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Ost und West · 1918-10-01 · Heft 10 (Oktober 1918) · p. Seite 331 - 332

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
18 (1918)
Issue
Heft 10 (Oktober 1918)
Article
Hundert Jahre Wissenschaft des Judentums
Date
1918-10-01
Page
Seite 331 - 332 (sequence 4)
Language
German
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331 Hundert Jahre Wissenschaft des Judentums. 332 fangreiches wertvolles Material zu seinem Werk: „Die religiöse Poesie der Juden in Spanien", durch das die nichtjüdisehe Welt Zum erstenmal mit den hebräischen Dichterheroen bekannt wurde. An anderer Stelle habe ich' bereits dargetan, daß Heine dies Buch gekannt 'und benutzt hat; also mittelbar durch1 es' ist Jehuda Halevy, wenn ich' mich so ausdrücken darf, „salonfähig" geworden.; 'Andere Zweige der Wissenschaft des Judentums haben in Zacharias Frankel (geb. 1801 in Prag) und in Abraham Geiger (geb. 1810 in Frankfurt a. M.) ihre hervorragenden Bearbeiter gefunden. Frankels Hauptarbeit bestand, in der Erforschung der griechisch-jüdischen Bibelübersetzung und Bibelerklärung. Seine Schriften „Vorstudien zur Septuaginta11 und „Ueber den Einfluß der palästinensischen Exegese auf die alexandrinische Hermeneutik" sind die ersten Leistungen jüdischer Gelehrter auf diesem Gebiet. In zwei hebräischen Werken: „Darke ha-Mischna" und „Mebo ha-Jeruschalmi" befaßte sich Frankel mit der Geschichte des nachbiblischen Schrifttums, und zwar widmete er sich auch der Erforschung des palästinischenTalmuds der seit Jahrhunderten stark vernachlässigt war. Sein parteireligiöser Gegner Abraham Geiger, vielseitiger und kühner als jener, gehörte zu den ersten Juden, die aucli vor der Bibelkritik nicht zurückschraken. Außer andern zahlreichen Werken veröffentlichte Geiger: „Urschriftund Uebersetzungen der Bibel in ihrer Abhängigkeit von der innern Entwicklung des Judentums". Diese freimütige Schrift rief bei deren Erscheinen jn jüdischen Kreisen einen Sturm hervor. Jetzt, wo die Gemüter bereits beruhigt sind und wo man auf dem Gebiet der Bibelkritik schon viel Radikaleres erlebt hat, kann man zu einem objektiven Urteil über dies Buch gelangen. Es enthält zweifellos manchen Irrtum, weil es' Geiger, der immer im Kampf für die Reform des Judentums stand, nicht gegeben war, sich' überall wissenschaftlich sachlich zu halten. Aber neben diesen Irrtümern, die man ruhig preisgeben kann, enthält das Buch eine Fülle von wertvollen Forschungen auf dem Gebiet der parteireligüösen Diskussion und der innern Streitigkeiten im Judentum überhaupt im Zeitalter der hellenischen Bewegung in Palästina. Was Geiger in diesem Buch über die Entstehung des biblischen Kanons und über das Verhältnis mancher wichtigen aprokry pfuschen Bücher zu ihm dargetan hat, ist noch heute nicht uberholt. Einen wichtigen Zweig der Wissenschaft des Judentums, dessen Bedeutung für die Gesamtwissenschaft bis dahin nicht genügend erkannt war, den der Bibliographie, hat M. S t e i n - Schneider (geb. 1816 zu Proßnitz) zwar nicht erst begründet (es gingen ihm darin Sabbatai Baß und H. J. D. Asulai voran), wohl aber zu einer wissenschaftlichen Disziplin erhoben. Durch seine bibliographischen Werke, die er auf Grund von Forschungen in verschiedenen Bibliotheken anlegen konnte, wurden die hebräischen Schriften handschriftliche wie gedruckte, zu wichtigen Gedenksteinen der jüdischen .Geschichte, zu Zeugen für 'das jüdische Geistesleben, dessen Kraft auch in den schlimmsten Zeiten und unter den härtesten Drangsalen nicht gebrochen werden konnte. Was das jüdische Volk im Kulturleben der gesamten gesitteten Menschheit als Vermittler der griechischen Kultur auf die europäischen Völker bedeutet, hat Steinschneider in seiner Schrift: „Die hebräischen Uebersetzungen des Mittelalters und 'die Juden als Dolmetscher", objektiv wissenschaftlich, ohne jede apologetische Tendenz, aber deshalb um so wirkungsvoller und überzeugender dargetan. Unter den ersten ^Begründern der modernen Wissenschaft des Judentums muß auch der Name eines Mannes genannt werden, der unverdient der Vergessenheit anheimgefallen zu sein scheint. Es ist dies Levi Herzfeld (geb. 1810 zu Ellrich [Harz]), ein Mann von gediegenem Wissen, der die Geschichtsforschung mit bedeutsamen Studien gefördert hat. Von bleibendem Wert ist seine „Geschichte des Volkes Israel von der Zerstörung des ersten Tempels bis zur Einsetzung des Makkabäers Simon" in drei Bänden. Neben der politischen Geschichte des jüdischen Volkes in der bezeichneten Epoche ist das geistige Leben der Juden in Palästina und in der Diaspora tief eingehend behandelt und hell beleuchtet. Außer diesem großen geschichtlichen Werk hat Herzfeld noch eine „Handelsgeschichte der Juden des Altertums" geschrieben. Er war somit einer der ersten, die die Bedeutung der Wirtschaftsge^- schichte für die Geschichtswissenschaft überhaupt erkannt haben. Seit der Begründung der modernen Wissenschaft des Judentums trat das Bestreben offen zutage, die geschichtliche Vergangenheit des jü- 'dischen Volkes in seinen Erlebnissen und in seinem Schaffen zu erfassen und literarisch' darzustellen. Man hat jene Bewegung oft mit dem Erwachen des geschichtlichen Bewußtseins unter den Juden in Verbindung gebracht. Allerdings spotteten zuerst manche Superkluge über die ersten Versuche auf diesem Gebiet, und erst später ist man zum Verständnis dessen gelangt, wie viel man gerade dieser Forschung zu verdanken hat. In den letzten Jahrzehnten des 18. Jahrhunderts und in den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts', seit dem Ableben Mendelssohns etwa bis zu dem Jahre 1830 war namentlich unter den deutschen Juden eine starke Fahnenflucht zu beobachten. Die Judentaufen nahmen so sehr überhand, daß man in vielen Kreisen die völlige Auflösung des Judentums als nahe .bevorstehend bezeichnen zu dürfen glaubte. Diesem Auflösungsprozeß, durch den ein uraltes, geschichtlich hochbedeutsames Volk ruhmlos vom Schauplatz der Geschichte verschwinden sollte, trat die Wissenschaft des Judentums mit voller Bedachtheit wirkungsvoll entgegen. Es war dies nicht zufällig und un-

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