Jüdische allgemeine Zeitung
- Journal
- Jüdische allgemeine Zeitung
- Volume
- 15 (1935)
- Issue
- 4 (23.1.1935)
- Date
- 1935-01-23
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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BERLIN 23. Januar 1935 Ettäeiuf^denjlilhimli PREIS 25 PF. Nr. 4, I flS. Jahrgang JUDISCHE AUGE ME INE Sohriftloitung und GcsqhäitsateUe: Barlin W 16, Uhlandatr. 168- Fernruf: " J 2 Oliva G968. Bankkonto: Kroditvoroio für Handel and Gewerbe eGmbli, Berlin N 24. — Bezugspreis: EST. 1,— monatlich (zuittgl. RM. 0.10 Zeltangegebuhr und Bostollgold), bai Stroifbandvoraand zasüel. RM. 0,80. Verlag: Vorlagsgonc-Baenschaft in Doutaohland anflüssiger Juden su Borlin oGmbH., Borlin W IG, Dblandatr. 158. AnEoigoapraiso: Dio 12gofipalteno mm-Zeilo RM. 0,15, t. Familionaarolgon RM. 0,10, f. Stollongoeuoho KU. 0,08. Bei anvorsehuldofcor Niohtbolloforung boateht kein Anßpruch auf Vorgütang. NEUE FOLGE DER JUDISCH-LIBERALEN ZEITUNG Tag des liberalen Judciitu Dio Hauptversammlung der Vereinigung fOr das religiös-liberale Judentum, die am Sonntag im Logenhai» in der Klcistslraße tagte, gestaltete sich zu einer eindringlichen nnd nachhaltigen Kundgebung und einem markanten Lebensbeweis für den religiösen Liberaliemus der deutschen Juden. Die Tagung, die aus allen Teilen des Reiches stark beschickt war, und der neben den Berliner Vertretern des religiös-liberalen Judentums auch zahlreiche Gaste, insbesondere erfreulicherweise viel Jugend, beiwohnten, war von einem tiefen Ernst und strenger Sachlichkeit getragen, die sich sowohl in den Referaten als auch in der Diskussion kundgaben. Hetnridi Stern: Die Verpflichtung Der Vorsitzende, Rechtsanwalt Heinrich Stern, eröffnete die Versammlung, indem er zunächst der seit der letzten Tagung verstorbenen Vorstandsmitglieder Jakob Valk, Paul Korctz, Paul Pincus, Josef Lehmann und Erich Bayer sowie der Persönlichkeiten Dr. Felix Goldmanns und Ludwig Vogclsteins mit warmen Worten gedachte. Ein Begrüßungsschreiben Claude Montefjores, das der Verbundenheit der englischen liberalen Juden mit unserer Bewegung beredten Ausdruck verleiht, war ein verheißungsvoller Auftakt. In seinen einleitenden Worten führte Heinrich Stern folgendes aus: In den letzten Wochen und Monaten seien nicht nur von' jüdischen Gegnern, BOndern leider auch von solchen, die sich liberal nannten, verzerrte Darstellungen Uber die jüdisch-liberale Weltanschauung erschienen, aus denen sich leider gezeigt habe, daß das Gesicht des wirklich aufbauenden religiösen Liberalismus selbst denen verschlossen gewesen ist,'die sich bisher zu uns zählten. Zu solchen, teils 'hämischen, teils törichten Angriffen,-fuhr Heinrich Stern fort, haben wir geschwiegen. Worte, die unser Todesurteil aussprechen, töten nicht, auch wenn sie von deutschen Rabbinern ausgehen, die sich bescheiden als Großinquisitoren der jüdischen Gemeinschaft fühlen. Ihnen sind wir keine Rechenschaft schuldig, aber uns selbst gegenüber haben wir uns klar zu werden. Auch in den Zeiten schwerster Not sind es religiös-liberale Juden gewesen, die die G e m e i n d e n geleitet, für sie gearbeitet und so den wirtschaftlichen und geistigen Zusammenhang der deutschen Juden gestärkt haben. Es liegt im Wesen der Einheitsgemeinde, daß sie alle die Fragen umfaßt, welche das jüdische Leben an den Einzelnen und an die Gesamtheit stellt. Es liegt 'im Wesen des liberalen Judentums, daß es nicht an Dogmen klebt, sondern für das Leben des Einzelnen und der Gesamtheit neue Ausdrucksformen schafft. Daher haben sich unsere Freunde in der Gemeindearbeit heute auch für solche Aufgaben zur Verfügung gestellt, die frühere Generationen ablehnen zu müssen glaubten. Für die deutschen Juden hat sich auf dem Gebiet des Verhältnisses zur Umwelt, auf dem Gebiet von Wirtschaft und Organisation heute nicht mehr die Unterscheidung zwischen religiösliberalen und rcIigiSs.konsorvativen in den Vordergrund geschoben, ja nicht einmal so sehr die Unterscheidung zischen Centrai- Verein und Zionismus,' sondern für diese Arbeit ist die Unterscheidung maßgeblich, ob Palästina oder Deutschland das Zentrum jüdischer Arbeit der Einzelnen Werden oder bleiben soll. Wir wissen heute, daß viele Nichtzionisteii nach Palästina gegangen sind und viele. Zionisten in der Arbeit für den Wiederaufbau des deutschen Judentums in vorderster Reihe stehen. Diese Unterscheidungen sind also flüssig geworden. Was aber geblieben ist, und wofür wir als religiös-liberale Juden im einzelnen und als Vereinigung die volle Verantwortung beibehalten müssen, dos sind die Fragen des geistigen und seelischen Aufbau« des deutschen Judentums, der nach unserer Überzeugung für die große Mehrheit der deutschen Juden nur im Sinne des aufbauenden religiösen Liberalismus geschehen kann. Denn für uns ist das liberale Judentum nicht „Organisationsform" und „Partei", sondern das Judentum. Ist uns also unser liberales Judentum nicht ein Parteictikett, sondern tiefstes Erleben und ernsteste Entscheidung, so bleibt uns auch weiter die Verpflichtung auferlegt, dafür zu sorgen, daß 'die geistige Durchdringung der Juden in Deutschland ihre Erfüllung mit jüdischen Inhalten in religiösliberalem Sinne zu erfahren nat. Ich habe kürzlich gegen die unbegreifliche Behauptung Verwahrung einlegen müssen, daB Uberale Judentum habe seine Aufgabe schon restlos erfüllt und müsse nunmehr vom Schauplatz a b treten. ......... Diesen Protest wiederhole ich hiermit mit aller Entschiedenheit. Der beste Beweis für unser Lebensrecht muß unsere Arbeit sein. Wie wir uns in Fragen der äußeren Gestaltung unseres Schicksals, in Fragen unserer Verfassung und Verwaltung treulich hinter die Reichsvertrctimz der deutschen Juden zu stellen hoben, wie wir auch in den anderen großen jüdischen Organisationen, jeder an seiner Stelle, mitarbeiten sollen, so verlangen wir in Fragen der Erziehung in und außerhalb der Schule, in Fragen der Erwachsenenbildung und' selbstverständlich in allen religiösen Fragen nicht nur die Gleichberechtigung mit dem gesetzestreuen Judentum, sondern wir nehmen es als Organisation für uns in Anspruch, auf diesen) Gebiete die Initiative ergreifen zu dürfen, und an alle Gruppen der religiös-liberalen Vereinigung ergeht der Ruf, in den zentralen und örtlichen Gemeinschaften dafür zu sorgen, daß religiös-liberales Judentum, im Sinne positiven religiösen Aufbaus überall zur Durchführung gelangt, damit wir mit unseren Kindern beten und lernen können, im Geist eines lebendigen Judentums. Wir haben heute die Pflicht, so schloß Heinrich Stern, nach außen hin Zeugnis abzulegen für unsere Weltanschauung und diese Weltanschauung zu belegen an der augenblicklich wichtigsten religiösen Aufgabe, der Frage des Sabbats. Wir haben uns femer auseinanderzusetzen mit denen, die Erben "unseres Judentums wer- DIE TAGUNG DER RELIGIÖS-LIBERALEN VEREINIGUNG Oben: Am Vorstandattsch (von links nach techts): Robb. . Dir. ^ellgmann,- Pr. Atfted Fabian,' Dr. Rudolf tfelger, Heinrich Slern.V/ernerStaon, Dr. Schwarz, George Ooelz, Dr. Kann, Dr. Scheyer (Rechts:! ,' - Delegierte und Oäsie.' den sollen, und endlich haben wir das äußere Gebäude unserer Organisation wieder auf den Stand zu bringen, welchen das Gesetz erfordert, und wie es zur Fortführung unserer Arbeit nötig ist. Möge diese Versammlung Zeugnis ablegen, daß der ewigo Geist des religiösen Liberalismus, den weder Unverständnis noch Miß- Sunst noch Feigheit ertöten können, daß dieses, unser großes udentum, hier kein kleines Geschlecht gefunden hat. An die Begrüßung durch den Vorsitzenden Bchloß sich das großangelegte Referat Rabbiner Dr. Dienemanns über die Frage „Wo stehen wir heute?", das wir auf der zweiten Seite veröffentlichen. Eriitt machen! H. K. All jene Großinquisitoren — wie sie der Vorsitzende der Vereinigung eingangs der Tagung kennzeichnete —■, die letzthin über den religiösen Liberalismus zu Gericht saßen und bereits hofften, Zeugen seiner Hinrichtung zu sein, mußten von dem Verlauf der Tagung bitter enttäuscht worden. Statt eines Begräbnis oder gar einer Kundgebung von Nekromanten hätten sie die Rehabilitation des religiösen Liberalismus feiern können, wie sie vitaler und spontaner kaum gedacht werden konnte. Diese Feststellung muß zuvor getroffen werden, um auch unsere Kritik in das rechte Verhältnis zum Wert dieser Tagung zu setzen. Die Kritik war Selbstkritik, Vielleicht war sie darum so echt und — so schonungslos. Sie ging als solche der Tagung bereits^ voraus. Von einem der Diskussionsredner wurde darauf hin-) gewiesen, daß die gesamte Literatur . des Lineraüsmu8!,4etztlünJ_ die Literatur einer Kritik am Liberalismus gewesen sei (vielleicht sogar schon immer). Vielleicht darf hier ergänzend und in mildernder Abwandlung einer kürzlich an dieser Stelle vorgetragenen Ansicht bemerkt werden, daß dem Liberalismus, wennschon nicht die Krise, so doch die Kritik lebensnotwendig ist, daß er, wie der Vorsitzende im Schlußwort bemerkte, von der Problematik lebt Das eben ist es. Von der Philosophie ist einmal gesagt worden, daß sie sich selbst problematisch ist. Das gleiche ließe sich vom religiösen Liberalismus sogen. Auch in seinem Wesen liegt die Sucht und die Pflicht, der Selbstüberprüfung beschlossen. Nur eine geistige Bewegung, die sich. Her Selbstkontrolle nicht entzieht, darf den Anspruch auf Echtheit und Lebensnahe erheben. Freilich darf diese Selbstprüfung nicht Sctbstzerfleischung werden. Bisweilen schien es, als ob Bio so im eigenen Lager verstanden wurde. Die Kritik im eigenen Hause muß positive Kritik sein; ihr muß es nicht nur um die Fragwürdigkeit, sondern um die Antwort zu tun sein. Keines ohne das andere! So war es das Verdienst dieser Tagung, daß sie mit eiserner Strenge um die Antwort bemüht war. Die Richtung wies eigentlich schon jene bedeutungsvolle _ und zeilcnarme Adresse, die aus London von Claude Montefiore, Uly H. Montagu und Rabbi Mattuck einging: „Unser r e 1 i - giöees Dasein Ist mit Isoliertem Loben nicht zufrieden!" Die Bedeutung dieser Mahnung hat auf der Tagung ih,e rechte Interpretation gefunden. Sie geschah, wie der Vorsitzende eingangs bemerkte, in .zwölfter Stunde. Aber damit sollte keine Schuldfrag« festgestellt sein. Das Uberale Judentum war ein Wirbel der letzten Jahre aus dem Zentrum der bürgerlichen Tradition an dio Peripherie der ungesicherten Existenzen geschleudert worden und trieb dort in nebuloser Isoliertheit umher. Man kann zur Begründung in gewissem Umfange der sehr eindrucksvollen Erklärung beipflichten, die der dritte Referent des Tages, Dr. Julius L. Seligflohn, abgab. Dem religiösen Liberansmus sei in der Zeit des Umbruchs im Gegensatz zu anderen Kräften de» jüdischen Lebenskreiaes keine praktische Aufgabe gestellt worden. In solchen Tagen mußte die Wirksamkeit einer Reichsvertretung, «Ines C.-V., eine« RjF., einer Z. V.f.D, der Öffentlichkeit einleuchtender (sein als die geistige Energie einer liberalen Bewegung. Trotzdem bleibt dio Prag« offen, ob nicht schon zu früherem Zeitpunkt (etwa anläßlich der Errichtung der Lehrnäusert} ihres Geistes Hauch hätte; verspürt werden können. Wie dem immer sei, am 20. Januar hat .der re ligiös« Liberalismus Wieder das Wort zum Tage gesprochen. Referate und Diskussion der Tagung führten aus der'peripheren Betrachtungsweise alt-liberaler ßenkformen zum Vorstoß auf die zentralen Probleme des deutschen Judentums von heute. Die Aktualität setzte mit den ersten Wortin des ersten Reloferfnten, Babb. Dr. Dienemann, ein. Wenn wir meinen, daß dieses Referat nicht nur das Gesicht der Tagung prägte, sondern -r.wio wir hoffen ~r den neuen Geist des religiösen Liberalismus, gestalten 'iBiiiiiiiiiiiiiiiiittiiiiiiiffliiiiiiira Die Zeit ift nahe in. der Ihnen der Briefträger die Quittung über daß Abonnement' deä Kommenden Monats vorlegen wird, übersehen Sie. bitte nicht, für die rechtzeitige .phot. Kikoleji' Ihres Abonnements Sorge zu tragen, damit keine Unterbrechung in der Zustellung eintritt. Der, Bezugspreis betrögt RM: 1,— zuzüglich 10 Pfg. Bestellgeld.