Jüdische allgemeine Zeitung
- Journal
- Jüdische allgemeine Zeitung
- Volume
- 15 (1935)
- Issue
- 34 (21.8.1935)
- Date
- 1935-08-21
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Von Rabbiner Dr. 8. SAMUEL, Berlin . Der Frankfurter Rabbiner Dr. Ignoz May bäum bat in einem „Morgen"-Aufaatz:„Das Hingen' des deutschen Judentums um . G«me inschaft" .beachtliche Gesichtspunkte und Ziele für unsere seelische Haltung und religiös-liberale Besinnung dargelegt. Er hat es mit viel Geist getan; er ivjJl in exakten Formulierungen zeigen, was war, was ist und was nottut. \ Wie vorauszusehen, sind 'seine Ausführungen auch starkem Zweifel und Widerspruch begegnet und wir haben bereits eine Kontroverse Max Dienemann gegen. Ignoz Maybaum. Es dürfte nicht unwillkommen sein, hier eine weitere Stimme zu hören, um Klarheit zu . gewinnen, inwiefern viele der . in Frage stehenden, uns besonders angehenden Dinge anders. gesehen und .beurteilt werden kennen. Die Forderung, in der der Aufsatz Mdybaums gipfelt, „Ge- , meinschaft — nicht Parteiimg", ist sicher erUst gemeint; der Ruf «aefr einem parteibefreiten Judentum -ist nicht neu.: Die Zeit des Burgfriedens, wie ihn die Nöte des Tages gebieterisch fordern, ist sehr dazu angetan,, die Grundlage der alten Parteien zu überprüfen, veraltete Gegensätze auszugleichen, die höhere Einheit vorzubereiten. Aber es kommt viel darauf an, die wahren Ursachen aufzuspüren, die zur Entzweiung der Geister geführt hoben. Maybaum knüpft an Theodor Hcrzls Erkenntnis an: Wir sind ein Volk, Ein Volk; weil sie uns , Gott,, den Herrn der Geschichte, wieder sichtbar werden ließ; auch die Weltgeschichto ist der Raum der Erw&hlung, die ihren Gnadenanfang am Sinai nahm. ' . Am Sinai ward aber auch das Wort gesprochen: „Denn mein ist die ganze Erde". Dieses Wort weist auf das Abrahamswort zurück: „In dir sollen sich segnen alle Völkerfamilien der Erde"; und es blickt, voraus auf die Verheißung Jesajas: „Ich, der Herr, habe dich berufen zum Heile, deine Hand gefaßt, dich gebildet und . dich eingesetzt zu einem Bundesvolke und zum Lichte für Nationen". Ein Volk also ist unsere Gemeinschaft mit priesterr licher Sendung, d. h. .mit religiös-sittlichem Auftrag, daher vor ollem mit'einer nach innen gewandten, geistigen und kulturellen Geschichte. Wer daran mit Achselzucken vorbeigeht, hat es darum noch nicht aus der Bibel getilgt. Für Hunderttausende bleibt dies tiefste Überzeugung. In der Erfassung und Erfüllung solcher Aufgabe galt es, die rechten Wego und Möglichkeiten zu finden; man traf ideale -Weiten, irdische Grenzen, hartes Zusammenprallen mit andern Milchten, unerwartete Verbündete. Daran maßen und erprobten sich die Kräfte; aber im Innern bildeten sich starke Meinungsverschiedenheiten; das Judentum, hatte jederzeit seine Parteien, Orden, Sekten, wenngleich keine Häresien, weil der Eine Gott und das Grundgesetz der göttlichen Weisung durch alle Jahrhunderte alle verband. Die neue Zeit unserer bürgerlichen Emanzipation war erfüllt von lebhaften,: religiösen Kämpfen;, sie führten, nach Ismar Elbogens Urteil, „hart am Schisma'vorbei". Hören wir Maybaum, so waren alle diese Karnpfo ausgelöscht und gegenstandslos, sobald der Zionismus um die "Jahrhundertwende auf den Plan trat. Daran ist nur soviel richtig, als dessen ursprüngliche Tendenz allen religiösen Parteien entgegengesetzt war; sollte doch jüdische Religion aufgehört haben, das einigende Band des Judentums zu bilden und jüdisches Volkstum an ihre Stelle treten. Aber erst, als der Zionismus, um Einfluß auf, das Gemeindeleben zu gewinnen, sich mit der konservativen ■ Religionspartei verbündete und mit dieser gemeinschaftlich den religiösen Liberalismus bekämpfte, bekamen wir den überspitzten Gegensatz: hie Liberalismus, hie Zionismus. Ihn geistig zu überwinden, ist das Gebot der Stunde. Dazu kann u.1 E. nur folgende Erwägung führen: Unser liberales, religionsbetontes Judentum muß einsehen, daß auch Nationalismus zu ' Religion werden könne. Man studiere einmal die arabische Frage, wie 'sie . Hans Kahn in seinem Werke „Der Nationalismus im vorderen Orient" behandelt, und man wird im Islam einer ähnlichen Erscheinung begegnen. Die organische Verbindung von Religion mit Stammes- und Volkstum,' mit der das Judentum in . die Weltgeschichte eintrat, kann nicht bis auf den letzten Rest getilgt werden. Aber auch der Zionismus muß anerkennen, daß der religiöse Liberalismus nach wenigen Jahrzehnten der Ermattung fast gleichzeitig mit ihm selbst zur Selbstbesinnung aufrief, und starke. Erneuerungsenergien entfaltete. Gleichviel, obl anknüpfend an Gabriel Riesser, ein Maximilian Horwitz und Eugen Fuchs im bürgerlichen, oder Gustav Karpeles und Martin Phiüpson, Hermann Cohen und Felix Goldmann im geistig-religiösen Bereich wirkten—' in ihnen allen, und in zahlreichen Mitkämpfern lebte positives Judentum. VolksmBßiges und religiöses Judentum stritten viel zu longo in ganz verschiedenen Ebenen. Tiefer Blickende hoben langst erkannt, daßder gemeinsame Wille zu höherer. Zukunftsgestaitung desselben Judentums die Kampfer einmal zusammenführen müsse. Wesentlich günstiger als Maybaum beurteilen wir den sogen. Gemcmde-Liberalisnras. Ihm wird die einscitigo Betonung des' Spirituollen unter Vernachlässigung des Existenziellen aufgebürdet; er hätte das Judentum ganz in die Sphäre des Privaten; gebahnt und zur Sache der Synagoge gemacht.' Grade die Synagoge,' die der Liberalismus Hebevoll ausgestaltete (und neben' Religionsunterricht und Wohl-' fahrtspflege-alsV erstes in seihen Aufgabenbereich zog),, ist sein -Ruhmestitel.... Inider.Synagogo_kamen. die .wichtigsten Erruhgenschafteh, die der religiös-liberalen Gedankenarbeit des Jahrhundorts zu danken waren, zu glücklicher Fassung und Formung. „Religion ist vor Kultus, aber Religion will sich im Kultus entfalten" sagt .Qthmar Spann in Beiner ,Gesellscbaftsphilosophie' von 1928 und rechtfertigt somit eino gesetzmäßige Entwicklung,' die viele schon für unjüdisch halten, weil Synagoge sie an Kirche erinnert. Sie ist nun einmal das Gefflß, ohne das der geistige Gehalt gestaltlos würde. Die materiellen und .existenziellen Sorgen der Gemeindemitglieder 'aber waren in, besseren Zeiten nie so dringlicher Art wie etwa heute. Gerade religiöser Liberalismus fordert hochstehende, moralisch gefestigte verantwortungsbewußte Menschen; vor Mißbrauch ist er am wenigsten geschützt. Am befremdlichsten aber wirkt, wie Max Dienemann in seiner „Antwort" andeutet und Ignoz Mnybnums Replik u. E. nicht entkräftet, daß nach letzterem religiös-liberales Judentum laut theologischer Begriffsbestimmung als „judenchristliche Sekte, eine Abart des Paulinismus, ja als konsequentes Luthertum" angesprochen wird. Wie kann man übersehen, daß hier Lösung vom Gesetz mit Bindung an den Christusglauben unlösbar verknüpft ist,, von einem solchen aber auch in den freiesten Gruppen des Judentums keine Rede sein kann. Wenn in diesem Zusammenhang die Berliner Reformgemeinde genannt wird, so sehr zu. Unrecht; wie Helmut Galliner vor kurzem in der „Jüdischen Allgemeinen" besonders in einer trefflichen Charakteristik Abraham Geigers dargelegt hat. Aber auch der Gemeinde-Liberalismus muß es ablehnen, daß ihm . ein „positiiy - re Ii giösc entgegengestellt wird. Es gibt keinen schwereren Vorwurf, als ersterem eine vorr wiegend negative, auflösende Funktion, seinen führenden Männern und Frauen eine zerstörende Tendenz zuzuschreiben. Nicht verblB expressis, aber dem Sinne nach. Mit Maybaum stimmen wir darin überein, daß .,. •> auch für den religiösen Liberalismus eine Zeitwende gekommen ist. Es ist mir ein irreführendes Wort, wenn er von einem (Zusammenbruch des Liberalismus' redet, der heute seine große Chance' sei. Wir nennen es eine Krisis, <L h. eine Entscheidung, wie schon das Wort sagt, in der sich zeigen kann, ob "er: dem Verfall oder der Gesundung und Erstarkung entgegengeht. Auch Maybaum erhofft letzteres; sei 'uns doch ein 9. Aw erspart geblieben. Freilich,, was die . kommende Stunde bringt, wissen wir nicht; cb ist eine Frage an das Schicksal, das in'Gottes Händen ruht. Was wir seihst tun können, rechnet kaum. Unabhängig davon sollen heute schon zwei Errungenschaften gebucht werden, die festzuhalten sind: Die eine ist die religiöse Zionsliebe, die fortan ohne politische »Nebengedanken den Aufbau Palästinas in sich. schließt, und uns auch den' weltlich1- ' praktischen Eroberern von Altneuland zu Dank und Anerkennung verpflichtet. Das andere ist die energische Wendung zu jüdischem Wissen und Kulturgut, wie es Franz Rosenzweig und Ludwig Tietz in sich erneuert hoben und. dem heute unsere Besten wieder huldigen. So tragisch es wäre, wenn dieser Anlauf nicht zum Ziele führte, dem Neubruch keine Ernte beschieden wäre — als innere Entscheidung wären Bie trotzdem nicht vergeblich gewesen. Eine sonderbare Orientierung sucht Maybaum für die Aufgaben des ihm vorschwebenden Neuliberalismus bei Esta, dem Schriftgelehrtenl Diese Anknüpfung ist ebenso abwegig wie die Behauptung, daß das rabbinische Judentum die hellenische Kultur bejaht habe. Niemals hat es dies getan, nichts lag ihm ferner. Das ist ja der Grund, weshalb wir nicht ins Mittelalter zurücksteuern, vielmehr es überwinden Bollen. Unsere noch recht junge Verbindung. mit dem' Westen hat sowohl religiöse wie nationale Juden, wie Maybaum richtig sieht, üborhoupt erst „zu. neuer Gescnichtszeit erwachen lassen"; und die deutsche Judenheit; war dazu ausersehen, durch wissenschaftlichen Eifer. und vielr seitige Begabung hierbei eine führende Rollo zu übernehmen. Sollte ihr ein Weiterbestehen vergönnt Bein, bo wird eB ihre Aufgabe sein, don Namen des Judentums in der Welt, mit dem.CB durch Leiden starker verbunden worden, zu heuer Ehre zii bringen. Unser Gcmoindeleben .wird. dann beherrscht Bein von dem Gedanken: Gemeinschaft — nicht Parteiung. Das wird uns besagen: mag es immorhin verschiedene Richtungen und Gruppen in unserm geistig so lebhaft bewegten Kreise geben, der Gedanke der Gemeinschaft überwiogt, er beherrscht alle Diskussionen und duldet keine unbrüderlicho' Gesinnung, geschweige Handlungsweise. Unser Judentum muß wieder um seine beiden Zentralsonnen kreisen: um Gottes- und um Menschenliebe. Dahn bewohnt es überall wahres Altneulahd. . . ''""•'■• JndifAcJEinWanderung mich Amerika ., Im ersten Halbjahr 1935 :' New York. Wie aus dem Halbjahresbericht der Gesellschaft für Einwandererfürsorge ,,H las" hervorgeht,'sind vom 1. Januar bis zum 1. Mai 1935 3222 Juden in die Vereinigten Staaten eingewandert. Von diesen wurden .1815 Personen als' reguläre Immigranten und 14D7 als Nicht-Immigranten registriert. - 759 Personen waren teils direkt aus Deutschland, teils aus Landern, in die sio sich von Deutschland aus begegeben hatten, gekommen. Die Wciterleitung aus diesen Ländern war mit Hilfe des Verbandes Hiccm erfolgt. In der Berichtszeit wurden an Hias 3751 Gesuche um Ausforschung von Angehörigen gerichtet, In sehr vielen Fällen gelang es, auseinandergerissene Familien wieder zu vereinigen oder 'in Amerika ansässige Angehörige zu bewegen, ihre in Europa zurückgebliebenen Verwandten zu unterstützen. Di« Nachforschung nach Angehörigen wird in zahlreichen Fällen weiter' fortgesetzt. . Wir suchen für sofort in Berlin and im Reich tüchtige Anzeigen-Vertreter Zuschriften unter B 111 ah die Geschäftsstelle der J. A. Z. Zurück: Dr. Heinz Taubenschlag Nachhilfestunden energisch, schnelllordemd erteilt billigst Dr. pAII. Zuschritten unter O 116 aa die Geschäftsstelle der J. A. Z. ' f Wir zeigen hocherfreut die Gebart unserer Tochter ZELLA GABRIELE an. - Erich Sonntag tirid Frau Ulla geb. Veit Simon ^ÄÄ-l^ ». August IKSj MHHB Bitte verlangen Sie unseren neuen ermäßigten Anzeigentarif Nr. 3 HacH 6jHhr. Atsistenx an Univmitätslclinilcen (Med.- Neurahq. Frauenklinik) und anscM. Ujttnr. prakt. Tätigkeit habe ich die Praxis des verstorbenen Herrn Dr. Oeorg Fischer in dessen bisherigen Bäumen übernommen. Sprichst.: 8-10 u. 4-6; lifo/im wie bisher 09 Tierg. 0881 Röntgenden. DP.LSIlHOn.flPZl JfÄÄ» Berlin NW 87, Brilckenatla 6pt., am B-Bahnhof Belfern» Jflfc MAX BERNSTEIN, Uhrmacher ■«Düsseldorfer Straße 14, J 2 Oliva 2180 ^ikW Uhren, Qeschenke — Bejteclratchen d. WOrtt. Met- War.-Fabr. — Repar. prclsw. u. gut. Aul Wunsch Abholg. Bürgermeistera.D. Dr. der Volksw., . 45 J., beste Zeugnisse u. Empf., sucht Beschgftig,(Grundstucksverwaltg., Rechts-; Mahn-, Steuer-Sachen usw.) Bescheidene Ansprüche. Zuschriften unter H117 an die Geschäftsstelle der j.Ä. Z. 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