Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 78 (1937)
- Issue
- Heft 45 (11.11.1937)
- Date
- 1937-11-11
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Feuilleton- Beilage Der Israelit N>lmmer 45 Schwiegervater und Schwiegersohn. Zum hundertsten Todestag von Rabbi Akiba Eger seien hier aus Schachnowitz' „Licht aus dem Westen" einige Stellen wiedergegeben, die das Verhältnis K. Akibas zu seinem großen Schwiegersohne, R. Mosche Sofer, beleuchten. Wiederaufbau. Das stille Heim Rabbi Mosches wurde, nachdem man Malchen hinausgetragen hatte, noch stiller, obwohl in Lehr-, Lern-, Besuchs- und Besdinstube das Leben nach wie vor in vollem Strome rauschte und brauste. Das stille Walten Malchens war eine ruhige Insel mitten in diesem Branden und Brausen. Leer waren nun die geweihten Räume jenseits des lauten Getriebes, die Ruheinsel von einer wilden Welle glatt weggeschwemmt. Mitten im Leben, das ihn in tausend Ausstrahlungen umrauschte, in dem er ordnend und regelnd stand, legte sich die Leere um ihn und verdüsterte seine Seele. Man sah Rabbi Mosche nicht mehr lachen, das Scherzwort, mit dem er jeden Schiur zu eröffnen pflegte, blieb aus. Der Hausbachur brachte ihm, nicht gerade in anmutiger Auf machung, das Frühstück, das zumeist unberührt blieb. Weibliche Personen, die in Haus und Küche tätig waren, durften zu seiner persönlichen Bedienung nicht ins Zimmer treten. Es war wieder ein grauer Herbstmorgen. Draußen wartete Beer Frenk, der Schammes, auf die Liste der Parteien, die heute vor Besdin geladen werden sollten. Der Bachur brachte die Post. Wieder Briefe, Bittgesuche, halachische Anfragen aus aller Welt. Ein dickes versiegeltes Schreiben mit Halbmondzeichen auf dem exotischen, vielfach übertuschten Postzeichen hatte einen weiten Weg hinter sich. Es kam aüs dem Heiligen Lande und er las es zu allererst, wie Gruß von der Mutter. Not herrschte in G'ttes Stadt und G'ttes Land, aber die jüdischen Menschen harrten aus, in Treue und Heiligkeit. Treue um Treue wird von den Brüdern in den Ländern der Diaspora erwartet. Die Gelehrten und Kolalim in Jerusalem hatten beschlossen, die oberste Leitung des Sammelwerkes in seine Hand zu legen und ihn, den Preßburger Oberrabbiner, Rabbi Mosche. Sofer, zum „Moro d'Aro Jisroel", „obersten Herrn Yon Erez Israel", zu ernennen« Rabbi Mosche legte den Brief beiseite. Nicht im mindesten stimmte ihn die große Ehrung und Auszeichnung gehoben. Er wußte, neue Aufgaben erwuchsen ihm mit dieser Ernennung. Er wollte sich ihnen unterziehen —* der geliebten Mutter Zion wegen ... _.' . Ein anderer Brief mit Stempel und Aufschrift erweckte seine besondere Aufmerksamkeit. Er kam aus Friedland und vom großen Rabbi Akiwa Gins- Eger, dem dortigen Oberrabbiner. Rabbi Mosche faltete den ersten Teil zusammen, um mit dem Auge den Titulationen zu entgehen) Eine kurze halachische Bemerkung fiel ihm ins Auge. Kurz und lapidar war der Stil dieses seltsamen Rabbi Akiwa, den er persönlich nicht kannte, er erinnerte an die lakonischen Bemerkungen und Randglossen des Wilnaer Rabbi Elie, die wie mit einem scharfen Nadelstiche ganze Welten aufreißen. Ein Streiflicht wie aus einer Zauberlaterne, und eine ganze Gegend war in Licht getaucht . . . Für seine Person liebte und übte Rabbi Mosche diese Art nicht. Er liebte die Ausführlichkeit, die Gründlichkeit, die Gliederung und den Aufbau vom Fundament bis zur Turmspitze, damit er auch für spätere Zeiten fest und slchibärlich für alle dastand und keine neuen Rätsel aufgab, wo es galt,. Rätsel zu lösen. Aber nichtsdestoweniger bewunderte er jene Männer, .denen" es gegeben war, im Königskleide voll funkelnder kleiner Edelsteine durch die Welt der Lehre zu wandeln. Es waren Könige, die kurz und klar zu den Generälen nur sprachen. Er, Rabbi Mosche, wollte Lehrer des Volkes sein ... Die gelehrte Abhandlung nahm kaum fünf Zeilen ein. Was folgte und die ganze Seite des Briefes ausfüllte, war eine persönliche . Angelegenheit, gleichsam auch zum Thema aus dem Traktate „Kidduschin" gehörend. ■ ' Er hatte Familiensorgen, der große Rabbi Akiwa, dessen unzählige Geisteskinder in Gestalt von Res- , ponsen, Gutachten und Randglossen zu allen Teilen' der talmudischen Literatur in schönstem Schmucke durch die Welt wanderten. Eine junge Tochter, weise und tugendsam, war mit einem Sohne von Rabbi Leib Kalischer, dem Lissaer Rabbiner, verheiratet. Dieser junge Rabbi, Geist "vom Geiste des Vaters, hätte gerade die Rabbiherstelle in Fraukirchen angenommen, als er plötzlich einer schweren Krankheit erlag. Nun saß Rabbi Akiwas Tochter, die junge Rabbinerswitwe, verlassen da. Er, der große Freund und Lehrer, Rabbi Mosche, „der Fürst seines Volkes, in dessen Haus Israels Beste und Edelste sich finden," er wüßte vielleicht Rat, vielleicht einen passenden Schwiegersohn für seine verwitwete Tochter, den glücklich zu machen,, sie wohl imstande sei. Rabbi Mosche las den Brief einmal und noch einmal und reichte ihn schweigend Rabbi Daniel Prosnitz, der gerade gekommen war, ihn zur Bes Din- Stube abzuholen. Warum er den Brief Rabbi Daniel gereicht hatte, wußte er selber nicht. Es geschah, wie aus innerem Zwange. Er gab oft halachisch-wissenschaftliche "Fragen weiter, um die Meinung auch anderer anzuhören. Dieser Familienbrief war aber an ihn und hur an ihn gerichtet. Hatte er überhaupt ein JRecht darauf, das Anliegen Rabbi Akiwas anderen zu unterbreiten? . Rabbi Daniel Prosnitz nahm aber den Brief wie einen Auftrag entgegen, von dem er nicht sprach, von dem er aber auch nicht mehr loskam. Er schrieb mehrere Briefe in der Sache und hatte mehrere erhalten. Es waren wieder mehrere Wochen verstrichen. Man wollte in Preßburg mit tiefer Besorgnis wahrgenommen haben, daß das Aussehen des Rabbi nicht mehr so frisch war, seine Kleidung nicht mehr die peinliche Sauberkeit und Ordnung von früher aufwies. Die sonst so fürstliehe Gestalt verlor ihre gerade, aufrechte Haltung. Man erzählte sich allerlei von einer Durchbrechung der altgewohnten Ordnung im Leben des Rabbi. Es durften weibliche Dienstboten nicht sichtbar walten im Hause, noch immer stand zur persönlichen Dienstleistung für den Rabbi nur ein Hausbachur zu Verfügung, der nicht zu den. Geschicktesten gehörte. In einer Stunde seelischer Depression, bei einem schlecht gedeckten Tische, traf ihn Rabbi Daniel; die Taschen voller Briefe und Papiere, kam er daher wie ein Postbote. Er hatte in der Sache von Rabbi Akiwa Gins-Eger, richtiger der seiner verwitweten Tochter, etwas getan. Freilich, berichtete er, müßte er erst in Erfahrung bringen, ob es sieh der Mühe lohnte, ob er die Arbeit auch an eine Würdige verwandte. Denn nicht immer seien große Väter eine Gewähr für die Güte der Kinder. Für die der Töchter schon ganz und gar nicht ... Aber nun seien die Auskünfte von allen Seiten da. Eine Frau sei die Rabbinerswitwe, würdig ihres großen Vaters, würdig ihres jungverstorbenen Mannes, eine Frau von Geist -und Gemüt, von einer Klugheit und einer Frömmigkeit, wie man sie vereint wohl selten bei Frauen finde. Rabbi Daniel redete sich förmlich in Begeisterung für die Frau-hinein, die er mit eigenen Augen nie gesehen hatte. „Und ihr habt einen passenden Gatten für sie?" unterbrach Rabbi Mosche das ihn wenig berührende Frauenlob. „Ja." „Da könntet ihr gleich nach Friedland schreiben und Rabbi Akiwa direkt den Vorschlag machen." „Habe ich auch bereits getan," berichtete Rabbi Daniel und kramte in den Schubläden seines wan» delnden Archivs, in allen Taschen. „So wäre denn die Sache für mich abgetan, und wir könnten zu unseren eigenen Anliegen übergehen," meinte Rabbi Mosche etwas erleichtert. „Nein, nein," sprang Rabbi Daniel auf, „nicht abgetan, die Sache hebt erst jetzt für den Rebben an." „Wie?" . „Der Rebbe hat mich noch nicht einmal gefragt, wer hier als Gatte für die Rabbinerswitwe in Betracht kommt." „Es wird schon der richtige sein, wenn ihr ihn ausgesucht habt und er Rabbi Akiwa recht ist." „Will ich auch meinen," schoß Rabbi Daniel heraus, „Es ist der richtige, der Preßburger Raw kann wahrlich Rabbi Akiwa schon recht sein." Rabbi Mosche stand betroffen auf. Er hatte wahrlich nicht, geahnt, wohin sein Freund Rabbi Daniel hinauswollte, und es beunruhigte ihn der Gedanke, daß dieser jetzt an Verstellung von seiner Seite glauben könnte. Rabbi Daniel sah sich im Zimmer um, sah hin zum nicht ganz sauber gedeckten und schlecht bestellten Tische, sah zur Decke hinauf, wo Spinnen lüstig und beharrlich auf ihren ■ Geweben, halanzierteh, sah zu den Bücherregalen ■ hin, auf den Staub-: schichten ••:di6" Bände grau -färbten. ' Mit den Aug e n - sprach der Freund, da, er fürchtete, mit .dem,.Munde , •zü .verletzen:" Nein; teurer Rabbi, so geht das nicht weiter. Dieper'lgroße Geist muß einen gesunden Leib als Behausung haben. - Jedes Heiligtum., bedarf meiner „Asarah", was so viel wie Vtfrhof, aber "auch Hilfe und Entlastung bedeutet. JJnd jene Rabbinerstochter, die Rabbinerswitwer wäre hier die: richtige Frau; aro rechten Platz. Davon sprachen Dutzende Von Briefen, die jetzt all seine Taschen wie einen Blasebalg aufblähten. Rabbi Mosche ging mit langen Schritten im Zimmer auf und ab, als kämpfte er mit einem Gedanken," Dann blieb er vor Rabbi Daniel stehen und sah ihm klar ins Auge. „Höret, Daniel, ich kämpfe meinen Lebtag.gegen jede Art von Hochmut. Mir ist es bereits zum zweiten Male, daß ich. nach einem Antrag aus eurem Munde nach einem Mussarwerk greifen muß, um mich wieder zur. Selbstbesinnung und Selbstbescheidung zu bringen. Das erste Mal damals, als ihr mir vom Preßburger Rabbinat schriebet . „Und damals, Rabbi, hatte i c h. recht, und dieses Mal habe ich auch recht," wurde Rabbi Daniel lebhaft, sogar ein wenig ungeduldig. „Höret, guter Daniel, damals möget ihr recht gehabt haben oder nicht. Rabbi Meschülam war tot und ihr wart , im Glauben, ich könnte mich mit jenem messen. Das Los war der gleichen Meinung . . Jetzt gilt es für mich, mich mit einem Rabbi Akiwa, dem Posener Oberrabbiner, zu messen. Wißt ihr, wer dieser Rabbi Akiwa ist?" Er zeigte auf. einige aufgeschlagene - Bände und ein Aktenbündel auf dem Tische. „Ich weiß es." „Wißt ihr, daß ich im Vergleiche zu diesem Großen, vielleicht Größten im heutigen Israel, ein Ignorant, ein Am Haarez bin? Ich soll Schwiegersohn dieses Größten werden?" . Die Lebhaftigkeit Rabbi Daniels ging nun in eine Fröhlichkeit über, die fast unbändig wurde. Er mußte sich Luft verschaffen; mit einem heiteren Wort, ob es hier angebracht war oder nicht: „Ein Am Haarezf Ausgezeichnet} Genau das Gleiche befürchtet Rabbi Akiwa. Hier sein Brief, Er schreibt: „Wie kann ich, ein Rabbiner von geringer Bedeutung, es wagen, meine Hand; auszustrecken nach dem Größten in Israel, der Leuchte der Diaspora? Er wird schwerlich einwilligen, sich e ine n Amhaarez als Schwäher zu wählen. Also," kommentierte Rabbi Daniel, „Amhaarez gleich Amhaarez, hier Amhaarez, dort Amhaarez, passen für einander wie geschaffen! . . .". Rabbi Mosche, stets zugänglich für ein heiteres Wort, mußte . laut auflachen, was. Rabbi Daniel als endgültige Zustimmung nahm. Aber es dauerte noch einige Zeit, bis Rabbi Daniel alle weiteren S,teine aus dem Wege schaffen konnte. Die halachische Korrespondenz zwischen Preßburg und Friedland erhielt eine rpersönliche freundschaftliehe 'Note, die wuchs und wuchs. Auf diesem gelockerten Boden konnte Rabbi Daniel dann rasch zum Ziele kommen. Noch vor Winterbeginn traf -man sich, in <E i s e n s t a d t, dem Geburtsorte Rabbi Akiwas, zur Hochzeit, die ein Fest für das ganze. Burgenland und weite Teile;Ungarns wurde, ' ' Seit Menschengedenken hatte Eisenstadt nicht mehr so viel reges Leben und so viele neue Gesichter in seinen Mauern gesehen. Die kleine Stadt im Bürgenlande war zum Treffpunkte erkoren, wo sich die zwei Führer und Fürsten des. jüdischen Geistes die Hand zum verwandtschaftlichen Bunde reichten. Mit ihnen waren alle Rabbinen und Männer von Namen aus dem Ungar- und Burgenlande in die Stadt gekommen, um das seltene Fest mit ihr zu feiern. Denn es war ein Fest der Stadt, der Städte. War Eisenstadt stolz auf seinen großen Sohn im Osten, der all seine Briefe und Responsen mit Akiwa Gins aus E, S. (Eisenstadt) zeichnete und damit die Geburtsstadt im Namen wie einen Edelstein im Ringe trug, W war Preßburg nicht weniger stolz auf das große- Licht, das ihm aus dem Westen, zugeflossen war. Auch - er entrichtete als „Mosche aus. Frankfurt", seiner; Heimatstadt, in unzähligen Schriften. Responsen und Gutachten den Tribut der kindlichen Liebe, aber er gehörte ihnen, Preßburg und dem Ungarlande. Die jüngere Generation in Eisenstädt hörte allezeit den Namen Rabbi Akiwas nennen und hatte ihn noch nie gesehen. Auch Rabbi Mosche, obwohl man im ganzen Lande seine Hand und seinen Atem verspürte, kannten die wenigsten außerhalb Preßburgs von Angesicht. Nun strahlte im engen Räume» Licht in Licht. Es lohnte .schon der Mühe, aus : der nahen und weiteren Umgebung . in hellen Scharen herzuströmen,-um des Anblickes teilhaftig zu werden, wie Rabbi; Mosche Sofer von Rabbi Akiwa - Gins-Eger unter die Ghuppa geführt werde, wie der große Väter den'Segen,sprach für die Tochter an der Seite ihres großen Gatten.;. ' ' . ■!; o. ■.; ' ■ . ., .• ■_ iv; \: .. f T. . Begrüßungslieder:.übten die , Jüngerchöre' rein, die mit-den Worten des Pism'on am- Jbmkippursabbat begannen. ,4Schne Sore kodesch,zwei heilige.'Fürsten fanden sich . - ," - ,;(: ' (Schluß1' folgt.)