Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 1 (1901)
- Issue
- Heft 3 (März 1901)
- Article
- Der Chassidismus [Illustration]
- Date
- 1901-03-01
- Page
- Seite 209 - 210 (sequence 3)
- Language
- German
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209 Dr. K. Waldberg: Der Chassidismus. 210 alten Rabbiner bekämpften ihn heltig, durch diese Bewegung sind fast alle jüdischen Gemeinden im Osten~ Europas gespalten worden und sind es bis jetzt geblieben. Indessen sind auch die kämpfenden Parteien nicht mehr, was sie früher waren. Ueberall stossen wir leider auf Epigonen. Gegen Ende des vorigen Jahrhunderts war es ein wahrer Kulturkampf'. Damals standen auf beiden Seiten Männer von grosser Bedeutung: beide Parteien waren sehr würdig vertreten. Am bekanntesten ist der Streit zwischen dem gefeierten Rabbi Elija, genannt .,der Gaon von "Wilna" (1720—1799), und dem edlen, hochherzigen ZaddikRabbi Schneor Salman Liader (1751—1831). Der eine gelehrt, scharfsinnig, sittenstreng, unbeugsam, das Prinzip des,,Non possumus" vertretend, der auch nicht um das Pünktchen auf dem i vom Alten abweichen wollte — der andere nicht minder gelehrt, aber milde, friedliebend, nachgiebig, weichherzig und vor allem voller Gemüt und Herzensgüte. Er gab sich die grösste Mühe, den gefeierten Gaon in Wilna milder und versöhnlicher zu stimmen — aber vergebens! Der Kampf wurde immer heftiger und verbitterter, die Regierung mischte sich in diesen innerjüdischen Streit, und schliesslich wurde R. Schneor Salman unter der Regierung Paul's I. von Russland ins Gefängnis geworfen, aus dem o o ihn erst Kaiser Alexander I. bei seiner Thronbesteigung befreite. In der letzten Zeit hat der Chassidismus in dem genialen Dichter J. L. Perec in Warschau einen Schilderer von ungemeiner Innigkeit gefunden. Er hat den Chassidismus und seine Entstehungsgeschichte in unzähligen Bildern von hohem poetischen Wert darzustellen unternommen. Eins seiner gelungensten Bilder ist wohl die anziehende Novelle „Der Rabbi und der Zaddik44, die in der ersten Nummer dieser Zeitschrift erschienen ist. Der „Brisker Rabbiner", der hier so gut und treffend gekennzeichnet ist, stellt den strengen, unbeugsamen Gaon aus Wilna dar; der liebevolle und menschenfreundliche Zaddik Rabbi Noa das Abbild R. Schneor Salman's, dessen Schuld es gewiss nicht war, dass der Kampf zu solchen hässlichen Ausschreitungen geführt hat. Im übrigen findet man in dieser reizenden Schilderung eine treue Darstellung vom Wesen des Chassidismus und von dessen Gegensatz zum rabbinischen Judentum. Es wird dadurch zur Anschauung gebracht, dass der Chassidismus, weil er ungemein volkstümlich ist, im Volke Anklang gefunden und auch noch jetzt, leider nach seiner Entartung, seine werbende Kraft in der Judenheit des Ostens nicht eingebüsst hat. Er wird wahrscheinlich nur einer modernen, aber nicht minder volkstümlichen Bewegung weichen, welche Erscheinung zur Zeit in Russland und in Polen sich bemerkbar macht. M. Schwarz (Berlin): Eine schwierige Talmudstelle.