Jüdische allgemeine Zeitung
- Journal
- Jüdische allgemeine Zeitung
- Volume
- 15 (1935)
- Issue
- 52 (25.12.1935)
- Date
- 1935-12-25
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Beilage 25. Dezember 1935 JÜDISCHE AUGEMEINE ZCITUNC Mendele Mocher Sforim Zum 100. Geburtstag des „Großvater?* der jiddifclien Literatur Aufnahme: Sonnenfeld. Ein wackelnder Wogen, von einem ausgemergelten; abgernckerten, zerzausten Gaul gezogen, schwankt durch die monoton-melancholische Landschaft. Ein in sich gekehrtes Männchen mit ironisch herabgezogenen Mundwinkeln sitzt in'dem holpernden Fuhrwerk. Verloren gleitet der Blick aus?) leicht zusammengekniffenen' Augen über die karge litauische Ebene hin. Sein Sinnen und Denken gilt dem menschlichen ' Schicksal, dem Schicksal des Juden. Es ist Mendele Mocher Sforim, der von Dorf zu Dorf, von Städtchen zu Städtchen ziehende Bücherhündlcr, für den sich dieser Scholaum Jakob Abramowitsch in seinen Werken ausgibt. Und dann schlägt er gewöhnlich bei der Synagoge seinen Stand auf, um fromme Bücher abzusetzen und dabei vor seinen halbgeschlosscncn, heimlich kritisch betrachtenden Augen das Leben des Ghettos und seiner Menschen an sich vorüberziehen zu lassen. „Verdienen ist gleich", meint dieser fliegende Buchhändler Mendele, „die Hauptsache ist das Reisen". Und das Schauen, das Beobachten. So sieht und schildert er die abgeschlossene Welt der' jüdischen Kleinstodt in ihrer charaktervollen Eigenart,.- so betrachtet und beschreibt und zergliedert er ihre Menschen, mit ihren Fehlern und Schwächen, mit ihrer äußeren Beweglichkeit und ihrer seelischen Tiefe, in ihrer Mischung von "Tragik und Komik: die Luftmenschen der Kleinstadtgasse, die Händler und Schnorrer, den heimatlosen Bettler, der ihm zum Symbol des verfolgten, ruhelosen osteuropäischen Juden wird. Wenn Mendele Mocher Sforim seine Menschen auch mit <len duftigen Wolken eines weisen Humors umgibt, so steht hinter «Uedem doch eine tiefe Traurigkeit über das unglückliche Leben dieser von Licht und Luft abgesperrten Menschen. Es ist eine übervolle Seele, die sich in milden und rauhen, in didaktischkritischen und gefühlvoll-zarten Worten entladt. Man muß lesen, wie er die Verwandlung eines armseligen Trödlers schildert, sobald er sich am Freitagabend an den Sabbattisch setzt', oder den seelischen Zustand der Ghettobewohner, die sich beim Herannahen ■der hohen jüdischen Feiertage unter dem Fenster des Vorbctcrs versammeln, um ihn mit seinem Chor die heiligen Gebete einüben zu hören. Mit dem gleichen urwüchsigen, empfänglichen Gemüt, mit ■dem McndclCs Mocher Sforim Menschen und Zustände zu dichterischen Erlebnissen macht, versenkt -er sich auch in. die Seele der Tiere. Eines der Werke, die seinen .Namen am. meisten borühint gemacht haben, führt-den Titel „Die Klatsche"; darin hat er die tierische Welt in faszinierender Weise vermenschlicht. Die ausgezehrte, von allen verachtete und verprügelte Schindmähre, die in dieser Erzählung plötzlich zu sprechen beginnt und ihre Lcbensgcschichtc erzählt, war einst ein Prinz. „Ich sah", erzählt Isrolik, der: Narr, ein junger Mensch, der sich Tag und Nacht auf sein Examen vorbereitet und dadurch, so .nervös wird, daß er bereits Halluzinationen hat, „auf mich zwei Augen geheftet mit •dem Ausdruck des Schmerzes und der Ermüdung, voll von'Sanftmut und unendlicher Güte. Man könnte sagen, es wären die Augen eines schwachen, unglücklichen, beleidigten und geschlagenen Menschen gewesen, der schweigend, ohne das geringste Wort au sprechen,, einen anschaut; seine Augen allein sagen die Leiden seiner Seele. Aufmerksamer schaute ich hin; keine Spur von einer Stute, vor mir ist das Gesicht eines Menschen. Wie? woher? — Dauert dieser Zustand schon lange? — Ach, solange wie das Exil." Ein andermal, als die gejagte Stute sich freut, ruhig im Sumpf zu liegen und die alten, Kranken Knochen auszuruhen, und Isrolik empört darüber ist, daß er sie über die Tiefe ihlrcs iFalles nicht seufzen höre, antwortet ihm das Tier: „Ach, du host gut reden, wenn ein anderer so lange wie ich' schon zur Mähre verwandelt wäre, wenn ein anderer so viel Leiden und Unglück ■ortragen hätte .'. . er hätte gar den Verstand verloren und alles Empfinden, sogar die Fähigkeit zum Sprechen und wäre wirklich und. wahrhaftig ein Pferd geworden . . . Mein Schicksal gleicht W : in geringe Einzelheiten dem meines alten Freundes Hiob. Als Gott ihn in die Hand des Teufels gab, sagte er: „Teufel, «nach mit ihm, was du willst. Schlage, verwunde und verbrenne seinen Leib, aber hüte dich, seine Seele anzurühren." Als Mendele Mocher Sforim gegen große Widerstände seine •erste satirisch durchtränkte Erzählung „Das kleine Men- ■schele oder eine Lebensbeschreibung von Jizchok Abraham Takkif" in jüdisch-deutscher Sprache erscheinen ließ, galt der Jargon nicht als litordturfühig. Mit seinen realistischen Romanen und Erzählungen, in denen er, an russischen Vorbildern geschult, jüdisches Leben, ohne Zuspitzungen und Spannungen allerdings, aber leicht und locker darstellt, hat ihn der Dichter aus seiner 'subalternen Stellung herausgeführt und ihn zur Sprache der Pcrcz, Asch und Scholem Alcjchcm gemacht. Die jüngere Schriftstcilcrgencration hat Mendele Mocher Sforim, den .„Seide", den Großvater der jiddischen Literatur genannt, und Scholem Alcjchcm hat sich stets gern als seinen Enkel bezeichnet. Wenn sich Mendele Mocher Sforim von .der hebräischen Sprache, in der er einen im Titel und im Inhalt von TurcenijoW angeregten Homan „Vater und Söhne", eine dreibändige Nalurgcselücnte und andere Schriften hat erscheinen laBscn, anwandte, so tat er es deshalb, weil ihm der volksnahe Jargon leichter die Mittel an die Hand gab, die Menschen in ihrer ganzen Ursprünglichkeit, in ihrem sprachlich beweglichen Humor, ihren Alltagssittcn und ihrem religiösen Empfinden zu erfassen. Während die literarischen Nachfolger des Schöpfers der Jargonpoesie geographisch in die Weite strebten, blieb Mondcio Mocher Sforim zeit seines Lebens im Bannkreis der jüdischen Kleinstadt. Nur einmal hat er sich, in den Spuren Don Quichbtes wandelnd, in die Ferne gewogt. Aber die „Heise Benjamins des Dritten", der von dem plötzlichen Verlangen gepackt wird, zu erfahren, wo der geheimnisvolle Fluß Sanibation liegt, und wo sich der märchenhafte Stamm der „roten" Juden aufhält, führt nur ein paar Kilometer über sein Heimatstädtchen hinaus. Die Abenteuer dieses jüdischen Don Quichote dürften übrigens vielen Lesern noch aus dor Aufführung des Moskauer Akademischen Theaters im Berliner Theater des Westens in Erinnerung Bein, in der unter dor Regio des ostjüdischen Reinhardt Alexia Granowsky dieses heiter-sentimentale Spiel in buntem tänzerischem und akrobatischem Wirbel auf schrägen Laufbrettern und,kühnen Tanzgerüsten vorüberzog. Auch Mendele Mocher Sforims Leben war nicht ganz von Abenteuern frei. Er war am 1. Januar 1836, also vor 100 Jahren, in der kleinen litauischen Stadt Kopyl im Gouvernement Minsk geboren. Als er 13 Jahre Var, starb sein Vater, der ihn, abweichend von der damals in Rußland Üblichen Erziehung, die fast ausschließlich im TalmudBtudium bestand, auch in anderen Wissensgebieten hatte unterrichten lassen. In seinem autobiographischen Roman „Sehloi raa Ic" hat Mcndole Macher Sforim mit ergreifender Liebe die ehrwürdige Gestalt dos Vaters gezeichnet, der das Kind oft um Mitternacht weckte, um mit * ihm das Gesetz zu lernen. Später heiratete seine Mutter den Pächter einer Mühle, die einsam mitten im Wald lag. Diese Umgebung hat das dichterische Gemüt des Knaben außerordentlich beeinflußt, was in zahlreichen Schilderungen, die starkes Naturgefühl verraten, zum Ausdruck kommt. Er fühlte sich, wie er selbst sogt, durch ein Freundschaftsband mit Bäumen und Vögeln verknüpft. Auf einer an Zwischenfällen reichen Wanderschaft durch WoJhynicn und- Südrußland kam .er nach Kamcncz-Podolsk, wo er durch Vermittlung des hebräischen und jüdisch-deutschen Schriftstellers Gottlobcr in der russischen und deutschen Sprache ausgebildet wurde. Sein kritischer Geist trat zuerst in zwei Briefen zutage, in denen er sich mit der damaligen Erziehungsmethode in den jüdischen Sclvulcn scharf auseinandersetzte. Im Jahre 1856 wurde er selbst Lehrer in Kamcncz und ließ sich später in Berditschcw, der judenreichsten Stadt Rußlands, nieder. Aber alB er 1869 sein soziales Buch- „Die Taxe" veröffentlichte, in dem er in der Art des änklägerischen russischen Realismus Mißstände der Gemeinde, die falschen Wohltäter und Schmarotzer jüdischen Lebens, geißelte,, zog er sich die Anfeindungen der Gcmcindchäupter zu, so daß er, um ihrem Zorn zu entgehen, die Stada verließ und sich in Schitomir niederließ, das zu jener 'Zeit ein Mittelpunkt der Haskala war, jener Aufklärung, die er in seinem Roman „Fischkc der Krummer" unter die Lupe genommen hat. Kurz vor der Abfassung scinor Erzählung „Die Klatsche" unterzog sich Mendele Mocher Sforim einer Prüfung im Rabbinerseminar in Schitomir, wurde aber abgewiesen, weil er in seiner Proboprcdigt allzu radikale Ansichten vertrat.' Im Jahre 1881 wurde er zum Leiter der Talmud-Toraschulo in Odessa ernannt. Dort lebte er, von einer kurzen Unterbrechung während der Pogromjahre 1905/06 abgesehen, bis zu seinem Tode. Er. starb, 81] ährig, am 8. Dezember 1917, in einem Krankenhaus in Odessa. „Es ist offenbar", schrieb er einmal mit dem ihm eigenen trauerumflorten Humor, „daß ich seit meiner Geburt bestimmt war, die Rolle eines Schriftstellers in meinem Volke zu erfüllen, dem armen und unglücklichen Volke; und damit ich sein Leben ganz und gar kennen lernte, und schon von früh auf, so sprach Gott:. .Flieg, mein Vogel, flieg in die Welt, sei der Unglücklichste! der Unglücklichen, sei der jüdischste Jude'." Mendele Mocher- Sforim hat seine Mission in reichem Maße erfüllt. .Eugen Tannenbaum. THEATER, KUNST, LITERATUR Wie aus Wien.gemeldet wird, haben Lotte Lehmann und Emariucl List, die vor einigen Wochen in Clevclond und Chicago mit . großem Erfolg ein Gastspiel absolvierten, von verschiedenen amerikanischen Städten Gastspiclanträge für die kommende Saison erhalten, um im „RoBenkavolior" aufzutreten. .'..••'*' 1 Der Berliner Oberkantor Hans John wird am 25. Dezember «n Amste r dam ei n Konze r t geben, das von der Amster- ' damer Gruppe der Vereinigung f ü r re Ii gi 3 s-libcrales Judentum veranstaltet wird. Oberkantor John wird synagogalo Gesänge und jiddische Lieder sowie Arien und Lieder von Händel, Schubert und Dvorak vortragen. * Die Palästina-Regierung hat. eine Kommisaion zur Auswahl «incs hebräischen Ansagers für den palästinensischen Rundfunk ernannt. Der Kommission gehören Dr. Jizchak Epstein, Channa Rowina und A. Yellin an. * Die Sängerin Hertha Glückmann gab vor kurzem^ verschiedene Liederabende in London, dio einen großen Erfolg hatten^ Die Sängerin, ist jetzt für verselüedeno Konzorte in den Vereinigten Staaten verpflichtet worden und wird ihren ersten Liederabend am 31. Januar 1936 in der Town Hall in New York geben. * ' Die bayerische politische Polizei hat die Beschlagnahme und Einziehung einer Reihe von Druckschriften für. den Bereich des Landes Bayern angeordnet. Darunter befinden sich: Franz Kafka: ,jEin Hungerkünstlcr" und „Die Verwandlung", Gustav Meyrink: „Der Golem", Alfred Polgar: „Ich bin Zeuge", .Stichproben", „Stücke und Spieler", Rahcl Sanzara: „Das verlorene Kind". Aus Warschau wird gemeldet: Der diesjährige Pen-Klub-Preis, für die beste dichterische Übersetzung ins Polnische wurde von der Leitung des polnischen Literaturklubs als Jury , des Pen-Klubs dem jüdischen Schriftsteller Julian Tuwim für seine Übersetzung des „Kupferrciters" von Puschkin zuerkannt. Arabische Arbeiter, die beim Bau einer Straße beschäftigt sind, haben, einer Meldung aus Jerusalem zufolge, in der Nähe des Grabes , Mariae; zwei altjüdischc Grabgewölbe sowie eine Anzahl von Münzen entdeckt, die aus der Zeit des Statthalters Pontius Pilatus stammen sollen. Zu der in der „Jüdischen Allgemeinen" wiedergegobenen Nachricht der „Allgemeinen Musikzeitung" bringt dieses Blatt in seiner Nr, 50 eine Berichtigung, worin festgestellt. wird, daß nicht der Präsident der Rcichsmusikkammcr, sondern , der Präsident der Reichskulturkammer entschieden hat und daß. die Anfrage nicht vom ■ Deutschen Musikalien-Verleger-Verein^ sondern vom Rcichsverband der Deutschen Musikalienhändler ausging-. ' '; . ■■■■■■ Raphael Löwenfeld Zu seinem 25. Todestag am 28. Dezember Ein tragisches Schicksal fügte es, daß nur wenige Wochen nach dein Tode Tolstois seilt Biograph Raphael Löwcnfcld' aus einer violvcrhcißcndcn Laufbahn liinwcggcrisscn wurde. Löwcnfcld, der am 12. Februar 1854 in Posen geboren war, widmete sich dem Studium der slawischen Sprachen, Weil er sich dazu berufen fühlte, als Mittler zwischen deutscher und russischer Literatur zu wirken. Nachdem er eine Zeitlang an-der Breslaucr Universität als Lektor für russische Sprache und Literatur eine fruchtbare Tätigkeit entfaltet hatte, ging er nach Petersburg und Moskau, wo er eine Verbindung mit den geistigen Trägern der -russischen Litcroturbcwogung anknüpfte und vor allem in Jasnaja Poljana — dem Wohnsitz dcB großen Denkers — in lebhaften Verkehr mit Tolstoi trat. Schön früher hatte sich Raphael Löwcnfcld durch Übertragung von Romanen J. L. Kraszowskis, Sinldowicz' und Turgenjews die Anerkennung weiterer Krei9c erworben. Nach seiner Rückkehr aus Rußland Heß er sich in Berlin nieder, wo. er sich journalistisch betätigto und das Organ der BühnengcnoBscnschaft, sowie dio Zcitsclirift „Nord und Süd" herausgab. In einem' sehr verdienstvollen Buch „Leo Tolstois Leben und Weltanschauung" stellte er dio Entwicklung des großen Asketen in mustergültiger Weise dar und trug durch sorgfältige Ubersetzung seiner Werke viel zur Kenntnis des russischen DiefytcrB bei. Alle Kultürbestrcbungcn fanden in dem jungen, tatkräftigen; Löwcnfcld einen begeisterten Vorkämpfer. Vor allem stellte er soino umfassende Bildung und Tätigkeit in den Dienst der volkstümlichen Kunstpf lege. So keimte und wuchs in seinem fruchtbaren Geist, der künstlerischen Sinn mit hervorragenden praktischen Fälligkeiten vereinte, der Gedanke, für weite Schichten cino volkstümliche Bühne zu schaffen, dio ihnen zu erschwinglichen Preisen in guter Darbietung die Schätze der dramatischen Literatur erschließen sollte. Sein Programm bezweckte, _ ein von jeglicher Modesucht, Sensationslust und vom Starsystem freies Theater zu begründen. Er pachtete das alt» Wallnorthcater und eröffnete am 30. August 1904 mit einer mustergültigen Aufführung der „Räuber" das Schillert heatcr. Mit künstlerischem Scharfblick hatte er es verstanden, emporstrebende Talente an seine Bühne zu fesseln und legte das Hauptgewicht auf gut durchgeistigte Vorstellungen und verständnisvolle, nicht pomphafte Inszenierungen. Anstatt eintöniger Theaterzettel führten gute Programmhefte mit charakteristischen Leseproben in das Bühnenwerk ein. . Um die Jahrhundertwende übernahm er auch das Friedrich - W i 1 he 1 m st ä d t i sc h e Theater im Norden Berlins, das er später wieder aufgab, und begründete mit Hilfe der Stadt Charlottcnburg ein neues Schillcrthcatcr, das ebenfalls mit einer Aufführung der „Räuber" am 1. Januar 1907 seine Pforten öffnete. Mit dem Theater war "ein Konzertsaal verbunden, in dem Dichter- und Komponistenabendc stattfanden. Unermüdlich widmete Löwcnfcld seine große Begabung dem ihm vorschwebenden höchsten Ziel, der Arbeit für Volksbildung, und gewaltig war der Umfang seines Schaffens, aus dem'er am 28. Dezember 1910 allzufrüh dahingerafft wurde. Raphael Löwcnfcld hat in der ersten Periodo seines literarischen Wirkens sich auch maßgebend mit jüdischen Fragen beschäftigt. 1890 veröffentlichte er unter dem Pseudonym Dr. R. Leon eine Broschüre „Unser ho uti gc s Jude nt'u m,- eine Selbstkritik", in der er vom Standpunkt der Assi-, milation eine soziale Reform der deutschen Juden befürwortete." .Er hielt die Zeit für' mehr denn je geschaffen, „an die sozialreformatorische Tätigkeit, die bisher zersplittert sich entkräftete, jetzt aber kraftvoll zusammengefaßt werden müßte, heranzutreten. Dos Gefühl der Gemeinsamkeit und Opfcrwilligkeit ist nie so mächtig als in der Zeit, wo gemeinsames Leid das einigende Bund bildet." > .. Dio Notwendigkeit einer Berufsumschichtung ahnte er mit sicherem Gefühl voraus: „Vor allem müßten Eltern und Geschwister sich gegenwärtig halten, daß es nicht die Bildung allein ist, welche Glück und Seelenfrieden bedingen, daß..oft im Gegenteil mit .steigender Bildung auch das Gefühl der inneren Entbehrung, der Unzufriedenheit und der Begehrlichkeit wächst... Es ist erklärlich, daß jeder Familienvater -in dem begrenzten Kreis seiner Anschauungsperipherie glaubt, die bessere Vorbereitung für eine bessere soziale Stellung sei seinem Sohne gcrado zuteil geworden.. Die strengste Selbstkritik muß hier Platz greifen, wo Lebensglück und die ganze Zukunft auf dem Spiele stehen. In jedem Berufe können sich Talente bewähren, und es ist ein falsches Vorurteil, wenn man der Meinung ist, die höhere Bildung sei schon für sieh allein die Vorstufe eines glücklichen Genießens." Am Schluß faßte er seine Ausführungen in zehn Thesen zusammen, in denen er die Begründung eines Vereins für Sozialreform in allen jüdischen Gemeindenempfahl, dio u, a. dio sittliche und materielle Hebung der Bekenner jüdischen Glaubenszur Aufgabe hoben Boll. Er forderte in erster Linie Selbsthilfe und Abschüttlung des entnervenden rndj'fferentismus. ßotern seine Vorschläge in dos jüdische Kultusleben, eingreifen, sind sie höchst anfechtbar, aber aus jeder Zeile spricht der begeisterte Vorkämpfer seiner Glaubensgenossen.: , Dieser Broschüre ließ er 1893 eine Schrift „ScHutzjuden, oder Staatsbürger" folgen, die den Anlaß zur Begründung des Gcnrralvereins bot. Durch seine zu Herzen gehenden Worte suchte er nicht allein den: Mut seiner Glaubcnsgonosson zu stffrken, sondern auch die große Masse der Juden aus ihrer Gleichgültigkeit aufzurütteln und zu engerem Zusammenschluß zu bewegen. All seine geistigen Kräfte,-seine vorwärtsstünnende Initiative, die mit weiser Mäßigung in der Anpassung der Mittel zur Erreichung der großen Kulturaufgabo verbunden war, stellte er zeit seines Lebens in den Dienst selbstloser Humanität. ■ M.S.B. .. Neues jtidifches Scliaffen Auf einem literarisch-musikalischen '■ Autorenabend im Hause Frankfurthor las Dr. Rudolf F r a n k aus seinem (an. dieser Stelle bereits eingehend gewürdigten) Roman „Ahnen und Enkel", Heiteres, Ernstes, alles sehr ansprechend erzählt und durchströmt von einer gewissen süddeutschen Behaglichkeit und Lebensfreude* — Edvard Moritz hüllt in mehreren neuen Klavierstücken jemenitische Motiv« in ein harmonisch fesselndes, stimmungsraäßig reizvolles Gewand. In originellem Buftoten ist Leasings Fnbef von der Maus gesotzt, dagegen hält sich etwa der „Saug der jüdischen Auswanderer" in allzu ausgetretenen Bahnen. Susanne. Landsbe r g - Hol ländo r , deren weicher Sopran eine . angenehm mühelose Höhe auszeichnet, und der Komponist im Flügel waren den Werken eindringliche Mittler. H. Freyhan. Seelische Winterhilfe „Freude im Winter."...'Kinder-, nachmittag am 2. Januar 1936, 16.30 Uhr, im Musiker-Vertünsv haus, Kaiser-Wilhelm-Straße 31 j um 20 Uhr: Bunter Abend mit Willi Prager, Juni Ballon, Bruno Bendix, Milly Bendix, Fneda Flatau, Ferris GonduS, Alice Hannes, Mai Raphael, Oscar »Säbel,1 ■ Walter Steiner, Kinderorchester des; zweiten Waisenhauses, Pankow. Am 4. 'Januar 1936: Konzert-in der Synagoge Rykestroße.. •. .