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Ben Chananja · 1862-01-03 · 1 (3.1.1862) · p. Seite 2

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ben Chananja
Volume
5 (1862)
Issue
1 (3.1.1862)
Date
1862-01-03
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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2 Näher steht er dem Judenthnme als Uebersetzer und Erklärer mehrerer biblischer Schriften: er übersetzte bekanntlick den Pentateuch, die Psalmen und das Hohelied, und kommentirte den Prediger. Auch ist nicht zu leugnen, daß er die Erforschung des natürlichen Schriftsinues, deren Feld seit Isak Abravanel fast ganz brach lag, zur Aufgabe seiner Eregese machte. Seine ercgetischen Arbeiten zogen auch die Ansmerksamkeit christlicher Bibelforscher auf sich. Ehristian Gottlob Meyer (ein Judenchrist aus Posen) hat, ״von berühmten Gelehrten aufgemuntert" )780 in Göttingen die Probebogen der Thoraübersetzung in deutscher Schrift mit Uebersetzung der hebr. Einleitung und des hebr. Kommentars herausgegeben. Er sagt von der M.'sehen Uebersetzung: ״Sie gefällt dem Unwissenden, ergötzt den Gelehrten, und der Kenner bewundert sie." Die Anzeige der M.'scheu Psalmen leitet Johann David Michaelis mit den Worten ein: ״ES ist nicht nöthig, die Leser auf dieses Buch aufmerksam zn macoen, denn seines Verfassers Name ist wol schon allein genug, ihm nicht bloß Aufmerksamkeit, sondern auch gute Aufnahme zu verschaffen^)." ״Den ehrerbietigen, filosofischen Ton" des Kornmentars zum Prediger, der rücksichtlich der klaren und fließenden Darstellung unter den hebr. Kommentareu nicht viele seines Gleichen hat, wünscht Herder ״maueben christlichen Auslegern Unter den jüdischen Schriftforschern haben sich Männer, wie Hartwig Wessely, Salomon Dnbno und Jo6l Löwe den eregetischen Arbeiten M.'s angeschlossen und seine Superiorität bereitwillig anerkannt. Allein so wenig auch M. als Schriftansleger seinen bewährten Takt und seinen geläuterten Geschmack verleugnet, so ist er doch aus diesem Gebiete eben so wenig schöpferisch und bahnbrechend ausgetreten, als auf dem Gebiete der silosofischeu Spekulation. Was ihm hier Leibnitz und Wolff waren, waren ihm dort die nüchterneren jüdischen Bibelerklärer des Mittelalters. Und obwvl Alerander v. Humboldt die Psalmen nach der M.'scheu Uebersetzung zitirt, so werden doch die »stichhaltigen originellen Resultate der Schriftforschnng Mendelösohn's auf ein nicht sehr erhebliches Minimum zu reduzireu sein 5). Viele haben M. als einen der Urheber und Väter der religiösen Reform gepriesen, Andere haben ihn als Reformator geschmäht. Beides mit Unrecht! Betont er's ja in seinem Jerusalem mit scharfem Nachdrucke, daß jeder Nachkomme Jakob's mit all seinem Thun unlösbar und mnvaudelbar an die Bestimmungen des Gesetzes gebunden sei, von dessen strenger Beobachtung der Einzelne weder sich selbst befreien, noch durch den Spruch der Gesammtheit befreit werden könne! Eine tief eingreifende antirabbinische Reform strebte er allerdirrgs an, indem er jeden Zwang aus dem jüdisch-religiösen Leben verbannt wissen wollte. In Bezug hierauf schrieb ihm Kant unterm 18. Aug. 1783: ״Ich halte dieses Buch (d. Jerusalem) für die Verkündigung einer großen ob zwar langsam bevorstehenden und sortrückenden Reform, die nicht allein Ihre Nation, sondern auch andere treffen wird. Sie haben ihre Religion mit einem solchen Grade von Gewissensfreiheit zu vereinigen gewußt, die man ihr gar nicht zugetraut hätte und dergleichen sich keine andere rühmen kann''׳)." Aber die nächste Zukunft brachte weder den Hoffnungen K.'s noch denen M.'s die Stunde der Erfüllung. Die Preußische Regierung erließ 17s8 ein reaktionäres Religionöedikt, später wurde Kant selbst durch eine Kabinetsordre zum Stillschweigen über religiöse Dinge verwiesen, welches er erst 1798 — nach Widerrufung des Religionsedikteö — unterbrechen durfte. Und die orthodoren Glaubensgenossen M.'S waren leider nichtsweniger als geneigt, sich im Widerspruche mit den herkömmlichen Anschauungen zu der von Kant bewunderten GewissenSfreiheit zu bekennen. M. drang also mit seinem Reform- Vorschläge nicht durch. Sein ״Zutrauen" zu den Rabbiuen und Gemeindeältesten, daß nämlich dieselben ״auf alle Religions- und Synagogenzncht gerne Verzicht leisten werden", wurde nicht einmal in seiner eigenen Gemeinde gerechtertiget: der orthodorc Theil derselben scheute sich 37 Jahre nach dem Tode M.'s noch immer nicht, den veredelten Svuagogenknltns als Sektirerei anzuklagen, und durch den Arm der weltlichen Gewalt unterdrücken zu lassen ׳). Aus die hieraus bezügliche reaktionäre Kabinetsordre berief sich dieselbe Partei in ihrer Eingabe vom 23. Mai 1856 gegen die ״unglückseligen Reformen", so daß eS kein Wunder ist, daß eö der Rabbiner A. M. Levin 1858 tvagen durste, ״Namens der altgläubigen Juden und in Vollmacht ihrer angesehensten Rabbiner" mit einer delatorischen Petition gegen die ״Resormjuden" vor daö Preußische Abgeordneten- Haus zu treten, und die Anwendung von ZwangSmaßregeln gegen dieselben zu verlangen^). So wurden M.'s Rathschläge und Ermahnungen in Preußen und Berlin respektirt! Weder durch seine filosofischen und eregetischen Arbeiten, noch durch seine selbst auf die nächste Umgebung kaum oberflächlich einwirkende Anregung zur Reform, sondern als G e r m a n i s a t o r der I n d e n i n D e u t s ch l a n d hat sich Mendelssohn für alle Zukunft unsterblichen Ruhm gesichert. Schon in! 16. Jahrhundert und noch stärker in den beiden folgenden Jahrhund, hatte sich nämlich der Dialekt der Juden in Deutschland zn einer eigenen fogenaunten jüdischdeutschen Mundart ausgebildet, welche wir hier nicht näher zu charakterisiren brauchen. Eine unmittelbare Folge davon war, daß — wie Zunz sagt — die Rabbiuen des 17. und 18. Jahrhunderts eigentlich gar keiner Sprache, folglich keiner verständigen Mittheilung an die Jugend und die Menge mächtig waren, und der deutsche Buchstabe als ein Schre-

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