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Der Israelit · 1937-10-07 · Heft 40 (7.10.1937) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
78 (1937)
Issue
Heft 40 (7.10.1937)
Date
1937-10-07
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
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Feuilleton- Beilage Der Israelit Nummer 40 1937 Wie ganz anders ist doch Wien „ * .*) Heilige Tage an der Donau. Zählt auch Paris fast so viele Juden wie Wien, so drängt sich uns der Unterschied" in der Donaustadt schon am ersten Tage gewaltig auf. In Paris muß man Juden und Judentum suchen, in Wien dagegen muß man über Brücken und Kanäle wandern, um aus dem jüdischen Milien herauszukommen. In Paris stößt man, wenn man darauf .ausgeht, oft mitten im verkehrreichsten Leben, auf verborgene kleine jüdische Inseln und Inselchen, in Wien gibt es diesseits des Kanals eine Judenstadt mit frischem bewegtem jüdischem Leben, das hinter dem in Krakau und Warschau kaum zurückbleibt. Es soll aber damit keineswegs gesagt sein, daß Wien eine „Judenstadt", wie von gewisser Seite behauptet wird, ist. Wien besitzt nur seine Judenstadt innerhalb seiner Stadtmauern. Im Kernpunkte der Stadt, da wo Wien Wien ist, etwa am Ring, um Burg und Parlament herum, oder in der Gegend von Schönbrunn begegnet man kaum einem jüdischen Gesichte. In der Leopoldstadt kocht und schäumt aber das jüdische Leben und treibt, besonders an und zwischen den heiligen Tagen, hohe Wellen, daß man sich in ein jüdisches Zentrum des' Ostens versetzt fühlt. Zwischen meinem Quartier und der Schiff- Schul hat auf einem weiten Viereck der Karmelitenmarkt seine Buden, Stände und Kramläden aufgeschlagen. Sie sind eingesäumt von kleinen billigen Cafes und Speisehallen und an der Straßenfront vom monumentalen Bau des großen Gemeindetempels, der ganz zu Unrecht den Namen „Polnische Schul" trägt. Zwischen diesem Tempel und der Schiffschul befindet sich in Höfen und Hinterhöfen, zur ebenen Erde und in hohen Stockwerken mindestens ein Dutzend kleiner Bethäuser aller aschkenasisehen und chassidischen Nunancen und Observanzen. Wenn ich an den Rüstetagen zu Jomkippur in erster Morgenfrühe — die Wiener sind Frühaufsteher, auch die Sonne erscheint dort fast um eine Stunde früher als bei uns — von meinem Logis an der Polnischen Schul vorbei in die Schiffschul gehe, tönt mir Gebet, Aufschrei, Gesang von allen Seiten entgegen. In allen Melodien und Tonarten schreit jüdische Not und jüdische Inbrunst in Slichothliedern zum bleichen grauen Morgenhimmel hinauf. Und auf dem Karmelitenmarkte schreien, krähen und gackern Hähne und Hühner, als gehörte das mit dazu . . . Gehört auch dazu. Denn der Karmelitenmarkt ist in diesen Tagen sozusagen „Kaporausmarkt". Und vor den Schächtstuben an der Häuserfront vor dem Märkte stehen schon die Männer und Frauen mit ihrem Geflügel in - großen langen Reihen an, um in den Innenhof vorzurücken, wo die Schächter bereits seit Morgengrauen bei der Arbeit sind. Wiewohl Wien ungezählte Tempel, Synagogen, Klausen, Bethäuser und Stübel besitzt, konzentriert sich doch das ganze religiöse Leben um die Schiffschul herum. Auch die vielen frommen, privaten und Vereinssynagogen, denen zum Teile treffliche Männer als Führer vorstehen, zählen sich mehr oder weniger zur „Schiffschulgemeinde". Obwohl mit ihren 500 Mitgliedern nur ein .kleiner Bruchteil der Zweihunderttausendgemeinde, ist doch die Schul in der Schiffgasse Zentrum des jüdisch-religiösen Lebens der Stadt. Man geht in die „Polnische Schul", um den Chasan mit seinem künstlerisch vollendeten Meschorarimchor — es soll der beste in Europa sein — zu hören, man geht in den „Türkischen Tempel", um fremdartige Gebete und Weisen kennen zu lernen, man schaut auch einmal in einen modernen Gemeindetempel hinein, der mit einem Reformtempel in Deutschland nichts gemein hat, man tanzt gelegentlich in gehobener Stunde dann und wann mit den Chassidim in einer Klaus — man d a w e n t aber in der Schiffschul ... Und man dawent — in Wien „ort"" man nicht aus einer „Tefilloh", sondern man „dawent" aus einem nSitldur" — warm und innig, wenn auch nach unseren Begriffen zuweilen etwas formlos. Hier ist ein konstantes Baalebatim-Publikum bodenständig, das seine Schul innig liebt und mit ihr durch Generationen aufs engste verbunden ist. Wann man auch in diese Schul kommt, in der Morgenfrühe oder nachmittags, an Wochentagen oder am Sabbat und Feiertag, sie ist immer bis zum letzten Platze angefüllt mit Menschen, die nicht zum Schauen oder Hören kommen, sondern zum Beten, zum„Dawnen. Vorne auf dem *) Siehe „Eindrücke in Paris" in Nr. 35—39. ersten Platze die patriarchalische Gestalt des greisen Rabbi strömt etwas wie beruhigende Milde über den Raum aus. Ein Oberkantor, dessen lyrischer Tenor wie eine Rakete aufsteigt, um in den oberen Lagen wie ein Brillantenfeuerwerk auszustrahlen, reißt die Betergemeihde mit in himmlische Höhen. Am Kol Nidre-Abend schien es mir, als würden alle Vögel im nahen Augarten und alle Engel im Himmel im Chore mitsingen: „Solachti! ..." Die ganze Straße scheint uns in diesen Tagen ein erweiterter Heiligenraum. Als sich der Sabbat vor dem Sukkotfeste zur Neige senkte, fuhren große Bauernwagen mit Laub und Tannengrün an und machten vor der Schiffschul Halt, daß der Weg nach der Kanalseite versperrt war. Ein Wachmann, der hier immer zur Stelle ist, bedeutete den Fuhrleuten aus dem Dorfe, daß sie nicht eher abladen dürften, als bis der Sabbat vorbei sei. Und nun standen die Bauern auf ihren Fuhren und schauten ungeduldig k zum Himmel nach den drei Sternen aus . . . Kaum aber war drinnen Hawdala verklungen, da begann unten der große Szchach-Markt, mit Feilschen und Schreien und Handeln und Jammern über die „unerschwinglichen Preise". Daneben in den kleinen Lädchen prüften aber würdige Männer mit Kennerblick die „schöne Frucht", und ein Vorgefühl der Weihe und Freude milderte den Ton beim Handeln, das auch hier nicht fehlte. Als ich in der Nacht zu Hoschana rabba etwa gegen 3 Uhr vom Beth Hamidrasch, das der Schilfschul übergelagert ist und das, wie tagtäglich, auch in dieser Nacht von Betenden und Lernenden überfüllt war, nach Hause ging, strömte aus allen jüdischen Backhäusern der anliegenden Gassen der angenehme Duft irischer „Berches". In den judischen Fleisch- und Geflügelläden kauften jüdische Frauen ein wie am hellichten Tage. Auf der Straße wurden Fähnchen für Simchas Thora verkauft, arme Leute wünschten auf Schritt und Tritt gegen einen kleinen Obolus noch kurz vor Toresschluß ein „G'mar tow?" Das jüdische Leben scheint in solchen Nächten in der Judenstadt von Wien nicht schlafen zu gehen. Am Hoschana rabba morgens hatte ich aber in der Schiffschul mein Erlebnis: eine in Sargenes weißgehüllte Gemeinde :— mit Lulaw in der Hand. Jomkippur und Sukkoth in einem. Die Rundgänge der weißen Gemeinde, unter Anführung des zweiten Kantors, der mit sonorer Stimme noch einmal zum Abschied die ganze Innigkeit und Inbrunst der heiligen Tage in die Gebete hineinlegt, mute» an wie der ewige Zug des jüdischen Volkes, rundherum durch die Welt, Weg ohne Ende . . . Und der Ziehenden sind so viele, daß sich hart im Räume Menschen und Palmen oft zu einem Knäuel zusammenballen. Im Lichte der tausend elektrischen Birnen schimmert es weiß und grün aus Gewändern und Palmenzweigen. Und der Vorbeter weint und trällert, und die Gemeinde mit ihm: „Hoschana, Hilfe o G'it, unser Schöpfer, unser Erlöser, Hoschana! , >" Und dann rauschte Thorafreude eine Nacht und ein Tag hindurch im breiten Strome durch die Gassen der Judenstadt, alles mit sich hinreißend. Man hat am Vorabend die Wahl, das freudige Treiben in den Klausen anzusehen, die 'Grandezza bei feenhafter Beleuchtung im Türkentempel oder die Kunstgesänge in der Polnischen Schul zu bewundern. Nachdem wir aber etwa in einem halben Dutzend von Synagogen Gesänge und Tänze angehört und angesehen hatten, ging es uns wie dem Gaste an der vornehm gedeckten Festtafel, der nach all den gekosteten Süßigkeiten Hunger nach einem soliden Abendessen verspürt. Wir gingen in die Schiffschul und dawneten, echt und recht, mit vertrauten Gesängen und Rundgängen, die an die Heimatsynagoge erinnerten ... —tz. (Fortsetzung folgt.) Zum hundertsten Todestag von Rabbi Akiba Eger Verhaltungs-Regeln am Rosch Haschanah und Jörn Hakippurim des Jahres 5592 (1831) für die Gemeinde Posen. Die unterzeichnete Kommission, welche unter Leitung des Herrn Rabbiners steht, hat mit Zuziehung der Herren Gelehrten der Stadt betreffs des Verhaltens an den beiden Rosch Haschanah-Tagen und am Jörn Hakippurim dieses Jahres Beratungen gepflogen und in Rücksicht darauf, daß nach der Aeußerung der Herren Aerzte das Zusammenpressen einer bedeutenden Anzahl von Menschen mehrere Stunden lang in den Synagogen, das frühe Ausgehen bei nüchterem Magen und das Einatmen der rauhen Morgenluft Cholera-Krankheiten erzeugen können, und daß ferner die Beleuchtung durch Oel- und Talglichter der Gesundheit sehr nachteilig ist, Nachstehendes festgesetzt; 1. In sämtlichen Synagogen darf, sowohl im Männerraum wie im Frauenraum, am Rosch Hachanah und Jom Hakippurim nur die Hälfte der Schulsitze besetzt sein, und zwar in der Art, daß bei jedem besetzten Schulsitze der zweite daran grenzende unbesetzt bleiben muß. Es kann also nur die Hälfte der Inhaber von Synagogensitzen an diesen heiligen Tagen Zutritt zu den Synagogen haben; nud da sämtliche Inhaber gleiche Ansprüche haben und Niemandem das verkürzt werden darf, so soll die eine Hälfte an den zwei Rosch Haschanah-Tagen, die zweite Hälfte aber am Jom Hakippurim Nachts und Tags ihre Sitze in den Synagogen einnehmen können. 2. Damit der vorgedachte Zweck, daß von zwei Synagogensitzen jedesmal einer unbesetzt bleibe, erreicht werde und um festzustellen, wer am Rosch Haschanah und wer am Jom Hakippurim seinen Sitz einnehmen kann, so hat der ehrwürdige Herr Rabbiner, da alle Sitze in der Synagoge ordnungsgemäß numeriert sind, zwischen den Nummern 1 und 2 gelost und zog Nr. 1; für Rosch Haschanah ist also Nr. 1 und für Jom Hakippurim Nr. 2 gültig. Diese Verlosungsart hat also zur Folge, daß sämtliche Inhaber, deren Sitze mit einer ungeraden Zahl numeriert sind, ihre Sitze am Rosch Haschanah besetzen können, während die Sitze, die mit einer geraden Zahl bezeichnet sind, am Rosch Haschanah unbesetzt bleiben müssen. Am Jom Hakippurim ist es wiederum umgekehrt: Die Besitzer der mit einer geraden Zahl bezeichneten Sitze besetzen ihre Plätze, während die Sitze mit ungeraden Zahlen unbesetzt bleiben. * 3. Der ehrw. Herr Rabbiner, die ehrw. Herren Rabbinatsassessoren, die Monatsvorsteher der Synagogen, die Beamten der Synagogen, wer das ganze Jahr „Segen" steht, wie hier die Manhigim, sowie auch die Vorbeter und die Baale Tokea, ferner in dem Frauenraum die Rabbinerinnen und Vorstehfrauen, behalten ihre Plätze am Rosch Haschanah und Jom Hakippurim auch dann, wenn der betreffende durch die Verlosung davon ausgeschlossen sein sollte. 4. Die Herren Vorsteher der Wohltätigkeitsvereine werden Billete anfertigen lassen, und zwar für jede Synagoge eine besondere Form. Die Inhaber der mit ungeraden Zahlen bezeichneten Sitze können die für sie bestimmten Billete am Dienstag vor Rosch. Haschanah zur Benutzung am Rosch Haschanah von den Herren Vorstehern abholen lassen, die Inhaber von Plätzen mit geraden Zahlen aber .können die ihrigen für Jom Hakippurim am Donnerstag vor Jom Hakippurim abfordern. 5. Zur Aufrechterhaltung der Ordnung wird ein jeder Eingang zur Synagoge mit Militärwache besetzt sein, bei welcher die Vorzeigung der Billete erfolgen muß und besonders werden auch die Polizeibeamten darauf sehen, daß die Ordnung in der Synagoge beobachtet werde. 6. Da diejenigen, welche in den Synagogen keinen Zutritt haben, Minjanim in Privathäusern bilden müssen, so haben die Veranstalter derselben besonders darauf zu achten, daß die Zahl der Teilnehmer nach dem Räume des Lokales ebenfalls so beschränkt sei, daß auch nur die Hälfte der daselbst anzubringenden Sitze besetzt sei und wird die Beobachtung dieser Bestimmung von der Gesundheitspolizei streng überwacht werden. 7. Die Herren Vorsteher der Wohltätigkeitsvereine werden zur Errichtung der Minjanim ihr Mögliches beisteuern ünd dieselben mit den erforderlichen Thorarollen und Schofarhörnern versehen. 8. Es müssen nach Anordnung unseres Herrn Rabbiner für sämtliche Minjanim die Mizwoth versteigert werden und der Ertrag fällt der Wohltätigkeitskasse anheim. 9. Am Rosch Haschanah ist die Dauer des Gebetes von Jigdal bis zu den Tekioth nach Mussaf auf fünf Stunden beschränkt; um 5 Uhr werden die Synagogen geöffnet, um 5.30 Uhr wird Jigdal angefangen und um 10.30 Uhr soll der ganze G'ttesdienst beendet sein. Um dies zu erlangen, wird festgesetzt, daß a) die Mizwoth jedesmal am Vorabend nach Beendigung des Gebetes versteigert werden, b) ein jeder, der vor die Thorarolle tritt, nur einen Mischeberach machen lassen darf, c) daß die Vorbeter die Gesänge durchaus nicht in die Länge ziehen, vielmehr die Gebete Wort für Wort vortragen und empfindungsvoll aussprechen sollen. 10. In Betreff der Beleuchtung am Rosch Haschanah so dürfen an beiden Tagen Vormittags die Synagogen gar nicht beleuchtet werden, nur von dem Vorbeterplatze sollen einige Lichter brennen dürfen. 11. Der Herr Rabbiner und die Herren Rabbinats- Assessoren geben bekannt, daß niemand seine gesetzliche Pflicht erfüllt hat, wenn er am Rosch Haschanah nüchtern in die Synagoge geht; ein Jeder ist verpflichtet, früher etwas warmes zu genießen, und wenngleich es Tag sein sollte, muß er wenigstens Tee trinken. 12. Dieselben geben bekannt, daß ein Jeder, der sich im mindesten schwächlich fühlt, verpflichtet ist, sofort nach dem Schofarblasen in sein Haus zu gehen und zu frühstücken, nachdem er vor der Mahl-

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