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Ben Chananja · 1862-01-03 · 1 (3.1.1862) · p. Seite 3

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ben Chananja
Volume
5 (1862)
Issue
1 (3.1.1862)
Date
1862-01-03
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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3 den erschienDiesem trostlosen Zustande trat M. mit bewußter und beherzter Opposition entgegen. ״Wie sehr M.", sagt sein Biograf, ״den Jargon haßte, geht aus einem Briefe an den Assistenzrath Klein vom 29. August 1782 hervor, den uns Dorow in seinen Denkwürdigkeiten aufbewahrt hat. Es ist darin die Rede von der Vermahnung der Juden, welche bis dahin in sogenanntem Jüdisch-Deutsch dem Schwörenden vorgelesen wurde. M. schlug eine Ver- Mahnung in : :man Deutsch vor, ein damals lebender Rabbiner äußerte aber der Behörde Bedenklichkeiten dagegen. M. sagte: ״dagegen würde ich es sehr ungern sehen, wenn, nach Herrn F. Meinung, die jüdisch-deutsche Mundart und die Vermischung des Hebräischen mit dem Deutschen durch die Gesetze autorisirt werden sollte. Ich fürchte, dieser Jargon hat nicht wenig zur Unsittlichkeit des gemeinen Manneö beigetragen, und verspreche mir sehr gute Wirkung von dem unter meinen Brüdern aufkommenden Gebrauch der reinen deutschen Mundart. Wie würde es mich kränken, wenn die Landesgesetze selbst diesem Mißbrauch beider Sprachen gleichsam das Wort redeten! Lieber mag Herr F. sich Mühe geben, die ganze Vermahnung in reines Hebräisch zu setzen, damit sie nach Beschaffenheit der Umstände rein deutsch oder rein hebräisch oder auch in beiden Sprachen abgelesen werden kann Der erwähnte F. muß jedenfalls ein hervorragender Mann gewesen sein, da die Regierung auch ihn zu Rathe zog. Seine Vorliebe für das Jüdisch-Deutsche erklärt sich leicht aus der Bitterkeit, nch welcher zu jener Zeit und noch viel später allgemein verehrte Rabbinen, wie Ezechiel Landau, Nehemias Trebitsch und Moses Svfer die um sich greifende Sprachneuerung tadeln. Letzterer meint sogar, daß auch die früheren Rabbinen verschiedener Sprachen kundig waren, daß sie aber die Sprachen absichtlich entstellten, um mit dem in der jerusalemischeu Gemara erwähnten Verbote deS Gebrauches fremder Sprachen nicht in Kollision zu gerathen. Dies äußerte er in einem Schreibeu v. 9. April 1839 an das Pester Rabbinat, an dessen Spitze Schwab stand. R. Moses selbst, welcher weder diplomalische noch delatorische Reisen machte, gewann auch zu sprachlichen Studien Zeit, und erging sich zuweilen in etimologischen Forschungen. Er ergreift mit Vergnügen die Gelegenheit, den Rabbiner Moses Elias in Kereßtur über die Bedeutung deS Stadtnamens K o n st a n t i n o p e l zu belehren: es bedeutet so viel, als das große Konstantina, denn ״Nopel heißt groß")!!" Mit welch glücklichem Erfolge der Versuch Mendelssohn's, die rein deutsche Sprache bei den Juden in Deutschland einheimisch zu machen, gekrönt ward, ist hinlänglich bekannt. Rein sprachlich betrachtet könnte dies allerdings für eine bloße Restauration gelten, indem sich die Sprache der deutschen Juden von der der Christen im Mittelalter nicht unterschied, und R. Jsserlein in Wienerisch-Nenstadt noch in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts bei den deutschen Juden eine korrekte deutsche Aussprache voraussetzt 1'2). Von Nation. Standpunkte beurtheilt sind aber die nachmendelösohnischen deutschen Inden in einem ganz andern Sinne Deutsche, als eS ihre Väter im Mittelalter waren. Sie sind im eigentlichsten Sinne des Wortes n a t i o n a l i s i r t. Das deutsche Wesen ist bei ihnen nicht nur in der Sprache, sondern in allen LebenSsfären ausgeprägt. Ihre Haltung und Kleidung, ihr Unterricht und ihre Jugenderziehung, ihre Schulen und ihre Katechismen, ihre Synagogen und ihre Predigten, ihre Gelehrsamkeit und ihre Gründlichkeit, ihre wissenschaftlich-theologische Literatur, ihre Zerklüftung und ihre Doktoren, ihr Kritizismus und ihre Romantik — alles manifestirt den durchaus germanischen Charakter der deutschen Juden. Die Orthodoren in Deutschland haben das in der jerusalemischeu Gemara erwähnte Sprachenverbot, - welches ihrem Landömanne, der in der Geburtsstadt Göthe's das Licht der Welt erblickt hatte, noch 1839 nicht aus dem Sinne gehen wollte, — längst vergessen. Wenn manche ihrer literarischen Repräsentanten sich zuweilkn über die Gesetze und den Geist ihrer Muttersprache hinaussetzen, so thun sie dies durchaus nicht, um nach der Marime R. Moses Sofers durch Radebrechnng der Sprache mit der jerusalemischen Gemara auf friedlichem Fuße zu bleiben, sonder ans anderen, eben nicht schwer zu errathenden Gründen. Sonst tritt der Germanismus der deutschen Juden gerade bei ihren orthodoren theologischen .Schriftstellern am stärksten vor. Sie sind die jüdischen Hellenisten der Gegenwart. Von deutschen Anschauungen durchdrungen merken sie nicht, daß sie Manches für altjüdisch anpreisen und einprägen, was eigentlich deutschem Boden entstammt ist! Indem Mendelssohn auf eine erfolgreiche Weise die Germanisirung der deutschen Juden einleitete, hat er sich unstreitig nicht nur um diese, sondern auch um die deutsche Nation und um die europäische Kultur überhaupt hohe und unverwelkliche Verdienste erworben. Im Jahre 1801 sah dies selbst Fichte noch nicht ein: er sagt, daß Mendelssohn ״ohne Zweifel weit mehr Ernst und Reinheit der Gesinnung hatte, als Nikolai; aber dieselbe Beschränktheit des Geistes, der Einsicht und des Zweckes Ganz anders nrtheilt Rosenkranz 1839! Seine hierauf bezüglichen Worte lauten: ״Für das Emanzipationswerk kann der Jude nicht hebräisch schreiben. In der Sprache seiner Väter kann er auf die Nationen, unter welchen er lebt, nicht zu wirken hoffen. Er muß also ihrer Literatur sich anschließen, ihre Sprache, so gut es geht, zu seiner wirklichen Muttersprache machen und durch solche Theilnahme der fremden Volksthümlichkeit auch geistig sich einverleiben.

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