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Ost und West · 1917-10-01 · Heft 10 (Oktober 1917) · p. Seite 459 - 460

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Journal
Ost und West
Volume
17 (1917)
Issue
Heft 10 (Oktober 1917)
Article
H. Graetz
Date
1917-10-01
Page
Seite 459 - 460 (sequence 4)
Language
German
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459 H. Qraetz. 460 stets im Rahmen der Wirklichkeit und der Vorwurf der „Geschichtspoesie", der gegen Graetz erhoben wurde, ist im allgemeinen-ganz unberechtigt: Wahr ist vielmehr, was Philipp Bloch in seiner Biographie, welche der zweiten Auflage des ersten Bandes der Geschichte von Graetz beigegeben ist, diesbezüglich bemerkt: „Perspektive, lebendige Charakteristik, scharfe Zeichnung, leuchtendes Kolorit verdankt die jüdische Geschichte einzig und allein seiner phantasievollen Feder; er hat dadurch neue Probleme angeregt, hat die historischen Typen geschaffen, er hat gleichsam das ganze Karten netzfür die jüdische Geschichte vorgezeichnet. Als sein höchstes, von keinem andern bisher erreichtes Verdienst muss jedocn gerühmt werden, dass er durch sein gemeinfasslicnes, hinreissendes Wort sich in allen Schichten seiner Glaubensgenossen Eingang verschafft, in ihnen das Bewusstsein einer trotz aller Verfolgungen und Erniedrigungen ruhmvollen Vergangenheit wieder angeregt und den Glauben an die geistige Zukunft Israels neu geweckt hat. Mit der Energie uncf Glut seines Temperamentes hatte er gleichsam das eigene Dasein in die Vergangenheit seines Stammes getaucht, hatte er sich in die geheimsten Regungen der jüdischen Volksseele versenkt" (Seite 56.) Graetz hat durch sein Gesdhichtswerk in den geschichtlichen Prozess selbst eingegriffen, sein Werk ist in diesem Betracht nicht ein Buch, sondern eine Tat. In allen Lagern des Judentums gibt es nicht wenige, in deren Brust sein Feuerwort die Flamme der Begeisterung für das Erbe der Väter angefacht hat — sein Buch ist dasjenige, das in weiten Kreisen fortlebt. Jedenfalls hat sein Geschichtswerk : auch ausserhalb des Judentums aufklärend gewirkt, manchem Unvoreingenommenen die Augen geöffnet. Die historischen Waffen zur Bekämpfung (des Antisemitismus sind zumeist diesem Geschichtswerke entnommen werden, wie dsdenn durch die Macht den Tatsachen ohne Absicht eigentlich eine Apologie des Judentums im besten Sinne des Wortes geworden ist. Der Mut der Wahrheit, der den Autor durchglüht, überträgt sich nicht selten auf den Leser. Sicher ist, dass unser Geschidrtswerk dem Judentum weitaus mehr Freunde als Feinde gewonnen hat, es war sehr kurzsichtig, von den Antisemiten sich das Gegenteil einreden zu lassen. Von den grossen, ergreifenden Wahrheiten, die es laut verkündet, will ich nur diejenige über die Idee der Auserwähltheit noch hierher setzen. Nachdem Graetz betont hatte, dass die Erwählung Israel lediglich eine grössere und schwerere Verantwortlichkeit, ein volleres Mass von Pflichten auflegt, fährt er fort: „Es sollte sich als Knecht Gottes, als Vollstrecker seiner Lehre, als Heilsbote einer höheren sittlichen Weltordnung betrachten, es sollte dafür ein Märtyrerfum bestehen, und es hat es ruhmreich und mit Bewusstsein bestanden. Seitdem ihm seine Au gäbe, als Träger einer eigenen, religiös - sittlichen Weltanscnauung, klar geworden ist, hat es diese über alles geschätzt, höher als Vaterland und Nationalität, höher selbst als das Leben. Und weil es sich selbst als Opfer dargebracht hat, erlangte es Lebensdauer und Unsterblichkeit. Es war das erste Volk, das den Mut einer Meinung hatte und für seine innere Ueberzeugung die Lebensgüter eingesetzt hat. Es war das erste Volk, welches bewiesen hat, dass eine fördersame Wahrheit nur durch Blutzeugen besiegelt werden kann. Die Ueberzeugungstreue gab ihm diese Standhaftigkeit und Ausdauer. Sein Kern kann nicht gar zu schlecht gewesen sein, da es der zerstörenden Gewalt von beinahe vier Jahrtausenden und einer ganzen Welt von Feinden hat trotzen können/' (Band 1, Seite XXX.) Das unterscheidende Kennzeichen der Persönlichkeit Graetz' ist eben das, daß in ihm die Wissenschaft des Judentums1 mit dem Kampfe um dessen Recht sich harmonisch vereinigte. Die Wissenschaft war für ihn kein totes Material, das nur zwischen den vier Wänden des Gelehrten Wert besitzt, sondern eine das Leben durchdringende und umformende Macht. Neben S. L. Rappport und L. Zunz, den unsterblichen Schöpfern der jüdischen Wissenschaft, sind Börne und Riesser, die unerschrockenen Vorkämpfer der politischen und gesellschaftlichen Rechte der Juden, als seine Vorgänger zu betrachten, wie nicht minder S. R. Hirsch und A. Geiger, die beiden Pole der religiösen Verjüngung. Die lebhafte Bewegung, welche von aie^en Alännern ausgegangen war, fällt in seine Jugendzeit, sie hat seinen empfänglichen Geist segensreich befruchtet. Wenn Zunz und Rapioport seine Vorbilder in der Behandlung der historisenen Quellen waren, so waren Hirsch, in dessen Hause er drei Jahre gelebt hatte, wie auch Geiger, zu dem er in Gegensatz trat, seine theologischen Lehrmeister, während Börne und Riesser seine Führer im Kampfe ums Recht gewesen, den er mit Freimut und Entschlossenheit führte. Die Schonungslosigkeit, mit welcher er lebende historische Mächte geisselte, erweckte ihm viele Feinde, was ihn aber bei seinem glücklichen Temperament nicht anfocht. Die Feinde der Juden hassten in Graetz gleichsam die Verkörperung des Judentums, sie fühlten es richtig heraus, dass sein Geschichtswerk einen mächtigen Erwecker der jüdischen Religion wie des jüdischen Bewusstseins bildet. Doch hat die Zeit, der unfehlbare Prüfstein alles Gediegenen, Graetz recht gegeben. Sein Werk hat sich nicht nur bis heute erhalten, sondern sich auch weit über die Grenzen seiner Heimat verbreitet, es wurde in alle Weltsprachen übertragen, ins Hebräische, Englische, Französische,

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