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Ost und West · 1918-10-01 · Heft 10 (Oktober 1918) · p. Seite 333 - 334

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Journal
Ost und West
Volume
18 (1918)
Issue
Heft 10 (Oktober 1918)
Article
Hundert Jahre Wissenschaft des Judentums
Date
1918-10-01
Page
Seite 333 - 334 (sequence 5)
Language
German
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333 Hundert Jahre Wissenschaft des Judentums. 334 beabsichtigt, vielmehr tritt diese Tendenz in verschiedenen Schriften und noch mehr in Briefen aus jener Zeit deutlich hervor. Kein Wunder also, daß der Wunsch nach einer guten, streng wissenschaftlichen und doch auch für die weiteren Schichten der Judenheit bestimmte Geschichte des jüdischen Volkes allgemein war. Das geschichtliche Werk von Jost konnte nicht befriedigen, nicht bloß wegen seiner sachlichen Mängel, sondern auch wegen seines Tones. Jost war bemüht, objektiv zu erscheinen, ging aber darin so weit, daß Rapoport mit Recht von seiner Geschichte sagen konnte, sie sei objektiv bis zur Subjektivität, d. h. aus dem Bestreben, der andern Seite gerecht zu werden, war sie den Juden gegenüber oft ungerecht. Aus dieser Stimmung heraus erscheint es verständlich, daß die neue „Geschichte der Juden" von Heinrich Graetz (geb. in Xions in Posen 1817) in der Judenheit eine ungemein beifällige Aufnahme fand und in kurzer Zeit weit über die Grenze Deutschlands hinaus im Original oder durch Uebersetzungen (sie wurde ins Französische, Englische, Russische und Hebräische übersetzt) verbreitet wurde. Es war diesmal eine jüdische Geschichte der Juden. In diesem Umstand liegt der größte Vorzug dieses großen umfassenden Werkes, das in der letzten Umarbeitung auf 14 starke Bände anwuchs. Man darf wohl sagen, daß dies große Geschichtswerk die Krönung des Gebäudes bedeutet, wie es im Plan der Begründer der modernen Wissenschaft des Judentums von vornherein -lag. Mit Graetz schließt somit die erste Generation der Vertreter dieser Wissenschaft würdig ab. Anläßlich der 100. Wiederkehr seines Geburtstages ist dieser eigenartige Gelehrte in der jüdischen Welt vor einem Jahre nach Gebühr gewürdigt worden. Nach zwei Richtungen hin hat sich Graetz hervorgetan — in der Geschichtsforschung und in der Bibelwissenschaft. Von einem erstaunlichen Fleiß, dem er ein umfassendes und vielseitiges Wissen in allen Zweigen der Wissenschaft des Judentums zu verdanken hatte, und von einer ungewöhnlichen Begabung, hat er über ein halbes Jahrhundert hingebungsvoll geforscht und die Früchte seiner Forschung in zahlreichen Schriften und Abhandlungen der Leserwelt dargeboten. Außer seinen Hauptwerken ist von ihm noch eine ganze Reihe von Monographien erschienen, die alle den Zweck verfolgen, die Geschichte des jüdischen Volkes und dessen Betätigung im Leben in den verschiedenen Epochen zu beleuchten. Bei Graetz war die jüdische Geschichte keine Altertumsforschung, da er nicht bloß für die Vergangenheit des jüdischen Volkes eine pietätvolle Gesinnung hegte, sondern auch fest und lebhaft an dessen große Zukunft glaubte. "Damit mag entschuldigt werden, daß er zuweilen in seiner geschichtlichen Darstellung den Geschichtsschreiber vermissen läßt und zum Publizisten wird. Die Vergangenheit erscheint in seiner Darstellung uns nicht entrückt, vielmehr glauben wir sie mit allen ihren Freuden und Schrecknissen mitzuerleben. Uebersehen wir die Leistungen der ersten Generation auf dem Gebiete der Wissenschaft des Judentums, so finden wir, daß' sie wohl zuerst tastend 'und versuchend begonnen, aber schon in kurzer Zeit sichern Boden gewonnen hat und in wenigen Jahrzehnten zu einer großen Vollkommenheit gelangt ist. Auch darin zeigt sich somit die erstaunliche geistige Beweglichkeit des jüdischen Stammes. Die Wissenschaft des Judentums ist natürlich noch lange nicht abgeschlossen. Ihre ersten Bearbeiter haben, soweit ihnen ein höheres Alter beschieden war, noch eine große Schar von tüchtigen Jüngern und Nachfolgern vor sich gesehen, von denen einige nicht minder Bedeutendes! geleistet haben, und zwar entweder Neues zutage förderten oder Aelteres« erweiterten und vertieften. Was einige vor etwa einem halben Jahrhundert meinten und äußerten, es müsse mit dieser Wissenschaft bald ein Ende nehmen, da schon alles bekannt sei, ist nicht eingetreten. Das jüdische Volk hat in den Jahrtausenden seines geschichtlichen Lebens überaus viei geschaffen, und immer wieder kommt wichtiges Material (an den Tag, "das unser "Wissen erweitert und uns zu neuen Forschungen anregt. Ein Jahrhundert nach dem ersten schwachen Versuch Zunzens erblicken wir vor uns ein weites Gebiet voll rüstiger Arbeit, und was noch1 erfreulicher ist, große neue Aufgaben, vor die wir gestellt sind und die hoffentlich in ruhigeren Zeiten auch ihre Lösung finden werden. Die Zahl der Mitarbeiter ist im Steigen begriffen. Allerdings muß leider auch auf eine Zersplitterung der Kräfte hingewiesen werden, die infolge der Vielsprachigkeit der Judenheit eingetreten ist. Vor Zunz schrieben jüdische Forscher nur Hebräisch, das die gemeinsame Sprache der jüdischen Intellektuellen war. Zunz hat es unternommen, und zwar mit voller Absicht, um die Wissenschaft des Judentums der allgemeinen Wissenschaft einzuverleiben, deutsch zu schreiben, worin ihm die meisten Gelehrten fin Deutschland gefolgt sind. Man hatte somit in der ersten Zeit nur zwei Sprachen für den Gedankenaustausch der jüdischen Gelehrten — hebräisch und deutsch. Seitdem sind aber auch die französische, englische und russische, z. T. auch die italienische und holländische Sprache hinzugekommen, und infolgedessen ist eine beklagenswerte Wiederholung der Leistungen eingetreten. Es1 ist dies ein Mißstand, der allgemein empfunden wird, ohne daß> man in der Lage wäre, ihn zu beseitigen. Trotzdem aber kann mit Genugtuung festgestellt werden, daß die Wissenschaft des Judentums sich im Aufstieg befindet und uns einen hoffnungsvollen Ausblick in die Zukunft gewährt.

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