Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 3 (1903)
- Issue
- Heft 7 (Juli 1903)
- Article
- Zur Psychologie des Renegatentums
- Date
- 1903-07-01
- Page
- Seite 459 - 460 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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459 Fabius Schach: Zur Psychologie des Renegatentums. 460 heitu erlangt hat, dies äusserlich dadurch zu markieren, dass man die heranwachsenden Kinder taufen lässt. Man ist selber zu bequem dazu, den Kindern aber will man die Bahn frei machen. Und man macht ihnen die Bahn frei — zum Strebertum und zur Entwürdigung nämlich und nicht zum Lebensglück. Denn das Lebensglück besteht noch immer nicht in Aemtern, Titeln und Orden. Ja, mir ist ein Fall bekannt, wo der Vater, wenigstens nominell, noch Jude ist und der Sohn zum Studium der evangelischen Theologie herangebildet wird. Merken diese Leute garnicht, dass jeden charaktervollen Menschen dabei ein Ekel erfassen muss? Wie mag es im Herzen solcher Eltern aussehen? Begreifen sie garnicht, dass sie dadurch eine Kluft zwischen sich und ihren Kindern schaffen und sich selber der Verachtung ihrer Kinder preisgeben? Denn, ringen sich die Kinder durch diesen Schmutz der Lüge dennoch durch und werden ganze, freie Männer, dann werden sie ihren Eltern für diese Wohlthat wahrlich nicht dankbar sein, sondern sie werden ihnen fluchen, dass sie mit ihnen und ihrem Glauben geschachert haben und sie zu Halblingen und Schwächlingen erziehen wollten. Wir lachen oft über diese Dinge, aber es ist im Grunde ein Lachen mit Tränet. Es ist dankbar, darüber Witze zu machen, aber es sind traurigej blutige Witze. Dieses Siechtum droht das ganze Judentum Westeuropas zu zersetzen und zu vergiften, denn darüber sind wir uns ja klar, der Antisemitismus ist noch das Einzige, was viele Juden vom Taufbecken fernhält. Ein Judentum von des Antisemitismus Gnaden, — ich kann mir nichts Schmachvolleres denken. Es ist höchste Zeit, dass man die Gefahr ins Auge fasst und dagegen einschreitet. Und der Weg zur Besserung scheint mir die Erstarkung des jüdischen Lebens zu sein. Ja, nicht eine Reform der Religion, sondern eine Reform des jüdischen Lebens tut uns not. Wir brauchen keine blosse Religion für die Synagoge, sondern eine gesunde Nahrung für das jüdische Gemüt. Es muss der Weg gesucht und gefunden werden, das moderne Leben mit der jüdischen Individualität zu verschmelzen, sodass man nicht entweder modern oder Jude, sondern jüdischer Moderner ist. Hier ist ein reiches Feld für jüdische Denker und jüdische Künstler zur Betätigung ihres Könnens und Wollens. Mir will es scheinen, das es dem westeuropäischen Juden an einer in sich gefestigten harmonischen Weltanschauung gebricht. Reform und Orthodoxie sind beide zu trocken, zu poesiearm, zu kalt fürs Herz. Es fehlt hier das Erwärmende, Kraftvolle, Beseligende, es mangelt an grossen greifbaren Idealen, und daran krankt die ganze jüdische Erziehung. Wir, die wir eine echt jüdische Erziehung genossen haben, besitzen einen Reichtum an Erinnerungen, zu denen wir immer wieder zurückkehren, und wenn wir religiös noch so frei denken, die Liebe zum Judentum, zu seiner Geschichte und Litteratur behalten wir fürs ganze Leben. Für die Jungen ist oft das ganze Judentum zu einem Schemen, zu einem toten Schatten geworden, den sie mit sich schleppen. Sie haben keine jüdische Poesie, keine Jugendideale, zu denen sie sich in schwererer Stunde flüchten können. Man hat das Judentum in den letzten Jahrzehnten zu einer blossen Konfession herabgewürdigt, hat es ausschliesslich in den Tempel verbannt; das war ein Fehler, denn man hat ihm damit den Lebensnerv abgeschnitten. Es ist gewiss ungerecht, ja auch töricht, die Führer der Assimilation als Verräter des Judentums hinzustellen. Die grössten Assimilanten, Geiger, Holdheim, Philippson und Jellihek, waren, von ihrer wissenschaftlichen Bedeutung ganz abgesehen, ihrem Herzen nach ausgezeichnete Juden. Sie haben es gewiss gut gemeint und sie versprachen sich von ihren Bestrebungen eine Verjüngung Israels. Aber sie waren schlechte Psychologen und sie sahen nicht, dass sie der Judenheit das Beste, die Individualität, raubten. Ständen diese Männer heute vom Grabe auf, sie würden den tiefsten Schmerz über die Früchte ihrer Werke empfinden. Heute gilt es nicht zu schmähen und zu streiten, wer die Schuld hat, sondern zu heilen. Hier ist ein Gebiet, auf dem Orthodoxe und Reformer, Zionisten und Antizionisten gemeinsam arbeiten können, vorausgesetzt, dass sie das Judentum lieben und es erhalten möchten. Das Werk muss, wie alles Grosse und Gesunde, bei der Jugend anfangen. Wir brauchen eine bessere, mehr seelisch zugeschnittene jüdische Jugenderziehung, wir brauchen gute jüdische Erzählungen, gute jüdische Gedichte, die wir der Jugend in die Hand geben können, wir brauchen eine Neubelebung der jüdischen Poesie, das Erwachen der jüdischen Seele, mit einem Worte: eine Art jüdischer Renaissance. Aber auch für die Erwachsenen brauchen wir eine durchgreifende Reform des Lebens, eine Erstarkung des Charakters, eine gesunde Nahrung für Herz und Geist, Wir brauchen eine jüdische Kunst, eine