Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 78 (1937)
- Issue
- Heft 40 (7.10.1937)
- Date
- 1937-10-07
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 8 Nr, 40 Der . I s r a e 1 i t 7, Oktober 1937 Aus der Agudas Jisroel-Bewegung* Vom agudistischen Frauenkongreß in Marienbad. Aus der Berichterstattung in der Frankfurter Agudistischen Frauengruppe erfahren wir u. a. folgendes: Nach dem gelungenen feierlichen Eröffnungsa&ettd (übei' den wir bereits berichtet haben. Red.) blieben die Delegierten in einem Nebensaal bis tief in die Nacht gesellig zusammen, um sich gegenseitig kennen zu lernen, und es spannen sich damals schon fruchtbare Unterhaltungen an. — Donnerstag vormittag konnte die Sitzung erst um 10.30 Uhr begonnen werden. Es wurde zunächst Bildung von Kommissionen vorgeschlagen, nämlich: 1. Finanz, 2. Statuten, 3. Verbindung mit den Herren, 4. Erziehung, 5. Organisation und Propaganda, 6. Kultur und Presse. 7. Erez Israel, 8. Soziale Arbeit und schließlich die ausgedehnteste, die nicht der Frauenkonferenz direkt untersteht, die für nnswnn mno- Nun fingen die Länderberichte an, aus denen wir gelernt haben, was bisher in den einzelnen Ländern von den Frauen geleistet wurde und vielmehr, was noch geleistet werden muß. Es war erschütternd, was man da zu hören bekam. Ein Notruf nach dem anderen. Da fehlt es an Leitern, dort an Lektüre, da an Lokalen, da an religiösen Einrichtungen, dort am Willen, und überall an — Geld. Es konnte einem angst und bange werden, wenn man hörte, wieviel zu schaffen wäre, was von uns zur Förderung der Jüdischkeit noch geleistet werden muß. Ganz abgesehen von Erez Israel, deren Berichte erst für Sonntag geplant waren. Außerordentlich lehrreich waren diese Länderberichte, denn die Länder hatten offenbar ihre wertvollsten Vertreter geschickt, und so bot sich uns aus dem Mund hochgebildeter Frauen, von deren Existenz im Osten wir uns nicht träumen ließen, nicht nur das Bild der herrschenden Not, sondern charakteristische Studien der Ländertypen und Lnädereigenarten. Es war ungeheuer interessant, Vergleiche zu ziehen, Aehnlichkeiten und Unterschiede in den verschiedenen Volkspsychen nachspüren zu können. Das war möglich durch die wohlvofbereitete klassische Art der Darstellung. Zwischen diesen Berichten wurde der Lautspre» eher eingestellt, der uns ein Referat des Neutraer Raw über nnawan mno übertrug. Er sprach warm und intensiv über die Wichtigkeit der Reinerhaltung der jüdischen Familie, über das wachsende Schwinden dieser Vorbedingung für den Fortbestand des Judentums. Es müsse die wichtigste Aufgabe der Agudas Jisroel sein, hier ihre Hauptkraft zu entfalten. Der Freitag stand auf sehr hohem Niveau. Es wurden durchwegs wertvolle Referate gehalten, alle hervorragend in Aufbau und Inhalt. Frl. Chananowitsch aus Kowno sprach über Selbsterziehung. Es war ein in sich geschlossener Vortrag, der nicht eindrucksvoller hätte sein können. Kaum ein Gebiet in der geforderten Selbsterziehung wurde dabei vergessen. Frl. Karmel, Wien, behandelte das interessante Problem der o s t j ü d i - sehen Frau, die es einfach nicht mehr ertrug, von den jüdischen Belangen ausgeschaltet zu werden, die den Gefahren der Umwelt zum Opfer zu fallen drohte, bis mit kraftvoller Hand die Beth Jakob-Bewegung die Gefahr aufhielt. Ueber die Erziehungsziele von Beth Jakauw sprach Frau Groß- Hamburger aus Czernowitz. Durch die entsetzliehe Armut der Massen sei es nötig, die Mädchen auch für andere Berufe auszubilden. (Fortsetzung folgt.) Kibfc Ez Chanm Heide. Gewöhnlich bedeutet die fiyv für ihre Schüler nur soviel, als man in ihr seine geistige Stärke, sein jüdisches Bewußtsein erhält. Nachdem man mehrere Jahre diese Stärkung erhalten hat, verläßt man die na'»' und sucht sich in der Welt sein Unterkommen. Nicht immer, oder gewöhnlich nicht, achtet man darauf, in eine Umgebung zu kommen, in der die min herrscht. Meistens vernachlässigt man den "-7*711 msn/ der da sagt, daß man nur in einer Umgebung von O'ösn '"paVn leben soll. Dieser ia«a selbst dürfte einfach zu verstehen sein. Da jeder Mensch mehr oder weniger unter dem Einfluß seiner Umgebung steht, soll man sich eine solche Umgebung suchen, in der man geistig reicher und größer werden kann. In einer nicht-geistigen Umgebung droht einem der geistige Niedergang. Das größte Maß geistigen Steigens (auch außer Lernen) ist natürlich in einer Umgebung von D'BSri "»Ta^n möglich. Nicht nur Aufgabe eines jeden Einzelnen ist es, sich eine m'no mw zu suchen, sondern es ist auch die Aufgabe der Leiter der nnin-Zentren, Allen die Möglichkeit zu geben, von dieser nun immer zu genießen. In erster Linie kommt hier wohl die na*cr in Betracht, in der sich das ausgeprägteste jüdische Leben abspielt. Die Aufgabe des ni3»»'n »»m und ö»h»s»ö dürfte es sein, ihren O'l'afcfl Lebensunterhalt in ihrer Umgebung zu verschaffen, damit sie sich geistig weiterbilden können. Wenige nn,'», haben die Notwendigkeit dieser Aufgabe eingesehen, und noch weniger den Gedanken in die Tat umgesetzt. Eine rühmliche Ausnahme hierin bildet die nrr in Heide. Unter größten finanziellen Opfern seiteris der na'»* und ihres genialen Leiters Rabbi F. Schapiro ist es gelungen, seit einem Jahr den Heider „Kibbuz" zu schaffen. Zirka 10 Jungens hat man schon so weit in verschiedenen Berufen ausgebildet, daß sie in der Lage sind, sich selbständig zu ernähren. Den halben Tag arbeiten sie und die. andere Zeit lernen sie. Verheiratete und andere ehemalige Dmnbn der mw kommen täglich nach Heide, um dort den Nachmittag mit Lernen zu verbringen. Verschiedene Ca^na ^»a sind nach Heide gezogen, um dort im „Kibbuz" zu „lernen", erm "^sa, die ihr Lernen schon längst vergessen haben, greifen wieder zurück zur Ni*in3. Langsam bildet sich in dem kleinen Dorfe Heide, auch außerhalb der na'B", ein orthodoxer, lernender 3F! Wir wollen hoffen, daß auch andere min-Zentren dem Beispiel dieser nan?' folgend versuchen, ihre ciPT-a^n für ihr Leben zu versorgen, mit dem Gedanken, den alten Typ des jüdischen lernenden Arbeiters und Kaufmanns heranzubilden!» * * * Die Semektereröffnung in Heide findet rrn rr?« 1^03 statt. Anmeldungen sind zu richten an: Jeschiwa Ez Chajim, Heide/Antwerpen. Im neugegründeten Noar Agudati-Heim in München wird der „Israelit" vorgelesen Beth Chinuch. Vom Kuratorium des Beth Chinuch, Berlin, wird uns geschrieben: Die Zeit zwischen Schulentlassung und Eintritt in Beruf oder Hachschara wird meist nicht ausgenutzt. Diese, Lücke des „9. Schuljahres" füllt das Beth Chinuch sinnvoll aus. Hier werden die Knaben zu bewußt religiösen Menschen erzogen und an die Quellen der jüdischen Lehre herangeführt. Mit diesem „Lernen" in echt jüdischem Sinne wird zugleich der Forderung der religiösen Bünde nach dem Lernjahr entsprochen, welches z. B> für die Zertifikatserteilung vorausgesetzt wird. Es beginnt also im Beth Chinuch früher als üblich der Weg nach Erez Jisrael. Die chaluzische Betreuung der Jungen obliegt dem „Noar Agudati". . Daneben wird mit der Berufs Vorbildung in der handwerklichen Vorlehre, in Fortbildungsfächern und Sprachen angefangen, Im Laufe der Zeit bildet sich die Eignung für bestimmte Berufe,, auch für andere Auswanderungsländer, heraus. Der Besuch des Beth Chinuch befreit von der Berufsschulpflicht. Die Jungen kommen in ein schöngeführtes Heim, in ein echt jüdisches Milieu, in dem sie sich im Kreise gleichgesinnter Altersgenossen wohlfühlen, Kameradschaft lernen und Freundschaften fürs Leben schließen. 1. Lehrkurse in jüdischen Fächern: T'nach, Mischna, Talmud (in drei Stufen), Dinim, gramm. und Stilist. Uebungen, Jüdische Geschichte. — 25 Wochenstunden. 2. Fortbildungsfächer: Iwrit, Englisch, Rechnen. — 6 Wochenstunden. 3. Handwerkliche Vorlehre: Holz- und Metallbearbeitung. 6 Wochenstunden. 4. Sport, Spiel, Geselligkeit, Arbeitsgemeinschaften. . Das Beth Chinuch wird von einem Kuratorium' unter Vorsitz des Rektors des Rabbiner-Seminars, Rabb. Dr. J. J. Weinberg, geleitet, dem auch andere bekannte Persönlichkeiten angehören (u. a. die Herren: Rabb. Dr. E. Biberfeld. Rabb. Dr. Jakobovitss Rabb. Dr. Klein, A. Schoyer, Fritz Cohn, Curt Salomon),. — Heimleiter und Lehrer sind Rabb. A. Wolf, Rabb, S, Offenberg, Dr. P. Galewski u. a. * Die Monatskosten betragen für Internat und Unterricht RM. 55.—. Das Heim ist von der Reichsvertretung als zuschußfähig anerkannt (siehe Richtlinien, Abt. Vorlehre). Die Bezirksstellen können im Rahmen der ihnen für das neunte Schuljahr zur Verfügung stehenden Mittel die Kosten für den Besuch des Beth Chinuch je nach den wirtschaftlichen Verhältnissen ganz oder teilweise bewilligen. Für Berliner betragen die Unterrichtskosten monatlich RM. 20.—. Evtl. Ermäßigung, oder Befreiun-J auf Antrag. In begrenzter Zahl übernimmt das Sugendpflegedezernat der Jüdischen Gemeinde das Schulgeld. In besonders gelagerten Fällen könnea auch Berliner ganz oder teilweise Verpflegung Gr. halten. Baldigste Anmeldung für das am 1. Oktober 1937 begonnene Lehrhalbjahr erbeten. Auskunft wird bereitwillig erteilt. Eine agudistische Führersehule in Oesterreich, Auf Anregung der Aktivistengruppe veranstalten die Landes- und die Jugendorganisationen der Agudas Jisroel in Oesterreich, im Einvernehmen mi! den zentralen Instanzen der Agudas Jisroel und dem Rabbinischen Rat, eine agudistische Führersehule unter dem Protektorat Sr. Ehrw. Herrn Oberrabb S. Fürst für Mitglieder agudistischer Gruppen im Alter von 17—22 Jahren, die sich berufen fühlen, Führer der agudistischen Jugend zu werden, Die Führerschule wird den ganzen Winter des Jahres 5698 (1937/38) dauern, in zwei annähernd gleich lange Lehrperioden geteilt sein und s. G. w. in einer großen Prüfung zu Pessach ihren Abschluß finden. Sie soll dank einer besonders sorgfältigen Festsetzung der einzelnen Vorträge und dank der Gewinnung besonders'sachkundiger Referenten ein Vorbild sein für ähnliche Kurse in anderen Ländern und vielleicht auch den Grundstock bilden für das schon lange erstrebte große orthodoxe Erzieher- und Lehrerseminar. Die Eröffnung wird s. G. w. am 13., spätestens aber am. 17. Oktober (12. Cheschwan) in feierlichem Rahmen erfolgen. Die Kurse werden dreimal wöchentlich, am Mauzoe Schabbos. Sonntag und Mittwoch abends, .stattfinden. Das Programm sieht folgende Lehrfächer vor: Thora und Mussari Jüdische Geschichte; Ideologie und Geschichte der Agudas Jisroel; Pädagogik, Rhetorik und Stilistik; Organisation und moderne Propaganda. Für die einzelnen Lehrfächer wurden die geeignetsten Referenten gewonnen, denen die zentralen Instanzen beratend zur Seite stehen und die für die allgemeinen Fächer (Rhetorik, Propaganda u. a.) sich auch die teilweise Mitwirkung bekannter Fachgelehrter sichern werden. Die erfolgreichen Absolventen der Führerschule werden neben einem Diplom, dessen Gültigkeit sich über die Organisation der Agudas Jisroel aller Länder erstrecken wird, ein eigenes Führerabzeichen erhalten. Sie werden ferner innerhalb der Agudas Jisroel in vielfacher Beziehung eine Vorzugsstellung genießen. Voraussetzung für die Aufnahme in die Führerschule ist ein beispielgebender religiöser Lebenswandel und ein Mindestmaß jüdischen Wissens. Für die Teilnahme an der Führerschule ist ein Beitrag von S 3,50 pro Semester; also zusammen S 7.— zu entrichten. Auf Ersuchen kann die Kursleitung diesen Beitrag entsprechend ermäßigen oder die Bezahlung in Raten bewilligen. Die Zahl der Teilnehmer mußte aus pädagogischen Gründen begrenzt werden. Anmeldungen sind bis spätestens Dienstag, den 5. Oktober, schriftlich unter Verwendung der aufliegenden Formulare im Büro der Agudas Jisroel, IL, Im Werd 6, einzureichen, oder in der Jugendgruppe bei den Herren Red, David Türkl, Hermann Herzog, Israel Schapira oder Philipp Sinai abzugeben. Kenessio-Vortrag in Wien. Ueber einen K. G.-Vortrag in Wien schreibt die Wiener „Jüdische Presse" u. a. folgendes: „Am ersten Abend des Chol-Hamoed spracht in einer von der Agudas Jisroel einberufenen, außerordentlich stark besuchten Versammlung die Herren S. Schachnowitz, Chefredakteur des „Israelit"i und Dr. J, Pollak, Direktor der Wiener Talmud- Thora-Schule, über das Thema „Was brachte uns die III. Kenessio Gedaulo?" Der illustre Gast aus Frankfurt konnte den Romancier nicht verleugnen: sein Referat war darum weniger in der Manier eines trockenen Leitartikels als in der eines geist- und gemütvollen Feuilletons gehalten. Schachnowitz ließ seine Zuhörer weniger durch das Prisma der politischen Räson als durch die Brillen des Temperaments, seines Temperaments, blicken und die tieferen, überrealen Momente der Kenessio Gedaulo erschauen. Nicht darum war es ihm zu tun, einen Be* rieht über das zu erstatten, was man in Marienbad sehen und hören konnte; vielmehr wollte er das dankbar bewegte Publikum ahnen lassen, was man dort fühlen und empfinden mußte, was dieser „Großen Versammlung" das Einmalige ihres Charakters gab, das Besondere ihres We.sens, das Einzigartige ihrer Atmosphäre und Wirkung." Berichtigung. Zu der Notiz über die Zusammensetzung des Waad hapoel der Agudas Jisroel ist berichtigend zu bemerken, daß Dr. Breuer wohl die Leitung des K e' ren Hajischuw übernommen hat, die Wahl m den G. A. und in die Exekutive aber nicht angenommen hat.