Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
- Journal
- Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
- Volume
- 1920
- Issue
- Heft 2 (Februar 1920)
- Date
- 1920-02-01
- Page
- Seite 28 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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— 28 — phetischen Menschheitsgedanken im Judentum. Die sittliche Pflicht, die die Propheten immer wieder gegen den Kultus betont hatten, hoben auch sie als das Entscheidende hervor. Noch prägnanter, stellte Samuel Holdheim die religiösen Gedanken des mosaischen Glaubens den Gesetzen und Einrichtungen des jüdischen Staates gegenüber. Einen vollen Erfolg hatten diese Gedanken bisher nur in Amerika unter der Führung von J. M. Wise, in Deutschland harren sie noch der Erfüllung. Diese -Erfüllung muß aber kommen, wenn das Judentum lebendige» Fühlung mit dem großen Kreise seiner Bekenner behalten soll. Alle Versuche zur Belebung auf anderer Grundlage sind vergeblich, nur der Tor stemmt sich gegen das Rad der Zeiten, und die heutige Zeit, die von religiösem Suchen erfüllt ist, bildet den entscheidenden Wendepunkt in der Geschichte, des deutschen Judentums* Sie alle, die nach dem Glauben wieder ringen, verlangen als Grundlage das innere Erlebnis und den. Ausdruck der Menschenliebe. Den Richtungen der Orthodoxie und des Liberalismus, welche beide das Judentum als religiöse Gemeinschaft betrachten, steht der Zionismus gegenüber, der im Laufe der Zeit eine rein völkische Institution geworden ist. Als Herzl sein Buch vom Judenstaat .schrieb, da schwebte ihm. eine gesicherte Heimstätte für die Juden vor, die die Verhältnisse vaterlandslos gemacht hatten, er erhoffte weiter durch Abwanderung aus allen Ländern ein Nachlassen des Druckes, der auch in den westlichen Demokratien auf den Juden lastete. Er schuf das seither so viel und so häßlich miß^ brauchte Wort „Assimilanten" für die Juden, die getreu den Vorschriften des Glaubens religiöse Anhänglichkeit an ihr Judentum mit Treue zu dem Staate verbanden, dem sie angehörten. „Die Gesetze des Staates sind auch religiöses Gesetz" lehrt der Talmud und drückt damit aus, daß das Judentum eine rein religiöse Institution sei, und der Jude als Bürger treu die Gesetze seines Staates, in dem er lebt, zu befolgen haben. Der Zionismus hat ein vielfältiges Gesicht. Betont Achad Haam ein rein geistiges Zion, einen Sammelpunkt für die Anschauungen der gesamten Judenheit, so steht Jakob Klatzkin auf unentwegt nationalistischem Boden, der das Judentum als rein nationale Einrichtung betrachtet, die unter Ablehnung jeder Kompromißstellung in der Forderung des rein nationalen Staates gipfelt. Er verneint, daß ein Jude außerhalb des jüdischen Anschauungskreises' denken könne und er fordert Ablehnung jeder Anteilnahme an außerjüdischnationalen Bestrebungen. Wie Paulus aus dem Judenchristentum das dogmatische Christentum formte, so gestalteten die Zionisten nach Herzl die heutige Form des Zionismus.