Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 79 (1938)
- Issue
- Heft 40-41 (7.10.1938)
- Date
- 1938-10-07
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Feuilleton- Beilage Der Israelit Nummer 40-41 1938 Was ein Esfög wert ist*) Herr von Kirschsteiner hatte die schönste Sukkoh in der ganzen Residenz und gewiß noch weit darüber hinaus. Es war ein hoher, geräumiger Kuppelbau, ausgestattet mit allem Luxus, und einem daran anstoßenden Seitenbau, der das Schlafzimmer enthielt. Ein Druck auf einen Knopf und das Kuppeldach legte sich auseinander und zog sich wieder zusammen. Daß die' Teppiche, Gardinen, Möbel und alle sonstigeri Verzierungen der groß langelegten Einrichtung entsprachen! braucht nicht erst gesagt zu werden. Aber das Interessanteste an dem ganzen Ensemble war doch der Eigentümer dieser Sukkoh selbst, wenn ei* wie "heute im Kreise seiner Kinder und Enkel dasaß, und mit ihnen gemeinsam das Fest unserer Freude feierte. Herr Ignaz von Kirschsteiner war ein mehr als siebenzigjähriger Greis von hoher Statur, und wenn er da im eleganten türkischen Schlafrock, umgeben von den Hauptern seiner Lieben,'seine meerschaumene Jomtof-Pfeife rauchte, so hatte man ein Bild wohlhabender Behaglichkeit und patriarchalischen Familienglückes vor sieh, das selbst den Straßenjungen imponiertet welche die herrliche . Festhütte herbeigelockt hatte, um einige lüsterne 3ücke hineinzuwerfen. Die versammelte Familie, welche ohne die zwei armen Gäste mehr als dreißig Personen zählte, setzte sich aus Kindern und Enkeln zusammoii, unter welchen alle Altersstufen, Yom fünfzigjährigen, bis zum sechsjährigen, - vertreten waren. Der älteste Enkel, der kürzlich das Gymnasium absolviert hatte, und mit dem Beginn des Wintersemesters die Hochschule beziehen sollte,. war dem Großvater besonders ans Herz gewachsene Erviührte den Namen .seines Vaters Wolf, und weArt*-sie ihn auch .draußen Wilhelm nannten, für ihn hatte er. den alten Namen beibehalten. , . .... *,Ich danke.; Dir auch noch, lieber Großvater. für der* schönen Lnlöj und Esrog, womit Du mich heute, kurz, vor Jomtof, überrascht hast," begann der Student.5- „Der Vater hatte zwar schon meine. Arba Minim besorgt, aber, so schön wie die Deinen sind' sie nicht. Du hast uns aber noch gar Tiicht" Deinen Esrog gezeigt dürfen wir ihn nicht einmal sehen?" Der'gute, kluge Junge wußte ganz genau, daß er dem Großvater keinen größeren Gefallen tun konnte^ als diese Bitte an ihn zu richten. Ein schöner Esrog, das war der Punkt, worin der Großvater sterblich war. Herr Ignaz von Kirschsteiner hielt.den Sabbat,.in Jähren, und''die Festtage. Aber unter allen Festen feierte er kei-r nes mit solch ausgesuchter Sorgfalt,'-als gerade das Sukkothfest. "So große Aufmerksamkeit er auch auf seine Sukkoh verlegte, die Vorkehrungen, die er alljährlich traf, um einen schönen Esrog zu bekommen, die mußte man selber beobachtet haben, um sie nur glaublich zu finden. Die Esroghändler weit und breit wußten davon zu erzählen. Wenn ein Esrog; tadellos war und alle die Schönheiten aufzuweisen hatte, die der Kenner an einem Esrog zu schätzen weiß, so war . ihm kein Preis zu hoch. Er hatte niemals "um den Breis:.gef.ei|schti der' ihm für einen schönen Es- *) (.Aus: ,vEine ungekannte WeltErzählungen aus dem jüdischen Familienieben von Judäus. Der erste Band des; von der jüd/sche^.ÖeffentlijChkeit, mit'Freude aufgenommenen. Backe* -enthält ,17 Erzählungen und ist vom Jüdischen ,B^hye^lag..H6^mon/Frankfurt a." M. (525 Seiten stark) zum Preise von Mk. 7.— gebunden, Mk. \(>.i(i 1Broc^:;^ti^b^ieHe'n. - / ^«~k>x">A rog gefordert wurde. So sam es, daß er schon wochenlang vor Sukkoth' ein Prachtexemplar von Esrog für teüres Geld kaufte. Acht Tage später wurde ihm aber von anderer Seite noch ein schönerer offeriert, rer kaufte auch diesen und seine. Nachfolger, die auf dieselbe Art an ihn herankamen. Auf diese Weise hatte Herr von Kirschsteiner bis Sukkoth eine ganze Garnitur von 6 bis 7 ausgesucht schöner Esrogim, die alle so vollendet waren, daß ihm selber am Jomtof' oft die Wahl schwer fiel, für welchen er sich entscheiden sollte. „Ich habe heuer nur sechs Esrogim, lauter Kabinettstücke^ Mufchorim Schebemufchorim.. bei zweien davon habe ich selbst lange geschwankt, für welchen ich .mich entscheiden soll, ich bn doch begierig, ob Ihr den rechten herausfindet." Dabei stand er auf, öffnete., einen kleinen Seitenschrank, nahm sechs schwere, goldene Schalen heraus, welche die herrlichen Früchte enthielten und legte sie der ganzen Tischgesellschaft zur Beurteilung vor. Wolf hatte mit Kennerblick sofort den richtigen getroffen zur großen Freude des Großvaters, der die herrlichen Früchte bald wieder zurückstellte, . damit sie durch' das Betasten der Hände keinen Schaden litten. „Großvater," begann Wolf, als sich alle wie der niedergesetzt hatten, „diese sechs Esrogim kosten doch, schlecht gerechnet, ihre dreihun dert Gulden, warum gibst Dü^ so viel Geld für eine solche Mizwa aus? Du hättest den schönsten unter diesen Esrogim kaufen können und es wäre noch Geld genug.für zwei bis drei Fahrräder übrig geblieben.,Ich habe Dich schon so lange um ein Fahrrad gebeten, aber davon hast Du /nie etwas wissen wollen und mich immer damit vertröstet: „Kommt Zeit, kommt- Rad! Jetzt ist aber die Zeit gekommen, wenn ich auf die Universität soll, die, 25 Minuten von runserer Wohnung entfernt liegt---" „Wolf," unterbrach ihn der Großvater, „wie kannst Du einen Esrog. mit einem Fahrrad vergleichen und beide in einem Atemzuge nennery Weißt Du nicht, daß es jn der Thora heißt; Das ist mein G'tt und ich will ihn auf schöne Weise, verehren, — und daß sich für uns hieraus die Pflicht herleitet, alle Gebote G'ttes auf möglichst ansprechende Weise zu. erfüllen?" „Pardon, Großvater, gewiß; weiß ich dasj aber gerade aus der Stelle aus welcher ich das weiß, ergibt sich mein Befremden. Die Gemoro leitet allerdings aus diesem HSatze die Pflicht einer, möglichst schönen Erfüllung aller Mizwoth ab. Aber sie greift speziell einige Mizwoth besonders heraus und sagt: „Diene G'tt'mit einer schönen Sukkoh, mit einem schönen Lulaf, mit einem schönen Schofar, mit einem schönen Zizis, mit einer schönen Siefer-Thora." Wenn dazu sechs Esrogim gehören, warum hast Du nicht auch sechs Sukkoth, sechs Scboferos und;sechs Sifre-Thora, ja, "warum hast Du sechs Esrogim und nur einen Lulaf, müßtest Du nicht wenigstens auch noch fünf Lulabim haben?" Der Großvater war offenbar nicht - in der Lage, diesen Einwand zu parieren. Lächelnd erhob er den Finger und sprach mit scherzendem Drohen: „Ei, ei, in Dir steckt ja wirklich schon ein ganzer Jurist,, der leibhaftige Staatsanwalt. Du glaubst also wirklich', daß ich für meine Esrogim zu viel Geld; ausgebe und . willst mir das gar aus der Gemoro beweisen? Ich will Dir aus der selben:. Gemoro; beweisen, daß ich für meine se^hs Esrogim noch nicht so viel gezahlt habe; als Räbbon Gamliel für einen einzigen Esrog," V,'\^i.eyiel 'tat Rabbon Gamliel dafür gege^ ben?" - „. : 'V :-J r ' -' \^-'-,,EintaasenävSotts,..4as.!Änfeprii(?jj^ einein. Wert von zirka 75Ö Marfc/'i" •.<;. i.-t ,.».-., ... j „Ah, Du meinst den Fall, in welchem Rabbon Gamliel auf der Reise mit anderen Großen in Israel war und nur schwer einen Esrog beschaffen konnte. Das war aber nur ein Ausnahmefall, keinesfalls hat aber Rabbon Gamliel jedes Jabr .eine solche Summe für einen Esrog bezauit. Es wird auch aus späterer Zeit sich kaum ein Fall anführen lassen, in welchem ein solcher Preis für einsn Esrog bezahlt wurde." „Nur nicht so rasch, mein kleiner Springinsfeld. Als am Anfang dieses Jahrhunderts Kopenhagen von den Engländern blockiert war. konnte die jüdische Gemeinde um keinen Preis der Welt einen Esrog erlangen. Ein Lulaf war aus dortigen Treibhäusern zu haben. Damals setzte die viemeinde einen Preis von 5000 Kronen für die Beschaffung eines Esrog aus, und sie bekam es auch." ' * ' v v „Wie war das möglich?" „Ein Matrose ließ sich durch den hohen Preis bestimmen, bei Nacht und Nebel zwischenden feindlichen Schiffen durch den Belt zu schwimmen, nach Hamburg zu reisen und dort einen Esrog zu kaufen. Er kehrte auf demselben Weg wieder zurück und lieferte zwischen Rosch- Haschono und Jom-Kippur dem Vorstand der jüdischen Kopenhagener Gemeinde den Esrog ab, der ihm dann mit dem vollen, versprochenen Preis bezahlt wurde." „Das ist vielleicht noch ein größerer Ausnahmefall, als derjenige zur Zeit Rabbon Gamliels. Aber man kann doch daraus keine Folgerungen für normale Zeiten und Verhältnisse ziehen!" - ... „Das möchte ich auch nicht behaupten," erwiderte sinnend der Großvater. „Aber damit Du die Bedeutsamkeit, welche ich einem schönen Esrog beilegej nicht für ein gewisses Faible, für einen bloßen Sport hältst, muß ich Euch doch einmal die Geschichte erzählen, welche eigentlich mich dazu geführt hat. Es ist eine merkwürdige, wunderbare Geschichte und,' das Interessanteste daran ist, daß sie wortwörtlich wahr ist; Laßt Euch'zuerst noch eine frische Tasse Kaffee einschenken, denn die Geschichte zieht sich vielleicht ein wenig in die Länge." Herr von Kirschsteiner blies einige mächtige Rauchwolken aus sener Pfeife und begann seine Merkwürdige Erzählung: , t- „In e'fhem ungarischen Dorfe, nicht weit von der berühmten, großen Khille P. lebte ein armer Handelsmann, der sich und seine Frau mit vier Kindern kümmerlich genug ernährte. Er hatte in der Jugend die'; Jeschiwa besucht und noch etwas jüdisches Wissen aus jener Zeit zurückbehalten, woher es,swohl kam, daß. ihn die Leute Reb Itzig nannten. Er lebte schlecht und recht wie eseinemJuden, zukommt, ging jeden Taig nach dem M^rgengeket;;^e^ umliegenden Orte, um altes Eisen, Zinn, Lumpen, Knochen und alles Mögliche und Unmögliche einzuhandeln und kehrte dann abends mit einem Sack voll Ware nach' Hause zurück, um zu Mincha oder jedenfalls ZU Maariw wieder gemeinsam mit der Gemeinde beten zu können. Es fiel wenig ab bei diesem Handel und sein Erträgnis reichte kaum aus, um die Familie kärglich zu erhalten. Da kam Sukkoth. Lulaf, Esrog und Hadassim waren zu jener Zeit besonders teuer, und es war Reb Itzig nicht gesungen, so viel zu ersparen um sich Arba Minirn zu kaufen. Er hatte nicht mehr als einen. Gulden übrig und damit konnte er nichts anfangen. Er verband sich daher mit zwei anderen armen Leuten, um mit ihnen gemeinschaftlich die < vier Pflanzenarten zu erkaufen;5 Das hatte' aber Reb Itzig . den ganzen Jomtof verstört, und er nahm sichJest vor, alles zu tun, damit das nicht wieder vorkomme. - (Fortsetzung folgt.) '