Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 17 (1917)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1917)
- Article
- H. Graetz
- Date
- 1917-10-01
- Page
- Seite 457 - 458 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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457 H. Graetz. 45S ten, alle erreichbaren Ge^ckichtsstoffe in seine Darstellung einbezogen, alles synchronistisch vorgetragen und hierdurch neben der stets fesselnden Erzählung gleichsam ein Inventar der jüdischen Geschichte geschaffen, das dem Weiterbau als sichere Grundlage zu dienen geeignet ist. Tatsächlich greifen sämtliche Spezialforscher auch heute noch bei jeder Frage in erster Reihe nach dem „Graetz",um sich die erste Information zu verschaffen. Da die jüdische Geschichte einen Querschnitt durch die Weltgeschichte und noch etwas darüber hinaus bildet— man denke nur an den Talmud und an das aus ihm erwachsene Schriftum wie an vieles aridere — so ist es nicht verwunderlich, dass ein Einzelner, sei er auch einer der Grossen, so verschiedenartige und weithin verstreute Wissensgebiete nicht voll zu beherrschen vermag. Es gibt darum auch kein zweites Werk, das so häufig „berichtigt" wurde und wird, wie die Geschichte von Graetz. Ein neueres mehrbändiges Werk in hebräischer Sprache, das gewisse Kreise mit fast fanatischem Jubel begrüssten, ist dem Wesen nach gar nichts anderes als ,jBerichtigungen"zu Graetz. Einen ehrenvolleren Beweis für die gelehrte Bedeutung unseres Geschichtswerkes als all diese Berichtigungen kann man sich gar nicht vorstellen. Sie geben den unwiderleglichen Beweis für seine Unentbehrlichkcit ab, sie erheben es zum Standard work der jüdischen Geschichte, was es auch tatsächlich bis auf den heutigen Tag geblieben ist. Alle Geschichtsbücher, welche vor mehr als einem halben Jahrhundert auf dem Plan erschienen, sind längst von anderen abgelöst, nur der „Graetz" steht noch auf seinem Posten und schreitet trotz1 seines Bändereichtums und des immerhin begrenzten Leserkreises von einer Auflage zur anderen. Doch soll hier die wissenschaftliche Seite des Graetzschen Geschichtswerkes nicht weiter verfolgt werden, obwohl auch sie trotz aller Gegnerschaft aus verschiedenen Lagern die strengste Prüfung verträgt. Auch als Forscher hat Graetz seinen Mann gestellt, der in unseren Kreisen nur von sehr wenigen übertroffen wurde, aber seine Bedeutung für die Allgemeinheit liegtnicht auf dieser Seite. Nicht die vielen neuen Tatsachen und Zusammenhänge die Graetz zutage gefördert oder erschaut, machen die Bedeutung seines Werkes aus, sondern die fesselnde Darstellung, die Meisterschaft im Erzählen, das scharfe Urteil, überhaupt der Mut der Ueberzeugung. Graetz war ebenso Künstler wie Forscher, der aus dem unförmlichen Ton der Vergangenheit -lebensvolle - und -lebenswahre -Gestalten schuf. Er besass nicht nur historischen Instinkt, sondern auch Intuition, mit deren Hilfe er den Geschichtsverlauf nicht so sehr rekonstruierte als vielmehr erschaute. Seine reiche Phantasie verlor sich nicht ins Nebelhafte — davor bewahrte ihn sein feines historisches Taktgefühl —, sie bewegte sich Prof. Dr. H. Graetz