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Der Israelit · 1938-10-07 · Heft 40-41 (7.10.1938) · page 11

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Journal
Der Israelit
Volume
79 (1938)
Issue
Heft 40-41 (7.10.1938)
Date
1938-10-07
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Didaktik der jüd. Schule*). Eine Buchbesprechung von Wilhelm Stern in Berlin. Das Buch, kürzlich im Vortrupp-Verlag, Berlin, erschienen, ist mit Unterstützung der Schulabteilung der Reichsvertretung und des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden herausgegeben worden. Die Schulabteilung der Reichsvertretung hat in ihrer Arbeit wahrend der letzten Jahre die jüdische Lehrerschaft mit einer Menge guten pädagogischen Materials beschenkt und es verstanden, in loyaler Weise die verschiedenen ideologischen Lager zu befriedigen. So ist auch die orthodoxe Lehrerschaft in Deutschland in den Veröffentlichungen der Schulabteiiung der Reichsvertretung zu ihrem Recht gekommen. Zweifellos sind auch für das vorliegende Buch Anweisungen ergangen, keine der Richtung zu benachteiligen, besonders da sich das . Werk mit dem Titel „Didaktik der jüdischen Schule" ein weites Ziel steckt und die Aufgabe zu erfüllen hat, der Schule in all ihren Einzelerscheinungen gerecht zu werden. Es soll hier nicht gefragt werden, ob sich die Herausgabe dieses Buches heute noch lohnt. Wenn es gut ist, so steht es weit über solcher Fragestellung. Diese Zeitung ist ferner kein Fachblatt, in dem den Lehrer interessierende Einzelheiten fachlicher und beruflicher Art angeführt werden müßten. Aber der Jude, und besonders der thoratreue, steht in einem so engen Verhältnis zu seinen Erziehungsgebilden, daß es ihn berührt, inwieweit das Erziehunjfsgeschäft durch eine derartige Veröffentlichung gefördert werden kann. Daher ist hier die'Frage zu untersuchen, ob das Buch das Thema erfüllt, eine Didaktik der jüdischen Schule zu sein, und ob es' also Wesentliches für die Vervollkommnung des Unterrichtes leistet. Das Büch ist in eine allgemeine und eine spezielle Didaktik eingeteilt. Der erste Teil behandelt nach dem Plan, den i. a. auch nichtjüdische Didaktiken einhalten, Probleme der Bildung schlechthin, der Stunden- und Lehrpläne und gibt allgemeine Ueberblicke über den Stand der gegenwärtigen Lehrkunst. Der zweite Teil geht auf die Lehrweise der einzelnen Fächer ein, und hier verschiebt sich das Bild weiter dem jüdischen Momente zu. Das Niveau ist durch den Herausgeber von vornherein erhöht worden, und dieses erhöhte Niveau macht es den zehn Mitarbeitern schwer, ihm gleichzutun. Die Abschnitte, die der Herausgeber selbst bearbeitet, *) Didaktik der jüdischen Schule, in Gemeinschaft mit Fachlehrern bearbeitet von Rektor Dr. H. Stern, Berlin. die Bildungsfragen, methodischen Grundsätze, allgemeinen Fragen der Religion u. a„ sind denn auch mit besonders weitem Blick und scharfer . Systematik durchgearbeitet. Aber gerade dies brachte auch erhöhte Schwierigkeiten, die mehrmals nicht überbrückt worden sind. So ist das , .Jüdische Bildungsproblem" im Anschluß an da« „Aligemeine Bildungsproblem" in einer geistigen Haltung behandelt, die zwar geisteswissenschaftlich gut ist, nicht aber jüdisch sein muß. Das jüdische Bildungsproblem müßte doch hauptsächlich erklärt werden in Schlüssen aus jüdischem Geiste, der nur in der weiten Literatur der Religion zu finden ist. Grundsätzlich ist hier der Fehler gemacht, daß jüdische Religion formal dem Wesen der anderen Religionen gleichgestellt ist; in einer allgemeinphilosophischen Haltung verkennt man mitunter, daß sie auch formal gänzlich unterschieden ist. Diese Gefahr der Ueberhöhung des geistigen Standortes wirkt sich auch auf den Unterricht des Herausgebers offenbar aus. Wenigstens ist sein Deutschunterricht, den er darstellt, im wesentlichen der Deutschunterricht der Oberstufe der Mittelschule, und so läßt das ganze Buch den Deutschunterricht in der Mittel- und Oberstufe der Volksschulen außer acht (für die Unterstufe sind methodische Anweisungen im Kapitel "Jüd. Gründschularbeit" gegeben). Und was ist es für ein Deutschunterricht? Meistens ein Diskussionsunterricht, der mitunter selbst für diese Stufe zu schwer ist Die Gefahr war sogar so groß, daß im Kapitel „Methodische Grundsätze" (der allgemeinen Didaktik) fast ausnahmslos Grundsätze des Deutschunterrichtes der Oberstufe der Mittelschule zu finden sind! Die Anlage'des Buches ist durchaus richtig, die Darstellungen sind erschöpfend. Es hat zwar mitunter den Anschein, als ob die Mitarbeiter etwas verlegen in der Behandlung waren, da sie nicht wissen, was man immer an Neuem bieten kann; und so finden sich denn überall verstreut Allerwerts- Weisheiten. Das ist jedoch kein unbedingter Fehler. Störend wirkt nur, daß sich die einzelnen Mitarbeiter in manchen Punkten widersprechen. Als Beispiel sei die Frage angeführt, in welchem Schuljahre der hebräische Unterricht zu beginnen habe; die einzelnen Kapitel fordern entweder den Beginn für das erste oder für das zweite Schuljahr. Ueber eine solch wichtige Frage hätte man Einmütigkeit und zwingende Forderung "in einer Richtung erwartet. So hat man das Gefühl, das Buch nehme es mit dieser Frage nicht ernst genug. Für den thoratreuen Juden ist die Frage der Schule mit der der Religion engstens verbunden, stehen doch im Judentum beide in regelrechter Wechselbeziehung. Daher ist jede Anweisung für den Unterricht auch ein religiöses Problem, und das macht es nötig, auf die Behandlung des Religionsunterrichtes- und den religiösen Geist des Buches stärker einzugehen. Es ist nicht an dem, daß wir hier mit Mutwillen. Dinge in Verbindung bringen, die nichts miteinander zu tun haben, und daß damit das wahre Ziel solcher literarischer Arbeit * verwässert werde. Dem orthodoxen Lehrer ist es wichtig, ob er einer derartigen Anweisung weitgehend folgen kann! — Das Fach „Religion" ist in drei Abteilungen von Dr. Stern, Reich und Rabb. Dr. van der Zyl behandelt. Im Kapitel „Allgemeines" sucht ersterer die geistigen Quellen für das Thema (wie auch schon oben) außerhalb des Jüdischen. Im Kapitel „Biblische Geschichte und Bibellesen in der Volksschule" bringt Reich eine Darstellung der religiösen Entwicklung des Jugendlichen, die jedoch die Frage auszulösen vermag, ob die Entwicklung nicht auch anders verlaufen kann, und verlegt in die Schulstunde fragwürdige Behandlungen des Wunders, Dinge, die bereits den y~t pOQ angehen und eine Entscheidung des Jiftach-Problems! ,, ... es (das Wunder) ist eine Spiegelung menschlicher Empfindungen beim Erleben großen Geschehens. Wir können nur ergriffen vor der kühnen Wucht menschlichen Glaubens stehen, ohne zu Wundergläubigkeit zu erziehen." (S. 105.) Im Kap. „Bibellesen in der weiterführenden Schule" wird von Rabb. Dr. van der Zyl u. a. die Bibelkritik bestätigt und eine Interpretation der Anschauungen der Orthodoxie geboten! „Kritische Bemerkungen sind sinnlos, solange (!) die Schüler die elementare Kenntnis der Bibel nicht besitzen. Das heißt nicht, daß der Lehrer etwa auf die Erkenntnisse der Bibelwissenschaft im Bibellesen überhaupt verzichten soll . . ." (S. 113.) In den übrigen Partien bringt das Buch leider ebenfalls Gedanken, die uns verletzen müssen, und die zeigen, daß man nicht genügend die orthodoxe Schüler- und Lehrerschaft mit im Auge hatte. Wir zweifeln nicht daran, daß die Herausgabe sich nicht größte Mühe gegeben und daß speziell die Schulabteilung nicht auf Loyalität gedrungen hat. Versäumt worden ist nur (!) die Hinzuziehung eines gesetzestreuen Mitarbeiters, der erstens für die Religionskunde und zweitens für die religiöse Redaktion des ganzen Werkes verantwortlich gewesen wäre. Durch vliese Unterlassungssünde sind wir nun gezwungen, unsere Lehrer zu warnen und auf manche Stellen hinzuweisen, die wir s o auf keinen Fall hinnehmen können:

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