenz aufbauen können, in einer Stunde der Not und Gefahr, Vertrautheit mit der Lebenslage der in anderen Länder a ansässigen Glaubensgenossen zu verschaffen, und dadurch Schlüsse zu gestatten auf die Möglichkeiten, die heute, vorhanden sind. Weltkrise und Arbeitslosigkeit sind wohl die am häufigsten in diesem Buch vorkommenden Worte. Es ist daher nur allzu gerechtfertigt, wenn Wischnitzcr meint, daß sich dem immer drängender sieh geltend machenden Wunderzwang die zermürbende Angst entgegenstellt, den alten Boden zu vorlassen, um Bich einem Ungewissen gegenübergestellt zu sehen. „Bei näherer Musterung unserer Erde läßt sich jedoch", schreibt der in der Praxis der jüdischen Wanderbewegung stehende Generalsekretär des Hilfsvcreins der Juden in Deutschland, „überall jüdisches Leben oufspüren. Wir sind nicht so allein und verlassen, wie uns das in Augenblicken jäher Schicksalswcndungen scheinen mag. Nach dem ersten Schock beginnt das Auge, Wege zu unterscheiden, Wegmarkicrungen zu erkennen, die von tapferem jüdischem Pionicrtum geschaffen worden sind." Die Darstellung jüdischen Lebens in den Vereinigten Staaten, in Rußland, auf dem Balkan,..der besonders wechselvollc jüdische Schicksale gesehen hat, und in Palästina..nimmt den breitesten Raum ein, den kleinsten dio westindische Insel Portorloo, die,mit anderthalb Zeilen abgetan werden kann. Wischnitzcr vermeidet es zwar, ein Fazit aus dem zusammengetragenen Material ■ von Zahlen,, Daten, Namen, Bevölkcrungs- und Berufsstatistiken und jüdischer Leistung zu ziehen, gibt aber, durch Warnungen und den Hinweis auf Fortkommensmögliclikcitcn den in dio Ferne drängenden Juden immerhin einen Kompaß in die Hand, nach dem sio sich in der Himmelsrichtung orientieren können. Das Buch bietet ober mehr als nur Gegenwartskunde. Ohne zu gründlich oder zu oberflächlich zu werden, streut Dr. Wischnitzer-' interessante und vielfach nicht bekannte kulturgeschichtliche Details ein. So, wenn er die Entstehung der jüdischen Zünfte in Polen und Litauen schildert, wenn er den sehr aufschlußreichen handwerklichen Betätigungsarten der Juden nachgeht und beispielsweise erwähnt, doß im 15. Jahrhundert die jüdischen Frauen auf Rhodos ihre Männer durch Kunstarbeiten ernährten, wenn er vermerkt, daß man als Überbleibsel jüdischer Tradition in Brasilien an armseligen Dorfhäuscm vor kurzem das Zeichen des Davidsschildes entdeckt hat oder skizziert, wie durch Flüchtlinge aus Rccifc, dem jetzigen Pcrnambuco, der Grundstock des jüdischen GemcinwcseiiB in Neil-Amsterdam, dem heutigen New York, gelegt wurde. Wischnitzcra Buch „Die Juden in der Welt" gehört zu den ^wichtigsten Erscheinungen auf dem jüdischen Büchermarkt. Es ist ein unentbehrlicher Ratgeber in der Hand jedes Juden, der heute gezwungen ist, sich einen neuen Platz irgendwo auf-dem ' Erdball zu suchen. E.\Ta. Infolge Raummangels mußte die Fortsetzung unseres Romans „Zwischen Start und Ziel" in dieser Nummer ausfallen.