Jüdische allgemeine Zeitung
- Journal
- Jüdische allgemeine Zeitung
- Volume
- 15 (1935)
- Issue
- 4 (23.1.1935)
- Date
- 1935-01-23
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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wird, so ist unsererseits damit die größte -Anerkennung gezollt, deren wir fähig Bind, und vonseiten des Referenten das erreicht, was zu beweisen war. Es war eine tiefo Genugtuung, hier zu sehen, mit welch unerbittlicher Gewissenhaftigkeit der Referent dem angeblich •Bakro'sänlrtcn" Vokobelschatz des liberalen Judentum« zu Leibo; rückte. Wenn etwas den aufrichtigen Liberalen seit Jahren ehrlich bedruckte, so war es die deprimierende Erfahrung, einer bisweilen terminologisch und begriff lieh, orthodoxen Richtung anzugehören. Dr. Dienemann schied zwischen den unausgesprochenen' Banalitäten und den historisch notwendigen Generalabrechnungen. Diese) Unterscheidung war' gerechtfertigt, sie war darüber hinaus die einzig richtige. Es erhellte blitzartig, in welch unvergleichlicher Bequemlichkeit der Liberalismus der letzten Jahre seinen eisernen Bestand hatte einrosten lassen. Es wurde erschreckend klar, daß sein eigentliches Hüstzeug, Begriffe wie Entwicklung und Fortschritt, die ihm einst die Auszeichnung der Bewegung verliehen hatten, zur bloßen Formel erstarrt waren. Das Wort: „Wir waren in einem geradezu orthodoxen Sinne fortschrittsgläubig bis in die Knochen!" besagt eigentlich alles. Manches mußte bei der Kürze der Zeit leider fragmentarisch bleiben. Wir hatten von Dr. Dienemann z. B. gern über die Auslegung seines Entwicklungsbegriffes Ausführlicheres gehört, zumal es uns schien, als ob der Kritik hier mehr das Zerrbild .als das Original zugrundelag. -Daß Entwicklung nicht auf einer Geraden stetig fortschreitet, sondern sprunghaft, mit Rückfällen, Spiralen, ganzen Drehungen, neuen Anfangen war dem ernsthaften Liberalen eigentlich nie zweifelhaft. Wie überhaupt manche der neuartig anmutenden Gedanken geheime Wünsche aus der Kritik der vergangenen Jahre lediglich offen aussprach. Ja, in der Diskussion wurde sogar (von Helmuth Gallin er) eine getreuliche Parallele aus einer Schrift des verehrten Referenten aus dem Jahre 1908 zur Verlesung gebracht. Indessen, in solcher Pragnanz und mit solch bewunderungswürdigem Mut hörten wir selten einen Rechenschaftsbericht aus den eigenen Reihen. Wenn man die Tagesordnung auf zwei Begriffe reduzieren darf, die immer wieder im Mittelpunkt der Debatte standen, so sind es die von Gesetz und Gemeinschaft. Sic waren Gegenstand der Klärung und der Warnung. Gelegentlich hoben Bio in liberalen Diskussionen schon immer eine Rolle gespielt.. Aber diesmal wurde Ernst gemacht. Es ging um den Existenzbeweis des liberalen Judentums. Er mußte Konkret, handgreiflich geliefert werden. Die politische Fragestellung wurde als unzureichend empfunden. Mystik und jede Art verkrampfter Soziologie, betonte der erste Diskussionsredner Dr. Ludwig HollSnder, Bind fälsche Voraussetzungen für echte Religiosität. Daß die Frage nach dem Judentum zurzeit keine Frage nach der Religion ist, daß die Frage der Zeit Judentum oder Nicht¬ Judentum, und nicht Religion oder Nicht-Religion ist (Dr. Fritz Bamberger), ist eine Erkenntnis, die zwar von Einfluß auf unsere Methode, aber nicht auf unsere Überzeugung sein kann, daß für uns eine jüdische Entscheidung erst dann echt und vollstandig ist, wenn es eine religiöse Entscheidung ist (Heinz K e 1 - lermann). Immerhin sollte, unsere Methode auf die religiöse Indifferenz Rücksicht nehmen. Eine überstürzte Propagierung der Religion, eine gewaltsame Aufoktroyierung des Gesetzes würde in getreuer Parallelität zu der von Dr. Hollander gerügten verkrampften Soziologie eine verkrampfte Religiosität zur Folge haben, 3 h. kein liberales Judentum. Gesetz und Form müßten daher zunächst Privileg und Ausdruck' der Gemeinschaft sein. Das sei keine Säkularisation des Gesetzes, wie von Arthur Wolffcrs behauptet wurde; denn die Gemeinschaft — etwa der Bund — maße sich damit keine Offenbarungskompetenzen an, ikein unmittelbares Recht zur religiösen Verpflichtung, son- Jürüch das Recht der Erziehung zur religiösen Verpflichtimg, freilich auf dem Wege des Zwangs. Was aber sei denn Gemeinschaft anderes als die freiwillige Verpflichtung zum Zwang. Die hiergegen geäußerten Bedenken waren vielfaltig. Sie gipfelten in einer Warnung davor (George G o e t z), die Gemeinschaft im Maße ihrer täglich anwachsenden Kompetenzen _ allmählich als Selbstzweck betrachten zu wollen, und in der dringlichen Empfehlung (Dr, Rudolf Geiger), den gesunden Individualismus nicht dem Verlangen nach autoritärer Bindung aufopfern zu wollen. Als Gemekschaftsgeaetz bestehe diese Gefahr nicht. Denn die Gemeinschaft des Bundes Bei letztlich doch eine freiwillige und das' „Gesetz" eine freiwillige, veränderliche Größe und darum kein —- Gesetz. Hier bleibt freilich zweierlei einzuwenden. 1. Daß es gegen die* Gesetzmäßigkeit eines Gesetzes nicht spricht,, daß es absetzbar ist (Staatsgcsetz), 2. daß demnach^ das wie immer geortete und geschaffene Gesetz an dem Individualismus derjenigen unwirksam wird, die sich einer Gemeinschaft nicht verpflichtet fühlen. Hier scheint uns das Problem dor älteren Generation' zu liegen. Eine weitere Frage bleibt offen: Es mag erfreulich scheinen, daß die Tagung der Vereinigung eine so starke Kundgebung für Form und Bindung war. Allein praktisch ist damit noch nicht viel gewonnen. Mit der grundsätzlichen Entscheidung zum Gesetz beginnt eist die Diskussion über die Frage:; welch es Gesetz? Alle? Doch gewiß nicht, zumal jede Gemeinschaft vermutlich anderer Gesetze bedarf. In diesem Stadium, in dem die Gemeinschaft aus einem Existentiellen zu einem Volimtaristiachen ' wird, setzt erst die eigentliche Arbeit ein.' Wer wird sie leisten? Von. einem Jugendlichen (Helmuth Galliner) wurde die Forderung nach Richtlinien gestellt, die den Bünden vorgelegt werden. Worsoll die Richtlinien aufstellen? Nun, vielleicht wäre 'hier wirklich der kleine KreiB geschulter Wissenschaftler, Historiker und'Theologen am Platz, der sich nach dem Vorschlag von Dr. Fritz Bamberger , Rabbiner Dr. Hermann Vogelstein und Heinz Kellermann um die wissenschaftliche, theologische'Grundlegung des religiösen Liberalismus bemühen soll. . . . .. Ein praktischer Vorschlag Btand freilich doch im Mittelpunkt der Tagung: Der Sabbat In einer rhetorisch meisterhaften und .tief beeindruckenden Rede schuf Rabbiner Dr. Baeck den ideellen Rahmen für die Gestaltung unseres Sabbats. Es'schloß sich daran dos außerordentlich gründliche und interessante Referat von Dr. Julius Seligsohn über die praktische Ausgestaltung an Hand der Pläne der Reichsvertretung. Der Nachmittag stand vordringlich im Zeichen der 'Jugend. Das gründliche Referat von Dr. Alfred Fabian gab einen wirkungsvollen Situationsbericht. Darüber hinaus aber wurde, namentlich durch die Diskussionsrede Gunter Friedländers, ungeheuer deutlich, wie Btark die : Arbeit der Bünde in Thematik und Führung auf die Unterstützung durch die Leistungsfähigen der älteren Generation (Theologen und Lehrer) angewiesen ist. Die Aufgaben der- Bünde haben sich vervielfacht, das Führermaterial vermindert räch täglich. Bedauerlicherweise verhallt der Hilferuf der Bünde an die jüngere Rabbinergenerau'on oft ungehört. Den Verlauf der Diskussion erschöpfend wiederzugeben, ist in diesem Rahmen nicht möglich. Im einzelnen beteiligten sich an ihr noch Rabbiner Dr. Julius Galliner als ein sehr warmer Fürsprecher für die Belange der jüdischen Familie, Rabbiner Dr. Samuel mit einer sehr bedeutungsvollen .Anregung zur Schaffung eines allgemein verständlichen jSibelkommentars, Rabbiner Dr. Caesar Seligmann, der'das Augenmerk der Versammlung auf die Problematik der jüdischen Schule lenkte, Rabbiner Dr. Italiener mit einem bemerkenswerten Beitrag zum Thema: Wendung des religiösen Liberalismus von der rationalen Vorstellungswelt zum Irrationalismus, Dr. Scheyer, Liegnitz, mit einem Protest gegen das Nur-Bündische, Dr, Karl Rosenthal und Dr." Max Vogelstein. .' " Die Tagung ist beendet. Uber ihren Wert entscheidet letztlich ■ nl<jh,t der Verlauf, sondern ihre Wirkung. Ob der Sinn dieser . Tagung recht verstanden worden ist, wird sich in der Arbeit zeigen, dio jetzt einzusetzen hat. Die Aufgaben sind klar, der Willo ist bekundet, die Tat wird zu beweisen haben. Wenn wir das Vertrauen zum Erfolg haben, so ist es verbunden mit dem Vertrauen zu dem Mann, dem das Geschick der Vereinigung . nunmehr seit Jahren anvertraut ist und der auch diese Tagung zu einem guten Abschluß führte. Heinrich S t e r n hat seinen Willen auf dem Titelblatt seiner Broschüre zu erkennen' gegeben. Ernst machen I lautet sie. Es ist auch unsere Parole. Mit dem Dank an ihn Verbinden wir den aufrichtigen Wunsch, daß EinBprr und Erfolg die Größe der Verantwortung rechtfertigen möge. ___ Der Hauptvoritand _ Im Anschluß an dio. öffentliche Hauptversammlung' der religiös-liberalen Vereinigung fanden in einer nichtöffentlichen Sitzung die Vorstandswahlen Btatt. Rechtsanwalt Heinrich Stern und Dr. Rudolf Geiger, Frankfurt^ wurden als Vorsitzender bzw. stellvertretender Vorsitzender wiedergewählt. Außerdem wurden wiedergewählt und neu delegiert: Dr. Max Auerbach, Rabbiner Dr. Leo Baeck, Dr. F. ritz Bamberger, Dr. Hermann Berlak,, Dr. Walter Brcslauer, Frau Berta Fahrenberg, Rabbiner Dr. Julius Galliner, Dr. Moritz Galliner, Dr. Moritz Garbaty, George Goetz, Frau Margarete Goldstein, Rabbiner Dr.' Benno Gottschalk, Wilhelm Graetz, Dr. Ludwig Holländer, Alfred'' Joulus, Heinz Kellcrmann; Dr. Martin Xcsser, Dr. 'Arthur Lilienthal, Erika Loewenstamm, Dr. Alfred Peyser, Moritz Rosenthal, Dr.r Manfred Schwarz, Dr. Julius L. Seligsohn, Dr. Bruno Soramerfeld, Direktor Heinrich Stahl, Ilse Wolff, Bruno Woyda. Von außerhalb: Rabbiner. Dr. Appel'(Dortmund), Konsul Bendix (Köln), Alfred Berger (Breslau), Georg Berghold (Danzig), Rabbiner Gustav Cohn (Leipzig), Rabbiner Dr. Dienemann (Offenbach), Dr. Eichholz, (Hamburg), Sanitätsrat Dr. Ettlingcr (Frankfurt a. M.), Dr. Alfred Fabian (Breslau), Nathan Friedmann (Dresden), Leo Grünebaum (Köln), Dr. Hugo Hoffmann (Frankfurt a. MX Rabbiner Dr. Italiener. (Hamburg), Dr. Jung (Nürnberg), Dr. Kann (Düsseldorf), Dr. Katzenstein (Bielefeld), Dr. Kauffmann (Köln), Wilhelm Kronheim (Magdeburg), Philipp Lachs (Breslau), Stadtrat Lcss (Breslau), Frau Paula OUendorf (Breslau), Dr. Fritz Solomon (Frankfurt a. MX Dr. Scheyer (Licgnitz), Rabbiner Dr. Schönberger (Aachen), Frau Schönewald (Bochum), Rabbiner Dr. Scligmann (Frankfurt a.M.), Hauptlchrer, Stiefel (Mannheim), Rabbiner Dr. Hermann Vogelstein (Breslau), Rabbiner Dr. Wolff (Dresden). Dr. Max Dienemanii: Wo iteheil wir IlClllc? Bei einer Generalabrechnung hoben wir zu prüfen: war das, woraus der Begriff des religiös-uberalen Judentums in den letzten hundert Jahren bestand, falsch oder richtig? Wenn es falsch war, was ist zu ändern? Wenn es richtig war, ist es auch heute noch, richtig, und was wäre heute zu andern? Der Begriff liberales Judentum hat nichts zu tun mit dem Begriff des Liberalen im Politischen. Und doch, alle Dinge der Welt spielen sich immer in. dem gleichen .Raum ab. Die Ausbildung des liberalen Judentums geschah in einer Zeit, in der die ganze Welt von Gedanken erfüllt war, die sich innerhalb des Politischen in einer bestimmten Form ausprägten. Es ist nur zu selbstverständlich, daß die Stimmung der Zeit auch in den Empfindungen sich kund tat, aus denen heraus das religiöse Leben sich entwickelte. Wenn es vor 100 Jahren geschah,' daß man die religiösen Dinge ausprägte, um ein bestimmter politisches Ziel zu erreichen, also aus dem Primat des Politischen heraus, so war das falsch. Es wäre genau so falsch, wenn wir uns heute nach dem Begriff des liberalen Judentums fragen wollten und ihn so modeln wollten, damit er vor dem veränderten Empfinden der Zeit bestehen und Bich dem veränderten Empfinden anpassen kann. Liberales Judentum trägt sein Gesetz in sich selbst und seit es dieses Gesetz in sich selbst trägt, können wir an die Anfänge immer wieder anknüpfen. Bei allem müssen wir festhalten: wir bewegen uns in einem bestimmten geistigen Raum, und es ist die Aufgabe, uns mit diesem Raum und den Gedanken dieses Raumes - auseinanderzusetzen, um uns selbst einmal zu messen. Die Offenbarung; Alles liberale Judentum begann einmal vor jenen hundert Jahren der klassischen Zeit, in der Frage: wie stellt man sich zur Offenbarung? Das liberale Judentum bekennt sich grundsätzlich dazu, daß sein Ursprung nicht menschlichem Denken entstand, sondern daß sein Ursprung und der Autorit&tsanBpruch, mit dem es umkleidet ist, nicht vom Menschlichen her zu bestimmen ist. Aber es begreift die Offenbarung, Boweit sie überhaupt begreifbar iBt, nicht als einen einmaligen geschichtlichen Vorgang, in dem Gott auf wunderbare Weise sich abschließend mitgeteilt habe. Offenbarung ist ihm die stete Selbstmitteilung Gottes in Geschichte und Natur, jeder neue Durchbruch zur Erkenntnis von Gott und seinem Weg, seinem Willen und seiner Forderung. Bei der Feststellung des inneren Wahrheitsgehaltes haben auch Vernunft und menschliche Fassungskraft ein Recht, die Seele mit der Ahnung Gottes und dem sicheren Gefühl der Nüho und der Gegenwart Gottes zu erfüllen. Es kommt nicht darauf an, daß alle die gleiche Auffassung von dem, was man Offenbarung nennt, haben, sondern es kommt darauf an, daß man den Willen hat, sich zu öffnen und aufzuschließen, und den Ruf Gottes, wie man ihn hört, und wo man ihn hört,: empfänglich zu machen, damit man ihn hört. Zu dieser. Feststellung, zur Offenbarung, ist"ein bestimmtes Verhältnis zur Bibel gegeben. Die' Bibel ist dem liberalen Juden nicht die wörtliche Mitteilung, das Diktat Gottes. Sie ist vielmehr Zeugnis, wie Menschen den Ruf Gottes vernahmen und auf ihn antworteten. Sie muß ala ein Büch angesehen werden, das: Menschen geschrieben haben und das in seinem Wortgefüge den Gesetzen menschlichen Ausdrucks unterliegt. Und der Mensch hat das Recht und die Pflicht, mit den Methoden der Forschung, .die er. als die-gültigen empfindet, der Geschichte dieses Buches und seines Textes nachzugehen. Auch zum Talmud, der mündlichen Lehre, hat das Judentum eine eigene Haltung. Es sieht in der mündlichen Lehre einen Niederschlag eines langen geschichtlichen Prozesses, 'das Wort der Bibel in der Anwendung auf das tägliche Leben immer aufB Neue fruchtbar zu machen und es auf die; Regelung der •': taglichen Lebensbetätigung anzuwenden. ■'/''., -j ' „ Religion Iii Leben An dieser Auffassung hat sich nicht das, geringste geändert. Sie ist zu rechtfertigen und sie ist zu halten. Diese Einstellung beruht auf der Selbsterkenntnis des Begriffs der EntWicklung. In den Naturwissenschaften bedeutet Entwicklung die Erkenntnis, daß die Welt und ihre Formen aus Einfachem zu Mannigfaltigem, aus rniederen zu höheren Formen aufgestiegen seien. Der Begriff Entwicklung wurde dann auch auf die Geschichte des Geisteslebens übertragen und damit auch au f d i e I n h a 11: e d e s religiösen Bewußtseins. Hier bedeutet er die Erkenntnis von dem Wandel der Ausdrucksformen des religiösen Bewußtseins. Ist Religion nicht Abstraktion, sondern Leben, dann ist sie in. dem, was menschlich und wandelbar ist, auch dem Gesetz, des Lehens unterworfen. Es muß daher für die religiöse Idee die Form geprägt werden, die die Menschen je nach ihrer Seelenlage ergreift und von ihnen mit der Wärme des Herzens auf-; genommen wird. Tatsächlich wurden auch die Formen des religiösen' Lebens immer so ausgeprägt, daß sie den inneren Notwendigkeiten der jeweiligen Lebensform entsprechen. '■-' Die Erkenntnis von. dem Gesetz der Entwicklung ist neben der besonderen Haltung zur Offenbarung Ausgangs. Sunkt des liberalen Judentums. Von ihm.her gewinnt er "Anspruch und die Verpflichtung zum Schöpferischen und zur Gestaltung seine Begründung und seine Legitimierung. Zugleich ' aber ist damit eine Sohranke gesetzt.'. Die Lebensform einer Zeit ist »Jemals ein Endgültiges. Sie kann somit den Ausdruck des religiösen Lebens nicht beherrschen. Die religiöse Idee muß die Zeit in Wirtschaft, Recht und der gesamten Lcbensgestaltung an sich messen, und darum muß ihrer Form auch eine Selbständigkeit gegenüber der Zeit zustehen. So hat Entwicklung sich nie in einer Form einzuspinnen, auch mit der gewandelten Form sich nicht ein für allemal abzufinden und festzulegen. Hier ist ihre Schranke. Der Liberalismus bekennt sich grundsätzlich zu der Notwendigkeit von Formen, in denen sich das religiöse Bewußtsein und der religiöse Wille kund tut. Aber er kann nurdie Form anerkennen, die aus Überzeugung geübt werden kann und daher geeignet ist, den Willen des Einzelnen zur Betätigung des Judentums zur Geltung zu bringen. Form muß fein Grundvoraussetzung des Liberalismus in seiner Stellung zur Form iBt, daß sie nicht auf einer Ebene mit dem sittlichen Gebot stehen darf. Das sittliche Gebot steht im Vordergrund. Nicht in dem Sinne, <J°ß Sittlichkeit Religion sei, und daß die sittliche Haltung schon der Ausdruck religiösen Gefühls wäre. Frömmigkeit, noch dazu die Frömmigkeit einer Gemeinde, Verlangt auch nach Ausdruck und Formi Nur darf das Gefühl dafür nicht verloren gehen, daß das Sittliche das letzte Ziel, das Entscheidende ist. Hier knüpft das liberale Judentum mit Bewußtsein an die P r o p h e t e n an. Der Verpflichtungsgrund für die Form kommt aus der Einsicht in die Notwendigkeit einer Form überhaupt und der bestimmten Form als Ausdruck des GemeinsohafMbewußtseinB und des Gemeinschafts willens. Form muß Bein, sonst bliebe alle Frömmigkeit nur Gefühl und Schwärmerei und wüchse nicht durch Tat und Beispiel in das Herz deB Kindes hinein. Aber auch im Erwachsenen entbehrte sie ohne die Regelmäßigkeit der Form der Stetigkeit und Befestigung. Und Destimmte Form muß sein, denn in der religiösen Form prägt' rieh nicht nur das Sehnen des Einzelnen nach der Verbindung mit Gott aus, sondern zugleich der Wille zur Gemeinschaft, um in ihr einegemeinsame Aufgabe an der Welt und an 'der Menschheit zu erfüllen. »■ Hier liegt für den 'liberalen Juden seine Verpflichtung zur jüdisch-religiösen Form. Zurück zur Gemeinfebaft Die Frage ist jetzt zu stellen: Stehen wir zu der Auffassung von der Art der Entwicklung noch genau .so, wie man vor hundert Jahren zu ihr stand?. Und hier antworte ich: neinl Es hat sich insofern etwas geändert, als wir wissen, daß sich die Entwicklung ■ nicht in einer geraden Linie vollzieht, sondern daß zur Entwicklung auch der Durchbrach des Neuen hinzutritt. Wer die Geschichte des Liberalismus kennt, weiß, daß die schwersten Kämpfe die Tageskämpfe waren, die um die Praxis des religiösen Lebens gingen. Vor' 150 Jahren Btanden die Juden vollständig im Bann ihrer überlieferten oreligiösen Formen. Diese Formen bedeuteten eine starke Einengung des Persönlichen. Von dieser Bindung befreite das liberale Judentum, indem es das Recht des .Einzelnen auf die persönliche Gestaltung der religiösen Form aufpflanzte. Dabei wurde das Wesen der Gemeinschaft als ein solches betrachtet, das ganz und gor auf dem Willen des Einzelnen beruht. Wesen und Begriff der ■ Gemeinschaft muß heute andern aufgefaßt werden. In der Epoche, in der der Liberalismus ausgebildet wurde, war .die Gemeinschaft im,wesentlichen eine yoluntativö, eine: aus dem Willen des Einzelnen '. hervorgegangene : .Gemeinschaft. Heute fassen-wir Gemeinschaft ah Gegebenes und Vorhandenes auf,;als ein Uberindividuelles, als'etwas, das da war, bevor der - Einzelne da war. Für den seeUsch rnit dem Judentum Verbundenen ist dies keine neue Erkenntnis. Heute müßte es l eichter sein , ein' libe r ale^ Juden tum zu gestalten, als vor hundert Jahren. Damals stellte man das Recht "des Individuums in den Vordergrund. Die Menschen von heute.—; vielleicht noch nicht olle, aber bestimmt die Jugend— haben einen anderen Begriff von der Gemeinschaft. Heute liegt der. Akzent auf die Wiedereinführung des Einzelnen in die Gemeinschaft und ihre religiöse Formenwelt. .■'.'; •," ' - v Form muß aus der Uberzeugung des Einzelnen kommen und muß diese Uberzeugung zum .Ausdruck bringen. Sie muß die Geschichte zum Ausdruck bringen; Die Formel lautet hier: Tu nur das, was du nach deiner - Uberzeugung tun kannst, aber das tue auch. Ein volles Jahrhundert hat das Uberale Judentum daran gelitten, daß die Massen zwar die Theorie von der Entwicklung, von der. mchtdogmatischen Festlegung wohlgefällig aufnahmen, daß Bie aber nicht bereit waren, Konsequenzen zu ziehen und in bestimmte Handlungen einzutreten. Heute haben wir gelernt, das zu verstehen. Die Menschen von heute müssen dio Uberzeugung gewinnen, daß .-' eine Regel und eine Fenn vorhanden sein muß. ', Sie brauchen nicht nach der Art eines neuen Schuchan Aruch zu sein, sie brauchen nicht ^dogmatisch festzuliegen, aber, es müssen MenBchen zusammentreten, die einen neuen Anfang machen wollen. Wie soll man das machen? Hier muß ein Vertrauen gesetzt werden in die neue Form der hündischen Arbeit. Es muß aus den Bünden'ein Wille hervorgehen zu einer Regel und zu einer' Form. Die Alteron werden Bich dem Wunsch nach Regelung nicht versagen. Aber sie können sie nicht vorschreiben. Die Jugend muß ihn bekunden. Dann wird sich alles finden. Zusammenfassend, sagte Dr. Dienemann: Ich habe gezeigt, wo man vor hundert Jahren, stand, welche Grundprinzipien un-