Jüdische allgemeine Zeitung
- Journal
- Jüdische allgemeine Zeitung
- Volume
- 15 (1935)
- Issue
- 48 (27.11.1935)
- Date
- 1935-11-27
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Autorität und Freiheit Von MAX GRUNEWALD-Mannhcim ' Die Zeit nach dem Kriege zeigt ein wachsendes Verständnis für das Gesetz und.cino deutliche Abkehr von der eingebildeten ..Freiheit, die .das Thema fast eines ganzen Jahrhunderts gebildet hotte. 'Diese Entwicklung, die der unistürzenden-Erfahrung des ' Krieges entstammte und also einer tiefen Resignation entsprang, lfißt sielt durch alle Gebiete der Kultur hindurch verfolgen und Unter mannigfachen Verkleidungen erkennen. Die Philosophie-hat an ihr ebenso teil wie die Theologie;,der Staat bedient.sich ihrer. Ihren Verlauf und ihre Wirkungen zu beschreiben, wäre. eino •Aufgabe für sich, und eine solche Beschreibung käme einer Kultur- . Psychologie gleich. In. ihrem- Zuge werden dem Denken neue Ansatzpunkte gegeben, wird die Souveränität des religiösen Bewußtseins entthront und auch die selbstherrliche Stellung des Menschen zur Wirklichkeit :in Mitleidenschaft gezogen. Wir sehen ihn auf der Suche, nach einer neuen Machtverteilung, bei s der er angemaßte Befugnisse abgibt, sei es. an Gott oder on den Staat. Er hofft dabei zu gewinnen. Gewinnen will , er sich eine neue Ursprünglichkeit und will'zugleich auch die Quelle neu bezeichnen und öffnen, aus der sich der regulierende Strom der Gesetzlichkeit in das gesetzlose Leben < des Einzelnen Aind der Gemeinschaft ergießt.. Diese Entwicklung ist keineswegs abgeschlossen, auch nicht der Vorgang der Machtübertragung und der Übertragung von Freiheiten an ein übergeordnetes Wesen. Es handelt sich um einen großen Entlastungsfeldzug des Individuums, das sich zuviel zugemutet hatte; von da aus kann auch die Sehnsucht nach dem ordnenden Gesotz verstanden worden. ' ' Leo Strauß hat in seinem Buche „Philosophie und Gesetz", das den Versuch eines, neuen Verständnisses Maimunis enthält sowie der mittelalterlichen Philosophie im ganzen, einen entschiedenen Angriff auf die neuzaitliche Philosophie und Theologie zugleich unternommen.^ Er unterscheidet die falsche moderne Aufklärung von der echten .etwa eines Maimuni. Echt ist der Rationalismus, der sich seine Grenzen bewußt macht, echt diejenige Philosophie, die sich nicht an die Stelle der Offenbarung setzt, sondern ihrer bedürftig bleibt, weil 'das Erkenntnisvermögen der Philosophie „prinzipiell ii n z u 1 ä n a; 1 i c h ist, um die Wahrheit zu erkennen". Auch die Philosophie ist nicht voraussetzungslos; die Freiheit zu philosophieren ist gebunden an das Gesetz, das den Primat hat. Der .philosophischen Begründung des Gesetzes geht die gesetzliche Begründung-der Philosophie voraus". Der Repräsentant' des Gesetzes , und somit auch des Staates ist der Prophet. Diei Theologie, die mit Schleiermachcr anhebt, alle religiösen Tatsachen aus dem religiösen Bewußtsein ableitet und .Gott selbst gleichsam ' zu einer Schöpfung dieses Bewußtseins macht, versperrt sich den Weg zur Offenbarung. Die Offenbarung wird zum großen Ärgernis. : Ma" macht einen Umweg um sie durch die „Vcrinncrlichung" dfcs Glaubens, die in Wirklichkeit eine Ncgiorung des Glaubens an die Offenbarung ist. Bei der Bereinigung des Widerstreites von 'Or^^äe^.tUa^ufldbrun^^ünd'dei'' Wiederherstellung des' wahren Sachverhalts;in den Beziehungen von Philosophie und Gesetz, kommt Strauß zu einer neuartigen Erklärung des bisher schwierigsten Stücks im. MaimUnisehcn. System — der Prophctie. Der Prophet rangiert nicht unter dem Philosophen, sondern über ihm. Es besteht nicht; ein unüberwiniHiorer - Konflikt zwischen dem- Gesetzgeber und dem Ratiannliptcn, sondern der Prophet qua •Gesetzgeber weist dem. Philosophen seinen Anteil am, Erkennen zu. - Die Beweisstücke für, diese Theorie findet Strauß im System ..Maimunis', und bei seinen, islamischen Vorgängern. Man hat sie : bisher nicht gofuriden. Eine Psychologie dieses bedeutenden Buches. würde nicht die' inhaltlichen Feststellungen, zu denen Strauß kommt, aufheben; aber sie würde danach fragen, wer ihm die Hand geführt hat und den seherischen Blick gegeben hat, 'alle die Beweismittel zu finden,, die das Stück von der Pcophctie und dem Gesetz zum Kernstück der. MaimuriiBcheh Philosophie machen. , Wir selten in dem Verfahren dieses Buches ein Beispiel dafür, wie . der Geist, einer Zeit am Werke. ist,vund.'wie er auf der Suche nach einer neuen Begründung des Gesetzes, nun auch zum Schlüssel plujosophicgcschichtlichcr Rätsel wird. . .'. ' Das Gesetz richtet Bich an die Gemeinschaft und gründet; in der Autorität. .Weder die im Namen einer echten Aufklärung vbrgcnommpnc. Sclbstbcschrünkiing deB .McnBchen noch die allgemeine Sehnsucht nach Autorität schaffen Autorität. Es bedarf dazu vielmehr eines, überlegenenWillens; der mit Macht seine Anerkennung erzwingt.; Fehlt dieser Wille, so besteht der Zustand der Autorjüätslosigkcit. Er braucht.hoch nicht zu einem äußeren Chaos zu führen. Die Uritcrworfimg unter eine, fremde Gesetzlichkeit,' dio Ancrkcnnuuug gewisser ethischer Regeln, gesellschaftliche ■•Üböreinkoriimeri und der Druck machtvoller Interessen körinen das ,Chaos' verliindern; oder abschwächen. \n diesem, Falle 'hat eine Gemeinschaft zwar-ihro Direktiven, aber es fehlt ihr die einheitliche Norm. . '■'}•'/, ,'• Damit ist der äußerb;Zustand der. jüdischen Gesellschaft gekennzeichnet; .wie or sich uns seit der Emanzipation darstellt. Er• spiegelt sich in. der; Gcincirido' und in der'.neuzeitlichen Go- ■mclndcvcrf assüng, 'dio yoh ,: der' puttolaltcruclien '■ völlig verschieden - ist.,. Die äußere-Geschichte der jüdischen 'Autorität' führt vom 'Staat. über' die' Gesellschaft zur .Gomijinde.;; '/•;,-'Die. you emem 'überlegenen' Willen mit Macht, durchgesetzte Autorität hebt das, äußorc Chaos, auf. Die innere' Unordnung kann trotz ihrer,.weiterbestehen oder! sogar' durch sie hervorgerufen . werden — dann nämlich, wenn der Zwang von "Außen nicht, mit der Freiheit, von ■ innen Beantwortet wird, wenn ihr also die' Zustimmung oder innere '/Übereinstimmung' derer nicht beitritt, auf;;die, sich die Autorität bezieht. Einen solchen Zustand charakterisiert •"Kchte.rflit folgenden Worten: j,Wcr auf Autorität hin handelt^;■ handelt; notwendig gewissenlos." Umgekehrt kann . dio. freiwillige > Unterwerfung unter ein, angenommenes Prinzip eine innere Ordnung , begründen, auch wenn diese' on einer sichtbaren. Ordnung ihr; Gegeublld .'nicht;'findet';DlesV: innere' Autorität kann sich in ah- :cschwächtcr Form auch dann noch eine Zeitlang fortsetzen, wenn las^oberste di^ Autorität: begründende Prinzip in Frag« gestellt' Mt , und die. allgemeine' Zustimmung'nicht: mehr hat, wahrend die aus ihm abgeleiteten Forderungen yiad Grundsätze der Gomcinschaftabilduhglund'Lcbensa^rjipuuhg noch in Kraft sind. Damit,ist der Zustand einer jüdischen Gesellschaft gezeichnet, . die izu einzelnen Partien.' des' gelehrten und gelobten Judentums ein iinicrcs VerhäHrtis besitzt^ während die Kruft des Gesetz und Autorität begründenden Prinzips filr'sie gebrochen ist, ' Wir leben in einer. Verfassung - dor mangelnden äußeren und - der abgeschwächten inneren Autorität: Wir sind auf der Suche nach einer" neuen Verfassung.;Sie soll unserer. Gemeinschaft eine . Ordnung Vchaffon, ohiip ,das Hecht und das Gewissen des -Einzelnen - auszuliefern. . .' . ■:;■. ■ ■■ , . Vv Als erstes.und eiriziges Prinzip der Autoritätsbegrundung bietet sich dem Judentum" als , historiscliem Judentum ' die Offenbarung 8< A< dar. Siö vollzieht sich in der Form der Bündcsschlicßung zwischen Gott und dem von ihm erwählten Volke, also in einem Vertrag, der dem Volk dio Heiligung seines Lebens auferlegt; Sie geschieht durch die Beobachtung des Gesetzes; Das Gesetz als solches, die Quelle des Gesetzes ist dem Zugriff entzogen. Es verlangt "Gehorsam. Freiheit, wenn man überhaupt von ihr sprechen kann, besteht in der Interpretation des Gesetzes. Sie ist gebunden an die Unverbrüchlichkeit des Schriftworts, an bestimmte Regeln der Deutung, an das Prinzip der qualifizierten Majorität, und schließlich an die. Möglichkeit, ein Gesetz auf das Leben' der Mehrheit anzuwenden (wodurch die'Geltung des Gesetzes als solches nicht berührt wird).. Nehmen wir nun an, dieses Giiscfz1 würde iri seine Hechte wieder eingesetzt, es würde in lcbüntligcr Interpretation dieses Gesetzes oder der überlieferten .Grün^Ktzc (Klnlim) wieder zu einem lebendigen Leben nach dem .''Gesetz kommen, dann müßten dazu alle wieder auf den' Boden des Gesetzes treten. Es ginge dann nicht mehr an, das was Gesetz ist, zu'^vergeistigen", sich vor ihm in einen Midrasch zu flüchten, in homiletische Formulierungen auszuschweifen, wo es sich um den'geraden Sinn einer Vorschrift handelt. Es müßte aufhören die ständig von' uns geübte metnbasis eis allo genos, das Hinüberwechseln von einem geistigen Revier in ein anderes und die unaufhörliche. Übernahme fremder Maximen, etwa aus den Gebieten der Philosophie, der Etliik oder der Wirtschaftstlieoricri. Nehmen wir also an, .ein einheitliches Gesetz dirigierte wieder ein cinheit- . liches Leben, und wir würden alle wieder eine Sprache sprechen an Stelle des theologischen Sprachcnbabels — welche Rolle würde dabei der Einzelne spielen? Würde er an die Offenbarung glauben, an den übernatürlichen Einbruch Gottes in das Zeitgeschehen, und würdoi er sich mit seiner Meinung zu einem bestimmten Gegenstand' in Widerspruch zu anderen Meinungen befinden, dann könnte und müßte er seinen Standpunkt mit allen Mitteln der erlaubten Interpretation vertreten; denn das Gesetz interpretieren heißt: um das Gesetz kämpfen. Und würde er unterliegen, so unterläge or der qualifizierten Majorität, und auch seine Worte blieben „Worte des lebendigen Gottes". Wenn er aber nicht glauht? Wenn er nicht diese Offenbarung glaubt? Wir haben es jetzt nicht zu tun mit einem selbstherrlichen, seine Freiheit übersteigernden Individualisten, sondern mit einem Menschen, der durch die Erfahrung gewitzigt, über die Grenzen der Wissenschaft belehrt, über die Schranken seines Verstandes aufgeklärt ist. Es steht jetzt vor uns ein Mensch, der bemüht ist, das historische Erbe sich wieder anzueignen, der sein Volk über sich selbst stellt Wenn der nun dieses Wiederfinden nicht mit seiner Freiheit bezahlen will, sein Gewissen nicht übereignen will einer nicht geglaubten Meinung, wäre ihm dann das ganze Gesetz nicht- „ungute Satzungen, ein Recht, mit dem man nicht leben kann?" Und wenn er das Gesetz dennoch hält, seine Weisheit zurückstellt, dann wird er der äußeren. Autorität nützen, aber dor Kampf, dor draußen still geworden ist, wird in ihm um so heftiger entbrennen,7 und das äußerlich beschwichtigte Chaos wird von ihm Besitz nehmen. Damit ist die Situation des liberalen Juden — wie wenige gibt es von ihnen! — gekennzeichnet, der nunmehr aller schein- ■ boren und unechten Ersatzmittel beraubt ist, der nicht mehr hinter fremden Theologien und hinter allerlei Ideologien Deckung suchen kann, und dor vor dem Eingang zu dem Gesetz einen Türhüter findet, den er auf keine Weise überwinden kann. Dieser Jude ist durch einen bestimmten historisch-seelischen Weg, dor nicht rückläufig gemacht werden kann, einem inneren Kampf anheimgegeben. Er muß ihn ganz allein führen. So wenig eine Gesamtheit Macht gewinnen kann über iscino Seele, so wenig kann und darf er seinen persönlichen Widerstreit zu einer Losung' für viele machen. Streng genommen gibt es für den Rcligiös-Liboralcn keine Möglichkeit, das was zu einem 'Kampf in ihm selber geworden ist, zu einer Parole, zu einer Propaganda auszuwerten. Er kann sich in diesem persönlichen Ringen mit keiner anderen Instanz verbinden. Erst im Verein mit einor politischen Parole wird dor Liberalismus sozusagen organisationsfällig. Dann aber handelt es sich schon nicht mehr um den religiösen Liberalismus. Es gibt eine Autorität, die gleichsam von oben her kommt, mit einer gleichgeordneten Menschengemeinschaft rechnet und sie behandelt wie ein Instrument. Ihr gegenüber gibt es nur Glauben oder Nichtglaubcn, und die Entscheidung darüber kann nicht vertagt werden. Neben ihr aber gibt es noch eine andere Möglichkeit — die Autbritätsbcgründung von unten her, das heißt: die Sammlung und Stärkung derjenigen Elemente, auf denen sich die Autorität in Zukunft aufbaut. Auch in diesem Zusammenhang hat es seinen guten Sinn, daß heute in Palästina neben dem willen zur Kräftigung der nationalen Instanz die Frngo nach dem rechten Gcscllschaftsaufbau im Vordergrund steht. Dieser Weg von unten her Hat zur Vorbedingung die relative Freiheit und Verfügungsgewalt einer Menschengruppe über das eigene Leben — von einer absoluten Freiheit kann ja nie und nirgends gesprochen werden — in einem äluilichen Sinne wie die äußere Befreiung der Gesetzgebung voranging. Man hat hier nicht mit der großen Volkseinheit zu rechnen, über die der Berg Sinai mit seinen Gesetzen gestülpt wird, sondern mit der kleinen Lebensgemeinschaft. DieBc wird versuchen, mit den Mitteln eines einfachen Lebens und des Beispiels das abstrakte Gedanken- und Glaubensgut wieder in das ganze Leben einzubetten, in der D*«zipliu eines sclbstgcwähllcn . Zusammenlebens zur Selbstachtung und zum Respekt vor den schaffenden Kräften des Volkes zu gelangen und das Gesetz mit dein ganzen Leben zu konfrontieren. Im Unterschied zu dem Gesetz, das dem Leben gegenübertrift, wird es' ein Gesotz scin< das •— auch. in seinor historischen Überlieferung — aus dem Leben hervorgeht. Die großen Vorgänge, die wir heute beobachten, die Wiederanciguung des historischen Besitzes und historischer Wcrtgcfühlc, die gesellschaftliche Annäherung geschehen aber nicht auf den bloßen Anruf hin, sondern sind zeitliche Vorgänge auf langen Strecken. In ihnen werden die Kräfte entbunden, diu die gewachsene Autorität im Unterschied zur auferlegten Autorität begründen, und der Kampf gegen diejenigen Kräfte geführt, die auch dann das Bild der Autorität zerstören, wenn sie äußerlich besteht. Wir können diesen Weg nicht übersehen. Wir können ihn auch nicht künstlich beschleunigen. Wir wissen, wie uneinheitlich und unfertig unser Volk ist. Wir wissen aber auch, was geschichtliche Erschütterungen an ihm bewirkt haben, an diesem Volk, das den abstrakten Gesetzesapparat hat und doch unmitteU barer von der Geschichte bewegt und belehrt wird' als irgendein anderes Volk. Wenn der Aufbau der Autorität aus den Elementen jetzt nicht zu Ende überblickt werden kann, so erhält doch auch das unfertige Tun des Einzelnen und der Gruppe im Hinblick auf sie einen guten Sinn und ist von größerer Bedeutung als die vorzeitige v Errichtung eines Synhcdrioris', das — alle wohltätigen Folgen mit eingerechnet — in dieser Zeit und in der heutigen Verfassung der Ju'dcnhcit fast in jeder Hinsicht ein napolconischcs Unternehmen wäre. Zerstörte Autorität bedeutet'im Grunde ein zerstörtes Vertrauensverhältnis zum eigenen Volk und zur ganzen Welt Die mühselige Arbeit, die die zerstörten Lcbcnselcmcntc eines Volkes wiedor zusammenfügt, und die in einer relativen Freiheit und mit dem Blick auf einen einheitlichen Lebenssinn geschieht, ist wie ein Genesen von einer schweren Krankheit, bedeutet dio Wiederherstellung des erschütterten Vertrauens zum Volk und zur Welt, zur Schöpfung, wenn auch noch nicht zum Schöpfer. Damit ist die pädagogische Situation gekennzeichnet Auseinander fetzung mit ernfthafier Kritik / Von MAX DIENEMANN, Offenbach In Nr; 90 der ..„Jüdischen, Rundschau" unterzieht Dr. Siegfried Braun aus Köln die auf der letzten Tagung der „Vereinigung für1 das liberale Judentum zutage getretenen Meinungen und die. dort gesuchten Formulierungen einer Kritik. Er'tut aas in Gestalt von Bemerkungen zu den dort von mir aufgestellten Thesen, in denen der Inhalt des Referats in knappster Form; wiederholend zusammengefaßt wurde. -Wenn darauf jetzt hier eingegangen wird, so geschieht das, weil eine solche Auseinandersetzung mit ihrem Zwang zur Deutliclunachung 'in den Rahmen und den Aufgabenkreis dieser Blätter „Jüdische Theologie" gehört, und weil die kritisch, beleuchteten Thesen, ••wehii auch von mir aufgestellt, nicht-nur private Meinung und persönliche Verlautbarung sind, sondern, zum' mindesten. auf jeher Tagung, die Stimmung und Gcdaukcnrichtung des religiösen Liberalismus , in unseren Tagen wicderspiegcln und . ihre Behauptung und nähore Begründung den Leserkreis' dieser Blätter: interessieren' darf. .".■';-■.■■■'• .•..'..■; AiV der These .1. „Der jüdisch-religiöse Liberalismus' geht'aus von der Offenbarung Gottes, und er. wertet sie. als. ein, dem Mensclien übergebenes Gut, das er mit der» Kraft seines Gefühles und seines Vorstandes verwalten und in die Welt.einbauen soll" wird im.: wesentlichen folgendes ' Bemängelt:,, Es,1 komme ' dabei nicht die Sendung, Israel zu einem .heiligen Volke zusammenzuschweißen, genügend zum~ Ausdruck s^es sei mit der Definition: „Das: liberale Judentum bokeunt sich grundsätzlich zur Offenbarung, \ aber es begreift sie nicht als einen, einmaligen geschichtlichen Vorgang, Offenbarung istdie. stete Solbstraittciluiig Gottes 111 Geschichte, Natur und Leben"; dem Siuoi-Ereignis die überragende Bedeutung genommen, die ihm als dem konstituierenden Akt zukommt'. Dem .„Verfließenden dieser Definition stehe dl« Festigkeit dor gcsotzcstrcucn Anerkennung dos Dogmas, von der einmaligen Offenbarung Gottes «ra Sinai gegenüber.' Es sei ferner nicht ersichtlich, wio bei solcher Grunu-Lcgung Gemeinschaft und insbesondere jüdische Gemeinschaft entstellen könne. Was -ist .hier zu entgegnen? Wie ist die liberale Haltung. — nicht zu rechtfertigen, denn es bedarf nicht der Rechtfertigung' — , sondern in ihrer Eigengesotzliehkcit herauszustellen? Zunächst: gewisse Dingo braucht man nicht zu sagen. Daß alles. Judentum mit der Offenbarungam. Sinai, mit dem Erstmaligen dor -Bo-, rufung und der Anrede an das Volk beginnt, ist die Selbstverständlichkeit, die mau nicht erst zu wiederholen braucht, wenn man dos Besondere der liberalen Frömmigkeit, darstellt, wenn es sich darum handelt, zu zeigen, wie religiöser Liberalismus dio Offenbarung, ins Leben eingebaut sich denkt Der Kritiker geht hier an dem Entscheidenden vorüber, nämlich daran, daß mit dieser ersten '.Offenbarung, wie, sie in der Tora niedergelegt ist, das Leben noch iange nicht im Einzelnen geordnet. ist Es ist noch nichts damit getan, daß man die Offenbarung als Urerlebnis bejaht, es ist sogar noch nichts damit getan, daß man die Göttlichkeit der Tora .bejaht, es ist nicht cinmal ctwas damit getan, daß man dns Wort der Tora in seinor Wörtlichkcit als gottgegeben, als . inspiriert annimmt. Das Entscheidende ist, wie man sich zu "der 1 das Leben: im einzelnen regelnden über das Wort der Tora hinausgehenden Kodifizierung des Gesetzes stellt' Hier oben .steht, bberale Haltung zu der steten: Sclbstmittcilung Gottes, .wie »e : sich kundtut im. Leben, dem wechselnden, in das das Wort Gottes jeweils eingebaut werden muß; in der Geschichte, durch die die Lebensbedingungen der Völker und McnBchen geändert werden, wie sie sich kundtut in der Arbeit dieses. Einbauens; während die Orthodoxie dio Deutung,des GbtteswVirtcs dem Torawort '.'•gleichsetzt und siö in einem bestimmten Werk abschließt. Es geht also nicht an, dem angeblich Fließenden des Liberalismus in aeinem- Bekenntnis zu einer fortdauernden' Offenbarung die . -. Festigkeit der traditionellen Haltung mit /'ihrem Bekenntnis .zu einer einmaligen Offenbarung.gegenüberzustellen. Es handelt sich da um ganz verschiedene Fragenkomplexe; Die ■ gesetzest reuo Haltung bezieht das über das eigentliche Torawort Hinausgehende! in die Fanmaligkcit eines Vorganges, der euicn Offenbarung cm, dieiibcralc bezieht es in die andauernde, in jedem Geschlecht sich erneuernde Offenbarung ein und. läßt sie darum nie sich Abschließen. Will man ober der Festigkeit der . gesetzestreuen Haltung ein Fließen der-liberalen Haltung gegenüberstellen, so soll man in der Tat einen Gegensatz nicht verkleistern; es ist . in der Tat so, daß eine Haltung, die sich auf eine abgcsehlossenci Mitteilung Gottes beruft, immer fester, aber eben auch starrer ist .. als eine, die ständig auf den Anruf, uuf joghehen. Anruf Gottes . horcht Hier aber wird die Bchoinbaro Schwäche zur inneren Stärke. . .... Der Kritiker fragt, wio denn bei dieser Haltung Gemeinschaft wird.r Es ist zu sagon, und das ist oft ausgeführt, daß Gern ein- . Schaft in diesem letzten Sinne nie wird, sie ist ein "Gegebenes, ... sie ist "von Anfang on da, und .immer wieder -reißt sie den, der