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Ost und West · 1915-01-01 · Heft 1-5 (Januar-Mai 1915) · p. Seite 19 - 20

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Journal
Ost und West
Volume
15 (1915)
Issue
Heft 1-5 (Januar-Mai 1915)
Article
Erziehung zum Hass
Date
1915-01-01
Page
Seite 19 - 20 (sequence 4)
Language
German
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19 Erziehung zum Haß. 20 warmblütige Patriotismus ewig fremd bleibt. Im Vergleiche mit diesen beiden — es gibt ihrer noch viele, viele andere! — blutroten, holten heißen Gefühlsprodukten ist ja Lissauers „Haßgesang" ein mattes, laues, sanftes Kindersüppchen. Ihm fehlt die Kraft, sich zuf blutrünstigen Grausamkeit empor zu schwingen, in Bildern von rauchendem Menschenfleisch, von aufgerissenen Menschen herzen, von aufgeschlitzten Bäuchen und Haufen bleichenden Menschengebeins zu schwelgen! Also wird Mr. Chamberlain, der Andere, sprechen,.wenn er kommt. Und er wird schon kommen, verlaßt Euch darauf. Und er wird auch den mangelnden Patriotismus kräftig herausfühlen. Was ist das für ein Patriotismus, der einen Schwur ewigen Hasses schwört und dabei vergißt, den Gürtel der Länder ringsum zur Wüste zu schaffen? Hier zeigt sich die ganze jüdisehe Halbheit und Unechtheit in ihrer vollen Jämmerlichkeit... Aber vorläufig, bis Mr. Chamberlain, der Andere, das Wort ergreift, wird es vorteilhaft sein, an der jetzigen Theorie festzuhalten, Wonach wieder einmal ein Jude gräßliches Unheil angerichtet und unzählige arglose Seelen vergiftet hat. . * Indessen darf man diese poetischen Ausbrüche,!so abstoßend sie an sich auch sind; nicht allzu tragisch nehmen. Daß Lissauers Haßgesang einer weitverbreiteten Stimmung Ausdruck gab, wer wollte das leugnen? Aber diese Stimmung, die in unklaren, primitiven Geistern momentan verheerende Wirkungen anrichten kann und darum gedämpft •und nicht geschürt werden sollte, richtet sich im Grunde nicht gegen Menschen sondern gegen Systeme, ist also keineswegs Menschenhaß. In diesem Sinne entbehrt sie sogar nicht einer gewissen sittlichen Berechtigung. Das hat ein jüdischer Denker (Caesar Seligmann), dem wir eine schöne Analyse der 'modernen Weltanschauung in ihrem Verhältnis zum Judentum verdanken, im Anschluß an ein Wort Lessings geistvoll dargelegt. „,Es gibt einen Haß, der nicht dem einzelnen gilt, sondern dem abstrakten Inbegriff der feindlichen Macht, die meinem Vaterland Schaden will . . . Man kann Rußland, die Verkörperung der asiatischen Grausamkeit und Barberei, hassen . . . Wir dürfen zu Gott beten, daß das Reich des Bösen ausgerottet werde und von der Erde schwinde. In diesem Sinne mögen wir getrost beten: Schütte deinen Zorn aus über (die Völker, die sich weigern, dich (d. h. dein sittliches Gesetz) anzuerkennen . . . Aber indem wir das Böse, das wir in den feindlichen Staaten verkörpert sehen, hassen, können wir dennoch jeden einzelnen aus dieser feindlichen Nation lieben, und müssen uns hüten, ihm unser Mitleid zu versagen ... Es ist notwendig-, daß wir uns solche Gedanken, unbeschadet unseres kraftvollen, impulsiven, patriotischen Empfindens immer wieder ins Gedächtnis zurückrufen, damit wir an unserer Seele, und damit die Zukunft der Menschheit nicht schweren Schaden leiden ..." Es gehörte viel geistige Ueberlegenheit und sittlicher Mut dazu, solche Worte noch im September 1914, mitten im Wutgeheul der feindlichen Presse und unter dem Klange der verschiedenen Haßgesänge in Versen und in Prosa, niederzuschreiben. Wenn's nur Herr Engel nicht erfährt! ... * Es gibt aber etwas noch viel Schlimmeres als den Haß, das ist der Neid, die Mißgunst. Haß ist ein Affekt, Neid ist ein Laster. Der Haß äußert sieji^explosiv; er kann zerstören und vernichten abej-fer 'muß verrauschen, verdampfen. Der Neid beißt sich in die Seele hinein, dauert und zerfrißt derweil die besten Teile. Der Haß kann dumm und stupid machen, der Neid macht schlecht und gemein,-Beide, Haß und Neid., sind Abwehrgefühle des Individuums gegen feindliche Einflüsse von außen. Aber der Haß richtet sich gegen Schädliches und Gemeines, der Neid nur gegen Vornehmes und Edles. Haß kann der Ausdruck einer überlegenen •und überschäumenden Kraft sein, die sich von einer niedrigeren geknebelt und zurückgedrängt sieht. Neid, ist immer der Ausdruck der Kraftlosigkeit und Unzulänglichkeit, die sich von einem Nebenbuhler überstrahlt und verdunkelt sieht, und ohnmächtig, im redlichen Wetteifer es ihm gleich zutun, ihn herabzuziehen bemüht ist. Der Neid ist immer tückisch und hinterlistig, der Haß kann offen und ehrlich auftreten. Der Haß kann 'auch großen Naturen eignen. Bismarck war ein .„guter"Hasser", aber man kann sich Bismarck nicht als Neider denken. Selbst Frau Agnes Härder und Frau Ida Boy-Ed oder Herr Richard Voß werden sich hüten, von einem „heiligen Neid" zu sprechen. Mr. Chamberlain bezeugt, daß in England seit einem Jahrzehnt eine allgemeine Stimmung herrschte, die in den Worten Ausdruck fand: „Wir müssen Deutschland erdrosseln, zum Kappel schlagen, zertreten, zerschmettern." Man hört das heisere Krächzen des geschwollenen Neides aus diesen Schreien heraus. Allein, so unedel der Neid ist, wider Willen huldigt er dem Beneideten und stellt ihm das Zeugnis überlegener Kraft aus. Auch Ernst Lissauer hat den Neid erfahren, und wenn ihm etwas daran liegt, kann er stolz darauf sein. Ueber seinen Bachzyklus schrieb ein Kritiker: „ . . . Dieser Zyklus ist der raffinierteste und gelungenste Versuch, ein altdeutsches Kostüm zu tragen, als ob man damit auf die Welt gekommen wäre. Wie berufene deutsche Stimmen gegen das Undeutsche seines Haßgesanges protestiert haben, so wird auch diesem, mit altem Wortprunk und Zierat überladenen Zyklus ein ähnliches Schicksal bevorstehen. Lissauer lebt sich einfach unheimlich in diese alte, urdeutscheWe.lt ein, aber er gehört nicht zu ihr und sie nicht zu ihm, mag er sie noch so innig lieben, was gewiß niemand bezweifelt." Das stand nicht in der „Täglichen Rundschau", wo Mr. Chamberlain seine tiefsinnigen Betrachtungen anzustellen pflegt, sondern in der „Vossischen Zeitung" vom 29. März 1915, Nr. 162, Abendausgabe. Da nicht alle Leser der Vossischen Urgermanen von alterreinstem Blut sind, hat sich vielleicht mancher von ihnen gefragt, ob er würdig sei, weiterhin dieses Blatt zu lesen. Was nützt es ihm, diese Zeitung zu abonnieren? Er gehört ewig nicht zu ihr und sie nicht zu ihm. Merkwürdig bleibt es wie gering ■ manche geschworne Urgermanen die werbende und siegende Kraft des Germanentums teinschätzen. Wie soll der deutsche Gedanke in (der weiten Welt obsiegen und fremde Völker in seinen Bann zwingen', wie soll am deutschen Wesen die Welt dereinst genesen; wenn der Sohn einer Rasse, die über tausend Jahre auf deutschem Boden unter dem Einfluß deutschen Wesens lebt, sogar der deutschen Musik, die doch von allen

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