Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 13 (1913)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1913)
- Article
- Das neue Palästina
- Date
- 1913-06-01
- Page
- Seite 483 - 484 (sequence 14)
- Language
- German
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483 Dr. Max Grunwald: Das nene Paliistina. 484 fehlt dort: Polizei und Gefängnis." — Am schwarzen Brett des BetJi ha-waad liest man verschiedene Anschläge in hebräischer Sprache, u. a.: Am kommenden Sabbat um 1 Uhr spricht Herr X. im Beth ha-am, d. i. im Kasino, über die modernsten Probleme der Pädagogik. Das Beth ha-am besitzt eine stattliche Bibliothek. Zeitschriften in fünf bis sechs modernen Sprachen liegen auf. Wir gehen hin. Der Saal ist überfüllt; um 1 Uhr tritt ein Bauer auf das Podium und spricht 2 Stunden lang in klassischem Hebräisch über die modernsten Probleme der Pädagogik, niclH wie ein Bauer im Orient, sondern wie ein europäischer Fachmann. Er zitiert Bibel und Talmud, aber1 ebenso geläufig Pestalozzi und Herbart, Diesterweg, Förster und Nietsche. Nach Schluss des Vortrages beginnt eine Diskussion, an der sich sogar die jungen Mädchen beteiligen. Auch sie dauert ungefähr zwei Stunden. Nun fragt man den Redner des Tages: „Wo haben Sie Ihre Studien betrieben?" Er führt uns in sein Haus und dort findet man eine Bibliothek, der sich ein Dozent der Pädagogik an einer westeuropäischen Universität nicht zu schämen brauchte. Und wann er studiert? „Am stillen Herd zur Winterszeit," d. h. auf palästinisch: in den Regenmonaten von November bis März- April. So lebt ein jüdischer Bauer in Palästina und so wird dort der Sabbat gefeiert. Von den übrigen Kolonien möchte ich S i c h r o n Jaakob wegen seiner bevorzugten Lage — im Westen das weite Meer, im Osten die Täler und Schluchten des Karmelgebirges — besonders hervorheben. 1880 von rumänischen Auswanderern gegründet, liegt sie. für den Verkehr sehr günstig, an der Strasse zwischen K a i f a und Jaffa. Im Jahre 1909 zählte der eine der jüdischen Gastwirte 4S7 Touristen, darunter 22 Juden. Genau wie in der Heimat überlassen nämlich auch in Palästina viele jüdische Reisende aus Europa den Besuch des jüdischen Hotels — den Nichtjuden, selbst dann, wenn es besser und billiger als die anderen am Orte ist. Die Kolonie hat gepflasterte Strassen, und wenn man des Abends sie durchschlendert, hört man aus den Häusern hebräische Kinderlieder. Diese hebräischen Lieder sammelt der Gelehrte I d e 1 s o h n in Jerusalem. Die einzige Gesellschaft, die ihn bisher darin unterstützt, ist die Wiener Akademie der Wissenschaften. S i c h r o n Jaakob hat einen Dampfpflug, eine Dampfmühle und beträchtliche Kellereien. In dem Kellermeister begegnete mir ein alter Bekannter aus Harnburg, wie auch, besonders im Lehrerstand, manche Erinnerung aus meiner Hamburger Vergangenheit mir lebendig vor Augen trat. Dieser wertvolle Einschlag aus Norddeutschland zeigt, dass der Jude nicht nur aus Zwang, unter dem Druck unleidlicher Verhältnisse, sondern auch aus freiem, idealem Entschluss die Heimat verlässt, um dem J^ande seiner Väter seine Dienste und sein Leben zu widmen, in Jerusalem betätigt sich als Krankenschwester die Tochter eines bekannten jüdischen Kommerzienrates aus Norddeutschland. Auf dem Wege von S i c h r o n nach K a i f a kamen wir nach A t 1 i t , einer kleinen Gründung der J. G. A. In dieser winzigen, aber gut. gedeihenden Kolonie besuchten wir die Dorfschule. Der Lehrer, ein ganz junger Mann, erfüllt von dem Bewusstsein seiner schönen Aufgabe, begrüsste uns höflich, setzte aber dann ruhig den Unterricht fort, als ob er täglich solchen Besuch empfinge. Sowohl der geschriebene Lehrplan an der W7and, nach dem Muster der preussischen einklassigen Volksschule entworfen, als auch der Unterricht überraschten uns. Sehr angenehm berührt es, dass man in sämtlichen hebräischen Schulen Palästinas ohne Förmlichkeiten den Gast dem Unterricht beiwohnen lässt. Wie sicher müssen sich diese Lehrer fühlen und wie ruhig in ihrem Gewissen! Dicht hinter Atlit liegt ein Institut, das für die Zukunft Neu-Palästinas von hoher Bedeutung ist — eine landwirtschaftliche Versuchsstation (zu unterscheiden von der Landwirtschaftsschule, die jüngst in Peta c h T i k w a h eröffnet worden ist). Von amerikanischen Juden ist dieses Institut mit einem Kapital von 20 000 Dollars gegründet und dafür ein jährliches Budget von 10 000 Dollars garantiert worden. Ihr Leiter ist der Botaniker Arons o n , der in Palästina den Urweizen entdeckt hat. Im Anschluss hieran sei das von N a t h a n S t r au s s zur Bekämpfung der Malaria in Palästina begründete und von Dr. B r ü n n geleitete hygienische Institut erwähnt. Mit Aronson nicht zu verwechseln ist der gleichfalls rühmlichst bekannte Zoologe A h r oni, der in Palästina viele bisher unbekannte Tierarten aufgefunden hat. Der Weg zwischen Atlit und K a i f a gehörte zu den schönsten Partien unserer Reise. Schon bald hinter A 11 i t vernimmt man ein gewaltiges Donnern und Brausen. Es sind die Wogen des Mittelländischen Meeres. Plötzlich, an einer Wendung des Weges, sieht man auch schon die schäumenden, in der Sonne wundervoll glitzernden Wogenkämme auf den Wagen losstürmen. Man muss mitten hinein, denn selbst ein vierspänniger Wagen kann im Ufersand nicht vorwärts. Das Seewasser aber macht ihn fest und befahrbar. Ein erhabenes Schauspiel! Wir kamen uns vor wie die Väter, als sie einst durch das Rote Meer zogen. Ebenso glücklich wie sie waren wir, als wir — in K a i f a — ans Land kamen. Das ist ein Strand, wie geschaffen zu einem Seebad, wie man es bei Jaffa schon eingerichtet hat. Und auf der Höhe des K a r m e 1 bei K a i f a , —eine Gegend, wie am Kap Martin, —wurden wir uns so recht dessen inne, welch eine Perle dieses Land einst war und was es wieder werden kann. Tief im Süden des Landes das Tote Meer — 394Meter unter dem Meeresspiegel —, heilsam für Gichtleidende; daneben Jericho mit tropischer Vegetation. Wenige Stunden davon — 1200 Meter höher — Jerusalem mit einem Klima, das den Schnee nicht ausschliesst. Dann bei Sichern der Gerisim mit seinen 22 Quellen, 860 Meter hoch, ein herrlicher klimatischer Kurort. Bei Tiberias, dem Karlsbad des Altertums, fast ganz unbenutzte Schwefelquellen bis zu 62 Grad. Und der See von Tiberias mit dem ewig schneebedeckten Hernion im Hintergründe, eine Landschaft, die die schönste in