Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 3 (1903)
- Issue
- Heft 7 (Juli 1903)
- Article
- Zur Psychologie des Renegatentums
- Date
- 1903-07-01
- Page
- Seite 461 - 462 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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46 L Fabius Schach: Zur Psychologie des Renegatentums. 462 jüdische Litteratur und eine volkstümliche jüdische Wissenschaft. Gestehen wir es ein, wir haben keine Ursache, auf unsere Presse und noch weniger auf unsere Belletristik stolz zu sein. Es ist oft unglaublich, was alles als jüdische Litteratur angepriesen wird. Was ist in Deutschland-Oesterreich seit Leopold Kompert und Aron Bernstein für die schöne jüdische Litteratur geschehen? So gut wie nichts. Warum? Weil der Boden für Erzeugung von Talenten schlecht gedüngt war, und wreil die jüdischen Schriftsteller miserabel honoriert werden und auf keine Anerkennung zu rechnen haben, nicht einmal im eigenen Kreise.» Es ist geradezu tragisch, wenn man oft sieht, wie jüdische Schriftsteller auf fremden Gebieten stümpern und dilettieren, während sie auf dem Gebiete des Jüdischen, wo ihre ganze Kraft und Individualität wurzelt, Grosses, Ganzes schaffen könnten. Man hat hier das Gefühl, als wenn edle Pflanzen auf fremder Erde qualvoll vegetieren. Hier könnte durch Schaffung von Vereins Verlagen, durch Preisausschreibungen, billige Publikationen und aufklärende Vorträge, Vorlesungen und Rezitationen etwas geschehen. Das alles sind Dinge, die wir sehr brauchen, aber noch mehr brauchen wir das jüdische Haus, d. h. das mit Schönheit und Harmonie geschmückte jüdische Heim, in dem sich das jüdische Leben zu Hause fühlt und sich frei entfalten kann. Und wir brauchen jüdische Mütter, noch mehr als jüdische Väter, d. h. Frauen, denen das Judentum ein Teil des Gemütslebens ist. Denn nur solche Frauen sind befähigt und berufen, die Jugend zu den Höhen des Lebens zu erziehen. Das Ziel ist, wie bei allen grossen Fragen, nicht leicht zu erreichen, und es wird sicherlich viel experimentiert werden, bis das Richtige gefunden ist. Aber dieses grosse Kulturwerk soll und muss kommen, wrenn das Judentum als lebendiger Organismus erhalten werden soll. AFFEN Von Max Ob wohl jemals ein unglücklicherer Mensch gelebt hat als der Affen-Cohn? Vom Elend war er so eingeduckt, sein Rücken so krumm und gebeugt, dass er nur ein schmächtigea Stückchen vom Himmel und der Sonne erspähen konnte. Die schmutziggrauen Haare standen wie ein Zuckerhut auf dem Kopfe, der gar keine Augen zu haben schien, sondern nur eine Nase, ein gelbes, hässliches Ding, das über die schmalen, weissen Lippen störend hinausragte. Der Rumpf war zu kurz, die Arme zu lang, der Kopf zu gross und die Ohren zu winzig. Und darum hatte man ihn in Stolzenhagen den Affen-Cohn genannt. Er wusste und hörte es täglich, wenn die Kinder ihm seinen Schimpfnamen lachend und kreischend in die Ohren gellten. Dann wurde er vor Aerger womöglich noch kleiner und eingeschrumpfter. Dann keuchte er unter dem Lumpensack, den er trug, in ohnmächtiger Wut. Die heissen, brünstigen Thränen liefen ihm an den gelben, stoppligen Backen herunter. Und er konnte sie nicht einmal abwischen, weil er mit beiden Händen an seiner Last zu schleppen hatte. Endlich war er zu Haus. Die Jungen und Mädchen COHN, ochdorf. standen johlend und gröhlend um ihn herum. „Affen-Cohn, Affen-Cohn", ging es durch die Schar, und jubelnd und hüpfend zogen sie ab; denn Affen- Cohn hatte krachend und mit letzter Anstrengung die Thür zugeworfen. Daheim ging es ihm nicht viel besser. Er war auch hier so brennend überflüssig und jedem im Wege. Seine Frau sah wütend auf Reinlichkeit und stiess und fluchte ihn in die Ecke, wenn er ihrem Besen und dem Schrubber zu nahe kam. , Die beiden Söhne mochten ihn längst nicht mehr. Als Jungens hatte er sie festgehalten. Da mussten sie beten lernen, Th'filin legen und nach Mittag benschen. Jetzt, du lieber Gott, sie verdienten selbst, gaben der Mutter Geld, hatten eigene Mädchen und Absteigequartiere. Da brauchten sie den klapprigen Alten nicht mehr. Und dann, sie konnten es schwer vergessen, dass Affen-Cohn ihr Vater war. Nur einen Tag im Jahr gab es für Affen-Cohn, an dem konnte er halb glücklich sein, auf Stunden sogar vollständig. Das wrar am Versöhnungstage. An dem sass er auf seinem Bänkchen im weissen, wreiten Sterbemantel, auf dem Kopfe das tief fallende Mützchen, das die verrostete Silbertresse umrahmte.