Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 79 (1938)
- Issue
- Heft 40-41 (7.10.1938)
- Date
- 1938-10-07
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 12 Nr. 40/41 Der Israelit 7. Oktober 1938 „Wenn das westeuropäische Judentum in die Gefahr der seelischen Erstarrung geraten ist, crann darum, weil es sich zu sehr auf die Le benskraft des „Erbes der Väter" verlassen und nicht genügend starke selbstschöpferische Kraft auf eigenem Boden entwickelt hat." (S. 23) Wer ist nicht vom Gegenteil, wenigstens vom ersten Teil des Satzes, überzeugt? Und für den zweiten Teil finden wir fünf Zeilen tieferi „Solch jüdische Kulturschöpfungen — sei es als wissen schaftliche oder künstlerische Leistung — haben Juden überall hervorgebracht," „Diese Wirkung (Stolz auf die Religion) muß vor allem auch von der Erkenntnis der Ueber zeitlichkeit der sozialethischen Forderun gett und Pflichten, wie wir sie in Thora und Propheten finden, ausgehen." (S. 89) — Und die anderen Forderungen? „Der Sabbat ist uns das Symbol des Bundes zwischen G'tt und Israel schlechthin; er steht uns darum höher als seine Riten, und unter die sen, als Symbolen zweiten Grades, stellen wir die zuhöchst, die uns den Sabbat erleben lassen, gegenüber denen, die der talmudischen Logik ihr Dasein verdanken und als „Zaun um da; Gesetz" gedacht sind." (S. .90) S. 103 werden als Thema für eine Behandlung im 1.18. Schuljahr gestellt: „Kann man von einer Entwicklung des jüdischen G'ttesgedankens sprechen?" oder für die Altersstufe unmögliche Probleme gegeben wie: „Ha* der Mensch einen freien Willen, oder ist sein Schicksal von vornherein bestimmt?" „Gibt es eine Notlüge?" S. 150 ff. wird ein Unterrichtsbeispiel für den Deutschunterricht geboten, dasselbe übrigens, das bereits auf der Lehrertagung vor zwei Jahren in Berlin vorgeführt wurde und dort die gänzliche Ablehnung durch gesetzestreue Lehrer gefunden hat. Trotzdem wird es hier abgedruckt! Thema: Das Gebet. Wir lesen u. a.: „Es kommt nicht darauf an, daß man zu bestimmten Stunden betet, sondern daß man aus dem Herzen betet." Das vorgeschriebene Gebet „sagt einem doch nichts, das entspricht doch oft gar nicht der Stimmung." Ausklingend kommt die Stunde zu dem Problem: Kann die Religion ohne Zeremonien bestehen?, dessen Beantwortung uns sehr interessiert hätte. Aber das sei das Thema der nächsten Stunde, und die ist nicht mehr beschrieben! „Gewiß ist G'tt schon in der Thora ein heiliges Wesen; aber am reinsten tritt seine Heiligkeit im Prophetismus hervor." (S. 158.) Und solcher Beispiele mehr. Wie gessgt: wir wollen nicht nun alles ablehnen! Aber man muß ZUgebeni daß schon mit den gebotenen Beispielen das gesetzestreue Judentum in seinen Hauptlehren auf das empfindlichste getroffen wurde! Wir greifen ja gar nicht an, wir verteidigen nur unser wertvollstes Gut, unser Selbst, unsere Weltanschauung, die hier schwerstens verwundet wurde! Wir nehmen gern eine Didaktik der jüdischen Schule entgegen, aber diese, hier können wir zum Teil leider nicht anerkennen. Wir glauben auch nicht, daß hier mit Absicht Fehler gemacht worden sind; es hätte sich nur darum gehandelt, wie zionistische und liberale Lehrer so auch uns — und zwar für die Religion und religiöse Redaktion — hinzuzuziehen. Gern sei betont, daß z. B. der Verf., des Kapitels über Kunstunterricht — und er nicht allein — wesentlich unsere Stellung. einnimmt und dai traditionelle Moment in den Vordergrund stellt. Wir halten die „Didaktik" didaktisch auch für eine durchaus anerkennenswerte und gute Leistung (wenige Mängel s. o.), aber wir hatten die Verpflichtung, den orthodoxen Lehrer vor den Partien zu warnen, die er nicht anerkennen kann, und auf Aeußerungen hinzuweisen, die schädlich sind. Die Vereinigung der Familie fger. Von Arthur Posner in Jerusalem. Familiengeschichte im weiten Rahmen und Räume findet erst in den letzten Jahrzehnten wahre Pfleg' innerhalb der jüdischen Reihen, Oft haben nur Ge bet- und Erbauungsbücher, die Eintragungen der Fa milie enthielten, weil sie sich vererbten, die Erinnerung an . die Ahnen unvergessen gemacht. Um so bemerkenswerter ist es, daß schon vor 25 Jahren die große Schar der Nachkommen des Po sener Oberrabbiners Rabbi Akiba E g e r , dessen 100. Todestag sich am 13. Tischri 1937 jährte," di Erinnerung ihres großen Ahnen auch innerhalb di Räumlichkeiten und im Geiste ihres Familienkreises erhalten wissen wollte und sich zu diesem und an deren Zwecken zur „Vereinigung der Familie Eger zusammenschloß. Als der 11. Cheschwan 1911 herannahte, gedachte man allenthalben**) des 150. Geburtstages von R Akiba Eger, der in Eisenstadt geboren, dort und in Breslau ausgebildet, als Privatgelehrter in Lissa lebte und als Rabbiner in Märkisch-Friedland und Posen tätig war. Einige Angehörige des Familienkreises der Eg< awren aus diesem Anlaß zusammengekommen, „um über die Frage zu beraten, in welcher Weise di Geschichte der Familie Eger gepflegt und in weiteren Kreisen der Familie das Interesse für diese G schichte geweckt werden könne". Man ließ' sich hierbei von der Erkenntnis leiten, daß der Stamm dieser Familie in der Hingabe an die biblisch-talmu dische Wissenschaft wurzelte, daß die Aeste ab« in alle Gebiete des modernen Lebens hineinragten, daß zu ihnen Gelehrte und Kaufleute, Industrielle und Techniker gehören, die zerstreut sind in alle Teile der Welt und deren Zusammengehörigkeit nur auf der Abstammung von der überragenden P< lichkeit R. Akiba Egers beruht. Diese Männer erließen nun . ein Rundschreiben an Angehörige der Familie und zitierten in ihm ein< markante Stelle aus der letzten Biographie ihres großen Ahnen. Sie verweisen auf die Vorfahren des Meisters, unter denen sich hervorragende Gestalten des jüdischen Lebens bereits gefunden haben. Sie deuten kurz den Zweck der Gründung einer „Vei einigung der Mitglieder der Eger'schen Familie" a und laden zu einer Versammlung ein, für Donnerstag, den 20. März 1913, nach Berlin. Zu den Unterzeichnern dieses ersten Rundschrei bens gehören u. a. Rabbiner Dr. J. Bleichrode (Ber lin, jetzt Jerusalem), dessen Großvater Naftali Zw Bleichrode Werke von Rabbi Akiba Eger herausge leben und dieser Ausgabe eine Biographie beigefügt latte, Siegfried Caro, ein Nachkomme des R. Isaac Caro, der eine neue Gutachtensammlung 1888 herausgab, Rechtsanwalt Dr. Richard Otto Frankfurter, der Sohn der Schriftstellerin Ulla Wolff-Frank, die mütterlicherseits Enkelin des R. Akiba Eger ist und die ihrem Großvater in ihrer Novelle „Naemi Ehrenfest' (Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur 8 Band, Berlin 1905) ein ehrenvolles Denkmal setzte. Fritz Engel, Redakteur des Berliner Tageblattes, die Brüder Dr. med. Joseph Eger und Rechtsanwalt Dv Eger, und viele Namen von Klang sind in dieser Unterschriftenliste anzutreffen. Das Rundschreiben fand reiches Echo. Zu der ein berufenen -Versammlung am 20. März 1913 trafen sich in Berlin etwa 250 Familienangehörige. Sie kamen aus Berlin und' den verschiedensten Teilen Deutsciilands, aber auch aus Oesterreich, aus Rußland und den polnischen Teilen dieses Reiches. Die Einberufer nahmen zunächst an einer besonderen Tafel Platz, deren Schmuckstück ein altes Oelbild des großen Ahnen Rabbi Akiba Eger" bei den Erschienenen pietätvolles Interesse fand. Dr. Joseph Eiger (Berlin! eröffnete die Tagung und begrüßte die Erschienenen. Er schilderte das Familieninteresse der Familie Eger, ein besonderes Gepräge des allgemein anerkannten jüdischen Familiensinnes und berichtete historisch von den Größen der Familie unter Hinweis auf Grabsteine,'Stiftungen und Dokumente, die noch Zeugen einer großen Vergangenheit seien. Nun solle dies durch die zu gründende Vereinigung in ein Svstem gebracht werden, was vornehmlich der Schriftstellerin Ulla Wolff-Frank zu danken sei. Das Interesse an dem Plan sei bereits vielfach bekundet worden, die Brüder Eiger in Warschau und Krakau hatten bereits einen größeren Geldbetrag gespendet, ihnen schlössen sich andere Verwandte an. bemerkenswert sei, daß das Bankhaus Goldfeder in Warschau, dessen Inhaber nicht durch verwandtschaftliche Bande mit . der ,Familie-Eger verbunden sind „aus Verehrung für ..die Persönlichkeit Akiba Egers", ebenfalls eine bedeutende Summe überwiesen habe. *) Der Aufsatz ist auch in den Mitteilungen der „Gesellschaft für jüdische Familienforschung", Heft 19, ^schienen. ■ , **) Unter den Nekrologen finde ich nicht verzeichnet das Werk „Gesa Jeschischim, Klagey\rorte auf die Säulen der Welt R. David von Nowohr^pk und Rabbi Akiba Eger", das der Enkel des R. David mit Namen R. Zemach in Wilna 1845 herausgegeben hat. Die Teilnehmer erhielten einen, Stammbaum der Familie Eger, der rückläufig die Geschichte der Familie bis auf Aron Heller Wallerstein in Wien verfolgte und mit den Kindern von Rabbi A. E. schloß.***) An Hand dieses Stammbaumes entwarf nunmehr Rechtsanwalt Dr. Leo Eger ein. Bild von der Geschichte der Familie Eger bis ozu den leisten gfößen Namensträgern. Er war auch der Verfasser diejes Stammbaumes mit etwa 48 Vorfahren der R. A. E. Im Anschluß hieran wurde den Teilnehmern eine Elegie im Nauabdruck überreicht, die 1637 nach dem Tode des R. A. E. verfaßt wurde, in deutscher Sprache abgefaßt, betitelt: „Trauergedicht über die Hinscheidung des Rabbi Akiba Eger, Ober,landesrabbiner zu Posen von Juda Davidson aus Guttstadt". Der Verfasser, der sonst nicht bekannt ist, scheint mit dem Juda Davidson aus Heilsberg identisch zu sein, der in Danzig 1844 eine Schrift mit dem Titel „Schomer haberith" — über die Beschneidung •— herausgegeben hat. In dem Trauergedicht wird die Weisheit des Toten, sein vielseitiges Wirken in der Gemeinde gerühmt und er „ein seltener Geist, der in Jahrhunderten nur erscheint", genannt. Es endigt;mit den Ergebenheitsgedanken in das Schicksal und erfüllt damit das alte Gebot, auch des Lebens Ernst als vom Höchsten gewollt hinzunehmen. Danach wurde die Gründung beschlossen und die Satzungen in der Hauptsache festgelegt. Zum 1. Vorsitzenden, wurde Dr. Joseph Eiger, zum 2. Sigfried Caro, zu Schriftführern Dr. Leo Eger und Rabbiner Dr. J. Bleichrode, zum Kassenwart Hermann Goldberg, und Dr. Walter Karo gewählt, außerdem 8 Beisitzer. Mehr als 200 Personen erklärten sofort ihren Beitritt. Für den Widerhall der Zusammenkunft sprechen die vielen Briefe und Telegramme, die aus naheu und fernen Orten eintrafen, aus Berlin, Dresden, Posen, Wien, Lemberg, Krakau, Monte Carlo, Nizza, Sereth, Petersburg, Moskau, Riga, Dünaburg, Wilna, Minsk, Warschau, Lazy, Orenburg, Hornel und Jekaterinoslaw. (Schluß folgt.) Bücherbesprechungen. Das jüdisch-religiöse Schulwesen in Polen. Von der jüdisch - religiösen Schule spricht Hillel Seidmann in seinem Werke „Das jüdisch - religiöse Schulwesen im Rahmen der polnischen Gesetzgebung" (Verlag Chorew, Warschau). Wir lesen darin viel Wissenswertes über die Struktur des C h e d e r und der Bes Jakow- Schulen, ihr Schülermaterial und Lehrpersonal. Sabbat und religiöses Leben der jüdischen Schüler in den Regierungsschulen kommen noch nicht gan2 zu ihrem Rechte, doch hat, so erfahren wir aus dieser Schrift, die Agudas Jisroel sich, nicht ganz umsonst nach dieser Richtung bemüht und hat gute Anfangserfolge zu verzeichnen. Eine dem Buche beigegebene Sammlung von Verordnungen und Rundschreiben in polnischer Sprache macht es als Wegweiser für jüdische Schulleiter in Polen über den orthodoxen Kreis hinaus Unentbehrlich. Die Zeitschrift »l'O bringt in ihrem neuesten Heft (II. Jahrgang, Heft 4) Aufsätze, die den beiden Größen Chiefrabbi A. J. K o k — 3. Jahrzeit am 3. Ellul — und Rabbi Jizchak Jakob Reines — 23. Jahrzeit am 10. Ellul — gewidmet sind und druckt auch Neues oder schon Veröffentlichtes, aber schwer Erreichbares ab. Auch das neue Werk von Raw Kook — oroth hakodesch —, das kürzlich in Fortsetzung der Gesamtausgabe erschien, wird gewürdigt. Ueber den Prosbul schreibt der Herausgeber Raw Fischman, der auch seine Artikelreihe über den Misraehi fortsetzt. 130 Seiten vielseitigen und anregenden Inhaltes. A. P., J. crana» n->mr\s ö'-p» 'p»n mara 'Kita a?nax pmn bn ma» h«sw 'Dnaaa Diese Broschüre von 48 Seiten bietet mehr, als man ihr äußerlich ansehen möchte. Unä der Verfasser, der den Lesern dieses Blattes' nicht unbekannt ist, wird sich zu seinen alten Freunden neue Zugewinnen, die mit ihm jetzt die Luft des heiligen Landes atmen. Frische, von Liebe und Schmerz erfüllte Lieder, bissige, oft wahre, oft übertriebene Aphorismen — man soll sie draußen nicht zu schwer neh- .men, wenn sie Spuren von Resignation und Enttäuschung aufweisen —, lebendige Briefe voller An-;chaüung und guter Schilderung, auch voll von weitem Horizont, den der Einwanderer glücklicherweise mitbringt, einige nicht unpolitische und nicht unpolemische Abhandlungen charakterisieren den Autpr, der die jüdische Vergangenheit kennt, mit der jüdischen Gegenwart hier lebt und für die jüdische Zu- " :unft sich mitverantwortlich fühlt. Ein: Zeitdokument im ganzen, das man nicht verachten möge. A. P., J. **) Außerdem erhielt jeder die volkstümliche Bic graphie über R. A. E. von Dr. L. Wreschner.