Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 15 (1915)
- Issue
- Heft 1-5 (Januar-Mai 1915)
- Article
- Erziehung zum Hass
- Date
- 1915-01-01
- Page
- Seite 21 - 22 (sequence 5)
- Language
- German
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21 Erziehung zum Haß. 22 Aeußerungen deutschen Geistes Fremden am zugänglichsten ist, ewig unzugänglich bleiben muß? Dazu ist Bach in den machtvollsten und höchsten seiner, Schöpfungen gerade von der Bibel amstärksten inspiriert worden, von der Bibel, die doch mit Lissauers Rasse immerhin einige Verwandtschaft hat. Selten ist die trübselige, depravierende Wirkung des Neides deutlicher hervorgetreten, als in diesem Erguß eines kraftlosen Literaten, dereinem Dichter sein Können mißgönnt. Hätte Lissauers Großvater sich taufen lassen und die Schmach seiner semitischen Abstammung durch Namensänderung verwischt, schwerlich wäre jemand dahintergekommen, daß seine Dichtungen „undeiutsch" seien. Gibt man uns doch gerade in den Kreisen der Vossischen Redakteure :den Beweis, daß man ein Abonnement auf Urdeutschtum, sogar auf rückwirkendes, erwirbt, wenn man nur seinen jungen Sprößling taufen läßt. Durch einen solchen Akt wird man urdeutsch bis auf die Knochen, bis aut die entferntesten Ahnen; man fängt an, das urgermanische Wikingerblut in seinen Adern pochen zu fühlen. Und da, wie Mr. Chamberlain versichert, von diesem Blut noch sehr viel in den "heutigen Russen lebt, so entsteht eine starke Sympathie für die Russen, und man predigt tagaus, tagein einen Sie paratfrieden oder gar ein Bündnis mit Rußland. Vielleicht wäre es daher ratsam, wenn Lissauers Kritiker seinen eigenen Stammbaum unterbuchen möchte, um genau festzustellen, seit wievielen Generationen sein Blut urdeutsch ist. Dieselbe „Vossische Zeitung" brachte am 1. Januar 1915, Nr. 1, Morgenausgabe, einen begeisterten Dankbrief des Gouverneurs von Thorn, Generalleutnants Dr. von Dickhuth-Harrach an den Dichter des ^Oesterreichischen Reiterliedes", der folgendermaßen lautete: „Sehr verehrter Herr Kamerad! Lassen Sie mich Ihnen herzlich die Hand drücken für Ihr herrliches Reiterlied: „Drüben am Wiesenrand Fliegen zwei Krähen , . ." Das ist echte Kriegspoesie! Ihre Verse werden tausend Reiternerzen höher schlagen lassen lind fortreißen zu unsterblichen Taten. Ich kann gar nicht sagen, wie mich ihre Worte gepackt haben. Wie wundervoll haben Sie Ton und Klang der alten Landsknechtsgesänge getroffen. Der Krieg läßt die Soldatenlieder hervorsprießen 'wie wilde Blumen. Die meisten wird der Wind bald verwehen, aber Ihr Lied wird bleiben und Ihnen zu dem Siegerkranze auch den Lorbeer des Dichters um die Schläfe winden. Gott sei 'mit Ihnen und führe Sie gnädig wieder heim! In treuer Waffenbrüderschaft Ihr aufrichtig ergebener ..." Der Gouverneur von Thorn, dessen reines Urgermanen tum wohl ganz unzweifelhaft sein dürfte, hat nicht herausgefühlt, daß der Dichter, der als Kriegsopfer verstorbene österreichische Oberleutnant Dr. Hugo £uckermann, ein begeisterter Jude, sogar einZionist war, und zahlreiche Gedichte ausüem Hebräischen und Jüdischen ins Deutsche übersetzt hat*). Da nun Lissauer wirkliches Talent hat, so *) Seine erste größere poetische Arbeit, eine sehr schöne Paraphrase des Hohenliedes, erschien in „Ost und West" (März 1905). Angeregt durch unsere anerkennenden und aufmunternden Work, vertiefte er sich wird sich der Neid an seine Fersen heften und ihm das"Schicksal'"Hein-es" bereiten. Vielleicht täte er gut, sich beizeiten davor zu sichern, daß er entwurzelt und obdachlos im Strom treibe. Das Judentum wird ihm kaum den Gefallen tun, schon in den nächsten Jahren vom Erdboden zu verschwinden. Einstweilen bieten dessen geistige Schätze noch poetische Nahrung genug für einen Dichter, auch wenn er zehnmal so viel*" Talent hätte als Lissauer„ z. B. der Psalm1 46 „Elohim lanu machäseh waös". Im Deutschen klingt es ja auch nicht übel: ,,Ein feste Burg ist ünser Gott". Der Urheber dieser Uebersetzung, ein gewisser Luther, war ja auch gar kein schlechter Germane. Vor einigen Monaten veranstaltete ein Berliner Blatt bei mehreren Dichtern und Schriftstellern eine Umfrage über die Bücher, die man jetzt lesen solle. Alle Befragten, nur nicht die Juden unter ihnen, nannten an hervorragender Stelle die Bibel. Indessen sollte man meinen, daß es für einen Juden, auch wenn er ein Dichter ist, nichts Beschämendes hat, mit der Bibel vertraut zu sein. Wieviel kostbares poetisches Gut schlummert nicht in ihr, das zu heben doch in erster Reihe die deutschen Dichter jüdischer Abstammung berufen wären. Wie wäre es, wenn Lissauer sich vom Psalm 20, 44, 74, 103, vom Jesaias 1, 2, von Micha 7, von Hosea, von Arnos oder von Nahum oder gar von manchem Hymnus unseres Gebetbuches mal zu einem Gesang inspirieren ließe? Introite, poetae, nam hic Deus 'est! Und von diesem Tempel wird kein Literat der Vossischen euch hinauszuwerfen wagen. Hätte Lissauer vom Geiste der Propheten Israels einen Hauch verspürt, sein Haßgesang hätte anders gelautet. Wir haben alle nur einen Haß! Das ist der Haß gegen das Böse, nicht gegen die Bösen. Denn: „verschwinden werden die Sünden von der Erde, dann gibt es keine Sünder mehr." Wir haben alle nur einen Haß, der richtet sich gegen das Böse in uns selbst. Wir wollen schwören einen ewigen Schwur von Angesicht zu Angesicht, daß wir unabhängig bekämpfen sollen das Böse in uns, denn „ausrotten sollst du das Böse aus deiner Mitte", „vertilgen sollst du den fremden Götzen aus' deinem Innern". „Der fremde Götze, was ist das?" fragt der Talmud. „Das ist der Jezer hara'," der Urtrieb zum Bösen, die Habgier, die Gewalttätigkeit, die Lust, dem Nächsten Schmerz zuzufügen, ihn zu knechten und auszubeuten. Und einpflanzen sollst du in dir die Liebe zur Welt Gottes und deren Schönheit, die Freude am Gedeihen und Blühen der Kraft und des Lebens', einerlei, ob es deine oder deines Nächsten Kraft und Leben ist. Das ist das beste Gegengift gegen den Neid, und sogar gegen den Haß. in das Studium der neueren hebräischen und jüdischen Literatur und fand hier reichliche Nahrung für sein poetisches Schaffen. Unter den vielen schmerzlichen Verlusten, die wir seit Beginn des Krieges erlitten haben, ist dieser wohl einer der schmerzlichsten. In der Blüte der Jähre ist Hugo Zuckermann dahingerafft worden. Er hat an mehr als dreißig Gefechten teilgenommen; in den Karpathen schwer verwundet, kehrte er nach seiner Vaterstadt Eger in Böhmen heim; die Wunde begann zu heilen, aber der vom Schlachtfeld mitgebrachte Typhus war die Ursache seines Todes. Ein Dfebter und ein Held ist mit ihm dahingegangen. Die Jugendliche Witwe konnte seinen Tod nicht lange überleben und folgte ihm freiwillig in das dunkle Jenseits.