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Der Israelit · 1937-10-21 · Heft 42 (21.10.1937) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
78 (1937)
Issue
Heft 42 (21.10.1937)
Date
1937-10-21
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
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Feuilleton- Beilage Der Israelit Nummer 42 1937 *3P^fU w& Wie ganz anders ist doch Wien . , (Fortsetzung.) Ausflug, ins Burgenland. Die sieben Gemeinden des Burgenlandes, früher Ungarn, heute Oesterreich, konnte man früher der Einfachheit halber mit der „Siebenergemeinde" bezeichnen. Sie bildeten viele Jahrhunderte ein Ganzes und eine kräftige Zelle kernigen Judentums, aus der große Männer für alle Zeiten hervorgegangen sind. Rabbi Akiba Eger hat am 1. Cheschwan 1761 im kleinen Häuschen von Rabbi Mosche Gins in E i s e n s t a d t das Licht der Welt erblickt. Im Rabbinerhause dieser Stadt lebte, bevor er zu höheren Aufgaben nach Berlin berufen wurde, lange Jahre Esriel Hildesheimer. Mattersdorf, heute Mättersburg genannt, war Vorhalle für die jüdische Weltmission Rabbi Mosche Sofers, des großen Preßburger Rabbiners. Heutenoch hat das jüdische Burgenland seinen eigenen Stolz und seine eigenen Traditionen. Aber die Neuteilung hat einen Trennungsstrich mitten durch die Siebenergemeinde gezogen, sie auseinandergerissen. Oedenburg, früher der Kopf dieses Organismus, liegt jetzt jenseits der ungarischen Grenze, die Hauptstadt von Burgenland ist heute Ei,senstadt, nach ihm Mattersdorf-, das jetzt Matters bürg heißt. Aber was bedeuten Namen und Zollschranken im Reiche des jüdischen Geistes, das seine eigenen Grenzen hat und beibehält? Es ist etwas trübe und regnerisch, als wir am zweiten Chol hamoed-Tag gleich nach dem Morgeng'ttesdienste im Wagen meines lieben jüngeren Freundes aus den vornehmen Wiener Bezirken ins freie Feld hinausfahren. Rechts und links die weiten Maisfelder und auf welligem Lande die Weinberge zeigen das neue Land an. - Auf den abgemähten Feldern weidet kleines, geschecktes Vieh. Bauern und Arbeiter grüßen mit einem gut österreichischen „Küß die Hand!" Trotz der Kälte und Nässe des Morgens patschen die Burschen und auch Frauen barfüßig über den aufgeweichten Boden. An der Grenze des Burgenlandes hellt sich der Himmel auf und in Eisenstadt geleitet uns schon helle silbrige Herbstsonne hinein. Wir fahren durch eine lange Straße, die von schönen modernen Geschäften flankiert ist. Dann biegen wir in eine winklige Gasse ein, die zu einem freien Platze führt. Noch eine kleine Gasse und noch eine um den Markt herum, und das alles ist das jüdische Eisenstadt, die heute führende Gemeinde des Burgenlandes. Eine alte Judengasse, die den Vorzug hat, noch Juden zu haben, ein kleines jüdisches Reich, eine Stadt in der Stadt, mit heute noch zu Recht bestehenden eigenen Stadtrechten. Hinter den Gardinen an den kleinen Fenstern der spitzen Giebelhäuschen wird es lebendig. Alte Leute mit Urwaldbärten und blutjunge Mädchen mit bunten Tüchern um den Kopf schauen sich die Fremden an, die aus dem Wagen steigen, um den Anblick richtig zu genießen. Mitten auf dem Platze ein Ziehbrunnen, um den herum ein paar Frauen und Mädchen, in der angeregten Unterhaltung durch _ die fremden Gesichter gestört, fast ihre vollen Eimer vergessen. „Haben Sie schon die Ketten gesehen?-", erkundigt sich ein jüngerer Mann, ohne aufdringlich seine Führerdienste anzubieten. Und jetzt sehen wir die Ketten. Es sind lange, eiserne Bänder, mit denen je am Freitag vor Sabbateingang die Judenstadt von der anderen Stadt abgeschlossen wird, damit der Juden Sabbatruhe durch keinen Wagen oder sonstige fremde Töne und Klänge gestört Wird. Heute noch geschieht das Freitag für Freitag. Alte Traditionen und alte Rechte, deren es noch mehr hier gibt. Der liebenswürdige, noch verhältnismäßig jugendliche Rabbiner, den wir aufsuchen und dem ich meine Bewunderung über diese noch bestehende Einrichtung ausspreche, seufzt aber: „Die Gasse ist uns geblieben, der Sabbat auch, auch die Ketten, aber welche sprengten die Ketten. Sie ließen-Sabbat und Ketten uns und zogen mit ihren Geschäften in die obere Stadt, wo es keinen Sabbat, keine Ketten und auch sonst keine Fesseln gibt . . .". v Ich gehe den Spuren von Rabbi Akiba Eger nachi Das Geburtshaus in der alten Form besteht nicht mehr; Es dürfte der Platz gewesen sein, wo jetzt das „Hekdesch" steht. Es istein schönes Haus mit sauberem Vorgarten, das die Aufgäben eines Altenheims, wie mir scheint, auf schönste Weise erfüllt, Daneben steht das Spritzenhaus der jüdischen? Gemeinde, und durch den Spalt sehen wir uns etwas skeptisch die große Spritze an. Ob sie im Ernstfalle Wasser von sich geben wird? Ich höre, daß eine jüdische Feuerwehr, vornehmlich aus Jeschiwabachurim mit Schläfenlocken .bestehend, unter Anleitung eines nichtjüdischen Konstrukteurs in den Uebungsstunden Vortreffliches leistet. Im Erdgeschosse des Rabbinerhauses liest man einige Anschläge, wohl letzte Reste der jüdischen Gemeindeautonomie. Auch ein jüdisches Wachthaus ist unten, für renitente Elemente. Die große Laterne des Nachtwächters, die hier hängt, habe ich, scheint mir, anderswo, etwa in Worms, im Jüdischen M u s e u m gesehen. Hier tritt sie jeden Abend bei abnehmendem Monde mitsamt dem zweimannshohen Schildstabe in Funktion. Von hier aus hat manche Leuchte die jüdische Nacht geteilt . . . In der jüdischen Schule, — die, nebenbei bemerkt, vorzüglich geleitet wird und der eine höhere Schule in der Form einer kleineren Jeschiwa übergeordnet ist — ist ein Archiv untergebracht, in dem wertvolle Akten und Dokumente aus den Blütenzeiten Eisenstadts und des Burgenlandes unter Glas zu sehen sind. Doch kann ich mich in die Dinge leider nicht vertiefen, da mein verehrter Fahrherr in Geschäften unterwegs ist und noch eine weite Tour vor sich hat. Nach wenigen Stunden fahren wir in M a 11 e r sd o r f ■— pardon Mättersburg ein. Stadtbehörde und Bevölkerung werden nicht gern an die Schande des „Dorfes" erinnert. Für die Juden aber bleibt Mattersdorf Mattersdorf. Chatam Sofer, der hier, bevor er nach Preßburg kam, amtierte, war kein Burg herr, sondern er wandelte durch die Straßen von Matters d o r f. Hier sah ich keine Ketten, aber auch ohne eiserne Umklammerung ist die Judenstadt, etwas tiefer gelegen, ein kleines Reich für sich. Wie in Eisenstadt sind auch hier alle Geschäfte des . Halbfeiertags wegen nur halb geöffnet. Die Menschen sind noch, festlich angezogen, Feiertagsstimmung überall. Vor den Türen stehen die Laubhütten in Reih und Glied, und aus einigen kommt Gesang und Lernmelodie. Im Glänze der goldenen Herbstsonne fand ich Mattersdorf ganz, wie ich es intuitiv bei der Schilderung in meinem „Licht aus dem Westen" erlebt habe. * Hier in diesem Hause, das der alten und noch gut erhaltenen barocken Synagoge angebaut ist, wird Rabbi Mosche Sofer im Kreise seiner Jünger gethront haben. Dort zum Hügel hinauf, wo so etwas wie ein kleines Schlößchen zwischen Buchen und Tannen eingebettet ist, wird sich der Rabbi, den Stock mit dem goldenen Knauf in der Hand, bekümmerten Herzens begeben haben, um den jüdischen Magnaten zu bewegen, seine Brennerei am Sabbat auch durch Nichtjuden nicht betreiben zu lassen. „Wollt Ihr es auf Euch nehmen, der Erste zu sein? . . ." Von hier aus trugen sich in jener Ünglücksnacht die dicken Rauchschwaden über die ganze Judenstadt. Und ganz gewiß hat.von dieser Veranda des unversehrt gebliebenen Hauses aus Rabbi Mosche zu seiner unten ohne Brot und Obdach zitternden und frierenden Gemeinde gesprochen. „Mit Feuer hat uns G'tt gerichtet, wie es geschrieben steht. Aber aus Asche erblüht neues Leben ... Ich bleibe vorerst bei Euch . . ." (Rabbi Mosche hatte schon seit Wochen das Berufungsschreiben einer großen Gemeinde in der Tasche.) Das alles erlebe ich nocheinmal; - so ganz still in mir. Das Inkognito darf nicht gebrochen werden. Mättersburg hat nach Wien und Preßburg das stärkste Agudaleben, die aktivste Agudajugend, die prominente Gäste, oder . solche, die sie für prominent hält, nicht ungestraft unter ihren Palmen wandeln läßt. Es hätte mindestens ein Bankett oder einen Vortrag abgesetzt. Schon zielen forschende Augen aus jugendlichen bartumrahmten Gesichtern nach uns. Also hinein ins Auto, solange noch Zeit ist, und weiter! Wir flüchten uns über die Grenze, nach Ungarn .... Im Ungarlande, Bald haben wir auf der guten Straße die österreichische Grenze hinter uns. Es folgt ein Stück Niemandsland, ungeschützt und unbewacht. Dann halten wir am ungarischen Zollhäuschen. Der Gendarm und die zwei schmucken Honveds klappen die Hacken zusammen und grüßen mit fast operettenhaftem Schneid. Ob ich auch aussteigen soll? „Nein, der Primus kann drin bleiben." Bis jetzt glaubte ich, Primus sei nur der Name für einen Selbstkocher- oder Zigeunerhäuptling. Nach kaum einer halben Stunde sind wir in der ersten ungarischen Stadt,, in Oedenburg, heute Sopron genannt. Eine Fahrt um die Stadt herum läßt, uns den Anblick von parkumgebenen Villen genießen, die jedem größeren Badeplatze zur Ehre gereichen würden. Auf den Straßen in der Innenstadt, um schöne Alleen und Promenaden herum, bewegt sich buntes Leben, beinah Großstadtleben. Auch im jüdischen Viertel sieht es nett und sauber aus. Der Herr Rabbiner kommt uns, dem Cholhamoed zu Ehren, in großer festlicher Aufmachung, in Riesenstreimel und bis zu den Füßen wallendem Atlaskaftan entgegen. Aber im vollen, edelgeschnittenen Gesichte leuchten die guten, vertrauten Frankfurter Augen! Eine Mischung von Frankfurt und Munkacz das Ganze, und gewiß keine ungesunde. Frankfurterisch ist die peinliche Sauberkeit und geschmackvolle Einrichtung im Hause, frankfurterisch auch der Papier-, Blumen- und Lampionschmuck an den Wänden und an der grünen Decke der schönen geräumigen Balkonsukkoh. Weniger Frankfurterisch sind die kabbalistischen Sprüche um die „höheren Gäste" an der Wand. Auch die tiefen Thoraworte, die wir neben goldenen Trauben, dem herrlichen Heimatgewächs, aufgewartet bekommen, sind nicht auf Frankfurter Boden gewachsen. Aber wenn der Rabbi im Eifer des Gespräches in die Heimatsprache verfällt, kann er die Vergangenheit nicht ganz verleugnen. Er bricht über die moderne Bildung den Stab, — in einer Sprache und mit einer logischen Schärfe, die aus der Bildung in der Frankfurter Schule und an den deutschen Hochschulen kommen. Er vermag uns nicht in allem zu überzeugen. Aber wir verlassen das Rabbinerhaus mit rückhaltloser Bewunderung für einen Mann, der den Mut hat, aus später gewonnenen Erkenntnissen die letzten Konsequenzen zu ziehen und sie, gegen eine Welt, zu vertreten. —tz. (Schluß folgt.) Wache. Du hast dich über mich erbarmt Und mich aus Tod und Nacht getragen Und wie in meinen Kindheitstagen Mit deiner Liebe mich umarmt. Wie die Mutter an die Brüste Ihr Kindlein drückt, sich satt zu. saugen, So war es dein geheim Gelüste, Daß mir dein Licht die Lider küßte Und Strahlen goß in blinde Augen, Bis sie als zwei geweihte Späher Für dich erwachten Und mich zu deines Geistes Seher Und zu deinem Knechte machten. Dein Licht ist mir ins Herz gedrungen, Im Feuer will die Brust verbrennen, Von deines Geistes Macht bezwungen, Muß ich, was ist, beim Namen nennen. - Bin über mich hinweggesprungen Wie über eine stumme Sache, Und halte ' deine große Wache Und trag' dein Wort auf meiner Zunge. Saul Maus. Wie jüdische Geschichte gefälscht wird. Während Graetz Rabbi Akiba Eger immerhin viele Tugenden, als größte Bescheidenheit, nachrühmt, aber behauptet, er sei „ein stiller Mann ohne jede Initiative" gewesen, leistet sich ein moderner jüdischer Geschichtsschreiber folgendes; „Die alten Rabbiner lebten in einer ganz anderen Welt, redeten eine fremde Sprache, erschienen der jüngeren Generation als „Kauscherwächter" (wie ein Berliner Gemeindeältester auf eine Anfrage des Ministeriums ihre Funktion erläuterte), d. h. als Aufseher über Ritualien, nicht als Volkslehrer! Was gab es unter ihnen für leuchtende Vorbilder! Man denke an einen Gelehrten wie Akiba Eger, den gefeierten Rabbiner von Märkisch-Friedland und später von Posen, der wie ein Heiliger lebte, der durch seine Menschenliebe, durch seine stete unverdrossene Hilfsbereitschaft die Bewunderung auch seiner erbitterten Gegner fand! Aber wie alle Rabbiner der Zeit war er eingesponnen in die Vergangenheit, ohne den mindesten Blick für die Gegenwart! Wie sollten diejenigen Führer sein,. die gegen jede Forderung des Tages die Bindung an das Gewesene geltend machten? Ueber die ewig Gestrigen ging die Zeit hinweg. — — —' (Elbogen, „Geschichte der Juden in Deutschland", Seite 221.) Wer die Wirksamkeit R. Akiba Egers in Posen kennt, wer die (in Nr. 40 unseres Blattes abgedruckten) Verordnungen Rabbi Akibas zur Bekämpfung der Choleraepidemie im Jahre 1831 gelesen hat und ihm in seinem „Eingesponnensein in die Vergangenheit" den Blick für die Gegenwart abspricht, dem fehlt der Blick für die Vergangenheit und darf keine „jüdische Geschichte" schreiben.

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