Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 78 (1937)
- Issue
- Heft 29 (22.7.1937)
- Date
- 1937-07-22
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 10 Nr. 29 D I s r a e Ii t 22. Juli 1937 „Bruder" Mayer Amschel Rothschild Die Silberne Kanne der Chewra „Zedakah"*) ' in Frankfurt a. M, Von Heinrich Eisemann In letzter Zeit war wiederholt die Rede von dem in London durchgeführten Verkauf der berühmten Silbersammlung aus dem Besitze des ehemaligen Lord Rothschild. Es handelte sich um den fünften Teil des Silberschatzes von Mayer Karl von Rothschild in Frankfurt a. % M., der mit dessen Tochter.- Emma Louise, die mit' Nathan Mayer, dem ersten Lord Rothschild, verheiratet war, .1886 nach Lbn don kam. . _ Unter Nr. 105 des von der Firma Sotheby u. Cd mit großer Sorgfalt bearbeiteten Kataloges findet sich folgende Beschreibung; „A tall jug with Hebrew inscription propably Jugoslavia ca. 1800". Offenbar hat der Verfasser des Kataloges das Silberzeichen, das auf dem Boden der Kanne eingraviert ist, für den serbischen Adler gehalten, was ihn veranlaßte,; die Entstehung des Kruges nach Jugoslavien zu verlegen. In Wirklichkeit handelt es sich, wie aus der nachstehenden Wiedergabe der Eingravierung ' er sichtlich ist, um den Frankfurter Adler, ein Silberzeichen, das sich in Frankfurt a. M. von etwa 1770 an findet. Der Name des Gießers konnte nach den Initialen (C. H.) identifiziert werden. Carl Hessemer ist der Meister unserer Kanne; er wirkte seit 1768 in Frankfurt. *) Eine besondere Chewra Zedakah ist in Frankfurt nicht bekannt. Die Annahme dürfte richtig sein, daß wir es in unserem Falle mit einer Unterabteilung der Chewra Kadischa zu tun haben, die sich auch mit .Almosenverteilung befaßte. Es wird angenommen, daß die Chewra Kadischa schon vor 1614 bestand und von Rabbi Juspho Hahn, dem „Jossef Omez" oder dem gleichzeitig mit ihm wirkenden "Rabbi Jesaia Hurwitz, dem „Scheloh" gegründet, bezw. reorganisiert worden ist. Später wurde die Chewra Kadischa unter Rabbi Naftali Cohn, dessen Name durch den Prozeß um den Brand in der Judengasse berühmt geworden ist, stark entwickelt und ausgebaut! er ■ war es, der die Inschriften auf den Bechern, die sich noch heute iin Besitze der Frankfurter Beerdigungsbrüderschaften befinden, verfaßt hat und auf seine Uebung, besser gesagt, auf sein Beispiel dürfte es zurückzuführen sein, daß etwa 60 Jahre nach seinem Wegzug aus Frankfurt der Chewra eine Kanne gestiftet wurde, die dem gleichen Zwecks dienen sollte wie jene alten Becher: der Verewigung der Namen der Mitglieder der Chewra. I Eine nähere Untersuchung der Kanne hatte ein außerordentlich interessantes Ergebnis. Es handelt sich um das Prunkstück einer Chewra, das offenbar dazu bestimmt war, deren Tisch gelegentlich der jährlichen Seudoth zu schmücken. Die Kanne ist wie aus einer Inschrift auf dem Deckel hervorgeht, im Jahre 1777 von Meier ben Moses Flörsheim in Gemeinschaft mit Mordechai ben Nathan Maas ge stiftet worden.; Anlaß zu dem Geschenk bot den Spendern die Erneuerung ihrer Würde als Gaboim der Chewra Zedakah. Die Fläche der Kanne war ursprünglich leer. Einer uralten ', Ueb erli ef erung nach, -die noch bis in unsere Tage hinein lebendig ist, (siehe hierzu die •Veröffentlichung^ aus der Feder Paul Arons über den Becher der Chewra Gemilluth Chassodim, die vor wenigen Jahren als Privatdruck in-Frankfurt a. M erschienen ist) -werden die Namen ' der' Mitglieder einer -Chewra gelegentlich der Aufnahme ihrer Trä ger -auf den repräsentativen Schmuckstücken der Bruderschaft verewigt, also auf den für die Festtafel bestimmten Bechern und Kannen. Auch die Kanne, die uns heute beschäftigt, diente dem glei chen Zwecke; sie ist über und über, und. zwar im ganzen mit 40 kreisförmigen Eirigravierungen:; be deckt und zeigt ebenso viele Namen ehemaliger Mitglieder; Die Kanne wurde von'1777 bis 1806 be nutzt. Wir haben uns der Mühe unterzogen, die insgesamt 42 Namen (2 auf dem Deckel, 40 auf der Fläche), die auf der Kanne verewigt sind, zu entziffern und, so weit möglich, an Hand von Dieiz: ,,Stammbuch der Frankfurter Juden", zu identifizieren. Ungemein. reizvoll ist die Tatsache, daß in allen Fällen das Haus, in dem der Neuaufgenommene in der Frankfurter Judengasse gewohnt hat, nicht nur genannt, sondern darüber hinaus durch die bildliche Wiedergabe seines Symbols kenntlich gemacht wird. Wir finden darunter eine ganze Reihe uns sseit langem geläufiger Namen, zum Teil der Vorfahren von heute in aller Welt zerstreuten, hochangesehenen jüdischen Familien. Von ganz besonderer Bedeutung erscheint uns die Tatsache, daß unter den 42 Patriziern auch Mayer Amschel Rothschild sich findet, der als Vater der „Fünf Frankfurter" und als Begründer der Dynastie Rothschild in die Geschichte eingegangen ist. Nicht minder interessant ist die Feststellung, daß auch ein Moses'Amschel Rothschild auf unserer KanUe erwähnt wird, 'der nach Dietz S. 246 ein Bruder unseres- Mayer Amschel gewesen: sein muß — ini' Gegensatz zu der allgemein üblichen Ueberlief erung, nach der Mayer Amschel Rothschild geschwisterlos war, (eine Schwester- und zwei Brüder waren als. kleine Kinder zwischen 1750 und 54 gestorben) denn es gelang bisher der Forschung nicht, einen zweiten Amschel Rothschild in Frankfurt nachzuweisen. Wir glauben, daß es die Freunde jüdischer Familiengeschichte herzlich begrüßen werden, daß durch einen Zufall ein offenbar viele Jahrzehnte hindurch neben Tausenden anderer Silbergeräte aus allen Zeiten und Schulen unerkannt stehendes Gefäß, das für das kulturelle Leben der Juden in einer der stolzesten Gemeinden Mitteleuropas eine ganz einzigartige Bedeutung hat, wieder ans Licht des Tages gekommen ist und in seinem wahren Wert erkannt wurde. Wir haben uns in diesen Zeilen ausschließlich mit der historischen Bedeutung der Kanne befaßt und es nicht als unsere Aufgabe betrachtet, auf die künstlerische Qualität des Gefäßes einzugehen. Der Leser dieser Zeilen mag «ich aus der beigegebenen Abbildung selbst ein Urteil über die prachtvolle Form der Kanne und ihre ungewöhnliche Erhaltung bilden. i Stüter der Kanne: Meier ben Mausche Flörsheim. D. 84; III, j 1750—1781. Lotteriekollektor. Mordechai beh Nathan Maas, wahrscheinlich identisch mit Marx Nathan Maas. D. 190, 2 b. Gest. 1793. Stif tungsjahr : 5537 1777. Namen der Brüder: Jakob ben Hadoktor (?) Jakob (?) Emden 5537 (1777) Haus zum gelben Ring. D. .70? Joel ben Henoch Halle 5541 (1781) Haus zur Vorderschul. D. 141; 228 I. gest. 1806. „Der größte Tüchhändler - der Judengasse ". Josef ben Isak H a m e 1 5547 (1787) Haus zum goldenen Schwan. D. 125, 1 a. 1762—1806. ]; Isaak ben Loeb Kann 5538 (1778) Haus zur goldenen Kann. D. 164? Salomon ben Selig Haas 5542 (1782) Haus zur silbernen Kann. D. 136 III, 2. Schmuei ben Seckel Landau; Haus zur silberne« Kann. D. 179, 2. •". 4 : Selig ben Samuel H a a s 5538 (1778) Haus zur goldenen Stelz. D." 136, III, 2 gest. 1780. Isaak ben Henle S c h u s t e r 5543 (1783) Haus zum Vogelgesang. D. 273, IIb gest. 1795.!'.::. Elieser Hirsch ben Michel Speyer 5549 (1789) Haus zur silbernen Krön. D. 291, 4. Stammvater des Hause s ,, L az ^rd Speyer-Ellis'en "; v starb im gleichen Jahre 1789.-; Beer ben Awrohom S t i eb e 1 5550 (i790) Haus zum Springbrunnen. D. 300, 5. Mausche ben Amschel Rothschild 5544 (1784) Haus zur Hinterpfann. D. 246.? Bruder von Mayer Amschel Rothschild (s. Text oben). Schelaumo ben Mordechai M.a a s 5551 (1791) Haus zur Meis. D. 190, 2 b. Sohn eines der Stifter der Kanne. Awrohom ben Mausche . B r a u n s c h w e i g 5549 (1789) Haus zur Sunn. D. 41, 3, 2; gest. 1814. Bendit ben Aron Mai 5545 (1785) Haus zum Hasen, zum Amsel? ' Jossele ben Salman Sichel 5552 (1792) Haus zum Schlüssel. D. 285 II, 2; gest. 1798. Schelaumo ben Lemle Emmerich vun Dessau. 5541 (1781) Haus zum goldenen Ring? Gumbel ben Eisek Reiszinge 5546 (1786) Haus zum silbernen Leuchter? Meier ben Nathan Maas 5553 (1793) Haus zum goldenen Anker. D. 190, 2 a, 1759—1822. Bruder eines der Stifter der K.a n n e. Jakob ben Loeb Hamel 5554 (1794) Haus zum goldenen Schwanen. D. 125, l b 1759—1821. Tewele ben Mausche Kassel 5560 (1800) Zum grünen Löwen. D. 117 d? 1763—1838. Hirsch ben Mausche Swirmsche (Worms?) 5566 (1806) Zum Masseidige« (Fisch?) D. 335, 1. 1755/ 1829. Jizchok ben Jausef U11 m a n hi 5557 (1797) Haus zur Leucht. D. 311, 2. ' Model ben Schmuei Schuster 5562 (1802) Zum Vogelgesang. D, 273/III, 2 a; 1744—1829, Schelaumo ben Loeb Schapiro 5555 (1795) Zum Steinen-Masseldigen Haus. D. 294. Seckel ben Seligmann Z u n z 5563 (1803) Zum Kamei? Meier ben Loeb Ha äs 5558 (1798) Zum goldenea Haas. D. 136 II, 2. 1761—1838, Salomon ben. Jisroel Bing 5^63 (1803) Zum goldenen Kopf D. 34 (?) '■, Abraham, ben Bendit Mai 5566 (1806) Zur Amsel- Zum Hasen? Bendit ben Schlaumau Kassel 5564 (1804) Zum Weinheber, D. 118 A, MAYER BEN AMSCHEL ROTHSCHILD 5559 (1799j Zum grünen Schild.\B. 244 bis 250; 1744—1812. Vater der „Fünf F r a h k f u r t ,e f " , Begrün der d e r R o t h s c h i 1 d ' ä c h e n' Dynastie. Awrohom ben Loeb Oppenheim-5554 (1794) Zum weißen Petzlach. D. 217 b; 1759—1845. Salomon ben Loeb Schott 5560 (1800) Zur weißen Gans. D. 269, 2. Jainkel ben (?) Fürth? 5563 (1803) Zur goldene Krön? Feis ben Amschel Flörsheim 5566 (1806) Zu?" Glock. D. 84, 4? 1744—1820. Schmuei ben Chajim Süßkind Stern 5566 (1806? Masseldogim D. 297 a; 1760—1819. Stammvater des Hauses „Jakob S. H. Stern." Baer ben Tewele Schames 5555 (1795) StacU Ginsburg. D. 254, a; starb 1801. ' f Nöte ben Schmuei Schuster 5556 (1796) Zur hinters weiße Kann. D. 273, 3. Salinen ben Gedalje Harne I 5561 (1801)' Zur gei denen Leiter. D. 124, 3 a, 1. Leser ben Hirsch Schuster 5566 (1806) ■ Zuia Hecht. D. 271—276? Michel ben Eisel Külp -5566 (1806) Zum Hech": D. 176. A, 1. 1765—1830. -!