Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 78 (1937)
- Issue
- Heft 37-38 (17.9.1937)
- Date
- 1937-09-17
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 Nr. 37/38 Der Israelit 17. September 1937 KEREN HATORAH steht im Dienste unserer Jugend! Talmud Tora-Schulen - für unsere Jugend! Religionsunterricht in lehrerlosen Gemeinden - für unsere Jugend! Keren Hatorah-Heime - für unsere Jugend! \ Subventionierung des Jeschiwa-Besuches - für unsere Jugend! Landesdirektorium des Keren Hatorah, Homburg, Postscheckkonto-. Hamburg 24753 Vorsteher entgegen, der, allen Warnungen zum Trotze, -sein Haus am Sabbat bauen läßt, mit solch schonungsloser Energie, daß der Vorsteher bald den Kürzeren ziehen muß. Alle religiösen Angelegenheiten bekommt er in die Hand, und der bescheidene gütige Rabbi kann auch streng sein, wenn es irgendwo, etwa bei seinen wöchentlichen Inspektionen des Jugendunterrichtes, nicht nach seinem Wunsche geht. Aber er ist Vater der Armen, der Kranken, der Hilflosen, der Waisenkinder, Begründer der Wohlfahrtsvereine, die heute noch in der Gegend bestehen, stellt sich selbst an die Spitze des Beerdigungsvereins, Alle Würden seiner Stellung macht er sich selbst zu Bürden, und er trägt schwer an der Verantwortung. Auen von seinem ersten ^Rabbinatssitze aus äußert er sich in Briefen, er würde die Stunde segnen, in der er das hohe Rabhinerämt mit dem Posten eines Melamed (Kinderlehrers) vertauschen könnte. Aber bald i s t er der große. Melamed, Lehrmeister Israels. Das Eger'sche Lehrhaus wächst und wächst Und trägt den Ruhm des früher kaum gekannten westpreußischen Städtchens in alle Lande hinaus, bis zum Rhein nach der einen und über die Weichsel bis zur Wolga nach der anderen Seite. Der Posthalter des stillen Städtchens hat täglich eine große Post auszuteilen, und der größte Teil wandert nach dem Rabbihaus, denn von allen Seiten kommen die halachischen Anfragen, die Bitten um Entscheidungen in religiösen und Gemeindeangelegenheiten an Rabbi Akiba. Mit den Führern der Zeit, so mit Rabbi Jakob Lissa, Rabbi Mordechai B e n e t in Nikolsburg, Rabbi Mosche S o f e r in Preßburg u. v. a. steht er in regem Briefverkehr. Als sich die erste Reformsaat unter Israel Jacobson, David Friedländer und Konsorten von Berlin aus über die Welt zu verbreiten beginnt und überall in den deutschen Landen, besonders unter der Jugend, die ersten Opfer fordert, finden die mutigen Kämpfer für G'tt und seine Thora in Märkisch-Friedland eine feste Burg und in Rabbi Akiba den bewährten Kämpen. Rabbi Akiba sieht schon frühzeitig ein, und spricht es aus, daß die anscheinend geringfügigen Reformen auf eine Säkularisierung des G'ttesgesetzes hinausgehen und bis an die Wurzeln greifen. Mit der ihm eigenen Schärfe der Logik weist er die Unmöglichkeit einer restlosen Wiedergabe der alten heiligen Gebete ihrem vollen Sinne gemäß in einer anderen Sprache. Nicht ein einziges Wort des bekanntesten der Gebete, des Schma, decke sich in der deutschen Uebersetzung vollkommen mit dem heiligen Texte. Das deutsche Gebet könne niemals Dolmetsch der Gefühle sein, denen das heilige Wort von altersher Ausdruck gibt. Man könne Worte umschreiben, umgießen, Geist und Seele sind unübertragbar, sie sind eins mit dem Körper, in den sie der Schöpfer eingehaucht hat . . . Die Entscheidungen des Friedländer Gaon in konkreten Fällen bleiben keine Einzelbestimmungen, sie wachsen sich in der Größe ihrer Perspektive und unter hohen Gesichtspunkten zu großer Wegweisung in allen Gemeinden aus. Menschenliebe, ungeheures Verantwortungsgefühl und das ängstliche Bemühen, unterbrochene Brücken zu G'tt wieder aufzurichten, leiten ihn bei seinen Entscheidungen. Lehre und Leben sind für ihn eins und dasselbe, die Lehre ist der Inhalt seines Lebens und der Weg des Lebens ist ihm von der Lehre gezeichnet. So ist er auch bald Führer in weltlichen Dingen, die den äußeren Organismus seiner Gemeinschaft betreffen. Er wird als Deputierter des Posen'schen Landes nach Warschau zur Verhandlung mit der Napoleonischen Regierung über die Neukonsolidierung der Gemeinden geschickt, und in Polens Hauptstadt kennt man bereits den großen Rabbi der westpreußischen Kleinstadt und empfängt ihn mit hohen Ehren. Ueber zwanzig Jahre wirkt Rabbi Akiba in Märkisch-Friedland. Diese zwei Jahrzehnte seiner vollen Kraftentfaltung können als die Zeit der nnnE? auch in seinem persönlichen Leben bezeichnet werden. Hier erlebt er das Glück, seine Kinder in geistige Höhen hinaufwachsen zu sehen. Der älteste Sohn Abraham widmet sich, obwohl ein Gelehrter, dem Kaufmannsstand. Sein kongenialer Lieblingssohn S a 1 o -, m o n teilt insofern das Schicksal des Vaters, als er nach Verlust seines ganzen Vermögens doch gezwungen ist, das Rabbineramt in Kaiisch anzunehmen (er wirkte von 1837 bis 1852 als Nachfolger seines Vaters auf dem Oberrabbinatssitz in Posen). Der Gipfel des Glückes scheint ihm erklommen zu sein, als es ihm beschieden wird, in verwandtschaftliche Beziehungen zu dem Preßburger Gaon, Rabbi Mosche Sof er, zu treten. Der verwitwete Rabbi Mosche, fast Attersgenosse von Rabbi Akiba, wird sein Schwiegersohn. Eine ganze Reihe von Ueberlieferungen, auch Anekdoten, zeigen, welchen Eindruck diese Verbindung,der zwei iiy ti^j? auf die Welt machte. Das Hochzeitsfest m Eisenstadt, in der Geburtsstadt Rabbi Akibas, war ein Ereignis, von dem man in den ungarischen Landen noch lange sprach. Vom materiellen Wachstum der Rabbi Akiba anvertrauten Gemeinde in der Folge seiner Amtszeit zeugt der Umstand, daß er schon zuletzt ein Gehalt von 16 Talern in der Woche bezog, wobei ihm noch eine Gratifikation von 250 Talern aus Anlaß der Verheiratung eines jeden Kindes zugesichert war. In den 24 Jahren seiner Wirksamkeit wuchs Rabbi Akiba mit der Gemeinde und die Gemeinde mit ihm. Märkisch-Friedland war zur Residenz der Thora geworden, deren Ruhm bis zur letzten jüdischen- Niederlassung hinreichte. Nach einer größeren Residenz verlangte es Rabbi Akiba nicht. Aber Posen, damals wohl die größte Gemeinde Europas, brauchte* in der Zeit der Wandlungen und geistigen Entwertungen in der Sonne der Emanzipation eine starke Führerhand. Und Rabbi Akiba folgt nach langem, Zögern dem Rufe, — nicht aus Ehrgeiz oder materiellen Interessen, sondern, weil er den gütlichen Anruf vernimmt, dahin zu gehen, wo zwar keine Lorbeeren zunächst seiner harren,, wo er aber am dringendsten nötig ist. Rabbi Akiba Eger wird im August 1815, nachdem über ein Jahr in der Gemeinde der Kampf um seine Person zwischen rechts und links getobt hat, Oberrabbiner von Posen. Und damit beginnt die vierte Periode seines Lebens, die wir mit Q*?13? mit der Zeit der Lichtwerke für die Ewigkeit bezeichnen möchten. (Schluß folgt.) Und ihr sollt euch freuen! Betrachtung zum jtod -Feste. Von A. Mannheimer in Dettelbach. Seelenbestimmungen können nicht nach Kommando erzeugt werden, vielleicht am wenigsten die Freude. Sie muß sich einstellen als natürliche Folge normal ablaufender äußerer Umstände. Wir reden selbstverständlich hier nicht von der künstlich erzeugten Freude in der Sphäre des Spiels, des Humors, der Geselligkeit, des Theaters, der Musik und dergl. Das sind eigens angefertigte, für den Zweck berechnete Kunstprodukte, deren Wirkung sich meistens schnell verflüchtigt, um neuen künstlichen Reizen Platz zu machen, die wiederum das Los der Eintagsfliegen teilen. Daß aber in der erhabenen, heiligen Sphäre der Religion die Freude ein Plätzchen fände, daß sie nicht nur gestattet, sondern geradezu erwünscht und iormell geboten ist, das regt uns zum Nachdenken an. Vom Laubhüttenfest heißt es: q->w nyaw na'p^K 'n '•mb onrraBn ' „Freuet euch vor dem Angesichte des Ewigen, eures G'ttes, sieben Tage lang." Unvorstellbar blieb den Heiden der Gedanke, sich vor seinem G'tte freuen zu dürfen. Ihre, Götzen, die „EHlim und Azabbim", sind die Verneinenden und Leidbringenden, deren scheelen Blick man zu fürchten' hat. Polykrates wirft den teuersten Schatz der Insel in die Flut, damit die Rachegöttinnen, die Erinnyen, ihm sein Glück verzeihen. Israel feiert das Fest der Freude, rpwra» pr. gerade im Vollgenuß seiner Güter, fDOia ■pp^m iranr wenn die Kelter fließt, wenn die Scheunen gefüllt stehen. Doch damit nicht genug, verlangt die Thora die Freude in höchster Potenz: nae> "JK fl«ni« nur freudig sollst du sein! Die Freude möge förmlich dir zur Eigenart werden, zu einem wesentlichen Zug deines Charakters. Das Freudegebot greift also über den zeitlichen Rahmen des Sukkotfestes hinaus, es hat universale Bedeutung. (S. Hirschs Kommentar z. St.) Es läßt nachweisen, wie im Laufe der Jahrhunderte, ja der Jahrtausende, diese Forderung zur geschichtlichen Wahrheit wurde. Wo wäre unser Volk hingekommen ohne dieses Gefühl der nnnw- Ist doch mit ihm die G'ttesnähe verwurzelt und verwachsen. ms» bv Tmnv Tinn kbs isi nias» t*iö &b imi» na»awn t»s Die Schechina läßt sich nicht herab auf den mit Trauer und Trübnis Erfüllten, sondern auf den, der vom Frohgefühl erfüllter g'ttlicher Pflichten beherrscht ist. Dieses Gefühl wurde zur Kraftquelle in den dunkelsten Zeiten der Vergangenheit. Und wenn am Ende der Tage wir zurückkehren zur Heimat, wenn die Völker bekennen, nb« osr r\wpb 'rt ^nsn Großes hat der Ewige an diesen getan, dann lautet, unsere stolze Entgegnung: dtiöpia^n u»y nwsb 'n b^nn, ' Großes hat, der Ewige schonimmer an uns getan, wir sind heiter geblieben. Auch als wir nicht zu lachen, nicht zü jubeln hatten, heiter blieben' wir, ö'naw u'Tv die Frische unseres Geistes und Herzens; unser stilles Glück, die innere 1 Zufriedenheit ' bei allem äußeren Jammer (am uns nicht abhanden. Wer hie und da ein schon gesticktes Thoramäntel-' chen, eine kunstvoll gefertigte Wimpel, ein Deckchen oder sonstigen Kultgegenstand von vielleicht 300 und mehr Jahren in die Hand bekommen, sollie solche Dinge nicht nur unter dem Gesichtswinkel des Kunstwertes betrachten, sondern auch ergriffen sein von der wunderbaren jüdischen Seele, die auch in den dunkelsten Zeilen sich ihre Schwungkraft nicht lähmen ließ. Das Gefühl der Freude macht uns zu unverwüstlichen Optimisten. Wohl gibt es die Trauer des Einzelnen, von den Weisen auf der Basis des natürlichen Empfindens geregelt und abgestuft. Doch mu/i der Privatschmerz schließlich untergehen im GefüW des Anschlusses an die große Gesamtheit nn max Mit Tod und Traüergedanken hat die Gemeinde nichts zu tun. - Freude heißt die starke Feder In der ewigen Natur; Freude, Freude treibt die Räder In der großen Weltenuhr. Was der g'ttbegnadete Dichter hier in seinem phänomenalen „Lied an die Freude" so wundervoll singt, ist echt jüdisches, altjüdisches Gedankengut. Divornehmste Repräsentanz des jüdischen Volkes, der Priesterstand, durfte Leichen nicht berühren, der Hohepriester nicht einmal Vater und Mutter, auc'i hinter deren Bahre nicht einherschrerten. Er hat da- Heiligtum nicht zu verlassen," soll neben dem Alta5" die Standarte des' Lebens aufrecht halten; keine Tonsur nach Art der Götzenpriester bei Träuerfallen anbringen, 'eine' Jungfrau ehelichen, um so dem vollen, dem ganzen Leben anztigehÖtren.•' All diese Ausstrahlungen' des min»»v" der großen, ewigen '.Devise für dj'e Sphäre des jüdischen Geistes- -und)'Gefühlslebens1. "'■:• '•'■"• '■■■>■>■; .;:i 1 1