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Jüdische allgemeine Zeitung · 1935-10-09 · 41 (9.10.1935) · page 4

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Ällidnce Israolitc Universelle, ür. Albert Cohen, verbunden. Sein Schwager ist der englische Dramatiker Mr. Alfred Sutro. Sein einziger Sohn, LordErlcigh, ist mit der in England als soziaio Schriftstellerin bekannten Eva Violot Mond, einer Tochter des Industrieführers und früheren Ministers Lord Mclchctt, verheiratet, der im Verein mit Lord Readme anläßlich der Arabcrunruhcn in Palästina bei der englischen Regierung nachdrücklich für, den Schutz seiner Glaubensgenossen eintrat. ' 1 Schon früher brachte Lord Rcading den durch das englische Mandat in Palästina hervorgerufenen jüdischen.Problemen warmes IntcVcsso entgegen. Er war bis 1921 Vizepräsident der Anglo- Jcwish Association, unterstützte die Bestrebungen der Jcwiflh A'gcncy und , entfaltete als Vorsitzender dea Direktoriums der Ruthenhcrg Palcstinc Electric Corp., die im heiligen Lande neues Leben'zu wecken bestimmt ist, eine fruchtbare. Tätigkeit. Sein ganzes Leben hindurch hat sich Lord Rcading als erfolgreicher Würdenträger Englands und als treuer Sohn dea Judentums bewährt. M. S. Ruest/ Duell im Park von St Quen Erinnerungen an einen jüdifchen JournaUfien I Von Dr. PAUL GOLDMANN Der Tod Dt. Paul Colomanns, den die „Jüdische Allgemeine- In der vergangenen Woche gemeldet hat, gibt Veranlassung an das mutige Eintreten des bekannten Publizisten für den unschuldig angeklagten Hauptmann Allred Dreylus zu erinnern« Ooldmann bat die nachstehenden Aufzeichnungen aus den Togen der Dreyfus-AltolfC In der Festausgäbe dar „Frankfurter Zeitung" zu Ihrem 76j&nrlgen Bestehen verollentllcht. Als die Drcyfus-Affürc begann, war ich Korrespondent der „Frankfurter Zeitung" in Paris. Allmählich gewann ich die Überzeugung, daß die gegen den verhafteten Gcneralstabshnuptmann erhobene VcrratBanklagc grundlos, daß Dreylus unschuldig sei. Deutscher Botschafter in Paris war damals der Fürst Münster, und immer wieder, in zahlreichen Gesprächen über die Drcyfus- Affürc, hatte er mir versichert: „Niemals hat die deutsche Botschaft Beziehungen zum Hauptmann Dreyfus unterhalten. Wenn nichts gegen Dreyfus vorliegt als seine angeblichen Beziehungen zur deutschen Botschaft, ist er' unschuldig." Ich wußte sehr wohl, wenn Dreyfus wirklich, wie die Anklago behauptete, Geheimdokumente des französischen Gcneralstabs der deutschest Botschaft ausgeliefert hätte, der Botschafter nicht nur das Recht, sondern sogar die Pflicht gehabt hätte, dem fragenden Journalisten gegenüber dies abzuleugnen. Doch wer' nicht imstande wäre, diplomatische Ablcugnungch von der Sprache der 'Wahrheit zu unterscheiden, der wäre ein schlechter Journalist. Die Wahrheit hat ihren eigenen Klang. *■ ■ . So kam es, daß, noch bevor' in Frankreich der unglückliche Hauptmann-Dreyfus seine ersten öffentlichen Verteidiger fand, in der „Frankfurter Zeitung" bereits ausgesprochen würde: „Dreyfus istunschuldig". Keiner der Historiker der Drcyfus- Affüre hat bisher die Tatsache festgestellt, daß die Kampagne für den zu Unrecht Verurteilten von der „Frankfurter Zeitung" ' begonnen wurde. Der einstige Pariser' Korrespondent der „Frankfurter Zeitung" dankt es noch heute seiner damaligen Redaktion, daß sie Vertrauen zu ihm hatte und mit ihm ging. Durch ihr Eintreten für die Unschuld von Dreyfus zog sich die „Frankfurter Zeitung" die Feindschaft aller der Persönlichkeiten und Parteien in Frankreich zu, die bemüht waren, die Aufdeckung des Justizirrtums zu verhindern. Der damalige Pariser Korrespondent der „Frankfurter Zeitung" durchlebte eine Zeit, . dio er, wenn" er jetzt zurückblickt, als die bewegteste seines Lebens betrachtet.. Die ganze nationalistische Presse war gegen mich losgelassen,, und eines Tages erschien in dem vom Deputierten Millevoyc herausgebenenen Abendblatt „La Patrie", das sich besonders angelegentlich mit mir zu beschäftigen pflegte, wieder einmal ein. Artikel,, in dem ich ein „lüchc coquin"', ein „feiger Schurke", genannt wurde. Ein Schurke, weil ich au die Unschuld von Dreyfus glaubte; warum ich ein „feiger" Schurke sei, ist mir bis heute noch nicht klar geworden.. Immerhin, wenn man als deutscher, Berichterstatter in Frankreich lebt, darf :man sich nicht in der Öffentlichkeit ,ffeig' 'nennen lassen. Und so beschloß ich, Millevoyo zum Duell zu fordern. Ich halte 'den Zweikampf für unsinnig■ uhd_ verwerflich. Aber man gerät eben manchmal in Situationen, in denen man auch etwas tun muß, das man für unsinnig hält. Und hier war für mich -das Duell dio einzige Möglichkeit, zu beweisen, daß ich kein Feigling sei, — es insbesondere den französischen Journalisten, die mit mir kollegial verkehrten und unter denen ich manchen Ercund besaß, in einer Art zu beweisen, die ihren Anschauungen entsprach. .■.■'* ■ Die beidon Zeugen zu finden, war nicht, leicht; sie mußten Bich darauf gefaßt machen, van der feindlichen Presse nicht weniger beschimpft zu werden als derjenige, dem sie Beistand leisteten, und dazu wollte sich niemand entschließen. Endlich hatte ich meine zwei Zeugen beisammen. Der eine war Felix Fcncon, ein französischer Schriftsteller, Mitarbeiter literarischer Revuen, ein sanfter Schwärmer, der es für seine Menschen- ■ pflicht hielt, einem von allen Freunden Verlassenen zur Seite zu stehen; der andere war ein englischer Kollege, Streng, der Korrespondent der „Morning Post". Ich hatte auch einen Arzt mitzubringen, ging aufs Geratewohl zu einem Chirurgen, der in meiner Ivaho wohnte, und . hatte Erfolg. Es war ein liebenswürdiger,'', junger Doktor, der sich nicht nur. sofort bereit erklärte, mitzukommen, sondern der mir auch in seinem Sprechzimmer eine kurze Unterweisung in der Handhabung von Ducllpistolcn erteilte; denn ich hatte noch niemals eine in der Hand gehabt. Am nächsten Morgen fuhren wir — die beiden Zeugen, der Arzt und ich— im Wagen nach dem Park von St. Quen, dem bekannten Pariser Rennplatz. Als der Wagen eingefahren war, wurde das" Parkgitter geschlossen. Der Gegner mit seinen Zeugen war bereits zur Stelle. Directeur du combat war - der Oberst Derne, der einen Säbel erfunden hatte, welcher bei einigen französischen Kavallerieregimentern eingeführt war. Vereinbart waren zwanzig Schritt Entfernung und einmaliger Kugelwechsel. Die beiderseitigen Zeugen maßen mit großen Schritten die Entfernung aus und wiesen den Gegnern ihre Standplätze an. Ich .erblickte mir gegenüber die lange, hagere Don-Quixote-Gestjalt von Millevoyc. Einer seiner Zeugen, Massard, Redaktionssekretär der '„Patrie", gab mir die geladene Pistole in die Hand, Millevoye erhielt die seine von meinem Zeugen Feueon. Der alte Oberst zählte langsam: „Un — doux — trois". Zwischen eins und drei mußten dio Schüsse abgegeben werden. Ich schoß zuerst — in die Erde; denn ich habe nie dem Deputierten Millevoyc nach dem Leben getrachtet. Die Erde' des Parks war regenfeucht; auch eine abprallende Kugel konnte also kein Unheil anrichten. Millevoye zielte einige Augenblicke lang, sein Schuß ging fehl. Es ist Brauch, daß sich nach dem Duell dio Gegner die Hand reichen. Aber Millevoye war unversöhnlich, der Händedruck unterblieb. , Das Duell machte großes .Aufsehen in Frankreich und im Ausland. Ich erwartete meine Auaweisung. Aber ich wurde nicht ausgewiesen; wie ich erst nach Jahren erfuhr, hatten französische- Kollegen sich beim Minister des Innern für mich verwendet. ES SIND ERSCHIENEN: Ludwig Strauß: Land Israel. Gedichte. Bücherei des Schocken Verlags, Bd. 41. Ein lyrischer Dichter formt mit reifer Kunst des Wortes Gesicht und Jahreszeiten des Landes, das uns allen nahe gerückt ist. Liebe zu Palästina, Sehnsucht und Hoffnung, bei der die Sorge .nicht fehlt, schwingen in den. streng gebündigten Rhythmen seiner' Verse. Kein hohles Pathos, keine leere Phrase, kein Wort zu viel, keines zu wenig. Jedes steht an seinem Ort. Bildhaft nah rückt die Landschaft, das kahlo Bergland, die sanfte Sichel der Haifa-Bucht, die starre Wüste am Toten Meer, das „goldene . Flüstern" eines Orangenhains. Der Dichter deutet sinnend die. . Zeichen im Sand, er erlebt den Segen der Erde, den Chamssin, der sengend über das Land streicht!. „Not und Hoffnung" ist der letzte Teil des BündchcnB überschrieben, in dem banger Aufbruch und vertrauensvoller Anbruch neuen Lebens seinen dichterisclien Ausdruck findet. -- Ernst Simon: Chaim ISachniun Bialik. Bücherei des Schocken , Verlages, Bd. 37/38. Mit dieser Einführung in Bialiks Leben und Wirken hat ce : Bich' Dr. Ernst Simon nicht leicht gemacht. Er beschränkt Bich nicht darauf, den äußeren Lebensweg dieses großen Dichters. Denkers und Lehrers nachzuzeichnen und einige seiner Ge'dichto ästhetisch und literarhistorisch zu analysieren — er lichtet vielmehr dio Hintergründe seines Wesens auf, weist auf dio geistigen Strömungen und jüdischen Traditionen hin, dio das Werk Bialiks beeinflußt haben. „Bialik schlug' eine''Brücke' vom alten Erbe zum neuen Leben" — so wird Bialiks Schaffen und sein Schweigen als Dichter, sein Hang zur Einsamkeit lind Bein Drang zur Gemeinschaft sowie sein' Suchen nach neuen Formen und Wegen verständlich gemacht. ' Frieda Mehler: Feiertags-Märchen.' Berthold Levy-Vorlag, Berlin. Im vergangenen Jahr ließ Frieda Mehler ein sclunales Bändchen Lyrik erscheinen, das den jüdischen Frauen und Müttern gewidmet war. Jetzt beschenkt sie die jüdischen Kinder mit zehn Märchen, die sich um unsero Feiertage und ihre Symbole* ranken. Am hübschesten dio Gcscliichtc von der Mosespuppe, die in die Panke fällt .und von einem Mann, wie Moses, aus dem Wasser gezogen wird, um den Wunachtraum eines kleinen Mädchens zu erfüllen. Mirjam und Peter, die Träger der von Dodo Bürgner lustig: illustrierten Geschichten, werden bald bei den Kleinen männlichen und weiblichen Geschlechts beliebt worden. Pic un-t . gleiche Schreibweise hebräischer I Worte, bald Bcphardisch, bald aschkenassisch, bald miteinander vermengt, hätte' sich Üeich] vermeiden lasseh. Die Flucht aus der Hölle. Vortrupp Verlag, Berlin. '■V Unter dem Titel „Männer, Helden, Abenteurer" startet der Vortrupp Verlag cino Schriftenreihe für die jüdische Jugend. Das erste Uändchcn schildert die spannenden Erlebnisse eines jungen Juden aus Dortmund in der Fremdenlegion und Beine Flucht, der es an Abenteuern natürlich nicht mangelt Walter VasenB Tatsachenbericht, von Erich Pincus bearbeitet, erhebt keinerlei Anspruch auf literarische Wertung, was nicht ausschließt, daß er. bei der Jugend ein lebhaftes Echo finden wird. Die Reihe soll in kurzen Abstünden fortgesetzt werden. Dr. Seligmann Meyer: Arbeit und Handwerk im Talmud. 2. Aufl. Laubhütte-Verlags GmbH., Hamburg. Leo Breslauer: Ein jüdisch-geschichtlicher Wegweiser. Verlag Hermon, Frankfurt a. M. Fefifchrifi für Max Dienemann, Dem unermüdlichen Vorkämpfer für religiös-liberales Judentum, dem religiösen Denker und Forscher Max Dienemann, hat der Vorstand der Israelitischen Reügwnsgemeindo Offenbach a. M., in der Dr. Dienemann seit Ende 1?19 als Rabbiner wirkt, aus Anlaß seines 60. Geburtstages eine Festschrift gewidmet, die der J. Kaiiffmonn Verlag, Frankfurt a. M., in würdiger Ausstattung herausgebracht hat. „Ich darf", so schreibt Dr. Siegfried Guggenheim in Beiner Einführung, „im Namen des Vorstands der Israelitischen Religionsgemeinde Offenbach hinzufügen, daß wir uns bewußt sind, in dem Lehrer unserer Gemeinde weit über ihren Kreis hinaus einen Lehrer in Israel zu ehren. Ein bestätigendes Zeugnis dieses Bewußtseins mögen die Aufsätze der Männer sein, die sich mit uns zu dem Bekenntnis des Dankes und der Verehrung verbunden haben." Die Reihe der Beiträge wird durch einen „Glauben" überschriebenen Aufsatz i Leo Haceks eröffnet. Martin Bubcr erzählt tiefgründig und fesselnd von zwei Meinungskämpfen um Gott. Ismar Et bogen hat einen Artikel über die Anfänge der gottesdienstlichen Reform' im deutschen Judentum beigesteuert. ■ Uber den „Rest Israels" Bchrcibt Max Grünewald. Kultur- und' kunsthistorisch bemerkenswert, was Bruno Italiener über eine Sederschüssel aus dem 16. Jahrhundert schreibt. Einen (Wegbereiter der religiösen Reform, Aron Chorin, ruft Paul Lazarus ins -Gedächtnis zurück. Sali Lovi bringt interessante Dokumente zur Handhabung des jüdischen Religionsgesetzes im Rheingebiet bei and zeichnet das Wirken Rabbenu Gerschoms. Tiefe Gedanken über Gesetz und Freiheit äußert Claude C. Montefiore. Caesar Soligmann und Max Wiener schreiben über religionsgesetzliche Probleme. Den Abschluß der wertvollen Veröffentlichung bildet ein. Aufsatz von. Eugen Täubler „Zur Interpretation des Propheten Habakuk". Der Freundesgabe vorangestellt ist eiii Verzeichnis sämtlicher Veröffentlichungen des Jubilars, das von reicher und. segensreicher schriftstellerischer Tätigkeit Max Dienemanns Kunde gibt. Solomon Ludwig Steinheim Vom Bleibenden und Vergänglichen im Judentum Der Vortrupp-Vorlng unternimmt es, in dem Jahr, in. dem sich dio gebildete jüdische Welt Abraham Goi go r s anläßlich seines 125. Geburtstages erinnert hat, den Staub von dem Andenken eines . Mannes zu entfernen, der zu Geigers interessantesten Zeitgenossen gehört, des jüdischen Arztes Solomon Ludwig Steinhoim; Das Büchlein (Solomon Ludwig .Steinheim: „Vom Bleibenden und Vergänglichen im Judentum"), fast mehr ein Heft, erschienen als Numropr 3 in der Schriftenreihe ..Deutschjüdischcr Weg", reiht an ein unnötig aggressives Vorwort von Hans.Joachim Schoo;s, das den wissenschaftlichen : Charakter deB Buches im Ton gefährdet, recht ,-geschickt .exzerpierte .Aufsätze und. Stellen aus Steinheims literarischem Nachlaß. (Im Anhang findet sich noch eine Bibliographie.) . Ist bo die Form dieser Gedächtnisfeier etwas fragmentarisch und dabei uncinlicitlich,. so .ist sie.doch, thematisch durchaus geeignet, uns ein. Bild von der eigenartigen Vorstellungswclt Steinheims und von seiner höchst widerspruchsvollen Natur zu vermitteln. Indesseh bedarf es auch einer geschickten Conference, Hin uns diese Persönlichkeit nahezubringen. Ja mehr noch. Während Geiger ein Bogriff ist, deine persönlichen Daten Festtage des jüdischen Kalenders und deren Begehung eine kulturelle SclbstveratäWtichkcit, ist Steinheim wenig, mehr als ein Name, und es tut schon ein gewisser' Kraftaufwand not,- um seine Restauration zu rechtfertigen.,; 'k . . Schoeps versäumt das auch keineswegs. Die Auswahl, die. er. getroffen, wird durchaus dem Geschmack mythosbefangener modischer Kreise gerecht, der dem vierbändigen Werke „die Offenbarung nach dem Lehrbegriff der Synagoge" entnommene Aufsatz ,',Die Religion als volksbildcndes Element" ist dagegen ein religionspolitisch höchst bedeutsames Zugeständnis an den Diaspbracharaktcr des Judentums. . Schoeps ist es nicht allein um die praktische, sondern, ebenso sehr um die theoretische Aktualisierung des Mannes- Steinheim zu tun. So interessant daher vergleichsweise die politischen Konsequenzen Steinhcims, das christlich-jüdische Streitgespräch (aus dem nachgelassenen Roman „Elias Windler und seine Reisen") sein mögen, wichtig und wesentlich ist vor allem die knappe Einführung in . Steinheims Theologie; in diesen widerspruchsvollen ' Versuch, die Vernunft auf rationalistischem Wege mit Hilfo der Offenbarung zu erschlagen. Mag Steinheini die Vernunft im Bezirk der Theologie als unzulänglich verachtet haben, Schoeps haßt sie. In seinem Vorwort überschlägt er sich förmlich, wenn-er schwungvoll verkündigt: „Darum ist es noch gar nicht ausgemacht, ob die Zeit seiner (Steinheimsl) .Wirkung nicht I jetzt erat kommt. Gerade heute, da die optimistische Uberbcwprtung der Vernunft, wie sie die Juden seit 100 Jahren auf allen'Gebieten pflegten, so entscheidend Schiffbruch gelitten hat und gerade auf dem Gebiet derjüdischen . Theologie-' wenig Neigung mehr bestehen dürfte, auch weiterhin noch die „Religion der Vernunft aus dem Quellen des Judentums" zu reduzieren." Es ist nicht dos Amt .der ernsthaften Wissenschaft, das ihr eigene Kriterium der objektimen .Erkenntnis aus Gründen der Dialektik mit siibjektiven Vermutungen zu vertauschen. Es ist daher auch nicht unsere Sache, Hans Joachim Schoeps' famose Prognosen sowie diese seine ganze Apologie der Unvernunft mit einer entsprechend prophetischen Gegenfeststellung zu-begegnen. Die Vernunft hat. es nicht nötig, sich mit den Methoden der Unvernunft zu rehabilitieren. Sie, hat möglicherweise nicht die Zeit zum Zeugen' ihrer Belange, aber die Wahrheit, und:' dos genügt uns. .■'.'.'' Überhaupt kommt es uns in diesem Zusammenhange gar nicht so sehr auf das rieo-romantiziBtische Problem Hans Jcmchim Schoeps, sondern vielmehr auf das romantische (Original. Steinheim an, das nur' tami der geistesgeschichtlichen .Stimmung seiner Zeit, der Zeit Schleiermachers, Homohs, Hegels, Bayles heraus verstanden werden kann und darf und auch am ver- ■ trauenswürdigsten von dort her angefochten werden kann.' Der Zufall will es,, daß niemand Geringeres als Geiger selbst sich mit der Persönlichkeit und dem Werk Steinhchns, insbesondere mit Beiner Offenbarungslehrc, auseinandergesetzt hat. Im zehnten Jahrgang (1872) der»von.Geiger herausgegebenen. „Jüdischen Zeitschrift für Wissenschaft' und 'Leben" ist Solomon Ludwig Steinheim ein Kapitel gewidmet. Wenngleich diese Arbeit auf erschöpfende und systematische Behandlung keinen Anspruch erheben kann, ist sie doch aus doppeltem Grunde nicht ohne Interesse. Einmal darf sie als die Antwort des' klassischen Liberalismus auf den Versuch ) gewertet werden, die" Position der" Orthodoxie durch eine moderne Aufmachung ihrer heteronorrieu Grundlage dem Geschmack der Zeit zu' assimilieren. Als solche hat sie ihre ^Aktualität auch für heutige Experimente, die in Eleicher Weise den', mystischen Neigungen\ im innerjüdischeit ager sich .bemühen gefällig zu sein. "Weiter aber stellt die Antwort Geigers den psychologisch hochinteressanten Versuch dar, die Steihheunsche Vorstellungswelt aus der Persönlichkeit :'des Autors zu erklären.' Das Ergebnis ist nicht nur einleuchtend, sondern es ist verblüffend festzustellen, daß die strukturellen Voraussetzung in der Person Steinheims in vielem auch für'.diejenigen zuzutreffen scheinen, die sich ein Jahrhundert später zu seiner geistigen Nachfolge berufen. fühlen. Geiger schreibt: : . „Sternheims Werke sind nach einem Vierteljuhrhundert kaum ' dem Namen nach mehr bekannt; einer Einwirkung'haben sie eich in der gleichzeitigen regen Geisteseütwicklüng nicht erfreut, und noch weniger werden .sie später zu_ irgendwelcher Anerkennung, gelangen . . . Töricht ist es, die Ignorierung Steinheims damit erklären zu wollen, daß er — in der Beobachtung der jüdischen Zeremonien lau gewesen Steinheim war eine anspruchsvolle aristokratische Natur... Der Jüngling wie der Mann war in den Studienjahren wie in beruflicher Tätigkeit verbunden mit tüchtigen, einflußreichen, ja bedeutenden Männern, genoß deren Achtung und Freundschaft und stieß dennoch oft an einer Schranke an,' welche die Einstellung in Stände, und religiöse Genossenschaften errichtet, woran sich ohne' Rücksicht auf den persönlichen Wert'. Bevorzugungen . und Zurücksetzungen knüpften. Diese , willkürliche' Scheidewand nach allgemeinen Kategorien' mußte ihm um so widerwärtiger sein, als er sich auf sich selbst gestellt, nicht als Glied einer Gesamtheit, in die ihn die Geburt ^gestellt, fühlte . . .. .ihn kränkte, daß ihm, dem Manne geistigen NÄdehi, die' erbärmliche Gewöhnlichkeit ihre Vorrechte entgegenhalten dürfe, weniger kränkte ihn, daß der ganzen Genossenschaft,' der . er angehörte, das Recht verkümmert werde . . .( Er nannte sich einReislcin, ein gesundes, vom Stamm des alten Bundes. Er fühlte den Drang, sich dem Judcntume onzuschließen, ganz und voll. Dem Judciitume, aber er kannte es nicht, er lebte eigentlich außerhalb desselben und platte nicht dio" Zähigkeit, sich mit dessen Quellen vertraut zu machen, weil er . . . des Hebräischen fast gänzlich unkundig—war, von seiner inneren Geschichte keine Ahnung hatte. Und dennoch redete er'sich, ein, ein begeisterter Anhänger des Judentums zu sein, nicht bloß weil es die Einheit Gottes, dio. Schöpfung ans nichts, die i sittliche Willensfreiheit u. . a.' verkündete, sondern weil es diesen Glauben als Offenbarung lehrte. Offenbarung. Dicso Tatsache sollte ihn über'; lalle quälenden Bedenken emporheben, sollte die Berechtigung für sein Ausharren in dem Schöße der angeborenen Gemeinschaft'.bilden, der er doch eigentlich entfremdet war, . sollte seinem . Stolze genügen, ein Mittrüger. und Mitstreiter für ewige Heilswahrheiten zu sein, die allein das Eigentum, das alte Gnadengeschenk des Stammes seien, dem auch er angehörte. Offenbarung war das

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