Jüdische allgemeine Zeitung
- Journal
- Jüdische allgemeine Zeitung
- Volume
- 15 (1935)
- Issue
- 46 (13.11.1935)
- Date
- 1935-11-13
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Mentioned entities
- Arno Nadel 2× ep/1003519
- Adolph von Menzel 1× ep/1025385
- Bruno Italiener 1× ep/1000086
- E. T. A. Hoffmann 1× ep/1025147
- Hermann Struck 1× ep/1004902
- Isaak Markus Jost 1× ep/1005092
- Leopold Zunz 1× ep/1026402
- Ludwig Philippson 1× ep/1005814
- Marc Chagall 1× ep/1000027
- Max Dienemann 1× ep/1011813
- Moses Mendelssohn 1× ep/1006237
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4 wimmelnden Buch. Paul. Dobranicki, unfähig seine Geschöpfe im fcdiariucrcrisicrcn, klebt ihnen Plakate an, wie „aüß", „charmant", „entzückend", „herrlich". Dio Schludrigkeit., mit der das Buch abgefaßt oder übersetzt ist, geht schon daraus. hervor, daß jedes dritte oder vierte Kapitel mit den Worten beginnt: „Fast ein Jahr war vergangen . . ." Die einzige Variation bringt lediglich die Zeit. . Wir haben kürzlich hier das Kochbuch des Jüdischen Frauenbundes besprochen. Manche Partien dieses Romans wirken wie ein Nachtrag. Dobranicki kann sich gar nicht genug tun in der Beschreibung von Vcrlobungs- und Hochzeitscssen, selbst von einer Scdcrmahlzcit in Jerusalem wird uns kein Gang erspart. Es gibt nur eine Bitte an den Rorrian-Koch: Abservieren I E. To. Pietät als Pate Von ERWIN LOWE Von dem großen MJrthenschöpfer E. T. A. Hoffmann erzählt man, er sei als preußischer Regierungsrat in Warschau damit , betraut gewesen, das Register der von den Juden zu wühlenden Familiennamen zu verwalten und die Eintragungsgebühren festzusetzen. Nach seinem übermütigen Tarif habe der Name „Stein" einige Kreuzer, „Rotstein" und „Einstein" einen Taler, „Goldstein" . flinf und „Karfunkelstern", ,,Rubin", „Saphir,',', ,JJiamant" zehn und mehr' Rcichstulcr gekostet. „Eitcllocitssteucr" soll das der schnurrige Rat genannt haben. — War es wirklich Eitelkeit, die damalige Juden zu diesen kostspieligen Namen vcronloßtc?| In Rudolf Franks neuem humorvollen Roman „A h n e ri und Enkel", der bevorstehenden Neuerscheinung der Jüdischen Buchvörcinigung, findet sich eine schöne Darlegung der wahren Gründe, die zu solchen schmückenden Namensgebungen führten: Die Edelsteine waren ursprünglich pietätvolle Erinnerungen an die zwölf Stfimmc Israels, deren jeder (vgl. 2. Buch Mose 28, 17—21) auf dem Brustschild des Hohenpriesters durch einen Stein vertreten' war: der Rubin stand für Reuben, der Karfunkel für Jchuda, der Saphir für Scbulon usw., und die gleiche ehrwürdige Symbolik waltete auch bei der Namcnswahl. Pietät, die den jüdischen Vornamen diktiert, war auch bei Familiennamen am Werk, nur daß sie sich nicht allein auf Vorfahren, sondern häufiger auf geliebte Statten, Häuser und Vorbilder erstreckte. Man nannte sich nach „geistigen Vätern", Lohrern. Märtyrern, zuweilen auch nach dem Mutterhaus; auch christliche Paten kamen vor. Ein besonders amüsanter Fall christlicher Patenschaft, der sich im Jahr 1815 mit einem jüdischen Hopfcnhändler zutrug, bildet in FrankB erwähntem Roman das Grundmotiv zu der anmutigen Zwischcncrzählung „Elo und die Ehe". Einem Vatersnamen wahrhaft symbolischer Größe, wio ihn weder Pietät noch Nachahmung, sondern nur das tief erlebte Leid Israels erzeugen konnte, begegnete Frank in der Kasseler Gegend. Von den Trügern dieses Sclücksalsnamens: „Schmerzen", Simcha und Israel, und der Muttor Liebe Schmerzen, der ^jüdischen H c r z c 1 c i^d e" erzählt in Rudolf Franks Roman ein noch heute lebender Nachfahr dio erschütternde' und beglückende Geschichte „Simcha und die zehn Gebote". Der Erscheinungstermin des Romans „Ahnen und Enkel" ist auf Endo November festgesetzt. Zwifchen Vater und Söhn ' „Sind Sic ein Sohn von Mendelssohn?" Bei dem Namen Mendelssohn denkt man unwillkürlich an Moses und seinen Enkel Felix und übersieht Abraham, den „Gc- ■ dankenstrich zwischen Vater und Sohn", wie er sich selbst einmal genannt hat. Und doch verdient auch Abraham Mendelssohn an seinem 100. Todestage, dem 19. November^' ein Wort des Gedenkens. Er blieb ,in seinem Inneren Jude, obwohl er, dorn Zeitgeist folgend, seine Kinder Fol« und Fanny taufen ließ und später selbst zum Christentum übertrat. Abraham Mendelssohn, dor am 10. Dezember 1736 geboren war, war der Begründer des später berühmt gewordenen Bankhaus Mendelssohn und Co>, das er mit seinem Bruder Josef ins Leben rief. Sein schönes Haus in der Leipziger Straße 3 bildete lange Zeit hindurch einen Mittelpunkt in dem geistigen Leben Berlins. Die-sorgfältige musikalische Erziehung, die Abraham Mendelssohn dem Wunderkind Felix angedcüien ließ, hat dieser sein ganzes Leben hindurch mit zärtlichster Liebe vergolten. Als Erbteil seines großen Vaters Moses Mendelssohn verfügte Abraham über einen jederzeit bereiten Witz und Humor. So meinte er einmal lächelnd: „Einst war ich der Sohn meines Vaters, jetzt bin ich der Vater meines Sohnes." Das Leben dieses Mannes hat 6ein Enkel Sebastian Hcnsel in der „Familie Mendelssohn" anschaulich geschildert. .Weniger bekannt dürften seine Beziehungen zu Goethe und Zelter sein, die zum ersten Male im 4. Bande des „Jahrbuchs der Sammlung Eppenberg" (Insel-Verlag 1924) veröffentlicht wurden. Abraham Mendelssohn lernte Goethe 1797 durch Vermittlung seines Schwagers Veit kennen, und die erste Frage, die Goethe stellte, war: „Sind Sie i'in Sohn von Mendelssohn?" Es folgte ein längeres Gespräch, in dem Mendelssohn Kompositionen Goothcschcr Lieder von Zeltes erwähnt, die er, der gut sang, in Jena bei Schiller vorgetragen hatte. Damals kannte Goethe Zelter noch nicht, und es ist nicht ausgeschlossen, daß Abraham Mendclssolui die Anregung zu der zwei Jahre später geschlossenen Freundschaft zwischen beiden Männern gegeben hat. Die späteren Beziehungen Abrahams, zu Goethe vermittelte dann Zelter, und hier wurde das Bindeglied der junge Felix, der „beste Schüler" Zelters. Abgesehen von dem längeren Besuch des zwölfjährigen Felix bei Goctho im Jahre 1821, war die Familie Abrahams bei gelegentlichen Reisen i durch Weimar bei Goethe zu-Gaste. Während einer Reiso von Berlin nach Paris 1816 kam Mendelssohn in Begleitung seiner Frau und seiner Tochter Fanny das erste Mal in Goethes Haus, und zwar mit folgender Empfehlung Zelters: i,Der Bankier Abraham Mendelssohn ist es, der Dir diesen Brief bringt. Er ist der zweite Sohn des Philosophen und von seinen ersten Jünglingsjahren an, nach dem Tode des Vaters, hat er sich mein Haus, mit allem, was drinnen war, gefallen lassen^. Er gehOrt zu den Braven, und so wirst Du ihn aufnehmen. Er hat liebenswürdige Kinder, und sein ältestes Töchtorchen könnte Dich etwas von Sebastian Bach hören' lassen.' Er, der Mann, ist mir sehr gewogen, und ich habe offene Casse bei ihm, denn er ist in den Zeiten der Not ohne Schaden an seiner Seele reich geworden." Else Ephraim. 'Das jüdische Gebet „Was das Oebet uns Juden gewesen, wie es das Dasein des judischen Menschen zu einem ununterbrochenem Qottesdlenst gestaltet, darüber belehren uns die nachstehenden Aufsitze," Diese Worte Dr. Pinkels bilden die Einleitung der als Festnummer zum Ordenstag der Oroßloge für Deutschland VIII U. O. B S. erschienenen Mittellungen „per Orden Bne Brlss", die dem Thema .Judentum und Oebet" gewidmet sind. Das gehaltvolle und mit vielen Reproduktionen von Werken Lcsser Urys, Budkos, Strucks, Plllchowskls und Ernst Opplers reich geschmückte Helt bringtj eine Fülle gedankenreicher und religiösem' Empfinden entsprungener 'Aufsätze bekannter jüdischer Persönlichkeiten, wie Baeck, David Baumgardt, Max Dienemann, Bruno Italiener Arno Nadel. S, Samuel u. a. Leo B a e c k. schreibt in einem „Gebet im Judentum" betitelten Beitrag:. „Das Erste und Eigentliche des Gebets ist: nicht dessentwegen beten, was wir haben wollen, sondern um dcsscntwillcn, was wir sein sollen. Wir haben auch unser Verlangen, jeder weiß lim Bedürfen und Not und Hoffnung seines Daseins; aber daB Gebet will uns vor allem zu uns hmführen, will uns dio seelische Kraft, dieses innere Recht geben, daß wir ein Begehren hegen dürfen, daß wir es vor den hinbringen können, Vor den alle MenBchen, jeder mit seinem Entbehren Und Leiden, seinem Harren und Sehnen, hingestellt sind. Es ist nicht ein Zufälliges, daß Worte für das freien in der biblischen Sprache rückbezügliche Wörter sind (hithpallcl, hithehannen); auf den Menschen hin, auf sein Ich zurück will das Beten wirken." David B a u m g a r d t beschäftigt sich mit dem jüdischen Gc mcinde gc bc t: „Das besonders intime und zugleich freiheitliche religiöse Empfinden des Juden hat sich nicht zuletzt in der Ordnung seines Gemcindcgottcsdicnstes einen entsprechenden Ausdruck geschaffen. Und es hat damit zugleich das religiöse Vcrbundcnhoitsgcfühl der Gemeinschaft durch die Jahrhunderte hindurch unendlich gestärkt. Die Gemeinde erhebt den Einzelnen aus seiner Isolierung und über seinen Egoismus zum Gcmcinschnftsbcwußtscin, zur gcschicrltlichcn Kontinuität und schließlich zum Gedanken der mcssianischcn Menschheit." Dio „Mystik des jüdischen Gebetes" behandelt Max Dienomann und schließt mit folgenden Worten: s „Wir T,«--ncn die Stimmung des GcsammeltscinB, der Eeschwingtheit, in dor solche Einheit sich vollzieht, „Andacht", das Wort der heiligen Sprache für diese Stimmung ist KnWwana, wörtlich „Richtung, Gerichtetsein". Die Worte des Gebetes. Bind gleichsam der Leib; das Knochengerüst des Gebetes, die Andacht, die Seele, dos wirkliche Leben, die Belebung." Darum wurde aus den Kreisen der mystisch Frommen in Deutschland im frühen Mittelalter dos ' Wort geprägt, über das hinaus nichts gesagt werden kann: „Gebet, ohne Andacht gleicht einem Leib ohne Seele." ' In einem kenntnisreichen Aufsatz gibt Dr. S. Samuel eine Geschichte der Ubersetzung der Gebete. Darin heißt es: „Je stärker in den verschiedenen Teilen dor Erdo eine Sprache der Umwelt auf dio meisten Lebensgebiete der Juden einwirkte, zur Verkehrs- und Umgangssprache wurde, jn den trauten Namen einer Muttersprache erwarb; desto weniger konnte die Synagoge als Stätte des Gebets ihr jedes Recht verweigern. Da gab es zunächst sachliche Erläuterungen und sprachliche Erklärungen in und neben den Texten, in Arabisch, Altfranzösisch, Italienisch, Mittelhochdeutsch u. ä. Man verfaßte auch z. B. in dem durch seine Frömmigkeit l ausgezeichneten „Aschkcnas" jüdisch-deutsche Erbauungs- und Gebetbücher zum Gebrauche für die Frauen mit sparsamem Einschlag des hebräischen Wortschatzes. Endlich war das Verlangen, vollständige Ubersetzungen der Gebete, in der Landessprache zu besitzen, so mächtig geworden, daß es Befricdigulg finden mußte. Was früher Ausnahme war oder auf besonderen Anlaß zurückging,v — es wurde soit der Wende des 18. Jahrhunderts allgemein." ' Arno Nadel steuert einen Aufsatz „G.ebet und Musik" bei, der mit folgenden Worten beginnt: „Gebet an sich ist schon so nahe dem Ton, daß das lochte Gebet ohne Intonation, ohno Ton* ohne „Herzcnsmelodic" gor nicht zu denken ist. Hcrzcnsmclodio, damit ist alles gesagt. Das Herz, darf man sagen, .spricht nicht, es singt, es bewegt sich „gedankenlos" im Raum des Schöpfers, es tönt mit Sonne und Sphäre, es singt — und schon betet es. Das Herz betet und singt in Einem, in Einem, in Gott. Wie Gottes Wort ohn'p Poesie, ohne Gestaltung, ohne, innere Musik, ohne Vers kaum denkbar ist, so dos Wort uii Gott* das zu ihm dringen will; Gott redet nicht in Prosa, Gott singt scino Dinge, wenn er sio, eeiri Wesen offenbarend, den Sterblichen Mitteilt! Daher die Vorlesung der TlioVa, des Gotteswortes, ohne Ton, ohno Gesang niemals stattgefunden hat. Und so auch das Gebctl'f Die Reihe der. Artikel schließt mif einem Aufsatz Dr. Arthur Gallincrs: „Betende Juden im B ilde". „Ist es wohl überhaupt möglich,' dio Innigkeit, dio Inbrunst des Gebots darzustellen, ist es möglich,' daß Spezifisch-Jüdische eines. Betenden zu erfassen und irrt Bilde zu gestalten? Außer .. Adolf Menzel, der in einem leidenschaftlichen Bilde einen im Gebet ringenden Juden am Versöhnungstag dargestellt hat, haben sich vornehmlich jüdische Künstler ..um dieses Problem bemüht und zwar in zwiefacher Gestaltung.. Die einen zeigen den Betenden bei bestimmten religiösen Handlungen, wie Jozcf Israöls -beim Kiddusch; Hermann Struck bei Habdalah, Wer zeigen ihn mit den traditionellen Symbolen, mit Gebetriemen und Gcbctmantcl, wie •Labdschin; Stanislaus Bender, Leopold Göttlich, auch Hermann Struck, Marc Chagall und Lcsser Ury. ■ ..; . _ . Aber seltsam! Je stärker die Zeremonie,; das Ritual betont ' wird, desto mehr .veräußerlicht die religiöse Empfindung — wie in der Wirklichkeit so in der künstlerischen Wiedergabe. Wenn Gebetriemen und Gehäuse, wenn Gebctmaritcl und Schuufädcn in realistischer Treue im Bilde erscheinen, so verweilt das Aiigc1 bei diesen symbolischen Dingen iind dringt nicht ein.in die seelische,, in .die religiöse Welt, die dem Maler solcher, Bilder vielleicht selber nicht aufgegangen ist. Wo aber die Zeremonie, die ritudlo Gestalt des Gebets als Ausdruoksform der religiösen Hahdlung; "des religiösen Erlebens in' der ganzen Tiefe mit frommem Schauder empfunden wird, da verschmilzt das Gegenständliche mit dem Geschehen zu einer unlösbaren Einheit, da wird die äußere Erscheinung aus der Erschütterung der Seele geboren.". . ' Hia 61bal Im 6ü6c Die Sidrn Wajcro (I. B. M. 18,1—22,24) handelt von der Geburt Isaaks, dem Untergang von Sodom und Gomorrha sowie Abrahams Opfer auf dem Berge Moria; dic.Haftara (II. Könige, 4.1—231 erzählt die Geschichte von Elisa und dem Sohn der Sunamirin. J Filippo Bruncllcschi: Abrahams Opfer Relief im N a t lon a I m u scu m in Florenz Gedenktafel an Guflav Mahler» Geburtshaus Prag. Das Tschechoslowakische Pressebüro teilt mit: „Dieser Tage konstituierte Bich in Prag ein Komitee für die Einsetzung einer Gedenktafel am Geburtshause Gustav Mahlers in K a 1 i s t c bei Humpolec, an dessen Spitze der Präsident der Tschechischen Musikakademie, Dr. J. B. Foerster, und der Vorsitzende der Gesellschaft für Musikpüdagogik, bevollmächtigter Minister Dr. Kamil Krofta, stehen. Die tschechische Kulturöffentlichkeit erfüllt s6: ihre Pietätspflicht für einen Künstler von vorkämpffe- ' rischer Bedeutung in einer Zeit, da sich der 75., Geburtstag und das erste Viertefjahrhundert des Todes des Künstlers jähren." Der Begründer der modernen jüdifchen Gefchichtsfchreibung Zu I. M. Josts 75. Todestag Als.Isaak Markus Jost, der am 22! Februar 1793 in Hornburg geboren wurde, die Sarasonschulo in Wolfcnbüttcl besuchte, , hatte die Renaissance der Wissenschaft des Judentums noch nicht begonnen. Aber schon 'damals regten einige begeisterte Jünglinge, wie Jost und sein Mitschüler Leopold Zun!, der spätere Altmeister der jüdischen Wissenschaft, ihre Schwingen. Nach seinem in Berlin und Göttirigon abgeschlossenen Studium der Philosophie, Sprachwissenschaft und Theologie machte der in der preußischen Residenz wirkende junge Lehrer, zu einer Zeit, als der historische Sinn im deutschen Judentum erstorben schien und alle Geschichtsschreibung sich fast nur auf Lcgcndcrisammlung und Chronistenarbeit beschränkte, den kühnen Versuch, eino „Geschichte der Israeliten von der Zeit dor Makkabüer bis, auf1,unsere T a c o"' zu'schreibori, Das 1821 begonnene und nach acht Jahren abgeschlossene Werk in neun Bänden stollt ein hohes Wagnis dar, das zwar einer gründlichen Kritik nicht immer standhalten kann, aber zum ersten Mal, bei sorgfältiger Zusammenstellung aller GcschichtsrnicUcn, einen trefflichen Wegweiser durch das Labyrinth des gewaltigen Materials bietet. Jost hat, so . sehr er auch bemüht war, eine objektive Darstellung zu geben,'oft in seinem Eifer für die jüdische Reformbewegung und im Kampfe gegen den sogenannten „Rabbinismus" die Grenzen vorsichtiger Kritik überschritten; aber mittiefgründiger Kenntnis der hebräischen Literatur den Weg für .eine weitore Entwicklung der jüdischen Gcscliichto geebnet. Sein Stil ist lebhaft und anschaulich, voll dichterischen Schwunges, seine Darstellung treffend und geistvoll. Der später mehr als ein Vierteljahrhundort am Frankfurter Philanthröpin 'wirkende Gelehrte hat in seinen späteren Arbeiten manche irrige Auffassungen seines Erstlingswerkes berichtigt und neben seinem Beruf als Jugendbildner noch Zeit; gefunden, seinen" Glaubensgenossen zwei neue grundlegende historische Werke zu schenken. Seine „Neueste Geschichte der Israeliten von 1815 —1845" bildet ein selbst von seinen heftigsten Gegnern anerkanntes vorzügliches Quellcrlwerk für die von ihm miterlebte Zeit, und dio „Gesohichte des Judentums und'seinerSektcu" erregt» in der gesamten Gelehrtenwelt großes Aufsehen. Hierzu ' kam eine kurzgefaßte „Allgemeine Geschichte des israelitischen Volkes", durch deren Herausgabe er den vielfach geäußerten Wünschen der jüdischen Lehrer und Schüler nach einer übersichtlichen Darstellung entgegenkam. Jost stand, wie erwähnt, auf dem Boden einer liberalen Rcforrn. des Judentums und nahm auch 1845 an der Versammlung: freisinniger Rabbiner in Frankfurt a. M. als deren Sekretär regen Anteil. Er war eine stille,, bescheidene Golehrtennatur und fand seine größte Befriedigung in der Aufgabe, den Bildungstrieb unter den Juden zu fördern. In diesem Streben sah er sich mit Leopold ' Zunz vereint, dem ebenso wie R a p p a p p r t, vornehmlich die Wiedergeburt der Jüdischen Wissenschaft zu verdanken iBt. Und Wenn Jost in seiner Kritik des Talmuds oft einseitig, über, das Ziel hinausschoß, so galt doch seine wissenschaftliche Tätigkeit in erster Linie dem Finden der Wahrheit und der Darstellung der für richtig befundenen Tatsachen. Als vollendeter Hebraist zeigte er sich in seiner sechsbändigen Ausgabe dor Mischna'und betätigtesich journalistisch von 1839—1842 bei der, Begründung der ,,Jüdischen Annalcn" und der mit Michael Creizcnach ^heraus'- gegebenen Zeitschrift „Zion". Im Verein mit Ludwig Philippson begründete er das Institut zur Förderung der israelitischen Literatur, schuf das „Jahrbuch für die Geschichte der Juden" und trug durch eine Übersetzung der Werke Philos viel zur Kenntnis dieses Philosophen bei.! ' 1 " So lieferte'der große Gelehrte' auf vielen Gebieten wertvolle Bausteine zur Wissenschaft des JudenturaB_ und wirkte durch seine Werke an deren Wiedergeburt mit. Aber auch Werken der Menschenliebe war seine rastlose Tätigkeit gewidm'ot; so machte er sich am Abend seines Lebens, daa er am 20. November 1860 beschloß, durch die Begründung eines Waisenhauses für jüdische Mädchen in Frankfurt a. M. hochverdient. Unter seinen zahlreichen wissenschaftlichen Werken wird das über dio Sokten des Judentums dauernd seinen Wert in' der jüdischen Literatur behalten. Und wenn Jost auch, an wissenschaftlichem Scharfblick und abwägender Kritik als Historiker von seinen Nachfolgern. Grätz und Dubnow bei weitem überholt worden ist, gebührt ihm doch unstreitig das Verdienst, daß er als Bahnbrecher einer zusammenfassenden Dar-, Stellung der jüdischen Geschichte gewirkt hat. . ' M. S. Ruest. Ein musikalischer Abend findet Donnerstag, 14. November, abends 8 Uhr, bei Weil Fununcnatrnßo 5, statt. Mitwirkende: Grete Sultan (Klavier), Agnes Lcnbach (Alt) und Sigbert SteinfeUT (Gesang). Verein ehemaliger Hörer der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums. Am Donnerstag, den 14. November, abends 8 :Uhr, findet iu der Lehranstalt für dio Wissenschaft das Judentums eine Veranstaltung statt, bei der Herr'Prof. Elbogen übor „Die Aufgaben der Lehranstalt in der Gegenwart" sprechen wird. ■ Außer den Mitgliedern sind Gäste willkommen.