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Jüdische allgemeine Zeitung · 1935-11-13 · 46 (13.11.1935) · page 5

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Journal
Jüdische allgemeine Zeitung
Volume
15 (1935)
Issue
46 (13.11.1935)
Date
1935-11-13
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Zwischen Start und Ziel / Ein Jüdischer Sportroman von KARIN LUND i.- i ,#Rrrrrrrl" machte der Motor, und der Wagen blieb stehen. Gut nur, daß er wenigstens hart am Chaussccgrabcn haltgemacht hätte, als Mabel Riddcr l>ekümmcrt feststellen mußte, daß der Benzintank leer war. Ohne sein Lcbcnsclixicr jedoch konnte selbst, so ein schnittiger; Roadster, wie dio junge Amerikanerin ihn fuhr, nicht weiter. Und mit ihm zusammen saß seine empörte Besitzerin auf dieser verlorenen Landstraße zwischen Deutschland und Polch fest. ■ . Hilfesuchend sah sie sich aus großen, grünlichsehiromcrndcn Augen in der Gegend um, und was sie erhlicktc, stimmte sie nicht gcrado heiterer. Sie warf einen Blick auf ihre Armbanduhr,- im gleichen Augenblick, als fünf weithin schallende Glockcnschlägc an Ihr Ohr drangen. Kein Wunder, daß um diese ungewöhnlich fröhe Sonntagmorgenatundc nirgendwo ein Fußgänger'zu sehen war, der, gegen-ein gutes Trinkgeld bereit gewesen wöre, aus dem nächsten Dorf einen Kanister mit Benzin herbeizuholen. Andere Automobilisten schien es in dieser Einsamkeit auch nicht zu geben. Mit sich und aller Welt unzufrieden, schob Mabol dio Unterlippe vor und überlegte. Den Zug nach Berlin, den sie nach der Verfrachtung „Bullys", des Wägelchens, benutzen wollto, würde sie ja nun kaum noch bekommen. Um sich zu orientieren, zog sie mit ein paar raschen, zielbewußten Griffen die Landkarte zu Rate. Hm —, sie mußte sieh in der Nülio von„ZaIcnzo befinden, dem letzten Dorf vor Kattowitz. Aber das, was ein Automobilist unter „Nähe" versteht, konnte selbst für einen flotten Fußgänger immerhin noch einen ganz anständigen Weg bedeuten. Und Mabel, zu ihrer Schande mußte sie es sich wieder einmal gestehen, war alles andere als ein flotter Fußgänger. Wütend verließ sie ihren Sitz am Steuer und schraubte den Benzintank auf. Als ob sie. nicht wußte, daß er vollkommen „ausgetrunken" war 1 Dieser verwünschte Mangel an Betriebsstoff bedeutete wahrscheinlich verlängerten Aufenthalt in einem dieser polnischen Nester./ Dabei lagen Mabel Riddcr die Tage in Obcrhciduk noch schwer genug auf der Seele, obwohl ihr Besuch der „Ahnfrau", ihrer Familie gegolten hatte. - Nicht einmal richtig verstündigen konnte sie sich mit der fünfuhdneunzigjährigen „grandam", dem „Großmüttorchcn" ihrer verstorbenen Mutter. Denn die Greisin, die genau fünfmal so alt war wie die Urenkelin, war halbtaub und verstand kein einziges englisches Wort. Mabel hingegen" sprach nur sehr gebrochen deutsch. So hatte sicli der Verkehr zwischen der Greisin und ihrer Urenkelin auf ein paar großmütterliche Zärtlichkeiten beschränkt, auf einige Besuche in dir winzigen, uralten Synagoge, die die fromme alte Frau im Hof ihres Grundstücks hatte errichten lassen, und auf etliche Ausfahrten mit „Bully" im Schlcichtempo. Gleich nach ihrem Geburtstag, den sie der „grandam" zuliebe in Obcrhciduk verbracht hatte, war Mabel von dort „geflohen". Sie mußte zur Zeit in Berlin sein. Dort erwartete sie Toms und ihr bester Freund, Jerry Fowlcr aus New York, mit persönlichen Nachrichten von und über Tom. Und so leidenschaftlich gern die leichtsinnige Mabel auch flirtete — Tom blieb eben Tom ... -' Solitc dieser unangenehme Zwischenfall wirklich alle ihre Pläne umwerfen? Nochmals prüfte sie den Benzintank auf seinen nicht mehr, vorhandenen Inhalt, und sie beschloß gerade in hoffnungsloser Verzweiflung, doch zu Fuß nach Zalenzc zu wandern und sich Benzin zu holen, da rief eine angenehme Stimme sio in ihrer Heimatsprache an! ....... „Hallo, MisSj kann ich Ihnen vielleicht behilflich sein? Am Nummernschild ihres Wagens Bche ich, daß Sie aus Amerika sind, und.nun finden Sie sich wohl hier nicht ganz zurecht!" . Mabcls rotgdldflammcndcr Haarschopf schnellte herum. Sic sprang auf und stand einem hochgewnciiscncn, braungebrannten jungen Menschen im Trainingsanzug gegenüber. Sein Gesicht war leicht gerötet, eine eigenwillige Strülinc flog ihm immer wieder in die hoho Stirn. Aus großen, braunen Augen sah er sie bewundernd an. Aus dem schmalen Antlitz des Jungen sprach flammende Energie. So wie er sahen viele amerikanische Jungsportlcr aus, die Mabel kannte. Turnschuhe trug er und in der Hand eine Stoppuhr. Wohl ein Läufer, der um ihretwillen sein Morgentraining unterbrochen hatte I ' Wie gerufen kam er ihr. Trotz der gegenseitigen Vorstellung hatte er nur unklar ihren Vornamen Mabel verstanden. Mit ein paar hastigen englischen Worten, deren Sinn Benjamin Becrcustein im Augenblick nur durch dio Gcston begriff, mit denen die aufgeregte Mabel sie begleitete, machte sie ihm ihr Mißgeschick klar. Die Glückliche wollte mit dem Morgenzug von Kattowitz nach Berlin reisen. Wenn er nur auch dorthin zurückkönnte I_ Aber zu melancholischen Betrachtungen fehlte jetzt die Zeit. Spatestens in einer Stunde mußte die junge Dame in Kattowitz am Bahnhof sein, wenn das Auto noch zur Weiterbeförderung mit der Bahn aufgegeben werden sollte, bevor der D-Zug eintraf. Hastig nahm Benjamin das Geld für Benzin entgegen. Warum er dabei rot wurde, wußte einicht, aber Mabel, dio es sah, lächelte eih ganz klein wenig. Benjamin Beerenstein' raste davon. Er lief nicht, er flog geradezu dem Gutsbezirk Zalenze entgegen. Querfeldein rannte er, durch Wald und Wiesen. Eng ' anliegend ruhten die Arme am Körper, und die 'sehnigen Beine 'des jungen Läufers schienen immer länger auszugreifen. „Wenn er es doch schaffte", dachte Mabel, solange sie ihm nachsehen konnte. Als er aber ihren Augen entschwunden war, überlegte sie: ,(Wenn er es nicht fertig bringt, ist es eigentlich nur halb so schlimm. Er ist wirklich dir smarteste boy, den ich bis jetzt unterwegs getroffen habe, eine wundervolle Entdeckung für Tom und dio „Palästiniade", die' er so gerne aufziehen möchte. ÄU right, komme ich heuto Morgen nicht mehr fort, dann werde ich den kleinen, Läufer bitten, mir bis zum Abcndzug Gesellschaft zu leisten," . : Benjamin gönhte sich keine Atempause. Obgleich nicht der geringste Anlaß dazu vorlag, hatte er das Gefühl, seine Läufcrwürde, dio er im „Jüdischen Sport-Klub" so oft siegreich verteidigt, jetzt gegen einen besonders, gefährlichen Gegner behaupten zu müssen. Die Polnischen Waldlaufmeisterschaften, denen er am letzten Sonntag begeistert zugesehen hatte, waren teilweise über dieselbe Strecke gegangen, dio Benjamin jetzt durchlief. Der Sieger hatte die 5000 Meter fast in Rekordzeit geschafft. Man durfte nicht allzu weit hinter ihm zurückbleiben, wenn der Kanister mit Benzin seino Bestimmung erfüllen sollte. Dio Tankstelle lag etwa fünf Meilen von der Landstraße entfernt, wo! das Auto wartete. Hin würde er schon rechtzeitig kommen, aber vor dem Rückweg, mit der Blcchknnnc belastet, graute dem jungen Beerenstein ein. wenig. Doch sofort verspottete;er eich selbst: „Mensch, zu Hause, mit siebzehn Jahren, bist du mit ganz anderen Dingen fertig geworden, und jetzt, wo du bald einundzwanzig wirst, lassen dich die Nerven im Stich? Dm wäre ja noch schöner, mein Junge, Bö etwas gibt's einfach nichtl" : . ' _ «v Und in unverminderter Geschwindigkeit jagte er weiter, bis er die Tankstelle erreicht hatte. ■ :;/'.<" .-v,. II. Die Diele des Einfamilienhauses in Zchlendorf war mit grauen und grünen Holzorn getäfelt, Durch das große, weit' geöffnete Fenster, das auf den blühenden Garten hinausging, Bchicn dio heiße Sommcrsonnc. Helle Bastmatten bedeckten den silbcrgrau gestrichenen Boden, zwanglos verteilt Btandcn bequeme, Idsscnbclcgtc Rohrsessel und ein chinesischer Kang umhor. Überall gab c» Vasen mit bunten Blumen, und auf dem niedrigen Tisch, auf den ein Hausmädchen soeben die Briefe gelegt hatte, die von dem Bankhaus in der Mauerstraße heraufgeschickt worden waren, dufteten in einer flachen Schale Rosen in verschwenderischer Fülle. Dodo Fürst kam, wie an jedem Morgen, auch Sonntags ein paar Minuten vor ihrem Vater m dio Diclo herunter. Der Bankier liebte es, seine Briefe geöffnet und aufcinandcrgcschichtct neben seinem Frühstücksgcdcck zu finden. Dann konnte er sie noch vor dem Kaffee überfliegen, um sie ein zweites Mal in aller Ruhe zu lesen, wenn Dodo ihren gärtnerischen Pflichten nachging. Das war ihre Lieblingsbeschäftigung, wenn ihr Geschäft sie nicht beanspruchte. Denn Dodo Fürst war Inhaberin einer Buchhandlung in der Potsdamer Straße, die sie nach ihren eigenen Ideen führte und demnächst sogar vergrößern wollte. „Wenn meine Bank so erfolgreich arbeitete, wie dein .Bücherwinkel', wäre ich schon Millionär, Kindl" hatte der Bankier augenzwinkernd zu seiner Tochter gesagt, als er ihre erste Bilanz sah, die einer seiner Buchhalter aufgestellt hatte. Daran mußte Joseph Fürst jetzt denken, als er Dodo nachsah, wio Bio aus der Glasterrassc, wo sio gefrühstückt hatten, in den Garten ging. Schön und graziös, die blauschwarzcn, starken Flechten zu einem tiefen Knoten im Nacken verschlungen. Wie ein metallisch schimmernder Helm rahmtcU die Haare das schmale, weiße Gesicht, das keine Sonne bräunte, ein. Die blauen Augen lagen zwischen langbewimperten Lidern, unter bogenförmigen schmalen Brauen. Fester Wille sprach aus diesen Augen, die schwarz vor Zorn werden konnten, wenn es einmal hart auf hart kam. Dodo Fürst war fast ein bißchen zu zielbewußt für ihre Jugond. Das fand sogar ihr Vater, und Tante Hanna Vanfcldcn, die das mutterlose Mädchen miterzogen hatte, fand da» erst recht. Vergnügt .warf sich Dodo in die Hängematte zwischen den Linden , zog Bich ein bequemes Kissen unter den Kopf und brachte dann einen Brief zum Vorschein, den sio am Frühstückstisch nur hatte überfliegen können. Es war das bereits zur Gewohnheit gewordeno Schreiben aus Obcrhciduk, auf das ßic sich seit bald drei 'Jahren von Sonntag zu Sonntag freute. Wer diese Freude freilich durchaus nicht teilte, war der Bankier. Er sah schärfer, als Dodo angenommen halte, und die seelische Bindung seiner blutjungen Tochter an den nicht viel älteren Sohn des Markthallenhändlcrs Bccrenstcin war ihm durchaus nicht entgangen. Sic stand den Plänen, die er für sein Mfldel hegte, durchaus hemmend im Weg. Sicher — sie sollte nur einen Mann heiraten, den sie so_ liebte, wie Joseph Fürst Dodos Mutter geliebt hatte. Aber Becrenstcins Kreise waren nicht die ihren, und ob Benjamin jemals imstande sein würde, auch nur die anspruchsloseste Frau zu ernähren, war bei der tollen Sportleidcnschaft des Jungen noch sehr abzuwarten. Gewiß, niemals würde der Bankier auch nur den leisesten Druck auf sein Kind ausüben, wenn es sich verheiraten wollte. Erst mußte das Herz zu seinem Recht kommen, dann allps andere. Doch weshalb nicht beides vereinigen? Da war Hanna Vanfcldcna einziger Sohn Franz. Hanna war die beste Freundin von Fürsts verstorbener Frau gewesen; starb der Bankier plötzlich, hatte er sie zum Vormund über Dodo bestellt. Als Franz Vanfcldcns Vater vor kurzem die Augen schloß, hatte er seinem Sohn ein großes Konfektionshaus hinterlassen. Der junge Mann, der etwa sechs Jahre älter war als Dodo, war auch künstlerisch begabt. Er entwarf ihr nicht nur ihre .Kleider, sondern hatte auch der Inneneinrichtung des „Bttchcrwinkols" die Hauptrichtlinicn gcgclwn. Trotzdem stand Dodo ewig mit Franz auf Kriegsfuß, nur in rein künstlerischen und literarischen Dingen bestand volle Einigkeit zwischen ihnen. Immer bestrebt, den jungen Benjamin, den er oft in ihrer Gesellschaft gesehen, aus Dodos Herzen zu verdrängen, hatte Franz sich bei ihr reichlich verhaßt gemacht. Sic verabscheute seine Art, von Menschen einfach Besitz ergreifen zu wollen, selbst wenn es gegen deren Willen war. Sic verkannte nicht seine Zuverlässigkeit und seine gefällige Art. Aber mit ihm verheiratet sein? Wie sie überhaupt gerade jetzt, mit einem Brief Benjamins in der Hand, an seinen unerfreulichen Rivalen denken konntet Mit zusammengepreßten Lippen versenkte Dodo eich abermals in das Schreiben. Dieser große, törichte Junge, der so dicht an der Schwelle zur Mündigkeit stand, was hatte er nicht alles auf dem Herzen. Dio Reibereien mit seinem Chef und Beiner offenbar höchst unlicbenswürdigen Gattin hatten nm ersten Tage, an dein Benjamin ihr Hausgenosse wurde, begonnen. Aber daß man sich jetzt nach fast dreijährigem Zusammenleben noch immer nicht aneinander gowöhnt haben sollte, begriff Dodo einfach nicht. Bestimmt, war dieser Gctreidehündler Georg Kaschnitzer kein angenehmer Zeitgenosse, aber gab Benjamin mit seinem Btarkcn Widerspruchsgeist ihm nicht vielleicht täglich neuen Grund, zornig auf ihn zu sein? Da-war etwa seine Sportpassion. Hätte er sio nicht fast ins Grotcsko übertrieben, wäre es zu dem Streit mit Vater Betirenstein kaum gekommen. Wahrscheinlich hätte Obcrhciduk ilin dann nie gesehen .... III. Benjamins Pech ,begann vor drei Jahren an einem .Tage, an dem der Alexandcrplatz ^jn einer Wolke von Sonnendunst und Staub lag. Auf dem gläsernen Dach der Zcntralmarkthalle schienen sich dio Strahlen wie in einem Brcnnspiegcl zu sammeln. Das riesenhafte Inncrc war erfüllt von Menschen. Jetzt, um die späte Vormittagsstuhdc, strömte die Menge der Käuferinnen unablässig durch die Eingänge. Wio immer, wenn Benjamin während der Sommertage einmal aushilfsweise seine Eltern vertrat und, die Kundschaft bediente, kam der Widerwille gegen die Gerüche aus den Fisch- und Flcischbudcn, den Wild- und Käseständen überstark in ihm Auf. Trotzdem mußte er mit freundlichem Gesicht liebenswürig die Käuferinnen bedienen. Das war eine ganze Weile gegangen, bis ilm eines Tages einer nörgelnden Kundin gegenüber einmal die Ruhe verließ. Der Blumenkohl war ihr nicht weiß genug, die jungen Zuokerschotcn bereits zu groß. „Wie bitte? Ob die Zitronen noch vom letzten Herbst sind? Ausgeschlossen, gnädige Fraul" Der. Siebzehnjährige glühte. „Das ist dio neue Ernte von 1927. Frisch aus Messina eingetroffen, von der Farm meines leiblichen - Großvetters. Sie sind Ihnen zu teuer? Bei Pinners hat man sie Ihnen um fünf Pfennige billiger angeboten? Ja, gnädige Frau, dann kaufen' Sie doch bei Pinnors. Wir ..." ' Die Dame verschwand beleidigt. Benjamin wandte flieh or- . schreckt um. Eine ärgerliche Stimme klang plötzlich hinter ihm: „Hat der Mensch so etwaB schon erlebt?! . Vertreibt einem der eigene Sohn die Kundschaft und jagt sio zur Konkurrenz!" „Aber Mutter", .wollte, der Junge sagen, er hatte ihre Anwesenheit gar nicht bemerkt. Aber'schon war Rosi Beerenstein neben ihm im Stand mit dem rot-weißen Leinehhintergrund, aufgetaucht. Er schöpfte tief Atem und fuhr eich aber das feuchte Gesicht, '6he er sich entschuldigte:. „Dieser' Kundin war nichts recht zu machen." Über das frische,, rotbackige Gesicht Frau Rosis lief die Röte des Zorns. Ihr Temperament ging allzu leicht mit ihr durch. Sie hob die Hand, und wäre Benjamin nicht schnell an .Sir vorübergeschlüpft, so hätte der: Primaner trotz -seiner siebzehn Jahre wohl eine Ohrfcigo bezogen. Aber ebenso schnell, wio sio sich aufgeregt, beruhigte Frau Rosi sich wieder. Nur traurig blieb sie. Da arbeitete man vom Morgengrauen bis zum Abcnü. Früh um vier Uhr war sie mit ihrem Mann schon zur GcmÜBCVcrstcigcrung gegangen und hatte dann ihren Stand geordnet. . Er konnte sich scheu lassen, mit seinem Stilleben von Obst und Gemüsen. Aber du lieber Himmel, für wen gab man sich eigentlich die große Mühe, statt schon längst dio viel angenehmere, aber viel weniger einbringende Geflügelfarm erworben zu haben, dio sie und ihr Manu sich so wünschten? Für wen hatten sie erst unlängst wieder den kurzfristigen Kredit erneuort, den Bankier Fürst ihnen Anfang des Jahres gewährt hatte? Alles für den Bcngcl, den Benjamin, damit er eine bessere Bildung erhielt als sein Vater, der ■ mit seiner schönen Stimme Vorbctcr werden wollte, und jetzt in der Markthalle stand, weil das Geld zur Ausbildung nicht gelangt hatte. Wie aber dankte es ihnen der Nichtsnutz, der Benjamin V Anstatt den Eltern zu helfen, wo er konnte, war er schon beleidigt, wenn er in der Gcmüschudc gelegentlich einmal bedienen mußte. Nichts wie Sportrekorde hatte er im Kopf — in Rosis und Alexandere- Jugend wußte man nicht einmal, was Rekorde waren. Eine Kundin, die ein Achtel Morcheln verlangte, unterbrach Frau Rosis Gedankenkcltc. Benjamin war inzwischen reuig wiedor in den Marklhallcnstand zurückgekehrt. Als seine Mutter sah, daß sie der Kundin, die ihr einen Zehnmarkschein gereicht hatte, nicht herausgeben konnte, gab sie ihn dem Jungen und rief: „Lauf wechseln! Laß dir auch Kupfcrgcld geben, ich hab' keinen einzigen Pfennig mehr in der Kasse." Benjamin wollte schnell in die Markthallcnkantinc, aber er kam nicht so weit. Am Eingang zur Halle, an dem er vorbei mußte, -wurde er plötzlich angerufen. Sein Freund Walter Wangcmniin stand da und hob die Taschenuhr in die Höhe. „Wenn wir nicht gleich losfahren, kommen wir zu spät auf den Sportplatz, und dann hat das ganze Training keinen Zweck mehr", sagte er ärgerlich. „Und Dodo und Kulh warten auch nicht auf uns. Ausgerechnet heute mußt du den Markthelfer spielen! Als ob's nicht genügend Juugens gäbe, die sich um die Trinkgelder reißen würden, die eure Kunden springen lassen. Da steht doch schon einer! He, Fritzf" rief Walter Wnngcmami einem jungen Burschen zu, der gelangwcilt an einem Stand lehnte, „du würdest dir doch gern was verdienen?" „Na was denn?" kam es knurrend zurück. „Daehlstc, ich steh' hier, um die Markthalle zu bewachen V" „Schön!" antwortete der schnell einverstandene Benjamin, „dir soll geholfen werden! Wechsle mal erst den Zehnmarkschein in der Kantine — laß dir für eine Mark Kupfer mitgeben. Dann lauf zu meiner Mutter, gib ihr den Zaster und sag' ihr, ich käme erst zum Abendbrot wieder zurück. Oder sag1 das lieber nicht. Bring' ihr lieber bei, ich wäre zum Training in den Grunewald gefahren, und du wolltest ihr statt meiner helfen. Alle Trinkgelder au dich, und hier 'nc Mark Anzahlung darauf, Fritz!" „Nobel histc immer, Bccrenstcin!" freute sich der Markthclfcr und rannte in die Kantine. Walter und Benjamin aber liefen ebenso eilig die Treppen /.um Stadthahnimf Alcxandcrplatz empor. Sie mußten den nächsten durchgehenden Zug nach dem Grunewald l>c[;omincn, wenn sie sieh nicht noch mehr verspäten wollten. Dort lag der Sportplatz des „JSV." Am Abend dieses Tages war 'es zwischen ihm und dem Vater zu einer folgenschweren Auseinandersetzung gekommen. Oft schon hatte Benjamin sich bei Dodo über seinen Vater beklagt, der für seine sportliche Betätigung keinerlei Interesse aufbringe. „Ich könnte, wie die Tcnniskanonc Prcnn, einmal für ein S|K>rtartikelgeschäft tätig sein, um Amateur bleiben zu können. Aber dafür hnt Vater kein Verständnis. Erst neulich hat er wieder gesagt: ,Gut, daß du bald keine Zeit mehr haben wirst, überflüssigerweise Schuhsohlen zu zerreißen, wenn du erst in der Lehre bist.' Und dazu muß ich das Abitur machen. Leben.smitlelhibidler mit Abitur-hal" An jenem Abend nahm der Alte die Entfernung Benjamins aus der Markthalle zum Vorwand, um ihm mangelnde Pflichttreue und das Fehlen jeden Familiensinnes vorzuwerfen. „Da steht in den zehn Geboten: Ehre Vater und Mutter", schrie er erbost. „Und was tust du? Du trittst alle» Jüdische mit den Füßen!" Benjamin beherrschte sich, um dem Vater nicht schroff entgegenzutreten und antwortete ruhig: „Wenn du mir in unserer Heiligen Schrift auch nur eine Stelle zeigen kannst, die einem Vater das Recht einräumt, dem Kind jede Lebensfreude zu zerstören, dann will. .ich dir gehorchen und keinen Sj>ort mehr treiben. Aber du mußt es mir schwarz auf weiß zeigen." Darauf hatte Alexander Bccrenstcin finster gesehwiegen. Aber hinter dem Rücken des Jungen meldete er ihn mitten im Quartal vom Gymnasium ab, und befahl Rosi, sofort Benjamins Koffer zu fiackcu. Dann ließ er sieh die Sportausrüstung des Sohnes auständigen, die er selbst zur Klcidcrkammcr der Jüdischen Gemeinde trug. Viciundzwanzig Stunden später brachte er Benjamin in die. Lehre zu Georg Kaschnitzer nach Obcrhciduk. Ein wöchentliches Taschengeld von zwei Mark war alles, was er dem Sohn zubilligte. Das übrige Lehrgeld sollte im ersten Jahr der Lchro auf die Sparkasse kommen — später würde man weitersehen . . . Das war vor fast drei Jahren gewesen . . . (Fortsetzung folgt.) Ein vierzehnjähriger Meiftergeiger Ossy Rcnardy, der sich bereits am Ende der vorigen Saison einem kleinen Kreise Berliner musikalischer Sachverständiger vorgestellt hatte, trat nach einer erfolgreichen Auslands-" tournec zum ersten Mal im Bechsteinsaal im Rahmen des Kulturbunds vor, das Berliner Publikum. Und, um es gleich) vorweg zu nehmen, er siegte auch hier auf der ganzen Linie. Schon die ersten Takte der Corclli-Sonotc [brachten es einem zum Bewußtsein, daß man es hier mit einem wahrhaft Berufeneu, mit einem gcigcrischcn Talent von außergewöhnlichen Ausmaßen zu tun hat. Mühelose Beherrschung aller technischen Schwierigkeiten verbindet sich mit instinktsicherem Erfassen des geistigen Inhalts zu einem Darstcllungsvermögcn,. das bei diesem kaum dem Knabenalter Entwachsenen in Erstaunen setzen muß. Dio kristallklare, selbst in den höclisten Lagen gewahrte- Sauberkeit des ToneB, die sinnvolle vorbildliche Phrasicrungskunst, das edle herrliche Pathos der Kantilcne, die virtuose Griffaichcrheit und Meisterung aller Bogenkünste, die besonders bei Pagdnini elektrisierend hervortrat, die rhythmische Prägnanz, Stilvollkom.- menheit oder frische Natürlichkeit des Vortrages, dio das Finale der A-dur-Sonate von Cesar Franck zu einem beglückenden, hinreißenden Erlebnis worden ließ. Hier ganz besonders muß auch der ausgezeichneten Begleitung Robert Walter Spitz' gedacht werden, der sich iii allen Teilen des'Programms nicht nur'als Pianist von starkem technischen Können, sondern darüber hinaus als kultivierter, den Solisten unterstützender' mitschaffender Musiker erwica. Alles in (ollem ein gelungener, genußreicher Abend, der nur den Wunsch offen läßt, daß es dor zielbewußten und sorgfältigen Unterweisung seines Betreuers und Lehrers Theodor Paschkusz gelingen möge, den jungen begnadeten Künstler über alle Fährnisse hinweg zu den höchsten Gipfeln der Kunst zu leiten. .; „ Gerhard Goldschlag.

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