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Ost und West · 1901-03-01 · Heft 3 (März 1901) · p. Seite 205 - 206

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Journal
Ost und West
Volume
1 (1901)
Issue
Heft 3 (März 1901)
Article
Der Chassidismus [Illustration]
Date
1901-03-01
Page
Seite 205 - 206 (sequence 1)
Language
German
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205 206 DER CHASSIDISMUS. Von Dr. K. Waldberg-. Üeber die chassidäische Richtung im Judentum — die Bezeichnung „Sekte" ist gewiss falsch — ist bereits manches in deutscher Sprache gesagt worden. Wenig aber Wahres und Zutreffendes, und viel weniger hat man es bisher vermocht, den psychologischen Inhalt •dieser Bewegung zu ergründen. Man kennt von ihr nur die äussere, zum Teil lächerliche Erscheinung, und damit begnügt man sich. Es ist wohl überflüssig zu sagen, dass wirklich gebildete Menschen jede noch so fremdartige Erscheinung zu verstehen suchen, anstatt sie ins Lächerliche zu ziehen. Im achtzehnten Jahrhundert ging eine tiefe Bewegung durch die Judenheit, und der Umstand, dass sie sich nicht auf ein Land, ja nicht einmal auf den europäischen Weltteil allein beschränkte, beweist, dass sie nicht etwas Zufälliges war. Für diejenigen, welche den inneren Entwicklungsgang des Judentums kennen, ist es klar, dass die Judenheit damals die ihr unter den tausendfältigen Leiden verloren gegangene Seele suchte. Es herrschte in der Judenheit eine grosse Beklommenheit. Jede Lebensfreude haben die unsäglichen Bedrückungen erstickt; der Jude war von der Aussenwelt völlig abgeschlossen. Noch drückender als das räumliche Ghetto gestaltete sich das geistige. Selbst das religiöse Leben entbehrte jeder Wärme; das Thorastudium stand wohl unter den Juden in hohen Ehren, aber es bot nur der Verstandesthätigkeit Materie, es befriedigte den Scharfsinn; das Gemüt ging dabei ganz leer aus. In jenen traurigen Zeiten glimmte nur noch ein Funke religiöser Innigkeit — die Kabbala, über deren Wesen und Inhalt wir ein anderes Mal ausführlich zu sprechen gedenken. Im dreizehnten Jahrhundert, als dem Judentum die grosse Gefahr drohte, zum Teil von der Scholastik, zum andern Teil von der talmudischen Dialektik völlig absorbiert zu werden — da entstand als Abwehr die Kabbala. Sie suchte nach dem inneren Wert des Judentums, nach Leben und Wärme. Die Kabbala umspannte die Gottheit und das Weltall, Israel und seinen Glauben. Das Band, das alles Daseiende umschlang, war die unendliche Allgüte Gottes. Im achtzehnten Jahrhundert, als die Judenheit sich im Ghetto bei lebendigem Leibe begraben sah, und das Judentum ein neues Lebensideal suchte, bekam die kabbalistische Weltanschauung eine neue Form. Die Kabbala rief den Chassidismus hervor. Der Chassidismus ist nicht mit einem Male entstanden; er ist das Produkt der vorhergegangenen geschichtlichen Versuche, die alle misslungen waren. Sie hatten sich vom historisch entwickelten Judentum allzu sehr entfernt und gingen zu Grunde. Der Chassidismus aber behielt alles und verlieh dem Judentum Innerlichkeit, deshalb wurde er im Laufe der Zeit eine treibende Kraft. Gleich der Kabbala stellte sich auch der Chassidismus auf den Standpunkt des rabbinischen Judentums, nur forderte er, dass nicht alles von der scharfsinnigen Dialektik, von der Disputierkunst verschlungen werde. Das Judentum ist nicht nur für die Verstandesmenschen, sondern für das gesamte Israel. Jeder, auch der arme, ungebildete Mann aus dem Volke, soll sich am Glauben bethätigen können und sich durch ihn seelisch erwärmt und gehoben fühlen. Es war dies im Grunde genommen ein Kampf der Armen an Geist gegen die geistige Aristokratie: Nietzsche würde sagen, „einSklavenaufstand". Indes sagten die ersten Chassidäer stets in voller Bescheidenheit: Alle Achtung vor dem Thorastudium, vor der talmudischen Dialektik, aber in erster Reihe steht das religiöse Gefühl! Diese Bewegung wurde zuerst in Polen hervorgerufen durch den enthusiastisch gestimmten Israel Baalschem aus Miedziebosch. Er starb im Jahre 1772, etwa siebzig Jahre alt. Durch sein volkstümliches und menschenfreundliches Wesen fand er grossen Anklang, und obwohl die offiziellen Vertreter des Judentums gegen das „Neue" feindselig auftraten, wuchs der Anhang Israel's sehr rasch. Bald schlössen sich auch angesehene Rabbiner dieser Bewegung an, und in dem letzten Viertel des achtzehnten Jahrhunderts trat sie bereits kraftvoll und selbstbewusst auf. Der Chassidismus verwarf den religiösen Schwermut, den sich die Juden im Ghetto angewöhnt hatten — „man dient Gott nur in Freuden", hiess es bei ihnen. Traurigkeit zeugt von mangelhaftem Vertrauen auf Gott und ist deshalb sündhaft. Fröhlichkeit und echte Bruderliebe sind die Grundpfeiler des Glaubens. Nicht das trockene Thorastudium sei zu wählen, sondern der Gottesdienst; aber Gott dienen heisst ihn lieben und ihm vertrauen. Diese Theorie führte die ernster und tiefer angelegten Naturen zu einem kontemplativen Leben, der Betrachtung über Gott und das göttliche Walten gewidmet. Den Ausgangspunkt für solche Grübeleien nahm der Chassidismus von der Kabbala, wie diese letztere zum Teil von der neuplatonischen Philosophie ausgegangen ist. Da aber den Begründern dieser neuen Richtung jede philosophische Schulung fehlte, so zersplitterte sie sich in der Auffassung der Dinge. Aber bezeichnend für die innere Entwickelung des Chassidismus ist es wohl, dass man in diesem nicht nur Anklänge

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