Ben Chananja
- Journal
- Ben Chananja
- Volume
- 5 (1862)
- Issue
- 1 (3.1.1862)
- Date
- 1862-01-03
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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4 Damit drängt sich die Frage auf: soll ein Volk demjenigen, der in seiner Sprache, nicht nur in seinem Lande, heimisch ist, dessen Schriften es als einen Stolz seiner eigenen Literatur nennen muß, den Genuß seiner bürgerlichen Rechte nicht zugestehen? Können wir z. B. Mendelssohn aus der Geschichte des deutschen Geistes ausschließen? Mendelss o h n ist der erste Deutsche m o b e r n c Jude. Das ist seine welthistorische Bedeutung, und die Bahn, die er gebrochen, hat sich bis in's Unendliche hin erweitert." Gleichwol ist Bruno Bauer noch 1843 in so hohem Grade befangen und in so geringen! Maße deutscher Patriot, daß er die Einwirkung M.'s auf die Juden ״unfruchtbar und ein erfolgloses Spiel" nennt, ״da sie nicht eine neue, menschliche Idee zur Basis hatte ")." Die Idee der Nationalisirung einer ganzen seinem Vaterlande entfremdeten Volksklasse war dem deutschen Dialektiker nicht neu und nicht menschlich genug! Die Germanisirung der Juden in Deutschland kam nur allmälig zu Stande, und geschah dies wol nicht allenthalden ans gleich durchgreifende, vollständige Weise. Dr. Anton R6e gab noch 1844 eine höchst interessante und lesenswerthe Monografie über ״die Sprachverhältnisse der heutigen Juden" heraus, in welcher er darauf dringt, den besonder» jüdischen Dialekt vollständig a u s allen Klassen der j ü d i s ch e n B e v ö l k e r u n g zu verdrängen. Außerhalb Deutschland's ist dieser Dialekt noch sehr stark verbreitet, so namentlich auch in Ungarn. Die Stützen desselben sind: die träge und bequeme Gewohnheit, die Opposition gegen die reformistisch Gesinnten, der gegen alle Kultur feindselige Chaßidäismus, diejenigen Jeschibot, deren Jünger zum erklnsiven Thalmudstndium angehalten werden, und die herkömmlichen Schulen (Chadarim). In Sätor-Alja-Ujhely besteht eine Musterhauptschule; aber Hunderte von Knaben besuchen Chadarim, weil ihre Väter und Mütter ihre eigene Sprache auf ihre Kinder vererben wollen. Es ist indeß auch das deutsche und ungarische Element stark unter den Juden vertreten; jenes in einigen größeren Städten, dieses in allen ungarischen Gegenden. Aber wie sich gebildete ungarisch redende Juden, gleich den gebildeten christlichen Ungarn, die deutsche Sprache aneigneu, so versäumen auch die deutsch redenden Juden nicht, sich selbst oder doch ihren Kindern eine möglichst gründliche Kenntttlß der ungarischen Sprache zu verschaffen. Auch sie thun in dieser Rücksicht nur dasselbe, was die deutschen Christen thun; und diese wie jene haben hierbei nur das wohlverstandene Interesse ihrer Kinder vor Augen. Wie sollte auch ein vernünftiger Vater seine Kinder nicht zur Erlernung der Sprache anleiten lassen, welcher sich im Sinne deS Gesetzes der höhere Unterricht, die Verwaltung und Gerechtigkeitspstege bedient, und die im soziale!! Leben unentbehrlich ist? — Nichts in der Welt ist daher alberner, als der deutschen Fraktion unter den ungarischen Juden zuzumuthen, daß sie deutscher sei, als die deutschen Christen in Ungarn. Nicht einmal durch politische Wohldienerei kann diese Zumuthung gerechtfertiget werden. Die ungarisch-nationellen Bestrebungen der ungarischen Juden hängen, — ganz abgesehen von der Emanzipationsfrage, — mit der materiellen Eristenz derselben und mit ihrer sozialen Stellung so genau zusammen, und sie sehen dies so klar ein, daß die hochtrabendsten Fräsen nnberufener Rathgeber sie nicht irre machen können. Diejenigen, die aus dem Kreise des vormendelssohnischeu ״Deutsch" in den Kreis des Ungarnthums treten, bringen weder ״deutsches Wesen", noch ״deutsche Kultur", noch ״deutsche Wissenschaft" zum Opfer. Diejenigen thun es aber noch weniger, die wirklich im Besitze deutscher Bildung sind, und sich mit der ungarischeü Sprache und Literatur, so wie mit der ungarischen Anschauung vertraut machen. Sie verfolgen — jeder in seinem Fache — die Fortschritte der nicht genug zu rühmenden deutschen Wissenschaft mit aller Aufmerksamkeit, selbst wenn sie, gleich den gebildeten deutschen Christen in Ungarn, weit entfernt sind, Franz Deäk für einen Rabulisten zu halten. Anmerkungen. ') 4. Jänner 1786. 5) Kant's S. W. 12. 86. 3) Orientalische und exegetische Bibliothek 22, 46. ') Briefe das Stndium der Theologie betreffend 1, 129 der Wiener AnSg. 5) S. anch: Mos. Mendelssohn als Schriftforscher in ״Ben El,an." 1. 385—391. 6) Kant's S. W. 11 . l6. ׳) Kabinctöordre vom 9. Dezember 1823: ״Leranlaßt durch die anliegende Borstellung eines Theils der hiesigen Jndengenieinde und in Beziehung ans meine Ordre vom 12. Dezember 1817, bestimme ich hierdurch wiederholentlich, daß der Gottesdienst der Juden nur in der hiesigen Synagoge und nur nach dem hergebrachten Ritus ohne geringste Neuerung in der Sprache und in den Zeremonien, Gebeten und Gesängen, ganz nach dem alten Herkommen gehalten werden soll. Ich verpflichte Sie ganz besonders darauf zu halten und durchaus keine Sekte unter der Jndenschast in meinem Staate zu dulden. An den Ministcr des Innern v. Schuckmann gcz. Friedrich Wilhelm. s) Die Petition ist bei F. Heinickc. Deßauerstraße Nr. 5 in Berlin gedruckt. Vcrgl. bes. S. 14 ff. S. 53. '׳') G. Bortr. S. 437, 438, 443. Michaelis sagt ״die jüd. Nation hat mehr vom oberländischen Dialekt behalten, selbst bis ans den Ton (Bibl. 22 . 47)." י°) Mcndelss. S. W. 1 . 26. ") Zion le-Nefesch Chajia zu Ber. 28, b. Schclom Jerusch, zu Sabb. 1. 1. Chatham Sofcr III. 2. 11.: אף בכונה שבשו הלשונות das. Nr. 13: נאסיל פי‘ גדולה באותו הלשון. n) Kethab. 142 Es handelt sich daselbst um die Frage, ob die Namen der deuschen Städte, die aus ״Burg" enden, in Scheidebriesen mit Knf oder mit Gimel geschrieben werden. Bon einer eigen-