Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 79 (1938)
- Issue
- Heft 27 (7.7.1938)
- Date
- 1938-07-07
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 8 Nr. 27 Der Israelit" 7. Juli 1938 Columbien. Brief aus Columbien. (Aus einem Privatbrief an das Berliner „Jüdisch Gemeindeblatt") Bogota, (Columbien) 20. Juni. Vom Landungshafen Buenaventura gelangten wir nach viertägiger Bahn- und Autofahrt über die 30G0 Meter hohe Cordillere nach der Landeshauptstadt die 2600 Meter hoch liegt und ein Europäern ver hältnismäßig zuträgliches Klima hat. Die älteren Städte haben meist enge Straßen mit einstöckigen im spanischen Stil gebauten Häusern. Hier sind seit unserem Hiersein einige moderne große Büro- und Wohnhäuser entstanden, in deren einem wir eine nette, gesunde und sehr moderne Kleinwohnung ha ben. Aber so gut haben wir es erst ein knappes halbes Jahr, zuerst wohnten wir in einer Pension, wo wir uns sehr unglücklich fühlten, dann zur Unter miete in einem dieser alten Häuser. Unser Plan, eine kleine Eisdiele oder ein Cafe zu eröffnen, ließ sich' aus allen möglichen Gründen, vor1 allem wegen Ka pitalmangel, nicht verwirklichen, und wir haben die Auswanderung in ihrer ganzen Schwere kennenge lernt. Durch Herstellung und Verkauf von Backwaren an Private haben wir uns über Wasser ge halten, bis es mir vor drei Monaten gelungen ist. eine bescheidene Anstellung zu finden. Es ist ein großer Fabrikbetrieb mit umfangreichen Reparatur Werkstätten, worin ich als „adjutante des Jefe des maquinas" — man kann sagen als Werkstattschreiber — tätig bin. Meine Stellung ist angenehm, und meine Vorgesetzten sind anständig und nett. Der Betrieb ist rein columbianisch, die Bezahlung sehr mäßig, da sich die Leute auf den berechtigten Stand punkt stellen: wir haben die Ausländer nicht geru fen, und sie sollen froh sein, überhaupt eine Stellung zu finden. Das ist auch gar nicht leicht, wenn man die Landessprache nicht perfekt beherrscht. Die zweite Kategorie besteht zum größten Teil aus Ost juden, die kleine, meist gutgehende Läden haben. Soweit nicht eigene Leute darin tätig sind, beschäf tigen sie Hiesige, die unglaublich billig arbeiten Ueberhaupt ist für den Europäer eine Konkurrenz mit den hiesigen Arbeitskräften unmöglich, da sie in jeder Beziehung vollkommen bedürfnislos sind, und nur erstklassige Facharbeiter und Kaufleute, die mehrere Fremdsprachen perfekt beherrschen, haben Aussicht auf eine gute Existenz. Die jüdische Gemeinde ist noch im Aufbau, Religionsunterricht und G'ttesdienst nach der ostjüdischen Art. Meine Arbeitsstätte befindet sich außerhalb Bogotas, es sind nur 40 Kilometer, aber die sogenannte Auto straße führt in endlosen Serpentinen über zwei Berg ketten, und der. Bus braucht etwa zwei Stunden. ■ Dadurch kann ich nur zum Wochenende nach Hause fahren, und wir können unsere kurzen Tage nicht mal gemeinsam verleben. Meine Frau hat viel mehr Arbeit als ich, wir haben, um unsere Wohnung zu verbilligen, ein Zimmer vermietet. Hilde stellt noch Backware her, und Gerd bringt sie in seiner freien Zeit weg. Er hilft uns tüchtig und macht uns in jeder Beziehung viel Freude; in der Schule ist er einer der Besten, er ist sprachbegabt und hat ein erstklassiges Zeugnis heimgebracht. Wir haben eine sehr schwere und ernste Zeit hinter uns, die uns viele Nerven gekostet hat. Wir haben nicht gern unzufrieden nach Hause geschrieben, aber hielten es für unsere Pflicht, wahrheitsgetreue Berichte zu geben, denn sehr viele von den in die Heimat gehenden Berichte sind unzutreffend. Der Lebensunterhalt ist für unsere Begriffe verhältnismäßig billig, obwohl die Preise gegen früher beträchtlich gestiegen sind, dagegen ist die Miete, wenn man einigermaßen anständig wohnen will, teuer (unsere Miete ist doppelt so hoch wie der Haushalt). Der Markt ist die Haupteinkaufsquelle für die Hausfrau, nur ganz wenige Lebensmittel kauft man in den Geschäften;. es gibt eine ungeheure Fülle von Früchten das ganze Jahr hindurch, Beerenfrüchte, Kirschen, Birnen und Pflaumen fehlen leider. Bananen, Apfelsinen kosten 1 Cent, Ananas je nach Größe und Jahreszeit 5—20 Cent, Reis, Mais und Bananen bilden das Hauptnahrungsmittel der Bevölkerung, deshalb sind Kartoffeln und Brot auch verhältnismäßig teuer. Wir leben in Bogota ziemlich europäisch, ich dagegen ganz columbianisch: jeden Tag zweimal warm, zu jeder Mahlzeit Reis, na — reden wir lieber nicht "darüber. Wochenend ist auch in der Beziehung eine Erholung für mich. Das Klima ist das ganze Jahr hindurch ziemlich gleichmäßig, in den Sommermonaten (September bis Februar) etwas wärmer, in den Wintermonaten mehr Regen. Oefen gibt es nicht, obwohl man sie manchmal gebrauchen könnte. Die Küchen haben Herde, sind aber zum Wohnen zu klein. Man hat sich hier im Laufe der Zeit an mancherlei gewöhnt, und das Schlagwort in Artikeln über Auswanderung ist ja wohl: ,,Der Einwanderer muß sich der Mentalität der Bevölkerung anpassen." Jedem, für den Hygiene und Körperpflege kein selbstverständliches Bedürfnis, sondern nur eine konventionelle Pflicht war, wird das hier leicht gemacht, und einer paßt sich eben leichter an als der andere. Personalien. Gemeinderabbiner Dr. Ludwig Rosenthal Köln. 1. Juli, In der Nacht zum 30. Siwan schied^ wie schon berichtet, Dr. Ludwig Rosenthal, Gemeinderabbiner der Synagogengemeinde Köln, nach langem Leiden, im 69. Jahre aus dem Leben. Dr. Rosenthal stammte aus einem echt jüdischen bayerischen Hause. Den ersten jüdischen Unterricht genoß er bei seinem Vater und dem Nürnberger Rab biner Salomon Ansbacher. Er besuchte da«; Rabb nerseminar in Berlin, saß dort zu den Füßen von Rabbiner Dr. Esriel Hildesheimer ^»"ST und Prof. Dr David Hoffmann tr die ihm die Rabbinatsäutorisa tion erteilten. Zeit seines Lebens hegte er' große Ver ehrung für diese seine Lehrer. Nach Absolvierung des Seminars übernahm er das. Amt des Rabbiners an der Mannheimer Klaussynagoge, das er mehrere Jahre innehatte, bis er im Jahre 1897, 27 Jahre alt an die Kölner Großgemeinde berufen wurde. Dr Rosenthal hat in den Anfangsjahren seiner Kölner Amtszeit die Kämpie um die Einführung der Orgel in der Synagoge Roonstraße mitgemacht und er ha1 sieh Unentwegt gegen dieselbe von seinem religiösen Standpunkt aus ausgesprochen, Diesem Prinzip ist er bis an sein Lebensende treu geblieben. Die Stellung, die Rabbiner Dr. Rosenthal in Köln bekleidete, war keine leichte. Hatte er auf der einen Seite die konservative Richtung in seiner eigenen Ge meinde zu wahren, so fand er auf der anderen Seite natürliche Gegnerschaft in den Kreisen der Adaß Jeschurun, die sich nach Einführung der Orgel in der Roon-Straßen-Synagoge auf eigene Füße stellte, in der Ueberzeugung, auf diese Weise am besten die Reinheit und Integrität des Gedankens einer jüdischen Gemeinde wahren zu können. Daß Dr. Rosenthal, kraft seiner Ueberzeugung und seines Amtes in diese Gedankensphäre sich nicht einleben konnte, lag auf der Hand. Er konnte es nicht verwinden, daß ein Teil der gesetzestreuen Kreise der Kölner Judenheit einer Gemeinde, die Reformen im G'ttesdienste einführte, nicht länger angehören wollte und den Trennungsstrich Vollzog. Aber die langen Jahre des Nebeneinanderbestehens der beiden Gemeinden, vielfache gemeinsame Interessen und insbesondere das segensreiche Wirken der Adaß Jeschurun unter vorbildlicher geistiger Führung des verewigten Adaß Rabbiners, Dr. Emanuel Carlebach?~xr mögen auch ihm allmählich die Einsicht gebracht haben, daß nicht Eigenbrödelei und Trennungssucht die Leit motive der Separierung gewesen sind, sondern heiliger Ernst und Sorge um die Reinerhaltung der jüdischen Institutionen. Dr. Rosenthal war der Synagogengemeinde Köln ein vorbildlicher Rabbiner. Er vertrat sie nach innen und außen mit Würde und Vornehmheit. Sein g'tt begnadetes Rednertalent, das ihn im Laufe der Jahre zu einem der besten und glänzendsten Kanzelredner Deutschlands machte, befähigte ihn, mit meisterhafter Virtuosität die Kanzel zu beherrschen, und Groß und Klein der Besucher der Synagoge Glockengasse lauschte mit Ergriffenheit seinen Predigten und Vorträgen, die in blumenreicher Sprache bei formvollendetem Aufbau die Midraschim und sonstigen Erklärungen der Weisen den Zuhörern vor Augen führten und sie vollends in Bann nahmen. Dr. Rosenthal hatte großes Verständnis für den Klallgedanken und seine hervorragenden Eigenschaften, seinen klugen Rat und seine große Arbeitskraft suchte man auch in anderen Körperschaften sich zunutze zu machen. So war er lange Zeit Mitglied des Rates des Preußischen Landesverbandes, Vorsitzender der konservativen Partei dieses Verbandes, nach dem Tode des sei. Dr. Emanuel Carlebach Mitglied des Kuratoriums des Kölner Jüdischen Lehrerseminars usf. Sein Lieblings- und Sorgenkind in den letzten 10 Jahren ist die jüdische höhere Schule Jawne geworden und geblieben. Das Kuratorium, der Schulverein und das Lehrerkollegium bezeugen ihm, dem Vorsitzenden des Kuratoriums, daß er mit großem Verständnis und unermüdlichem Eifer sich der Förderung der Jawne gewidmet und in Selbstlosigkeit und Aufopferung bis in seine letzten Tage an der Arbeit für die Jugend mit seinem klugen Rat teilgenommen habe. Der Gattin, die ihm eine treue, aufopfernde Gefährtin gewesen ist und ihm sein verantwortungsvolles Amt, besonders in den Tagen seines Leidens, erleichtert hat, gilt unser Mitgefühl. Eine markante Persönlichkeit ist mit dem Heimgange Dr. Rosenthals der deutschen Judenheit entrissen worden, und es dürfte schwer fallen, geeigneten Ersatz in unserer an Persönlichkeiten so armen Zeit zu finden. Die Beerdigung, die am Freitag um 12 Uhr auf dem Gemeindefriedhofe in Bocklemünd stattfand, war eine Kundgebung großer Trauer. Beide Gemeinden waren in stattlicher Zahl vertreten. Auch die jüdischen Vereine hatten ihre Delegierten entsandt, und viele Amtskollegen hatten es sich nicht nehmen lassen, Ihrem Freunde das letzte Geleit zU gebeti. Nach den Gebeten entrollte der Gemeinderabbiner Dr. K o b e r ein anschauliches Bild von dem Lebenswege seines Kollegen. Der Vorsitzende der Gemeinde, Konsul B e n d i x , dankte dem Verblichenen für all das Gute und Segensreiche, das er in'den 41 Jahren seiner Kölner Amtszeit gestiftet. Rabbiner Dr. Jakob Horovitz, Frankfurt a. M., sprach: im Namen des Allgemeinen Rabbinerverbandes, der Traditionell gesetzestreuen Rabbinervereinigung und in seinem eigenen Namen als langjähriger Freund und Weggenosse. Rechtsanwalt Dr. Alexander, Krefeld, übermittelte die Abschiedsgrüße der Reichsvertretung. Den Schluß der Trauerfeier bildete das von Oberkantor Baum meisterhaft vorgetragene Aw Horachamim. Die Gebete wurden von Rabbiner Dr. Dünner rezitiert. n~3X3n Hamburg, 5. Juli. Am nnn rrn ging nach kurzer Krankheit S c h w.e s t e r Lea von uns.---Bei der Ueberführung vom Krankenhaus gab Herr Rabbiner D u c k e s z ein Bild von ihrer idealen, heiligen Auffassung der Pflichten und schilderte, wie die Verewigte es verstand, bei Erfüllung ihres Dienstes auch seelisch die zu erheben, für deren Heilung sie sich mühte, wie sie ihren Berufsschwestern beispielgebend ein Leben höchster Pflichterfüllung vorgelebt habe- Der Altonaer Raw, Dr. Weiß, kam aus seinem Urlaub, um ihr die letzte Ehre zu erweisen und-ihr ein zu Herzen gehendes Hesped zu widmen, Lea Hollander war eine craitt m. von großem oirr> und eigenen rvnöi r-n^yn geadelt. Sie wird uns allen unvergessen bleiben. rrasjn Amberg, 4. Juli. In diesen Tagen (10. Juli) kann Herr Oberlehrer Leop. Godlewsky auf eine vierzigjährige Amtstätigkeit zurückblicken. Hiervon treffen dreißig Jahre auf die Gemeinde Amberg mit Schwandorf und Sulzbach. nJBr'nniwvnK» iy Vermischtes. Halle, 3. Juli. Zu der Würdigung des heimgegangenen Isaak Halberstadt in Halle in der jüngsten Nummer unseres Blattes wird uns ergänzend mitgeteilt, daß Halberstadt rvv im Jahre 1936 40 gebundene Jahrgänge des „Israelit" der National* bibliothek in Jerusalem gestiftet hat. Montevideo, 7. Juni. Zu unserer Mitteilung vom 28. April, daß Herr Rosemann einem Rufe nach Montevideo folge, wird uns berichtet, daß Herr Gustav Rosemann aus freien Stücken dorthin kam. Ein Engagement vonseiten der Gemeinde war nicht vorangegangen. Seine großen Fähigkeiten lassen aber die Hoffnung zu, daß er bald Erfolg in der Montevideoer Kehilla haben wird. Im gleichen Schreiben aus Montevideo wird scharfe Verwahrung gegen andere Ausstreuungen eingelegt. „Wenn ein Briefschreiber behauptet, außer ihm lege in M. nur noch ein Herr Tefillin, so kann demgegenüber festgestellt werden, daß seit Beginn unserer Gemeinde, also seit zwei Jahren, wir eine ganze Reihe von Mitgliedern haben, die Tefillin legen. Wer Opfer bringen will, kann aüch Schabbos schließen, genau wie überall. Jener- Briefschreiber muß 50 Minuten zur Synagoge laufen, weil er aus unerfindlichen Gründen in einem entfernten Viertel wohnt, er könnte auch in der Nähe der Synagoge wohnen, wie es Leute tun, die es mit dem Schabbos ernst nehmen. Die Angabe, daß die Frau dies ersten Vorsitzenden Nichtjüdin sei, ist unwahr und vollkommen aus der Luft gegriffen." Aus der Agudas Jisroel- Bewegung- Feiertage auf hoher See. Die „Religiöse Auswanderer-Betreuung Agudas Jisroel Berlin", Berlin N. 4, Jo* hannisstr. 8, schreibt uns: Um zeitig Vorsorge zu treffen, daß die Auswanderer, die während der kommenden Herbstfeiertage — Rosch Haschanah, Jomkippür und Sukkoth — sich auf der Fahrt befinden, in die Lage versetzt werden, diese Tage würdig zu begehen, bedürfen wir einer sofortigen Uebersicht des in Frage kommenden Personenkreises, Wir bitten deshalb alle in Frage kommenden Auswanderer um sofortige Angabe ihrer Anschrift, Tag der Abfahrt und des zu benutzenden Schiffes. Mädchen im Haushalte. Die „Religiöse Auswanderer-Betreuung Agudas Jisroel Berlin" hat von London die Nachricht erhalten, daß man sich dort bemüht; eine beschränkte Anzahl junger Mädchen in ''orthodoxen Haushalten unterzubringen. Interessenten belieben, sich unter Beifügung eines Lebenslaufes, einer Photographie und 25 Pfg. für Porto an die Religiöse Auswanderer-Betreuung Agudas Jisroel Berlin, Johannisstr. 8, zu wenden.