Jüdische allgemeine Zeitung
- Journal
- Jüdische allgemeine Zeitung
- Volume
- 15 (1935)
- Issue
- 41 (9.10.1935)
- Date
- 1935-10-09
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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\ Beilage 9. Oktober 1935 JÜDISCHE AUGEMEIME ZEITUNG „Judith" im neuen Haus Die Eröffnungsvorfiellung desjüdifchen Kulturbunds in der Kommandantenfirafie Nach einem frommen Brauch wird heim Einzug in ein neues Haus in einem Minjan, der Mindestzahl von zehn Betern, die für. den Gottesdienst vorgeschrieben ist, „gelernt". Nach dem Anschlagen des Mesusn werden Segenssprüche gebetet, Psalmen rezitiert und Abschnitte aus dem jüdischen Schrifttum vorlesen, damit das Heim die jüdische Weihe erhalte. Dr. Singers Bekenntnis Die Weihe des neuen Kulturbund-Hauses in der Kommandantonstraße vollzog der Hausherr, Intendant Dr. Kurt Singer, vor/ einem erwartungsvoll gestimmten Parkett, in dem die führenden Persönlichkeiten des jüdischen Lebens neben Freunden, Förderern, Künstlern und Mitarbeitern des Jüdischen Kulturbunds Platz genommen hatten. In den Lichtkegel des Scheinwerfers vor den Vorhang tretend, bekannte er den entschlossenen Willen des Kulturbunds; mit aller Inbrunst, den seine Menschen erfülle, jüdisches Theater zu machen. Das Fundament, auf dem der Kunsttcmpcl sich erhebe, sei gläubig bekanntes Judentum. „Wir wollen", so schloß Dr. Singer seine mit lebhaftem Beifall aufgenommene Ansprache, „Sprecher der Einigkeit der Juden Borlins und Deutschlands sein und ihr die künstlerische Formung geben." Das (an dieser Stelle bereits beschriebene) Theater, dessen Bauherren Anton und Donat Hcrrnfcld waren, zeigt in seiner Architektur keinen jüdischen Stil. Den jüdischen Kunst-Stil, entsprechend unserer jüdischen Gegenwart, zu finden und an der neuen Spiclstättc heimisch zu machen, ist keine ganz leichte, aber um so lohnendere Mission des Jüdischen Kulturbunds. Dr. Singer hat sich freudig zu dieser Aufgabe bekannt. Dje Aufführung der „Judith" löste bereits einen leil dieses Versprechens ein. Als Otto Ludwig, Hebbels schärfster Kritiker, von dessen Tod erfuhr,' Bchricb er in seinen Hauskalcnder: „Wieder einer, und wohl der Beste unter den wenigen dahin, denen es noch mit der Kunst ein heiliger Ernst ist." Die „Judith" in Fritz J e ß n c r s Inszenierung hatte viel von diesem heiligen Ernst. (Sic hatte daneben auch etwas von dem judäischen Witz, der noch aus dem Leid hervorbricht.) Hebbel und dio Bibel Friedrich Hebbels dramatischer Erstling ist nicht sein einziges Werk aus jüdischem Stoffkreis geblieben. Die Beschäftigung mit jüdischer Geschichte und Literatur wird immer wieder in seinem Planen und Schaffen sichtbar. In Flavius Josephus „Altertümern" und dem „Jüdischen Krieg" fand er den Stoff zu „Hcrodcs und Mariamne". Er plante einen „König David", erwog die Idco von „Abrahams Opfer", entwarf ein kurzes Szenarium zu einem Drama „Esther". Während diese Pläne nicht über die ersten Anfänge hinaus gediehen sind, schrieb er für Anton Rubinstein das Libretto eines musikalischen Dramas „Ein Steinwurf oder Opfer um Opfer", in dessen Mittelpunkt der berühmte Prager Rabbi Low Btcht. Dabei empfand Hebbel die Beschränkung, die ihm vom Komponisten auferlegt war, als äußerst lästig; zwang sie ihn doch zu Banalitäten, die er kaum verantworten konnte. Nicht nur Hebbels vertrautester Freund und Biograph Emil Kuh hat sich über den auf der Bühne herumsingenden, verliebten Rabbi lustig., gpmocht,, der Dichter, selbst empfand die „miserable Leidenschaft" des Rabbi Low zur Herzogin Libussa, als unmöglich. Daß Hebbel die Veröffentlichung der Schlußszene seines „Genoveva"-Dramas in Ludwig August Frankls Zeitschrift „Libanon" in den Ruf eines getauften Juden brachte, nahm er mit Humor bin. Friedrich Hebbel bedauert einmal, daß ihm die hebräische Sprache fremd und die Schätze des Judentums verschlossen seien. Als er zum ersten Male dio Laute dor Bibel in der Ursprache vernahm, meinte er: „Es ist wunderbar, eine Sprache aus Jahrhunderten an das Ohr schlagen zu hören. Weil sie an ihrer Sprache festhalten, Bind dio Juden ewig. Kein Volk der Erde hat ein Dokument aufzuweisen, wio es das Alte Testament ist." Die Apokryphen, dio Hebbel dio Judithgeschichte darboten, sind in den Knnon der Bibol nicht aufgenommen. Es ist nicht einmal bekannt, ob das Buch Judith ursprünglich in hebräischer, aramäischer oder griechischer Sprache abgefaßt war. Dqr Dichter fand hier hur eine ziemlich unbedeutende Anekdote: Holofcrncs, der siegreich vordringende Feldherr des Assyrerkönigs Nebucadnezar, wird vor Bcthuiicn von Judith, der schönen Witwe Mauasscs, nach einem Zechgelage im'Rausch geköpft, und sein; Heer fällt, des Führers beraubt, den Ebrücrn zum Opfer. So konnto der Dichter den Stoff nicht verwerten. Seine Judith lebt ganz in ihrem Gottesgedanken, als auserkorenes Werkzeug in der Hand eines Höheren. Sie ist nicht Jungfrau geblieben und nicht Weib geworden, weil in' der Hochzcitsnacht eine geheimnisvolle höhere Macht zu ihr gesprochen. Sic ist sich selbst zum grauenvollen Rätsel, geworden; in religiöser Verzückung sieht sie sich zu -etwas Unerhörtem aufgespart. Des Gottes voll, begibt sie sich zur Befreiung ihres Volkes ins feindliche Lager. Erst am Schluß, wird ihr klar, daß sie nicht im Interesse der Allgemeinheit HolofcrncB gemordet hat, sondern aus gedemütigter Fraucncitclkcit. Nicht aus religiösen Gründen rettet Judith Betliulien; nür zum geringen Teil treiben sie nationale Gcdanlfcn. Hebbel gjaubtc dio . Ausschaltung dieser biblischen Motive wohl begründen zu müssen. „Nicht wegen ihrer Seufzer und ihres Jammers soll uns cino Dichtung dio neronischen Menschcnfackcln früherer Jahrhunderte vorführen . .. . Ich wollte den Unterschied zwischen dem. echten ursprünglichen Handeln und dem bloßen Sich-selbst-Herausfordern" darstellen. So handelt Judith, und bitter rächt sich.ihre Tat; indem, Holofornes, dorn sie als-Gottes < Werkzeug gegenübertreten wollte, als Rächerin ihres Volkes, sich zwischen sie undihren Gott drängt. Dos fordert sie heraus. Doch kaum ist dio mörderische Tat vollzogen, so steht sie vernichtet vor der Erkenntnis: i.Nichts trieb mich als dor Gedanke an mich selbst . .'. Aber ich muß meine Tat''allein tragen und sie zermalmt mich." Einzig der Wunsch bleibt ihr, daß man sio töten möge, wenn ihr Schoß fruchtbar werdon sollte. Die-Aufführung. Hebbels eigene Befürchtung, das Werk stolio hart an der Grenze des Darstellbaren, hat Jcßners Inszenierung zu zerstreuen verstanden. Er hat sich mit dem Ausstatter Heinz Condeil den räumlich beschränkten Verhältnissen nicht ungeschickt angepaßt, indem er auf eine Entfaltung der Massen verzichtete und das leidende ausgehungerte Volk hinter der Klagemauer' Bethulicns in einer Reihe typischer Vortreter der allgemeinen Not eng zusammendrängte. Daß dadurch die entscheidende Szene, wenn sich vor Judith dio Toro öffnen und sie sich zum Gang ins .feindliche Lagor anschickt, in ihrer 'Wirkung geschwächt wird und daß auch dor Aufbruch zur Befreiung im Schlußbild leiden muß, ist vor allem durch mangelnde Tiefenwirkung der Bührio bedingt. Doch erschütternd kommt der apokalyptische. Schrei „Steiniget ilml" des blinden und stummen Daniel aus dem Munde Fritz W i s tc n s, dessen Duldorantlitz den Schauplatz der Unheil bringenden Weissagung beherrscht. Dio große Leistung des Abends lag auf den breiten Schultern und in dem spekulativen, aber lose sitzenden Kopf des Ilolofcrncs. Hans 11 in rieh gibt dieser Gestalt, die sich leicht in der Nühe der Ncstoyschen Parodie bewegt, ein unvergeßliches Gepräge. In Erscheinung, Haltung und Ausdruck. Er öffnet den Mund, und es klingt wio metallischer Trompetenton. Er steigt von seinem Thronscsscl hcrub, und alles kriecht scheu vor ilun zusammen, ohne daß seine Brutalität sich in wilden Gebärden entlädt. Auch sein Hohn wird nicht Fratze, sondern ist ein hinterhältiges Lächeln. Er mildert Hebbels bramarbasierendes Kraftprotzcntum zu betonter Männlichkeit. Auch wenn er Judith auf den Armen ins Schlafgemach schleppt, ist er nicht nur das wilde Tier, das seine Beute in Sicherheit bringt. Die krankhafte Lust am Spintisieren, am bohrenden Grübeln hat er von Hebbels Arbeitszimmer mit auf die Bühne bekommen. Aber er rezitiert nicht geformte Aphorismen, sondern bildet sie in seinem Kopf, läßt sie vor uns entstehen. Großartig, wenn in seine Götzcnwolt der unsichtbare Gott des Juden einbricht. Und noch ein Wesentliches: Hinrich muß es gedankt werden, daß er seinen Ilolofcrncs, vielleicht gegen Hebbel, vermenschlicht, daß er ihn mit Sorgo und Lasten beschwert und der Sehnsucht, auch einmal von seiner Raserei auszuruhen. Schwerer findet sich Gerda Klein - Wcißmann mit der Judith ab. Sie hat nicht die Größe für die Heroine aus Betliulien, die sich einen willkürlichen Eingriff in das Wcltgetricbc erlaubt, ihre blonde Judith sotzt die Komplexe des geheimnisvollen Mngdtunu, des verwirrten Gefühls, der auflodernden Begeisterung, der aufbrechenden Gedanken und des verletzten Weibtums mosoikartip zusammen, anstatt sie ciirandcr durchdringen zu lassen. Wenn sie ihrem Schatten Mirza (mit schöner Zurückhaltung von Jenny Schaf fer gespielt) das Geheimnis der Hochzcitsnacht scluldcrt, hat man das Gefühl, eine Salondamc erzähle ein Abenteuer, und wenn ihr Blut sie dem Manncstum des Ilolofcrncs zutreibt, macht sie das Erotische zur Pose. Aber sie findet einen starken Ausdruck für die Zerknirschung nach der Tat, der Katzentat, wie Königin Mariumnc es nennt, für das Demütige der in sich zusammengesunkenen Weiblichkeit. Es war, trotz mancher Einwände, ein schöner, des Dichters und des Kulturbunds würdiger Abend. Hinter einem Vorhang seiner Loge, den Blicken der Zuschauer verborgen, folgte der Hausherr mit berechtigtem Stolz der Aufführung. Der fünfzigjährige Intendant Mit den Glückwünschen zum Umzug verbinden sich diejenigen zum Einzug in ein neues Lcbens-Jahrzchnt. Am 11. Oktober wird Dr. Kurt Singer 50 Jahre jung. Der Beginn der neuen Dekade findet ihn unermüdlich mitten im Aufbau und Ausbuu des Werkes, das seiner Initiative, seiner organisatorischen- und künstlerischen Schaffenskraft seine Entstehung und Entfaltung verdankt: des Jüdischen Kulturbunds. Als der Kulturbund am 1. Oktober 1933 mit der Aufführung von LcssingB „Nathan" vor dio jüdische Öffentlichkeit Berlins trat, lagen Schwierigkeiten hinter dem Intendanten und seinem engsten Mitarbeiterstab,- an deren Uberwindungsmöglichkeiten so mancher gezweifelt hatte. Aus einem „Büro" in Dr. Singers Privatwohnung, das zuerst sechs Personen beschäftigte, die mehr als nur einen Autor suchten, ist ein Bund geworden, ein Band, das zahllose jüdische Menschen kulturell umschließt. Der damals schon aufgetauchte Gedanke, die Kulturbünde, dio sich überall im Reich nach dem Vorbild' Berlins bildeten, zusammenzufassen, ist kürzlich im Itcichuvcrbund jüdischer Kulturbünde verwirklicht worden, und es war selbstverständlich, daß Kurt Singer sein Leiter wurde. Von Dr. Singer wird folgende Anekdote erzählt: Einige Zeit nach dem Umbruch begeguote er einem bekannten Sänger jüdischer Abstammung, der noch un einer Berliner Bühno beschäftigt war. „Sic sind noch immer im Engagement?" fragte Dr. Singer. „Selbstverständlich, warum auch nicht?" lautete die Antwort. „Na, ich meine wegen Ihrer Abstammung." Der Sänger spielte den Gekränkten: „Wieso? Ich habe keinen Tropfen jüdischen Bluts in meinen Adern." Darauf Singer: „Armer Mann, wie blutarm müssen Sie seiul" Wegen (künstlerischer) Blutarmut braucht man unsorn Intendanten nicht zu bedauern. Eine seiner letzten Inszenierungen, bevor er in der Charlottcnstraßc seinen Einzug hielt, galt der Johann-Strauß-Operette „Wiener Blut" in der Staatsoper Unter den Linden. Dr. Singer hat zwar kein Wiener, aber ungarisches Künstler-Blut in den Adern, das ihn neben seinem Medizinstudium der Musik in die Armo trieb. In Koblenz und Berlin erlernte er das Geigenspiel, trieb Musikgeselüchte, eignete sich bei Siegfried Oclis das Dirigieren an, um es — zum vielgesuchtcn Nervenarzt zu bringen. Nerven und Noten brachte er zusammen, als er unmittelbar vor dem Krieg den Berliner Ärztechor gründete. Aus dem Foldo Iioimgckchrt, betätigte er sich als Musikkritiker und wurdo 1927, uls Stellvertreter Tictjcns, Intendant der Stildtisclien Oper in Cliarlottcnburg. Seit zwei Jahren übt Dr. Singer als Kulturbund-Intendant die Tätigkeit eines praktischen Arztes aus, indem er an seinen Klienten — Künstlern und Publikum — die „Heilwirkungen der Musik", denen er ein Buch gewidmet hat, und darüberhinaus der Kunst mit Erfolg erprobt. Wir danken ihm dafür-und wünschen ihm Und uns,| daß er der jüdischen 'Kulturgcmeindc noch viele Jahreals schalfensfroher Meister-Singer erhalten bleibe. Eugen Tannenbaum. Der „Bciclisvcrband der Jüdischen Kulturbünde in Deutschland" teilt mit:xUm Mißverständnissen vörzubeugen, werden nochmals alle reproduktiv - ausübende n Künstler ersucht, sich unvorzüglich beim Reiclisverband als aktive Mitglieder zu melden, soweit sie dies noch nicht getan haben. Die Frist, dio am 30. 9. 35 abgelaufen war,, wird nochmals bis einschließlich 15. 10. 35 verlängert. Jüdische Künstler, die im Rahmen der Kulturbünde oder der angeschlossenen Vereinigungen und überhaupt im jüdischen Rahmen aufzutreten gedenken, müssen im Besitz einer Ausw.eis karte des Rciehsvorbande» sein, um ihrem Beruf nachgehen zu können. Es wird jedoch darauf hingewesen, daß diese Ausweiskarte lediglich die Berechtigung zum Auftreten verleiht, nicht aber ein Recht auf Beschäftigung bietet. Die Anmeldung wird erbeten, von .a) Solisten: Schauspielern, iSüngcrn (Oper und Konzert), Instrumontulsolisten, Vortragenden,'Rezitatoren, Tänzern, Kabarettisten; b) Orchester- .und Ensemble-Musikern, Chorsängern. Diejenigen Künstler, die sich bereits als aktivo Mitglieder beim Rcichsvcrband angemeldet haben, werdon' nochmals darauf hingewiesen, daß die ^Übersendung des provisorischen Mitgliedsausweises im Laufe der nächsten Tage erfolgt. Ungewiffe Fahrt Von LUDWIG STRAUSS Vom zuckenden Maschinenrollcn Durchpulste lungern wir am Bug, Den andern jeder und genug, Sich selber dunkc] und verschollen. Das Meer rings wellt Sein uraltes Spiel, Und dio Schiffsglockc schellt Von selber im Wind, Aber wir sind Nicht am Ziel. Wer von uns ruh'los Spähenden weiß, Ob er nun fahre, ob er bleibe? Stets liegt um uns die Wasserscheibe Im gleichen, ganz genauen Kreis, Und das Meer rings wellt Sein uraltes Spiel, Die Scliiffsglockc schellt Von seibor im Wind, Aber wann sind Wir am Ziel? Aufrauscht der Bar Gedudel bald, Bald frischer Stimmen strömender Sang — Wer hilft, wenn rein — und trülicr Klang Zugleich im tauben Raum verhallt, Wenn das Meer rings wellt Gleichmütig sein Spiel Und die Schiffsglockc schellt Gespenstig im Wind Und wir sind Doch nicht am Ziel? Der Künftigen Luftbraus und der Toten Fltttmurmcln lassen uns allein, Von unserm Löscr kommt kein Schein Und nicht ein Bote seines Boten, Nur das Meer rings wellt Sein uraltes Spiel, Und die Schiffsglockc schellt Von selber im Wind, Aber sind Wir je am Ziel? Doch stiegen wir ins Finstre nieder, Erwartung schmolz und Qual entschlief: Weht Wort uns her von hoch und tief Und Glanz in dio geschloss'ncn Lider, Denn das Meer rings wellt Ein seliges Spiel, Und dio Scluffsglockc schellt Kindlich im Wind, Und wir sind Im Traum am Ziel. Ausdcm Qedichtband „L a n d 1 3 rn e I" von Ludwig Strauss (Bücherei des Scliockenverlugs) Vom Anwalt zum Vizekönig Lord Reading 75 Jahre alt Das Leben des großen englischen Staatsmannes Lord Reading, der am 10. Oktober seinen 75. Geburtstag feiert, bietet das Bild einer glänzenden Laufbahn. Rufus Daniel Isaacs — so hieß er ursprünglich — stieg vom Kaufmann zum Anwalt, Lord-Oberriehtcr und Vizekönig von Indien auf. Als Sohn eines Citykaufnianns, dessen Bruder den Posten eines Lordmayors von London bekleidete, für den Kaufmannsstand bestimmt, wandte er dem ihm nicht zusagenden Beruf bald den Rücken und schlug dio juristische Laufbahn ein. Er wurdo einer der berühmtester) englischen Anwälte, trat 1904 als liberaler Abgeordneter für den Wahlkreis Heading in das Unterhaus ein und erhielt 1910 das Amt eines Gcncral-Attorncy (Gcnoralstaatsanwalt), das er drei fördert und erhielt 1914 dio Pcorswürdo mit dem Titel Lord Reading sowie in seiner Eigenschaft als Obcrrichtor einen Sitz im Kabinett. In den Jahren 1915 und 1918 wurdo Lord Reading als außerordentlicher Bevollmächtigter nach Washington ent;- sandt. Er genoß infolge seines unbestechlichen Urteils und erfolgreichen Wirkens das unbegrenzte Vertrauen Lloyd GcorgeB, mit dem ihn ein enger Frcundschaftsbund verknüpfte. 1921 wurde Lord Reading zum Genoralgouverneur und Vizekönig von Indien ernannt und zeigte auf diesem verantwortungsvollen Posten seine hoho staatsmännischo Begabung. Dio größten Schwierigkeiten boten ihm dio unter Ghandis Leitung stehende Hindubewegung des passiven Widerstands (Non-cooperution) und die Stellungnahme dor indischen Mohammedaner. Er. trieb beiden gegenüber eine geschickte Politik und wußte den von Lord Clielmaford und dem Staatssekretär Edwin S. Montagu ausgearbeiteten Reformplan der Selbstverwaltung erfolgreich durchzuführen" Lord Reading vorleugnete seine jüdische Abstammung in keiner seiner hervorragenden Stollungen. So wies er auch bei der Übernahme seines Amtes in Indien in einer Ansprache auf seine jüdische Volkszugehörigkeit hin, als auf eine jener Eigenschaften, dio ihn für scino vermittelnde Stellung besonders befähigten. Nach seiner Rückkehr in dio Heimat wurde ihm zum Dank für seine erfolgreiche Tätigkeit dio Würdo eines Marquis verliehen undols Ehrenwohnsitz das Schloß Deal Castle überwiesen. Trotz seines libhon Alters trat Lord Reading noch einmal,_ im Jahro 1931, als Außenminister vorübergehend in dio aktive Politik ein, weil er es für seine Pflicht hielt, dem Rufe MacDonalds bei der Neubildung einer „Nationalregierung" Folge zu leisten. Lord Reading war in mehr ab 40jühriger glücklicher Ehe mit Alice Cohen, einer Tochter des Präsidenten der Pariser