Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 1 (1901)
- Issue
- Heft 3 (März 1901)
- Article
- Der Chassidismus [Illustration]
- Date
- 1901-03-01
- Page
- Seite 207 - 208 (sequence 2)
- Language
- German
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207 Dr. K. Waldberg: Der Chassidismus. 208 Rabbi Sclmeor Salman Liader (1751—1831). (Nach einem Gemälde.) an verschiedene philosophische Systeme findet, sondern auch Gedanken und Ideen, welche ebensogut von Geiger oder Holdheim hätten ausgesprochen werden können. So meinte z. B. ein berühmter „Zaddik", das Judenthum sei dasPrinzip des Fortschrittes, das keine festen und starren Formen annehme; es schreite mit der Zeit fort und passe sich den Zeitideen an. Die Halacha (das Gesetz) sei wandelbar und müsse täglich revidiert und erneuert werden. Das sei der Sinn der an historische Ereignisse anknüpfenden jüdischen Feste, und es sei dies der Hinweis des Judentums auf die Einwirkung der Zeit.*) Die Verschiedenheit der Theorien hat zu einer Zersplitterung der chassidäischen Richtung geführt, die später oft in harte Kämpfe und grosse Feindseligkeit ausartete. Indes blieben doch den Anhängern dieser religiösen Bewegung viele gemeinsame Merkmale, die sie noch jetzt auszeichnen. Es liegt in der Natur dieser Erscheinung, dass die Chassidäer in Polen viel schneller und leichter aus ihrer starren Abgeschlossenheit traten und sich der Aufklärung und den modernen Anschauungen anschlössen, als die andern Glaubensgenossen im Osten. Sie zeichnen sich jedenfalls durch eine grössere geistige Beweglichkeit aus. Unter sich bilden sie eine Art Brüderschaft, sie sind aneinander durch das Gefühl der Zusammengehörigkeit geknüpft, die sich in jeder Lage des Lebens bewährt. Damit wird nicht viel Aufhebens gemacht, da sich dies bei ihnen ja von selbst versteht. Hilfe wird gegenseitig angeboten und angenommen, ohne dass von der einen Seite grossgethan oder von der andern dies als Demütigung empfunden wird. Unter „Brüdern" nimmt man derartige Dinge nicht tragisch. Unter den Chassidäern giebt es keinen sozialen Unterschied zwischen arm und reich, zwischen gelehrt undungelehrt. AlleMenschensinddieKinder Gottes und werden von ihm mit gleicher Liebe und Allgüte umgeben. Auch der sündige Mensch darf nicht durch Kopfhängerei allen Mut verlieren, sondern er hat die Sünde aufrichtig zu bereuen und im übrigen auf Gottes Allgüte zu vertrauen.. Das Beten zu Gott ist das höchste Verdienst, aber nur nicht gewohnheitsmässig beten, schon lieber gar nicht. Die Chassidäer halten daher die Betzeit niemals ein, vielmehr warten sie zuerst auf eine wahre religiöse Stimmung. Auf das viel Beten kommt es gewiss nicht an — die Gebetordnung der Chassidäer hat viele Kürzungen aufzuweisen. Im Mittelpunkt des chassidäischen Lebens steht der „Zaddik", der fromme Rabbi, der den Chassidäern Wegweiser und Lehrer ist. Bei ihm holen sich die Gläubigen Rat und Belehrung in allen Dingen und in allen Lebensereignissen, freudigen wie traurigen. Er ist ihr Gewissensrat und ihr Fürsprecher bei Gott; ihm vertraut man jeden Kummer und jede Sorge an, sein Rat wird in allem befolgt, sein tröstendes Wort wirkt aufrichtend. Freilich ist der Chassidismus im Laufe der Zeit sehr vergröbert worden; der alte „Zaddik" von unendlicher Menschenliebe und Uneigennützigkeit ist verschwunden, statt seiner treibt jetzt der „Wunderrabbi44 sein Unwesen, dem es nur um die Gaben der gläubigen Menge zu thun ist. Diese widerwärtige Erscheinung hat aber mit dem wahren Chassidismus nichts gemein als den Namen, den sie usurpiert. Der Chassidismus ist bei seinem Auftreten auch auf starken Widerstand gestossen. Die *) Vergl. Peri Kodesch Ilillulini p. 12 a. Rabbi Elija, der;Gaon von Wilna (1720— 1799). (Nach einem alien Stich).