Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 18 (1918)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1918)
- Article
- Hundert Jahre Wissenschaft des Judentums
- Date
- 1918-10-01
- Page
- Seite 329 - 330 (sequence 3)
- Language
- German
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329 Hundert Jahre Wissenschaft des Judentums. 330 den kann. Das Werk war der Grundstein zu der Wissenschaft des Judentums in modernem Sinne. In der Vorrede^ zollt er warmen Dank seinem galiziseh'en Mitstrebenden Rapoport, dessen Namen in diesem Buch1 nicht weniger als 110 mal genannt wird. Zum erstenmal wurde hier, wenn auch in sehr knapper Fassung, das ganze geistige Leben des jüdischen Volkes vom biblischen Zeitalter an bis auf die jüngste Zeit auf Grund wissenschaftlicher Quellen dargestellt. Ein Umstand verdient noch' bei diesem Werk hervorgehoben zu werden: In der Anlage war es eine Gelegenheitsarbeit und sollte einem damaligen Verbot der preußischen Regierung entgegentreten, in der Synagoge als „unjudisch" bezeichnete Predigten zu halten. Aber in der Folge wuchs das Material in den Händen des Gelehrten immer mehr an und wurde zu einem klassischen Buch, in dem Zunz überzeugend nachwies, daß die „unjüdische" Predigt um Jahrhunderte älter als das Christentum ist und seit früher Zeit den Mittelpunkt des öffentlichen jüdischen Gottesdienstes bildete. Statt der Bezeichnung Predigt wählte er die viel zutreffendere „Gottes'dienstliche Vorträge". Denn das war die Predigt in den Synagogen von der ersten Zeit an: volkstümliche und gemeinverständliche öffentliche Vorträge über alle religiösen und ethischen Probleme des Judentums, wobei die Grenze niemals allzu eng gezogen wurde. So wurde im Mittelalter auch die griechische Philosophie in den Bereich des synagogalen Vortrags gezogen, da das Judentum sich niemals spinnenhaft in sein eigenes Gewebe einwob, sondern vielmehr zu jeder Zeit Sinn und Verständnis für die geistigen Vorgänge der Umwelt zeigte, auch das Fremde in sich aufnahm und organisch verarbeitete. Und da das Judentum niemals Schulweisheit sein sollte, sondern dem Volk in allen seinen Schichten gehörte, so waren immer die geläufigen Zeitfragen in den gottesdienstlichen Vorträgen .Gegenstand der Volksbelehrung; Sie bilden immer einen treuen Spiegel der Zeit und sind deshalb, abgesehen von ihrem literarischen Wert, kulturgeschichtlich von großer Bedeutung. Ein jüngerer jüdischer Forscher, Samuel David Luzzatto (geb. 1800 in Triest), hat sich fast ohne jede Anleitung auf einem anderen Gebiet der Wissenschaft hervorgetan, auf dem der hebräischen Sprache und Literatur. Luzzatto, selbst ein feinfühliger hebräischer Dichter, war wie wenige dazu geschaffen, die Sprache der Bibel nicht nur lexikalisch und syntaktisch, sondern auch in ihrem ganzen poetischen Gehalt zu erfassen. Was er auf diesem Gebiet geleistet hat (in der Erforschung der syntaktischen Gesetze der hebräischen Sprache kommen ihm wenige gleich), läßt sich in kurzen Sätzen nicht ausreichend bewerten. Aber noch bedeutender sind seine Leistungen auf dem Gebiet der Literaturgeschichte. Im Mittelalter hatte die hebräische Sprache eine wunderbare Renaissance erlebt. Es erstanden ihr Dichter, die klassische Formen mit Gediegenheit an Gehalt zu verbinden wußten. Salomon ibn Gabirol, bei dem der Pantheismus Spinozas und der Weltschmerz Byrons in dichterischen Formen von erhabener Schönheit ihren Ausdruck finden, und Jehuda Halevy, der abgeklärte und von inniger Frömmigkeit beseelte Dichter, das' sind die Sterne ersten Ranges an dem Himmel der hebräischen Poesie des Mittelalters. Neben ihnen aber gab es noch eine ganze Reihe hervorragender he^- bräischer Dichter, die religiöse und weltliche Dichtungen geschaffen haben. Wo lagen aber ihre Schöpfungen anfangs1 des 19. Jahrhunderts? Nur ein kleiner Teil, und nicht gerade der beste, war aus. den Ritualen bekannt, während wahre Schätze in Handschriften oder in seltenen Drucken vergessen und verschollen dalagen. Hatte doch niemand von der Existenz des' Divans Jehuda Halevys etwas gewußt, den Luzzatto durch' einen Händler in Nordafrika aufstöbern ließ und nur deshalb zu einem erschwinglichen Preis erhalten konnte, weil der Verkäufer keine Ahnung davon hatte, welchen Schatz er in der Handschrift besaß. Wie wertloser Schutt lag dies alles herum, äußerte sich Abraham Geiger später. Es ist das unsterbliche Verdienst Luzzattos,, daß er den verlorenen Handschriften nachspürte, die vergessenen herrlichen Dichtungen, die oft durch schlechte Abschriften und in nicht minder schlechten Drucken verstümmelt waren, hervorholte und sich ihrer mit der Aufwendung seines gründlichen Wissens liebevoll annahm, sie sozusagen von dem ihnen anhaftenden Schimmel befreite und der Welt in ihrer vollen Schönheit darbot. Was Luzzatto auf diesem Gebiet geleistet hat, kann ihm die Nachwelt niemals genug danken. Er, der arme Gelehrte, der sein Leben lang mit Nahrungssorgen zu kämpfen hatte, erhielt selten für seine wissenschaftlichen Arbeiten eine Vergütung, hingegen opferte er dem Ankauf von Handschriften für seine Verhältnisse große Beträge, und an der Herausgabe der hebräischen Dichtungen, der er die größte wissenschaftliche Sorgfalt widmete, hat sich Luzzatto blind gearbeitet, — schon im 50. Lebensjahre begannen seine Klagen über das abnehmende Augenlicht, das er zuletzt fast ganz verlor. Die literargeschichtlichen .Forschungen Luz-r zattos haben auf Zunz anregend gewirkt.' Es entstanden von ihm, zum Teil auf Grund des von Luzzatto ihm überlassenen Materials, folgende bedeutsame Werke; „Die synagogale Poesie des Mittelalters", „Die Ritus des synagogalen Gottesdienstes" (als zweiter Teil des-vorher genannten Werkes) und die „Literaturgeschichte der synagogalen Poesie", die alle zu den klassischen Erzeugnissen der Wissenschaft des' Judentums gehören. Luzzatto, der unermüdliche Forscher, Berater und Helfer aller, die sich der hebräischen Dichtung annahmen, gab auch Michael Sachs (geb. in Groß-Glogau. 1808) ein um-